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Full text of "Die Entstehung der Aeneis"

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DIE ENTSTEHUNG DER AENEIS 



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DIE 



ENTSTEHUNG DER AENEIS 



Von 



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Berlin 








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1913 



Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff 

zum 22. Dezember 1913 

in Verehrung- und Dankbarkeit 

gewidmet 



INHALT 



Seite 

I. Der Dichter 1 

DI. Die römische Odyssee 

1. Inhaltsübersicht 13 

2. Buch V 20 

3. Buch in 30 

4. Buch I und IV 39 

HL Die beiden Hälften der Aeneis 

1. Orakel und Prodigien in HI, VH, VLH 54 

2. Die Priorität der zweiten Hälfte 60 

IV. Die äußeren Zeugnisse 71 

V. Die römische Hias 

1. Inhaltsübersicht 82 

2. Die Exposition 87 

3. Latinus in Haus und Reich 91 

VI. Das Schicksal 115 

1. Venus und Iuppiter 117 

2. Inno -. . 128 

3. Apollo 137 

4. Aeneas und Ascanius 147 

VH. Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

1. Zahl und Brand der Schiffe 163 

2. Losorakel und Totenbesch-wörung 176 

Verzeichnis der Aeneisstellen 198 



I. 
DER DICHTER 

Seit die Romantiker über das höfische Kunstepos Vergils 
den Stab gebrochen haben, ist immer mehr an die Stelle der 
früheren Überschätzung - das Gegenteil getreten. Es ist nicht 
mehr modern, die Aeneis als eine große Dichtung anzuerkennen: 
wir haben es so unendlich weit gebracht, daß uns der Ruhm 
zweier Jahrtausende nicht mehr imponieren kann, daß wir mit 
Kallimachos in dem nachhomerischen Epos ein ueya y.cc/.öv voller 
Phrasen und Fehler sehen. Richard Heinzes Buch über Vergil 1 ) 
hat darum etwas Altfränkisches: ein Bewunderer des römischen 
Dichters versenkt sich in dessen veraltete Technik und sucht 
unser Interesse dafür zu erwecken und zu vertiefen. Aber ein 
unleugbares Verdienst hat Heinze: er kennt seinen Dichter und 
lehrt jeden, der lernen will, die Aeneis wieder als Ganzes freudig 
zu empfinden. Wer sich die Zeit nimmt, die zwölf Bücher 
hintereinander durchzulesen, und dabei ohne kritische Neben- 
absichten auf die Intentionen des Dichters und den Fortgang 
der Handlung achtet, dem kann der große Wurf dieser Dichtung 
nicht entgehen. Im Schulunterrichte wie in Seminarübungen 
kann dieser Eindruck schwer erzielt werden, weil dem Schüler 
meist nur kleine Abschnitte mit vielen Zwischenpausen vorgelegt 
werden, so daß schon der unmittelbare Zusammenhang der ge- 
lesenen Stücke verloren geht, eine Übersicht über das Ganze 
aber überhaupt fehlt. Und doch kann ein Epos wie jede 
Tragödie oder jeder platonische Dialog nur als Ganzes wirken. 

Gewiß ist Vergil durch den Tod verhindert worden, die 
letzte Hand an seine langjährige Arbeit zu legten 2 ). Aber ich 



J ) R. Heinze, Virgüs epische Technik, Lpz. 1903; 2. Aufl. 1908. 

2 ) Donat p. 62 Reiff., p. 16 Diehl, p. 7 Brummer anno aetatis LH im- 
positurus Aeneidi summam manum . . . Vita p. 53 R., p. 67 Br. cui finem non 
potuit imponere raptus a fatis. 

Gercke, Die Ent9tehuDg der Aeneis. 1 



I. Der Dichter 



zweifle sehr, ob er, wenn er noch selbst zur Herausgabe dieses 
Werkes gekommen wäre, noch Wesentliches daran geändert 
haben würde. 

Die gute Nachricht, Vergils Freunde hätten bei der Heraus- 
gabe des hinterlassenen Epos nichts hinzugesetzt oder nichts 
hinzusetzen dürfen, wie sie bei Hieronymus vorliegt 1 ), beruht 
auf einem Auszuge aus Donat und mittelbar aus Sueton. Nach 
dem unverkürzten Berichte wollte der Dichter, was uns fast 
unglaubhaft klingt, sein Werk vernichten. Wenn er das wirklich 
wünschte, was zu bestreiten wir kein Recht haben, Augustus sich 
aber in Übereinstimmung mit Varius dem widersetzte und die Ver- 
nichtung verhinderte 2 ), so haben doch beide Freunde unzweifel- 
haft im Sinne des Dichters gehandelt. Freilich waren diesem 
nicht erst auf dem Totenbette, sondern schon vor dem Antritte 
seiner letzten Reise ernste Zweifel gekommen, ob sein fast voll- 
endetes Werk wirklich lebensfähig sei; und so mag er in trüber 
Stimmung an die Freunde das Verlangen gerichtet haben, im 
Falle seines Todes sein Manuskript zu verbrennen 3 ). Dieses 
Verlangen soll man nicht als angeblichen Ausdruck einer unge- 
wöhnlichen, tief begründeten Selbstkritik überschätzen. Hat sich 



*) Hier. Chron. z. J. Abrahams 2000 = 17 v. Chr. Varius et Tueca, Vergilt 
et Horati contubernales, poetae habentur illustres: qui Aeneid(is) postea libros 
emendarwtf sub lege ea, ut nihil adderent, 

*) Servius zur Aeneis p 2, 12 Th. (p. 70 Br.) Augustus rero. ne tantum 
opus periret, Tuccam et Partum hoc lege hu$U emtndart, ut 8upcrflua demerent, 
nihil adderent tarnen. Probus p. 53 R.. p. 74 Br. -Ja ab 

Donat p. 63 R., p. 8 Br. . . . L. Varium et Vldium l ■>. q>'i < - I leida 

post obitum iu8su Caesar ■ it. . . . edidit autem auetore 

fini ,,, ■■ 

s ) Donat p. 64 k.. p. 9 Hr. egerd Vario, priutquam Italic 

Aeneida oomburx ' is itti fadwrum w pemegaraL 

ctrema valetudfa arum 

nominal im dt ttk WH rident Pari 

'a sau 8i'/. qui l tdertnt, q • 

a sr :>. 58 I' . Tl Br, q ■nnri* i. to dami, 

l non rdidistet, txtareL Serriua p, 8, 11 (p 70 Hr.) •. 

idi. 



Vergils Selbstkritik 



doch Varius, wenn die Erzählung Tatsachen wiedergibt, sofort 
ausdrücklich geweigert x ), darauf einzugehen. 

Vergil hatte stets langsam gearbeitet und eine fast ängst- 
liche Scheu zu überwinden gehabt, mit seinen Dichtungen vor 
die Öffentlichkeit zu treten. Im elften Jahre seiner Arbeit an 
der Aeneis steigerte sich diese Scheu und die in seinem Charakter 
begründete Bedenklichkeit so sehr, daß er noch drei Jahre zum 
Ausfeilen zu gebrauchen glaubte und diese stille Arbeit fern 
von Rom vornehmen wollte 2 ). Dieser wohl durch hämische 
Kritik 3 ) ausgelöste Entschluß, der in Wahrheit Entschlußlosigkeit 
war, konnte für die Dichtung verhängnisvoll werden. Augustus 
erkannte das natürlich, als er, vom Oriente zurückkehrend, den 
Dichter in Athen traf und ihn mit sich nach Italien zurücknahm: 
damit rettete er in Wahrheit die Aeneis vor dem Untergange, 
und der Dichter selbst willigte durch seine Umkehr in ihre Er- 
haltung und Veröffentlichung, mochte er auch noch einiges zu 
bessern sich vorbehalten. Seine abermaligen Bedenken auf dem 
Totenbette sind menschlich zu verstehen, haben aber noch 
weniger Bedeutung. Zum Glück hat weder er selbst sein Manu- 
skript verbrannt noch sind die Freunde dem letzten Wunsche 
nachgekommen. 

Die Vollendung des ganzen Werkes war überhaupt bereits viel 
weiter vorgeschritten, als Vergil damals und in der Stimmung semer 
Romflucht zugab. Solange er sich noch in voller Frische der 
Arbeit widmete, dachte er darüber anders. Denn er trug einzelne 
Bücher, die er für nahezu vollendet halten durfte, in kleineren 
und größeren Kreisen vor, übrigens auch gerade Partien, über 



J ) Eine Variante (p. 63 R., p. 28 Br.) weiß sogar: verum Tucca et Tarius 
monuerunt id Augustum non permissurum. 

2 ) Donatp. 62 R , p. 8 Br. Anno aetatis LH impositurus Aeneidi summam 
manum statu.it in Graeciam et in Asiam secedere triennioque continuo nihil 
amplius quam emendare, ut reliqua vita tantum phüosophiae vacaret. sed cum 
ingressus Her Athenis occurrisset Augusto ab Oriente Rotnam revertenti destina- 
retque non absistere atque etiam una redire, . . . languorern nactus est. 

*) Darauf führt eine Bemerkung aus der Verteidigungsschrift des Asconius 
Pedianus gegen die obtrectatores Ycrgili p. 66 R., p. 11 Br. : et tarnen destinasse 
recedere, xit omnia ad satietatem malevohrum decideret. Freilich brauchte er sich 
der meisten Entlehnungen aus Homer nicht zu schämen. Vgl. Diehl S. 21. 

1* 



I. Der Dichter 



deren Wirkung er sich erst ein Urteil bilden wollte 1 ), wie ein 
Dichter es auch kurz vor der Veröffentlichung des ganzen Werkes 
tun konnte. Der Vortrag war ja schon ein Veröffentlichen. 

Dem entspricht auch der tatsächliche Zustand der pietätvoll 
von Varius edierten Aeneis selbst. Namentlich ist der Aufbau 
der Handlung im ganzen so geschlossen, daß größere Er- 
weiterungen oder stärkere Umänderungen nicht mehr zu erwarten 
waren. Wir dürfen vielmehr behaupten, daß der Dichter die 
fast lückenlos verlaufende Handlung als endgültige Gestaltung 
des Stoffes angesehen hat und, abgesehen von Einzelheiten, das 
Epos so, wie wir es haben, zu veröffentlichen gedachte, sicher 
in der Reihenfolge, in der wir die Bücher lesen. 

Was konnte er denn überhaupt noch ändern wollen ? Man 
wird in erster Linie an die im Texte belassenen Halbverse 
denken. Aber auf die hierbei fehlende Feile kommt ja wenig 
an, wenngleich sich diese Halbverse ziemlich gleichmäßig über 
die verschiedenen Bücher verteilen: ein Zeichen, daß kein Buch 
im Grade seiner Vollendung wesentlich hinter den anderen 
zurückgeblieben ist 2 ). Der Herausgeber ließ sie unangetastet 3 ), 
während er überschüssige Verse getilgt haben soll 4 ). Der 
Dichter mochte auch beabsichtigen, auf die späteren Ereignisse 
noch öfter Vorverweisungen anzubringen, wie sie besonders im 
I. Buche auffallend hervortreten, oder mochte in den letzten 
Büchern Rückverweisungen vermissen. Wichtiger ist, daß die 
Weltanschauung des Dichters, unter der sich die Ereignisse voll- 
ziehen, nicht überall einheitlich zum Ausdrucke kommt, wie wir 
noch sehen werden. Dafür, daß er dies selbst empfand, darf 
man sich vielleicht auf seine Lebenspläne berufen, die er vor 
seiner letzten Reise den Freunden mitteilte: er wollte noch drei 
J.ilire auf die Durcharbeitung der Aeneis verwenden, um sich 



') Donat p. 62 R., p. 7 Hr. (Augvtto) trrs avinino UbfO* rrrifiivit . . . 

rtcüaoii rt pktribu», »ed nequefirtquertftr <•( m /'<>•<•. da guttat ambigebaty guo Magii 
iudiciftm homkwm exper irt t ti r. 

*) Zuletzt Noack, Hermes XXVII (IS.- 110. 8, 

3 ) Donat p. 64 K... p. 9 B*. tit i/ui i<n» impn; 

I r PHOT. für :,if. r,lii/iirrit. 

') s,-r\i-.s |. 8, ii ■ r.r. ut tMftrjkm itmtrmt 



Grad der Vollendung des Epos 



dann ganz der Philosophie zu widmen 1 ). Philosophische Be- 
trachtungen haben ihn also damals beschäftigt. Nicht nur die 
großartige Schilderung der Unterwelt im VI. Buche, sondern 
auch verstreute Bemerkungen sind dafür lebendige Zeugen. Es war 
die teleologische Weltanschauung der Stoa, mit der der Dichter 
sich und sein Werk immer mehr durchdrang, die die Mission 
des Aeneas in einem verklärten Lichtschein zeigte. Dieser 
neuen Auffassung war der Dichter gewiß bereit, manche naiven 
Äußerungen und Schilderungen aus früherer Zeit zu opfern. 

Auch sonstige Ungleichmäßigkeiten fanden sich in der 
Ausführung der Aeneis: manchen breiten Erzählungen stehen 
einzelne übermäßig knappe Skizzen und sogar gelegentlich in 
ihrer Kürze unverständliche Bemerkungen gegenüber. Vergil 
hatte die Gewohnheit angenommen, indem er auf die Schilderung 
der großen Züge und Begebenheiten hindrängte, einzelnes, was 
ihm im Augenblicke unwesentlich schien, und ihn nur aufhielt, 
abzubrechen oder wenigstens mit wenigen Worten vorläufig ab- 
zutun: das waren seine Stützbalken, wie er im Scherze sagte 2 ). 
Er behielt sich also eine spätere Ausführung vor; aber damit 
ist nicht gesagt, was er bei längerem Leben an ihre Stelle ge- 
setzt haben oder ob er sie überhaupt überall ersetzt haben würde. 
Sodann finden sich in der Aeneis allerhand Dubletten, die Varius 
nicht gestrichen hat, obwohl einige störend genug sind. Endlich 
beobachten wir auch Widersprüche, und diese weder in geringer 
Zahl noch ganz unbedeutende. 

Man könnte vermuten, der Dichter hätte namentlich diese 
Widersprüche noch beseitigen wollen, wie Servius gelegentlich 



*) Donat: oben S. 3 Anm. 2. 

2) Donat p. 60 R., p. 6 Br. Aeneida . . particulatim co>nponere instituit, 
prout liberet quidque, et nihil in ordinem arripiens. ac ne quid impetum morare- 
tur, quaedam imperfecta transmisit, alia levissimis verbis veluti fulsit, quae per 
iocum pro tibicinibus interponi aiebat ad sustinendum opus, donec solidae 
columnae advenirent. Es ist falsch, unter den Stützbalken die Halbverse zu ver- 
stehen, die der Dichter in lückenloser Umgebung beließ, vielmehr muß man an 
Skizzen denken wie den abrupten Schluß des DU. Buches und die Lücke am Schlüsse 
des X., die durch XI 1 nicht geschlossen wird. Ich freue mich, darin mit E. Norden 
übereinzustimmen, der drittehalb Verse IV 384b — 86 ebenso erklärt (Hermes XXVDH 
1893, 514): also konnten Halbverse auch durch die Beseitigung von Stützbalken 
entstehen. 



I. Der Dichter 



behauptet 1 ); und die modernen Erklärer und Apologeten haben 
in der Tat in der Einzelerklärung von dieser naheliegenden 
Ausflucht öfter Gebrauch gemacht. Aber es ist erstens sehr 
fraglich, wieweit der Dichter selbst, der noch mitten im Schaffen 
steckt, solche Widersprüche überhaupt bemerkt. Werke wie 
Piatons Staat, Goethes Faust und Schillers Karlos beweisen, daß 
der Verfasser nicht über der Herausgabe gestorben zu sein 
braucht, um eine Fülle der stärksten Widersprüche zu vereinigen. 
Ja, selbst wenn der Autor von anderen auf solche Widersprüche 
aufmerksam gemacht wird, ist er durchaus nicht gleich geneigt, 
darauf etwas zu g-eben und sein Werk umzugießen. Lehrreich 
dafür ist z. B. Schillers nachträgliche Rechtfertigung in seinen 
Briefen über Don Karlos 2 ). Demnach ist es fraglich, ob Vergil 
die in seiner Aeneis vorhandenen Widersprüche überhaupt an- 
erkannt haben würde, wenn er darauf aufmerksam gemacht 
worden wäre, und ob er daraufhin etwas geändert haben würde, 
was in der Form bereits vollendet schien. 

Eine Störung der Einheit durch Widersprüche und gelegent- 
lich auch durch Dubletten und ungleiche Behandlung nachzu- 
weisen, war dem letzten halben Jahrhundert vorbehalten. Für die 
Aeneis hat erst 1863 der Trierer Gymnasiallehrer Friedrich Con- 
rads 3 ) die entscheidenden Schritte gewagt. Das hat der Reaktion 
gegen die Überschätzung- früherer Jahrhunderte Nahrung ge- 
geben, während die höhere Kritik bei Homer der Wertung der 
Dichtungen nicht viel geschadet hat, vielleicht weil sie in wd 
Kreisen als Volkspoesie anerkannt sind. Was aber der Volks- 
poesie recht, ist der Kunstpoesie billig. Unebenheiten und 
Widersprüche, die die Gelehrten erst mühsam nachweisen 
müssen, die aber der unbefangene Leser kaum bemerkt — und 
in der Aeneis sind sie geringfügiger als in Odyssee und Ilias — , 
sie können das Werturteil nicht wesentlich beeinflussen. Aber 



') ^crvius zu V <>26 ergo COtuM gMeffNOMeM fclfM NM insol»»- 

bÜibllS, ipinx ti>>,> ihihiv rioi) fh 71/111;». 

*) Vgl. Deutsche Rundschau XXXI (1906) S. 61 f. und bes.: 
*) oei Virgili.-in.ie. l'i ;er wie 

haben nrtl bt, wie ^eln <\c* ms. aber 

nicht die schöpferischen rangen <Uraai gc? ^m. 



Bedeutung der Widersprüche 



noch weniger darf ein ästhetisches Werturteil das kritische Auf- 
spüren von Mäng'eln beeinträchtigen, so wenig - wie etwa weiche 
Gefühlsregungen die Vivisektion bei medizinischen Versuchen 
verhindern dürfen. Das Seziermesser muß von der Hand des 
philologischen Interpreten zum Zwecke transzendentaler Unter- 
suchungen ohne Rücksicht auf sentimentale Empfindungen scharf 
und sicher geführt werden. Unsere Literarhistoriker stecken 
oft zu tief in der ästhetisierenden Betrachtungsweise, als daß sie 
den kritischen Spezialuntersuchungen, die sie kennen und an- 
führen, ihr volles Recht gäben. Und auch Heinze kann der 
Vorwurf nicht ganz erspart bleiben, daß er das Führen des 
Messers mehr nebenbei und halb widerwillig - gestattet hat und 
sich selbst seiner, außer zu apologetischen Zwecken, um andere 
einschneidende Vermutung-en abzuwehren, nur ungern bedient. 
Aber er sucht sich doch immer wieder mit den kritischen An- 
griffen abzufinden. Sonst pflegt das Verfahren viel äußerlicher 
zu sein. So leitet O. Ribbeck in der Geschichte der römischen 
Dichtung seine Schilderung der Aeneis (II 53 — 102) mit einer 
chronologischen Skizze ein (56 £.) und schließt sie mit einer 
kleinen Blütenlese von Widersprüchen (101 f.), ohne tiefergreifende 
Folgerungen aus diesen angeblichen Spuren von Unfertigkeit 
für die Chronologie der Bücher und die allmähliche Entstehung 
des ganzen Werkes zu ziehen: seine Darstellung berücksichtigt nur 
die vorhandene Aeneis als eine im Ganzen fertige und einheitliche, 
von Anfang an fast so beabsichtigte Schöpfung. Alle kritische 
Arbeit erscheint also als überflüssig, die berechtigten Aus- 
stellungen der Vergilgeißeln werden als Merkwürdigkeiten an- 
erkannt und durch eigene Beobachtungen ergänzt, aber sie 
werden nicht fruchtbar gemacht zur Gewinnung wirklich neuer 
historischer Kenntnisse. 

Die Kritik setzt ja zerstörend ein, aber sie will fortschreiten 
zu neuem Aufbau : sie will das allmähliche Entstehen des Kunst- 
werkes und die Arbeitsweise des Dichters selbst ermitteln und 
bedient sich dazu des einzigen ihr zu Gebote stehenden Hilfs- 
mittels, einer durch eingehende Interpretation des Gedanken- 
ganges gewonnenen Analyse. Das ist das Fortschreiten von 
rein philologischer Betrachtung zu historischer Auffassung, von 



8 I. Der Dichter 



dem Realen zum Transzendentalen, von den gegebenen Tat- 
sachen zur wissenschaftlichen Hypothese. Wer Bedenken da- 
gegen hat, wird nicht mitarbeiten. Wer aber dabei mitsprechen 
will, hat die Pflicht, mindestens die aufgestellten Hypothesen 
auf die Beweiskräftigkeit ihrer Argumente zu prüfen. Am 
wenigsten dürfen die verschiedenen, sich oft widersprechenden 
Resultate einer noch nicht gefestigten Kritik den Vorwand ab- 
geben, die Prüfung ihrer Argumentationen a limine abzulehnen. 
Der Skeptizismus ist bequem, aber er ist der schlimmste Gegner 
jeden Fortschrittes der Erkenntnis. 

Wir stehen heute nicht mehr auf dem Standpunkte, von 
jedem Literaturwerke anzunehmen, daß der Verfasser mit dem 
ersten Buche und dem ersten Verse begonnen und seine Arbeit 
mit der letzten Zeile, die wir lesen, geschlossen hat. Buch et 
ist das jüngste von allen Büchern der Odyssee. Und die Per- 
sönlichkeit eines Dichters oder Denkers pflegt zuerst das zu 
gestalten, was ihm am meisten am Herzen liegt, was zunächst 
ihm das Wichtigste erscheint. Wer wird ohne vorgefaßte 
Meinung glauben, daß das für Vergil aus dem reichen Stoffe 
der römischen Aeneassage die Episode in Karthago, sein Liebes- 
getändel mit Dido gewesen sei? Die Aeneis beginnt mit dem 
von luno und Aeolus erregten, von Neptun beigelegten Sturme 
— einer unbedeutenden Nebensache für die Haupthandlung. 
Solche Stürme und Eingriffe der Götter finden sich, sobald der 
Dichter sie braucht, aber damit beginnt nicht die Konzeption eines 
aus reichem Stoffe zu gestaltenden Epos: in den nationalen Zügen 
der Sage ist der Ausgangspunkt des nationalen Epos zu Buchen. 
Der Ästhetiker legt seinen Betrachtungen das 7Tq6t(qoy tqb$ 
fjfiGg zugrunde, der Historiker das 7tq6tBqov ;ro<>^ /m <fioir, 
um mit Aristoteles zu reden; der Philologe aber sucht die Ver- 
bindungslinien zwischen beiden auf, dem mehr zufällig Gegebenen 
und dem divinatorisch zu Erschließenden. 

Mir liegt, wie man sieht, nichts daran, die Resultate der 
Analyse für sicherer auszugeben als sie sind. Die meisten 
Kritiker sind darin anderer Ansicht, wenn sie VOD äußeren Nach- 
richten über die Arbeitsweise des Dichters und die Entstehung 
seines Werkes ausgehen können. Aber solch»* Nachrichten sind 



Innere Kriterien und äußere Zeugnisse 



oft unsicherer, als sie scheinen, und dadurch gefährlich, daß sie 
die Kritik von vornherein in Bahnen weisen, die das freie Urteil 
beschränken. Ich habe das bei Gelegenheit für Schillers Don 
Karlos gezeigt, dessen Werdeprozeß durch eine Anzahl von 
Briefstellen festgelegt war und gerade dadurch nicht unab- 
hängig und tief genug verfolgt werden konnte *). Ich fürchte, 
auch mit Vergil steht es ähnlich. 

Wenig helfen die äußeren Zeugnisse, von denen man ge- 
wöhnlich ausgeht, über des Dichters eigene Vorlesungen einzelner 
Bücher (II, IV und VI nach Donat, dagegen III und IV nach 
Servius), da sie einander widersprechen und über die ersten 
Jahre seiner Arbeit und die Konzeption des ganzen Werkes 
nichts aussagen 2 ). Nur Verwirrung stiften kann das, was der 
Grammatiker Nisus von alten Leuten gehört haben wollte, daß 
Varius bei der Herausgabe Buch II und III vertauscht habe 3 ), 
oder die nichtige Bemerkung bei Servius, daß Buch I stofflich 
hinter II und III gehöre 4 ). Andere alte Zeugnisse von Properz 
und Vergil selbst geben zwar mehr aus, lassen sich aber erst 
erschöpfen, wenn die Analyse ihre Aufgabe gelöst hat. 

Auch die Anspielungen auf Zeitereignisse, die meist der 
Deutung fähig sind, gehören nicht zu den Voraussetzungen der 
Analyse. Beispielsweise geht jeder mit einem Vorurteile an sie 
heran, wer unter dem Einflüsse der Datierungen Ribbecks und 



!) Neue Jahrbücher VII (1901) S. 89. 

2 ) W. Kroll, Studien über die Komposition des Aeneis, Fleck. Suppl. XXVII 
(1902) 160. Donat p. 61 R., p. 7 Br. cui tarnen multo post (sc. a. 26) perfectaque 
demum materia tres omnino libros recitavit, II, IV, VI etc. Die Einzelheiten, 
die folgen, beglaubigen diese Erzählung. Unkontrollierbar ist Servius zu IV 323. 

3 ) Donat p. 64 R., p. 9 Br. Nisus grammaticus audisse se a senioribus 
aiebat, Varium duorum librorum ordinem commutasse, et qui nunc secundus 
sit in tertium locum transtulisse. Es ist verkehrt, den Text nach Servius ändern 
zu -wollen. 

4 ) Servius p. 4, 17 Th. ordo quoque manifestus est, licet quidam superflue 
dicant secundum primum esse, tertium secundum et pritnum tertium, ideo quia 
Aeneas primo Hium concidit, post erravit Aeneas, inde ad Didonis regna per- 
venit. Diese kindlich einfache Betrachtung eines Exegeten hat mit dem Berichte 
der alten Leute bei Nisus gar nichts zu tun. 



10 I. Der Dichter 



Sabbadinis 1 ) Buch I in den Beginn der reichlich zehnjährigen 
Arbeit Vergils an seinem Epos (29 — 19) oder gar in das erste 
Jahr vor Juli 28 setzt. Denn der Hinweis claudeninr B>lli portae 
I 294, den sie auf die erste Schließung des Janustempels unter 
Octavianus vom Sextilis 29 bis zum Julius 28 v. Chr. beziehen, 
braucht nicht innerhalb dieser zwölf Monate gedichtet zu sein. 
Friedensprophezeiungen waren ja jederzeit erwünscht und an- 
gebracht, auch mitten im Kriege. Außerdem erfolgte eine 
zweite Schließung des Tempels unter Augustus 25 v. Chr. mit 
unbekannter Dauer 2 ). Und wer will beweisen, daß Vergil nicht 
diesen Tempelschluß im Auge hatte, also seine Weissagung in 
Buch I nicht erst 2-4 oder noch später dichtete? 

Sehr wertvoll ist, was Donat über Vergils Arbeitsweise 
berichtet: er habe den Stoff der Aeneis zuerst in Prosa konzipiert 
und auf zwölf Bücher verteilt, dann im einzelnen dieses oder jenes 
Stück nach Belieben ausgearbeitet, ohne sich um das Einreihen 
in den Zusammenhang zu kümmern 3 ;. Damit vergleiche man 
Goethes Urteil über Schillers Arbeitsweise: .. Er griff in einen 
großen Gegenstand kühn hinein und betrachtete und wendete 
ihn hin und her, und sah ihn so und so, und handhabte ihn so 
und so. Er sah seinen Gegenstand gleichsam nur von außen 
an, eine stille Entwicklung aus dem Innern war nicht seine Sache. 
Sein Talent war mehr desultorisch, deshalb war er auch nie ent- 
schieden und konnte nie fertig werden. . . Ur.d wie er überall 
kühn zu Werke ging*, so war er auch nicht für vieles Motivieren 
Kühn war der Römer gewiß nicht, aber im übrigen paßt diese 
Schilderung auch auf Vergil. 



') Ribbeck, I'roleg. crit. Lips. 1806, p. 64; Gesch. d. röm. Dichtung. 
1889, n 64. Sabba.lini, ^tudi critici sulla Kneid.i Q 1889) u. . 

*) Orosius 6, 21. Cassius Di .hm auf die Schließung des 

Janustempels noch mehrere Jahre nach Vergils Tode Bezug. hste erst 

im Jahre 8 v. ( hr. H tat Vgl. Kroll 5. 160, '■<. 

*) Donat Arn 

XII Kbro$ particulatim contpo out Ul< Iqtte, 

uhil in o rün e n i an 

*) Fckcrm.inns ' - he mit Goethe. 18. Jan. l* - _'">. Kr D r ■•-.'.■ ganz 

ähnlich über Vergil, nur viel zu b> 



Vergil und Schiller \\ 



Für beide Dichter ist das Springen, das HerausgTeifen von 
Situationen, die sie zuerst besonders anzogen, aus der Stoff- 
masse charakteristisch. Da mußten zunächst unzusammen- 
hängende Werkstücke mit oder ohne Stützbalken entstehen 
oder, wie Vergil selbst mit einem anderen Bilde von seinen 
Versen sagte, die unförmliche Masse eines jungen Bären, die 
erst unter dem Belecken der Mutter feste Formen erhielt 1 ). 
Diese launig-e Selbstschilderung gilt auch für die langsame und 
allmähliche Entstehung' 2 ) der Aeneis, wenngleich der Ausspruch 
vor ihrem Beginne gefallen sein soll. Glaublich ist auch eine 
Disposition des Rohstoffes und eine kurze prosaische Nieder- 
schrift der ersten Entwürfe, wie sie Schiller beim Karlos anlegte. 
Aber unglaubhaft 3 ) ist der Zusatz, Vergil hätte hierbei zwölf 
Bücher abgeteilt, d. h. den ganzen Stoff gleich auf unsere zwölf 
Bücher verteilt: ich werde den Nachweis führen, daß sein ursprüng- 
licher Plan sich keineswegs mit dem hierin niedergelegten Stoffe 
und Aufbau deckte, sondern daß der Dichter in seiner ersten 
Aeneis nur etwa die Hälfte des späteren Epos auszuführen be- 
absichtigte. Aber mag das vorläufig allzu unsicher erscheinen, 
so wird doch allgemein anerkannt, daß das V. Buch eine nach- 



x ) Favorinus bei Gellius XVII 10, 2 amici ' familiaresquc P. Yergili in iis, qaae 
deingmio moribusque eins memoriae tradiderunt, dicere eum solitv.m ferunt. parere 
se versus more atque ritu ursino. namque ut illa bestia fetum ederet ineffigiatum 
informemque, lambendoque id postea, quod ita edidisset, conformaret et fingeret, pro- 
inde ingenii quoquc sui partus recentes rudi esse facie et imperfecta, sed deinceps 
tractando colendoque reddere iis se oris et vultus liniamenta. Donat p. 59 R., p. 6 Br. 
cum Georgica scriberet, traditur cotidie meditatos mane plurimos versus dictare 
solitus ac per tot um diem retractando ad paucissimos redigere (dies gewiß falsch 
ans dem Vergleiche gefolgert!), non absurde Carmen se (informe Reiff.) more ursae 
parere dicens et labendo demum effingere. 

2 ) Sie paßt aber nicht mehr auf das vollendete Werk Vergils. Kroll behauptet 
S. 148: „ihm waren immer nur einzelne Episoden gegenwärtig . . . daß sie zu- 
sammengesetzt kein Epos ergeben konnten, hat er selbst eingesehen und deshalb die 
klare Empfindung gehabt, daß sein Werk mißlungen sei". Die Bärin denkt von 
ihren Jungen offenjar anders. 

3 ) Trotz Heinzel. Aufl. 256, 2. Aufl. 259, der aber über B. V urteilt wie ich (vgl. auch 
Karsten, Herrn. XXXIX 285 ff., dem Heinze 87 zu antworten unterläßt). Daß an 
Donats Angabe alle revolutionären Hypothesen scheitern müßten, hebt R. Helm 
Burs. Ber. CXIII (1903) 55 ft. hervor und entscheidet sich gegen die moderne Forschung. 



12 I. Der Dichter 



trägliche Zudichtung ist, die in dem epischen Plane nicht vorge- 
sehen war: also scheint jene Angabe Donats ein irriger Rück- 
schluß von dem Gewordenen auf das Werdende zu sein. 

Stark übertrieben ist seine Behauptung von dem gänzlichen 
Ordnungsmangel. W. Kroll geht neuerdings so weit, wenn ich 
ihn recht verstehe, überhaupt einen Plan des Dichters zu leugnen *). 
Das kann ich freilich nicht unterschreiben, denn in völliger 
Planlosigkeit kann ich mir keinen Dichter die Hand an eine 
große Dichtung legend denken 2 ). Aber darin stimme ich ganz 
mit Kroll überein, daß das, was wir als Plan der Dichtung 
schließlich aus dem Gewordenen herauslesen, keineswegs von 
Anfang an der Plan des Dichters gewesen sein muß. Ich glaube 
vielmehr, daß Vergils Plan sich im Laufe der Arbeit wesentlich 
verschoben hat, daß wir also sozusagen mit mehreren, sich ablösen- 
den Plänen der Aeneis zu rechnen haben. Bei einer zehn- oder 
elfjährigen Arbeit ist das eigentlich selbstverständlich. 

Dies im einzelnen nachzuweisen, haben wir nur ein Mittel, 
die Analyse. Und davon müssen wir auch gegen die Intentionen 
des Dichters selbst Gebrauch machen. Denn natürlich will er 
seinem Publikum nicht verraten, was gerade die Forschung so 
bedeutend interessiert, wie er sein Werk angelegt, was er zuerst 
ausgearbeitet und wie er seine ursprünglichen Pläne umge- 
ändert hat. Ja, der Dichter glaubt und ahnt nicht einmal, daß 
man dem später nachkommen könne, zumal wenn er sich bemüht 
hat, die Spuren der Änderung zu verwischen und durch allerhand 
Zusätze und Streichungen die neue Einheit geflissentlich heraus- 
zuarbeiten. Das darf uns nicht täuschen oder zurückhalten, auf 
ein tjuos ego dürfen wir nicht hören. 



') In den S. 9 Anm. 2 angeführten Studien über die Komposition der Aeneis: 
die r Planlosigkeit" Vergils S. 138; al« Ganzes sei die Aeneis ..planlos gewesen und 
geblieben, so planlos wie nicht leicht ein anderes Epos" S. 136. 

'<) N. Jahrbücher VII. 190. 



II. 
DIE R0EM1SCHE ODYSSEE 



1. Inhaltsübersicht 

Die der homerischen Odyssee nachgebildeten vier ersten 
Bücher der Aeneis nebst dem Aufenthalte auf Sizilien mit der 
prächtigen Schilderung der Leichenspiele und dem Besuche der 
Sibylle sowie der Unterwelt bieten auch dem flüchtigen Leser 
so viele Anhaltspunkte, um den großen Veränderungen des 
dichterischen Planes nachzugehen, daß Conrads mit Recht hiervon 
ausgegangen ist und die Forschung sich zunächst meist auf die 
erste Hälfte der Aeneis beschränkt hat. Eine kurze Inhalts- 
angabe im Anschlüsse an Chr. Gottlob Heyne zeigt in erster 
Linie die Reichhaltigkeit des in diesen Büchern verarbeiteten 
Stoffes, muß aber zugleich auch das Gerüst für die weitere 
Forschung liefern, deren Hauptergebnisse in kurzen Randbe- 
merkungen sofort beigefügt werden sollen, um die Übersicht- 
lichkeit zu erleichtern. 

Zwei Proömien (I 1—7, 8—11). i. Pr. alt 

Die Handlung der Bücher I — IV spielt in 
Karthago (I 12—14). 

Buch I. Ausgangspunkt der Zorn der Iuno 
auf alles Troische und Eifersucht auf Aeneas, der 
ihre Schöpfung in Latium nicht begründen soll 
(1/15 — 33). Sturm, durch Aeolus erregt, durch Nep- 
tun beschwichtigt (34 — 156): die Trojaner, nach 
langjährigen Fahrten (31) von Sizilien ins offene 
Tyrrenische Meer gelangt (54, 67), werden nach 
Libyen verschlagen (158) und gezwungen, einen 
Hafen aufzusuchen. Die Flotte besteht noch aus 



14 



II. Die römische Odvssee 



jung- 
jung, doch 
älter als V 



Gespräch 
jung- 



jung-, doch 

älter als V 

II jung 



sieben Schiffen (170), für die sieben Hirsche erlegt 
werden; Aeneas tröstet die Genossen ( — 222). 

Iuppiter enthüllt im Himmel der Venus die 
Zukunft ihres Sohnes und seines Geschlechtes (223 
bis 96) und entsendet den Merkur zu Dido ( — 304). 

Aeneas bricht mit Achates auf, trifft die in ein 
Tyrerniädchen verwandelte Venus, die ihn in die Ge- 
schichte Karthagos und der Dido einweiht, und erhält 
ein Prodigium von zwanzig Schwänen (305 14— 417). 
In Nebel gehüllt, sehen die beiden Männer, wie die 
Mauern von Karthago gerade gebaut werden 
( — 454), und betrachten den Iunotempel mit den 
Darstellungen der Kämpfe von Ilion ( — 495). Dido 
erscheint, von der anderen Seite Ilioneus mit Be- 
gleitern von den verloren geglaubten dreizehn Schif- 
fen; in ihr Gespräch mit der Königin (— 578) mischen 
sich Achates und der nun lebhaft begrüßte und von 
Dido gastlich aufgenommene Aeneas (595 — 642). 
Aeneas schickt Boten, um den Ascanius holen zu 
lassen (643 ff.); aber Venus schiebt für ihn den Cupido 
unter (657 — 96; die Auswechslung des nach Idalion 
entrafften Knaben wird nachher nicht erzählt). 
Gastmahl und Gelage (608 ff.), wobei Iopas natur- 
wissenschaftliche Betrachtungen singt (740), schließ- 
lich Dido den Aeneas um Erzählung seiner Abenteuer 
und fast siebenjährigen Irrfahrten bittet ( — 766). 

Buch IL Die Iüupersis. Aeneas berichtet den 
Untergang der Stadt vom Tage vor der Eroberui 
an: von der scheinbaren Flucht der Griechen nach 
!■ (do dem hölzernen Pfei sSinons, 

der Bestrafung des warnenden Laokoon, dem Ein- 
reißen der Mauern und dem gegen andraa 
Warnungen 'j-ff.-i.Ttfn Freudenfeste (- • ■ : von 
; shtlichen Oberfalle (— 867) und der I 
leinung d 1 [ektors t - n ver- 

h.-n K -ii ( — ; der ! 

K • und dem I les Priamus (- 

Hieb drm A \ der Se nen 



Inhalt von Buch I — III 



15 



(559 ff.), denen eine Sternschnuppe den Weg zum 
Ida weist (694). Nachdem Aeneas seine Gattin 
Creusa verloren hat (738) und sie zu suchen zurück- 
gekehrt ist, erscheint ihm ihr Schatten und pro- 
phezeit seine Zukunft (771 — 94). Die Berge bieten 
den zahlreichen Flüchtlingen Unterschlupf (— 804). 

Buch III. Die Irrfahrten. Aeneas erzählt 
weiter, wie sie bei Antandrus eine Flotte erbaut 
hätten und im Frühjahr abgefahren seien in die 
ungewisse Ferne (1 — 12). Von Thrazien werden 
sie durch Prodigien am Grabe des ermordeten 
Polydorus fortgewiesen ( — 68). Auf Delos bittet 
Aeneas den Apollo um ein Heim und wird auf die 
alte Mutter(erde) verwiesen, worunter Anchises Kreta 
versteht ( — 120). Hier befehlen die Penaten im 
Traume dem Aeneas, nach Italien weiterzusegeln, 
wovon einst Cassandra oft gesprochen ( — 191). 
Bei den Strophaden müssen sich die Trojaner der 
Harpyien erwehren, Celaeno w T eissagt ihren schreck- 
lichen Hunger: sie würden ihre Tische aufessen; Ge- 
bet des Anchises um Übelabwehr ( — 267). Bei 
Actium Feier apollinischer Spiele und Weihung- 
eines Schildes (— 288). In Buthrotum in Epirus 
finden sie Helenus, der mit Andromache zusammen 
die Freunde hocherfreut aufnimmt und ihnenWeiteres 
weissagt, die letzten Offenbarungen aber von der 
Sibylle in Cumae zu erbitten sie anweist ( — 491). 
Bei der Abfahrt nennt Aeneas als sein (vonHelenus nicht 
genanntes) Ziel den Thybris ( — 505). Aeneas meidet 
Tarent, Scylla und Charybdis, nimmt am Ätna einen 
Genossen des Odysseus, Achaemenides, auf, der in 
der Höhle des Kyklopen geblieben war, und kommt 
zur Südküste Siziliens (— 706/8). Der unvorher- 
gesehene Tod des Anchises in Drepanum wird kurz 
erwähnt (709 — 13), ebenso die Landung in Libyen 
(— 715/8). 



älter als I, 
II, V, VI 



jung 



jung 



16 



Die römische Odyssee 



IV alt 



jung 



alt 



V jung 



Buch IV. Nächtliches Gespräch der Dido mit 
ihrer Schwester Anna: Dido ist ruhelos, ahnt, daß 
sie einen gottentsprossenen Helden beherberge, der 
ihrer Liebe würdig sei ( — 53). Die Liebe beherrscht 
sie ganz ( — 89). 

Intrige der Iuno und Venus, um beide dauernd 
zu vereinigen (90 — 128). Bei einer Jagd bricht ein 
Gewitter aus, alles flüchtet, Dido und Aeneas finden 
sich in einer Höhle. Die Trojaner haben so die gute 
Jahreszeit zur Abfahrt verpaßt ( — 172). 

Da das Gerücht auch zu dem Könige Iarbas, 
einem abgewiesenen Freier der Dido, dringt, betet 
er zu Iuppiter ( — 218). Dieser entsendet entrüstet 
den Mercurius zu Aeneas, um ihn an seine hohen 
Pflichten zu erinnern ( — 278) ; Aeneas befiehlt, 
heimlich zum Aufbruche zu rüsten ( — 295). Trotz- 
dem merkt die Königin es, stellt Aeneas zur Rede 
und läßt dessen Verteidigung (333—61) nicht gelten 
( — 392). Ihre Gespräche mit Anna, Befragung 
einer Zauberin, Entschluß zu sterben und Zweifel, 
Monolog ( — 553). Aeneas, im Traume nochmals 
durch Mercur zur Eile gemahnt, löst noch in der 
Nacht die Anker ( — 583). Als dies Dido im Früh- 
lichte wahrnimmt, die sich einen Scheiterhaufen 
auf der Burghöhe hat errichten lassen, ruft sie 
feierliche Verwünschungen gegen den Ungetreuen 
aus, schickt Barce, die alte Amme ihres ver- 
storbenen Gemahles Sychaeus, zu Anna und stößt 
sich das Schwert in die Brust ( — 665), so daß die 
Schwester zu spät kommt. In ihren Armen % 
scheidet Dido ( — 692). Ins. von Iuno ges 
schneidet ihr die Totenlock-- ab 705). 

Buch V. Aeneas, der die Flammen vom 
holn-n Meere ans sieht, erreicht Sizilien, bevor - 
ein drohend uwettex entlädt, wird von A 
wiederum freudig aufgenommen und veranstaltet 
für Ancl. eis Jahr vorher hier 



Inhalt von Buch IV — VI 



17 



jung 



worden war (45), Opfer und Spiele, für die er 
Preise aussetzt ( — 103), am zehnten Tag'e der 
Landung - (104) im siebenten Jahre seit der Zer- 
störung - Trojas (626 ) : Schiffskampf ( — 285), Lauf, 
in dem Euryalus siegt ( — 362), Faustkampf ( — 484), 
Bogfenkampf ( — 544) und Wettkämpfe der Knaben, 
in denen Ascanius siegt ( — 603). Inzwischen stecken 
die Troerinnen, durch Iris in Gestalt der Beroe auf- | älter 
gestachelt, um die Weiterfahrt zu hindern, die 
Schiffe in Brand; vier verbrennen, die übrigen 
werden durch Iuppiters Regen gerettet ( — 699). 

Nachts erscheint Anchises dem Aeneas auf 
Iuppiters Befehl und empfiehlt ihm Nautes' Vor- 
schlag, Frauen und hilflose Greise zurückzulassen, 
sowie die Sibylle und mit ihrer Hilfe die Unter- 
welt aufzusuchen, um dort die ganze Zukunft zu 
erfahren ( — 704). Gründung der Stadt Acesta, 
Aufbruch nach Italien ( — 778). 

Neptun beruhigt auf Venus' Bitten das Meer 
( — 834). Trotzdem fällt Palinurus in sternklarer 
Nacht, eingeschläfert vom Schlafgotte, von Bord 
(- 871). 

Buch VI. Aeneas landet in Cumae, um die 
Sibylle aufzusuchen, gelangt zum Apollotempel auf 
der Burg und betrachtet dessen Bilderschmuck. 
Von dem vorausgesendeten Achates geholt, kommt 
die Sibylle, macht dem Beschauen ein Ende (37), 
verlangt Opfer, die rasch dargebracht werden (40), 
führt die Besucher in ihre Höhle (41/4) und gerät in 
Verzückung ( — 54\ Gebet des Aeneas an Apollo, 
Bitte um eine Offenbarung-; die Sibylle gewährt 
sie, nicht durch Losorakel, sondern durch einen in 
der Ekstase hervorgestoßenen Seherspruch ( — 101). 

Nekyia. Plötzlich wünscht Aeneas Eintritt ins jung 

Totenreich und Führung durch die Sibylle, sie be- 102 — 888 
willigt es zögernd und unter dreifacher Bedingung: 
Brechen eines goldenen Zweiges, Bestatten eines 

Gercke, Die Entstehung der Aeneis. 



alt 



18 



Die römische Odvssee 



Toten und Darbring-en von Totenopfern ( — 155). 
Vorbereitungen: Bestattung- des inzwischen ver- 
storbenen Misenus ( — 235); Brechen des Zweig-es 
und Opfer für die Unterirdischen ( — 263). Hinab- 
stieg- (264 — 336). Palinurus am Ufer der Styx er- 
zählt, wie der Sturm ihn vom Bord gerissen auf 
der libyschen Fahrt und er wehrlos am italischen 
Gestade nach drei Tagen erschlagen worden sei; 
mit der Aussicht auf ein Kenotaph wird er abge- 
funden ( — 383). Aeneas lernt die verschiedenen 
Regionen (der Kinder, der ungerecht Hinge- 
richteten usw., schließlich der Selbstmörder aus 
Liebesgram) kennen ( — 449);. dabei flieht ihn Elissa- 
Dido ( — 476). Hinter dem Ort der Helden, wo 
Deiphobus weilt ( — 534), bleibt der Tartarus links 
liegen, die Sibylle erklärt nur die Strafen der Ver- 
dammten (— 627). Auf der Schwelle des Palastes 
des Dis befestigt Aeneas den goldenen Zweig 
( — 636). Sie erreichen die Sitze der Seligen, Musaeus 
weist den Weg über einen Bergrücken zu Anchises 
( — 678), der Aeneas längst erwartet hat und nun 
statt der Sibylle die Führung übernimmt. Er belehrt 
ihn über die Seelenwanderung- und die Reinigung 
im Elysium ( — 751). Von ihm gedeutet zieht so- 
dann die Schar der künftigen Helden Roms bis 
auf Caesar, Augustus (— 860) und den jugendlich 
gestorbenen Marcellus vorüber ( — 888). Durch 
das elfenbeinere Tor der Träume gelangt Aeneas 
flugs wieder an die Oberwelt und dann zu d^n 
Seinen (— 900). Abfahrt nach Caieta (— 902) und 
zur Tibermündung (VII 1 — 36). 

Die abwechslungsreiche Mannigfaltigkeit des Stoffes ist 
nach dem Muster der Odvssee angeordnet Der Selbstbericht 
des Helden (II, III) ist in eine Rahmenerzählung eingeschlossen 
(I, IV), die mit hellenistischen Farben gemalte Liebesgeschichte, 
deren jäher Abbrueh uns mahnt, daß die Irrfahrten noch nicht 



Inhalt von Bach I — VI jo, 



beendet, das dem Aeneas bestimmte Ziel noch nicht erreicht ist. 
Aber bevor dieser Faden ernsthaft aufgenommen und durch die 
Nekyia der Hinabstieg- ins Totenreich ausg-esponnen wird (VI), 
erfährt die Handlung- eine Retardation durch den halb unfrei- 
willig-en sizilischen Aufenthalt und die dem Buche ^ der Ilias 
nacherzählten *A9-Xa. 

Daß dies alles so auf einmal im Kopfe des Dichters ent- 
standen und planmäßig Buch für Buch ausgeführt worden sei, 
wird man von vornherein nicht anzunehmen geneig-t sein. Man 
sieht bald, daß die Irrfahrten des III. Buches ihre eigentliche 
organische Fortsetzung in VI (bis zu VII 36) haben, obwohl der 
erste Teil als Apologos des Aeneas selbst vorgetragen, der letzte 
Teil vom Dichter in dritter Person erzählt wird. Man erkennt Vor- 
wärtsverweisung-en im I. Buche auf das sizilische wie auf den 
Schluß der Aeneis. Man beobachtet, daß die Nekyia nicht in 
den Weissagungen des III. Buches sondern erst in einer Traum- 
erscheinung des V. vorbereitet wird. So plötzlich tauchen neue 
Motive auf, so unbefangen werden alte fallen gelassen oder ver- 
gessen, wie die Entraffung des Ascanius in den Idaliahain 
(I 691/4), und Dubletten wie der Tod des Misenus und der zwei- 
mal erzählte des Palinurus nebeneinander belassen, daß die An- 
nahme einer lückenlosen, der jetzigen Anordnung genau folgen- 
den Bearbeitung des Stoffes in einem Zuge ebenso ausgeschlossen 
ist wie die der sorgsamen Ausarbeitung eines vorher bis in die 
Einzelheiten hinein bedachten Planes. 

Vielmehr ergibt eine eindringende Untersuchung der ersten 
Hälfte der Aeneis meines Erachtens, daß das III. Buch und der 
größte Teil des IV. ihren ältesten Bestand bilden; daß dagegen 
das V. Buch das jüngste von allen ist, nur mit einigen Stücken 
des I. dürftig verbunden; daß endlich auch das VT. Buch in sich 
nicht einheitlich ist. Soweit sich die Beweise für diese Be- 
hauptungen leidlich mühelos übersehen lassen, sollen sie gleich 
hier folgen. Einige wenige, etwas verwickeitere Nachweisungen 
werden besser später nachgeholt werden, dabei auch die Urgestalt 
des VI. Buches. 

2* 



20 Die römische Odyssee 



2. Budi V 

Der ganze zweite Aufenthalt der Trojaner auf Sizilien ist 
eine durchaus junge Erfindung des Dichters. Das hat Conrads in 
der Hauptsache festgestellt. Seine glänzende und schlagende 
Beobachtung ging aus von dem Berichte, den Palinurus in der 
Unterwelt über seinen Tod gibt. 

VI 338 qui Libyco nuper cursu . . exciderat puppt. 

Also nicht auf der Fahrt von Sizilien nach Cumae, wie es die 
Dublette in Buch V darstellt, ist der Steuermann des Aeneas ums 
Leben gekommen, sondern auf stürmischer Fahrt von dem libyschen 
Karthago zur süditalischen Westküste ist er ins Meer geschleudert 
und an das Gestade getrieben worden, das dann nach ihm be- 
nannt wurde. Die IV 581 3, V 1—20 begonnene Meerfahrt ist 
nicht durch eine Landung auf Sizilien und einen mindestens 
halbjahrigen Aufenthalt dort unterbrochen gedacht. Die ganze 
Unterbrechung beruht vielmehr auf einer jüngeren Ausdichtung; 
das V. Buch ist erst entstanden, nachdem die Dichtung den 
Abschluß der Irrfahrten von Karthago bis nach Cumae erhalten 
hatte: es ist das jüngste Buch der ganzen römischen Odyssee. 
Ein zweiter Aufenthalt auf Sizilien war ursprünglich vom Dichter 
nicht vorgesehen. 

Mit dem Hauptstücke des V. Buches rücken auch die dazu 
gehörigen Episoden in die junge Zudichtung, also die Dublette 
vom Untergange des Palinurus V 827 — 871 und die merkwürdige 
Erscheinung des verstorbenen Anchises V 731 — 745 8. Man 
müßte denn annehmen, daß lauter Stücke cälterer Dichtung in 
diesem jungen Buche untergebracht worden wären 1 ), was weder 
bewiesen noch wahrscheinlich und für die Dublette zur Palinurus- 
geschichte VI :\'M - 3S3 ausgeschlossen ist. 

Auch dir Traum erscb ein ung des Anchises, der in [uppiters 
Auftrag' den Aeneas zum Besuche der Unterwelt auffordert, 
nicht alt. S i war mit Buch VI enger verknüpft, da Aei 

sich auf solche Krsch»Miiunv, r '-n beruft L15f. 6951 • und Anchises 

') G. Kettner, Da> f&nftl Bild) rler Aencide, Ztaofal f d. Gymnir XXXIII 

/mummend Kr- dl 166 und 161; er halt Huch VI für alter. Kanten 

V B) und !. Lindentbai, Ist da* V. Buch der Aeneis nach dem VI. geschrieben r 

Oberbottabrann 1904, setzen v vir vi. 



Buch V späte Zudichtung 21 



seinen Sohn erwartet (687 f.). Aber andere, und zwar tiefgreifende 
Widersprüche sind unausgeglichen geblieben und schließen eine ein- 
heitliche Erfindung aus. Die ganze Traumerscheinung ist übrigens 
nur durch die Xekyia veranlaßt worden 1 ): für die Konzeption war 
die Erzählung der Nekyia das Prius, ihre Motivierung durch die 
Erscheinung in Buch V das Posterius. Das gilt für jede Moti- 
vierung, und bei einer schlechten liegt das Zeitverhältnis am 
Tag-e. Die Jii>^ ßovXrj V 726 ist aber wirklich nur eine schlechte 
Iliasreminiszenz, nicht die Wurzel des dichterischen Gedankens, 
wie sie denn auch in Buch VI mit Recht nirgends vorkommt: 
Anchises allein trägt hier die Verantwortung (VI 116, 695). 
Wenn Aeneas mit seinem Traum bilde verkehren und sich von 
ihm beruhigen lassen konnte (vgl.V733 b — 35), so wurde dadurch 
eigentlich der schreckliche Hinabstieg zur Unterwelt überflüssig 2 ). 
Das beweist freilich nur, wie wenig durchdacht diese Motivierung 
ist, wie flüchtig sie später vorgesetzt worden ist. Vergil dachte 
noch nicht daran, als er den Plan faßte, das Totenreich nach 
dem Vorbilde Homers zu schildern. 

Also das ganze V. Buch, wie es uns vorliegt, ist jünger 
als das VI. Buch. 

Durch die junge Erfindung des zweiten sizilischen Aufent- 
haltes ist die Chronologie der Fahrten des Aeneas gestört worden, 
wie sie im I. Buche klar entworfen ist. Im Ganzen sollte der 
troische Held nach dem Verlassen der Heimat noch zehn Jahre 
leben. Im siebenten Sommer gelangte er zur Dido: 

I 755 nam te iam septima portal 

omnibus errantem terris et fluetious aettas 

und hatte noch drei Jahre in Latium vor sich nach dem Spruche 
des Vaters der Götter und Menschen: 



1 j Mittelbar durch das Schweigen des Helenas von dem Hinabstieg. Die 
Traumerscheinung ist also eine Ergänzung der Weissagung in III. Daß Aeneas 
Cumae anlaufen wird, steht seit der begründeten Forderung III 441 — 60 fest; An- 
chises setzt das V 731 — 33 als bekannt voraus. Somit folgten sich III (VI) V. 

2 ) Kroll bemerkt richtig, S. 157. 1 : nach der Traumerscb einung wäre „der 
ganze Hadesbesuch unnötig^. Aber daraus folgt mit nichten, daß er jüngere Kon- 
zeption oder jüngere Ausrichtung ist. ebensowenig wie aus den sichtbaren Wider- 
sprüchen, auf die ich hier nicht eingehe. 



22 Die römische Odyssee 

I 265 fertia dum Latio regnaht an viderit aestas 

ternaque tranderint Ruhdis hiberna subacti*. 

Dies ist alles in Ordnung- und klar, auch daß der Tod des Anchises 
wenige Wochen vor der Ankunft in Karthago erfolgte (Buch III 
Schluß). Sobald aber die Leichenspiele eingeschoben und im 
nächsten Sommer, genau ein Jahr nach dem Tode, gefeiert wurden: 

V 46 atiHuus exactis completur mettsäna orbis, 

mußte sich ein Rechenfehler Iuppiters ergeben, der dieses ganze 
Jahr nicht mit zählte. Die drei Jahre in Latium und die damit 
verbundene Zahlenspielerei von 3-f-30-]-3ü0 Jahren bis zur 
Gründung Roms 1 ) wollte und konnte Vergil nicht leichthin auf- 
geben. Er half sich daher so, daß er nachträglich die Landung- 
in Karthag-o um ein Jahr vordatierte, aber stillschweig-end, und 
jetzt die Leichenspiele in den Ausgang des siebenten Sommers 
verlegte: 

V 626 septima post Troiae excidium iam vertitur aestas 

Dies ist die fast allg-emein angenommene Erklärung Conrads, die 
dadurch keinen Abbruch erleidet, daß noch ungelöste Schwierig- 
keiten bestehen, wie man die ersten sechs oder sieben Jahre auf 
die Irrfahrten im einzelnen verteilen will. Zwischen dem Tode 
des Anchises und den zu seinen Ehren aufgeführten Spielen soll 
ein ganzes Jahr verstrichen sein (V -46), und dieses volle Jahr 
war in der Ökonomie des Ganzen nicht vorhergesehen, so wenig 
wie der zweite si/.ilische Aufenthalt überhaupt. Das ist ein völlig 
gesichertes Ergebnis der Forschung. 

Wenn die Trojaner die gute Jahreszeit zur Weiterfahrt von 
Karthago verpaßt hatten, so war anzunehmen, daß sie bis zum 
Frühling dort bleiben würden. Darum riet Anna ihrer Schw. 
Dido, die Gelegenheit zu benutzen: 



') Die drei Jahre in T.atium I Jt>.'> kehren in der Pompej.uii>chcn Inschritt 
, ||. - wieder. Aenras . . . [<>]>!>i'lum La vimt m ) con/di'lit tt Hn reg*) 

emho» tri*, deren Quelle nach Fr. CwiW, Heck. Soppl XV 168 KastM Wtn, 
meiner Vermutung Vergil selbst. Die 30 Jahre I 868 sind durch das Saupr.>di K ium 
gegeben. DU Kpochc »OB der tl rang CTOJM bis z<ir Gffiadufl Roms DB 

Buch I v io V 7-f-: - . II» fahre. Üb« eine Variante bei den 

Annalisten und Verf. \m 17 »gl vor', i« S. 11 



Zeitrechnung, Jahre und Jahreszeiten 23 

IV 51 indulge hospitio, causasque innecte moratidi, 
dum pelago desaevit hiems et aquosus Orion 
quassataeque rotes, dum non tractabile caelum. 

Das g-lückte, die Liebenden vertändelten die lange Winterszeit: 

IV 193 nunc hiemem inter se luxu, quam longa, fovere 
regnorum immemores turpique cupidine captos. 
Aber Iuppiter ließ nicht zu, daß Aeneas bis zum Eintritte der 
g-uten Jahreszeit diese unwürdige Rolle spielte: er mußte mitten 
im Winter mit seiner ganzen Flotte aufbrechen, allen Stürmen 
zu Trotz. Darum sagt ihm Dido: 

IV 309 quin etiam hiberno moliris sidere classem 
et mediis properas aquilonibus ire per altum? 

Dazu stimmt es, daß später Palinurus dem Aeneas erzählt, im 
winterlichen Unwetter sei das Steuerruder mit großer Gewalt 
und er mit ihm zusammen vom Bord gerissen (VI 349 — 54). 

Im V. Buche verließen aber die Trojaner Sizilien im Sommer 
und bei spiegelglatter See (V 764. 777 f.), so daß der Verlust 
des Steuermannes in sternenklarer Nacht ohne einen deus ex 
machina unerklärlich war: darum muß ihn der Schlafgott 
trügerisch überlisten (V 838 ff.), nachdem Neptun auf Venus' 
Bitte (779 ff.) das gute Wetter noch einmal gut gemacht hat 
(V 820 f.), obwohl er ein Opfer fordert (814 f.). Das ist künstlich 
zurechtgemacht, um den Untergang des Palinurus unter ver- 
änderten Umständen zu ermöglichen. Diese Schilderungen sind 
also zweifellos so nicht ursprünglich *). Man kann auch nicht 
umgekehrt von dem Sturme des Libyern cursus annehmen, er sei 
nicht durch die Jahreszeit bedingt sondern durch Göttertrug 
herbeigeführt worden. Denn eben diese Vermutung schließen 
Palinurus' eig-ene Worte aus: 

VI 347 neque te Phoebi cortina fefellit 

dux Anckisiade, nee me deus aequore mersit . . . 
(355) tres Notus hibernas immensa per aequora noctes 
i r.rit me violentus aqua. 



] ) Wie Kroll 156, 1 will; er rückt V 1 — 11 und 779 ff. zusammen, die er 
für älter hält als die Dublette in VI. . 



24 Die römische Odyssee 



Also die Naturmächte haben ihn bezwungen, eine heftige Böe 
ergriffen oder eine gewaltige Welle von Bord gespült: die 
eigentliche Schilderung des Sturmes fehlt, sie hätte auf mersit 
348 folgen müssen. Hat der Dichter sie etwa getilgt? Nach 
der prächtigen Schilderung- des I. Buches war sie überflüssig, 
widersprach der jüngeren Dublette der Palinurusepisode im 
V. Buche zu gröblich und hielt als Bericht des Verunglückten den 
Aeneas allzusehr auf. Umgekehrt sind hier zum Ausgleiche 
die beiden Halbverse 858 f. 

cum puppis parte revulsalcumque (/ubernaclo 

hinzugefügt worden 1 ): als ob ein schläfriger Steuermann, der 
von Bord fällt, das Steuerruder und einen Teil der Schiffsver- 
schanzung mit sich in die Tiefe reißen könnte. Der Dichter 
hat diesen Ausgleich nicht eben geschickt angebracht, aber er 
hat, was doch wichtig ist, den Widerspruch selbst bemerkt. 
Tilgen hätte er ihn wieder können, wenn er die eine der Du- 
bletten getilgt hätte. 

Die schlechte Jahreszeit dauert noch an, während Aeneas 
bei Cumae weilt; in Caieta wartet er, ganz wie er es in den 
früheren Jahren der Irrfahrten gemacht hatte, besseres Wetter ab: 

VII 6 postijuam alta quieruut 

aeqxwra, tendit iter veli* portumque reSrupuL 

Das paßt nicht für den hohen Sommer, wohl aber zu der Winter- 
zeit im IAbyem cnrsus des VI. Buches und den Vorwürfen der 
Dido des IV. Buches. Das ist also einheitliche Dichtung, deren 
Voraussetzungen nicht mehr zutrafen für die junge Zudichtung 
des V. Buches 2 ): die Jahresrechnung und die Jahreszeiten 
stimmten nun nicht mehr. 



') Beobachtet von I'eerlkamp. 

*) Auch Mcrcurs Hinweis IV 588 I audis sj/innr scrun 

widerspricht ihnen, wie schon 1 rth gesehen bat. Kntweder hat der Dichter 

dem Mercur ein beliebiges, ihm gerade bequemes Argument in den Mund £■ 
oder wir haben hier eine ganz junge Zudichtung, die die Situatiou bei 
"in Sizilien auf die von Karthago iibert: 



Berührungen von Buch V mit VI, IX, I 25 

Das V. Buch steht isoliert in der ganzen Aeneis da. 
Nicht einmal der Brand der Schiffe, der in der älteren Aeneas- 
sage solche große Rolle spielte, hat auf die Ausgestaltung des 
vergilischen Epos einen merkbaren Einfluß ausgeübt: er wird in 
einer Episode erzählt und mit ihr, wie es scheint, vergessen. 
Nur im IX. Buche ist zweimal von den Mauern des Acestes die 
Rede, einer Neugründung (V 746 ff.), in der Aeneas die 'Mütter' 
und alles unlustig-e Volk zurückließ (750 f.), obwohl diese 
schließlich gern mitgegangen wären (V 765 — 71). Trotzdem 
taucht im IX. Buche ein solches Mütterchen auf, das des knaben- 
haften Euryalus. Nisus erwähnt sie, fügt aber g-leich hinzu, sie 
bilde die einzige Ausnahme: 

IX 217 quae te sola, puer, multis e matribus ausa 
persequitur, magni nee moenia curat Acestae. 

Und Euryalus selbst empfiehlt dem Iulus die Sorge für sie, die 
das Ilische Land nicht zurückhalten konnte: 

286 mecum excedentem, non moenia regis Acestae. 

Unzweifelhaft Rückverweisungen auf das V. Buch, aber doch 
nur locker eingesetzte Klammern: der Kern der Erzählung von 
Nisus und Euryalus ist davon völlig unabhängig. 

Acestes und seine Gründung liefern auch die einzigen 
dünnen Fäden, die Buch 1 mit den Erzählungen des V. lose 
verbinden, die einzigen der ersten Hälfte außer dem Schatten- 
bilde des Anchises. Aeneas verteilt I 195 unter die Seinen 
Wein, den er vom guten Acestes erhalten hat; Ilioneus erwähnt 
I 549 sizilische Städte und Ländereien und den berühmten 
Acestes von troischem Blute, den er nachher König nennt 
(558): und endlich bezieht sich auch Dido auf diesen König und 
sein Gebiet am Eryx (570). Das sind Vorverweisungen, weil 
Acestes in Buch V eine gewisse Rolle spielt (30. 36. 61. 73. 
387 — 93. 630. 711 — 18. 746 — 61. 771); aber sie sind nachträglich 
angebracht worden. Denn die Gründung des Reiches mit der 
festen Stadt Acesta (Segesta) erfolgt erst unmittelbar vor der 
Abfahrt des Aeneas 1 ), und zwar infolge des Schiffsbrandes: 

*) Kettner hat vermutet, Acesta wäre ursprünglich bei dem ersten Aufenthalte 
gegründet worden. Diese allzu billige Hypothese wird S. 28 widerlegt werden. 



26 Die römische Odyssee 



erst V 718 ist der Name der Stadt genannt, 757 die Herrschaft 
über das zweite Ilium als Königtum bezeichnet; vorher sind 
dagegen Acestes und seine Begleiter als einfache Landleute ge- 
schildert (V 37. 40. 301). Dido weiß also zu früh, daß sich 
Troer und Troerinnen nach dem Könige Acestes und seinem 
Reiche sehnen; Ilioneus hat zu früh dies Ziel angegeben, mit 
starker Übertreibung von Städten gesprochen und dem guten 
Weinbauern den Königstitel beigelegt. Diese Klammern des 
I. Buches sind nicht alt 1 ) und beweisen nicht, daß Acestes in 
einem älteren Plane des Dichters überhaupt vorgesehen war. 

Der Dichter hätte am Schlüsse des III. Buches von der 
gastlichen Aufnahme bei dem blutsverwandten und gastfreien 
Acestes während des ersten Aufenthaltes auf Sizilien erzählen 
müssen: aber hier vergißt Aeneas diese wichtige Tatsache mit 
anderen, und kein Leser des III. Buches kann hiervon etwas 
ahnen, da der Mann nicht einmal genannt ist. Er existierte eben 
für den Dichter noch nicht. Darum fällt auch die Begrüßung 
der nach einigen Monaten nach Sizilien Zurückgekehrten so 
merkwürdig aus: Acestes, hier wie eine neue Person des Epos 
eingeführt (V 35 — 41), begrüßt sie nur als Stammesgenossen 
(V 39 f. veterum non immemor ilk parenlum tjratatur retlnre*), ohne 
der gemeinsam vor kurzem verlebten Zeit, der Trauer um den 
hier verschiedenen und bestatteten Anchises oder der aus der 
tfreundschaft entstandenen jungen Freundschaftsbande zu 
gedenken. All dies stand nicht plastisch vor den Augen Vergils, 
denn die Bilder entwickelten sich erst während und in der Aus- 
führung des V. Buches. Dies Buch ist also jünger als III, 
j.i das jüngste aller Bücher, wenigstens der römischen 
Odyssee, und von den übrigen durch eine Kluft getrennt. 

Es war aber auch in den älteren Plänen der Aene 
•^■ar nicht vorgesehen, die ja nicht einmal eine 
Schilderung des ersten Aufenthaltes auf Sizilien be- 
dacht en. 



') Trutz. H.ni/.e S. 162. 1. Seine Befttfaa| aul Rnander zu-ht nicht, da e» 
gleichgültig war, ob dieser als König bezeichnet wurde (VIII .VJ bei der Ein- 
mg u. 5.) "der nicht: hier fehlt gerade die entscheidende Point*. 



Der erste Aufenthalt in Sizilien 27 

Oder ist diese Schilderung nachträglich unterdrückt worden ? 
War sie etwa einst ausgeführt und ist uns in veränderter Gestalt 
noch aufbewahrt, nämlich in dem überarbeiteten Mittelteile von 
Buch V (12 — 778 *)? Dafür spricht nichts außer der Begrüßung 
des Acestes V 35—41. Die Leichenspiele hätten ja unmittelbar 
nach dem Tode des Anchises gefeiert werden können, wie die 
dS-ka La JIciroö/M;), statt ein Jahr nachher; und Vergil hätte bei 
der angenommenen Umarbeitung leicht die nötigen Abstriche 
und Zusätze vornehmen können. Aber er mußte dann vor 
allem den Tod des Anchises, die Totenklage des Aeneas und 
der Seinen sowie die Aufbahrung und Bestattung der Leiche 
schildern — Schilderungen, die später zu streichen kein Grund 
vorlag. Warum sollten sie nicht am Schlüsse von Buch III 
wörtlich Aufnahme finden oder vielmehr behalten ? Dafür lesen 
wir hier aber nur einen höchst dürftigen Ersatz : 

III 707 hinc Drepani me portus et illaetabilis ora 
accipit. hie pelagi tot tempestatibus actus 
heu genitorem, omnis curae castisque levamen, 
amitto Anehisen: hie me, pater optime, fessum 
deseri-s, heu, tantis nequiquam erepte penclis'. 

Mit welcher Liebe verweilt der Dichter beim Verschwinden 
der Creusa, beim Tode des Palinurus und Misenus, des Euryalus 
und des Pallas, der Dido und (aus der Gegenwart) des jungen 
Marcellus. Wie merkwürdig also und fast unerklärlich, daß der 
fromme Aeneas über diesen schweren Verlust nichts weiter er- 
zählt! Wie völlig unerklärlich, wenn eine würdige Schilderung 
bereits vorlag, daß sie einfach gestrichen sein sollte! Xein, 
diese angenommene Schilderung gab es nicht, der Dichter ist 
dazu nicht gekommen, sondern hat flüchtig einen sehr schwachen 
„Stützbalken" eingesetzt, aber nicht mehr ersetzt 3 ). Die 
Flüchtigkeit erkennt man auch daran, daß Acestes nicht einmal 



*) Vgl. oben S. 20, 2 und 25, 1. Nur der Brand der Schiffe kann einem 
älteren Entwürfe entstammen, hatte in ihm aber schwerlich auf Sizilien stattgefunden. 

2 ) Treffend haben den Charakter der Verse III 707 — 714 beurteilt Georgii, 
Das III. Buch der Aeneide, Festschr. d. Gymn. Stuttg. 1877, 65 ff und H. T. Karsten, 
De Aeneidis libro ELI. Herrn. XXXIX (1904) 278 ff., der einige Einwände Heinzes 
widerlegt. 



^> Die römische Odyssee 



erwähnt wird: seine Gastfreundschaft hätte doch das Un- 
erfreuliche der Küste von Drepanum wesentlich gemildert, wie 
es denn mitsamt dem Namen Drepanum im V. Buche und 
den Vorausweisungen des I. Buches beseitigt ist. Die dürftige 
Skizze am Schlüsse des III. Buches ermöglicht, einen zweiten 
Aufenthalt auf Sizilien zu schildern. Der Hypothese von einer 
Überarbeitung des V. Buches ist aber damit jeder Halt ent- 
zogen: Leichenspiele gibt es nicht ohne Leiche und Leichen- 
begängnis, nur eine Erinnerungsfeier ist denkbar, wie wir sie 
lesen. Ein erster Aufenthalt des Aeneas auf Sizilien 
kam in der Dichtung niemals vor, bevor der Dichter 
den zweiten erfand. 

An beide dachte Vergil noch nicht, als er den Aeneas 
seine Irrfahrten III 1 — 691/706 erzählen ließ: eine Landung 
auf Sizilien war nach dem älteren Plane überhaupt nicht 
vorgesehen. Das ergibt sich aus der Weissagung des Helenus, 
der III 410 ff. dem Aeneas rät, auf der Fahrt nach Cumae, um 
Scylla und Charybdis zu meiden, den weiten Umweg um die 
große Insel herum nicht zu scheuen: 

42Ü praextut Vrinaom metas hutrare Pachyrd 

cessantenij longos et dreumfleetere cunus . . . 
4-40 . . Trinacria fines Italos mittere reUda, 
dazu 384 ante et Trinacria lentandus remut i» unda. 

Also kein Hinweis auf den einfachen oder gar doppelt« n 
Aufenthalt in Sizilien, auf den schmerzlichen Tod des Anehises, 
auf die Leichenspielr, auf die große Gefahr des Brandes der 
Flott«', auf die Gründung von Acesta, noch endlich auf den 
Verlust des Palinurus — kurz, auf keins der im Y. Buche er- 
zählten Ereignisse. Und doch lag kein Grund vor, etwas hiervon 
zu streichen, wenn HelenUS bereits davon ochen hatte. 

Mit Recht hat man daraus gefolgert 1 ), daß alle diese Ding« 
noch nicht im Plane des Dichters lagen, als er die große W 
sagung dichtete. 



') Vgl. flas folgende K . 



Helenas ignoriert Sizilien 29 



Vergil selbst hätte freilich eine solche Schlußfolgerung - 
wohl nicht gelten lassen, mit Berufung auf die ausdrückliche 
Erklärung des Helenus, daß er nicht alles sagen dürfe: 

III 379 prohibent nam cetera Parcae 

scire Helenum farique vetat Saturnia Inno. 

Wenigstens folgen moderne Interpreten gern diesem Winke 
zu einer konziliatorischen Auslegung: als ob der Seher gerade 
das Wichtigste nicht hätte verraten dürfen ! Ohne Zweifel dachte 
der Dichter beim Niederschreiben dieser Worte in erster Linie 
daran, daß Helenus ja dem Aeneas vollständige Aufklärung über 
den Fluch der Celaeno und die letzten Schicksale in Italien 
hätte geben können, wie der Freund dringend wünschte, daß 
aber dann das Orakel der Cumanischen Sibylle überflüssig ge- 
worden und das Tischorakel seiner Pointe baraubt worden 
wäre. Dagegen lag kein Anlaß vor, die Ereignisse bis Cumae 
zu unterdrücken, da Aeneas erst dort den weiteren und letzten 
Aufschluß erhalten sollte (III 441 — 460). Das sagt Helenus noch 
einmal deutlich 461 (haec sunt, quae nostra liceat te voce moneri). 

Dem Dichter selbst konnte freilich die empfindliche Lücke 
in Helenus' Weissagungen nicht entgehen. Und in der Tat läßt 
er, als ob das nicht mehr zu ändern gewesen wäre, den Aeneas 
in dem kurzen Zusatzberichte über den Tod seines Vaters sich 
darüber beschweren, daß er von diesem herbsten Verluste vorher 
nichts erfahren: 

III 712 nee vates Helenus, cum multa horrenda moneret, 
hos mihi j>raedixit luctus, non dira Celaeno. 

So bringt der Dichter eine Selbstkritik oder eine Art Ent- 
schuldigung an 1 ). Auch Odysseus beschwert sich seiner Be- 
schützerin Athene gegenüber über ein ähnliches Versagen, das 
in Wahrheit den Dichter des Epos selbst trifft, £ 325 f. und 
wenig anders v 417 — 19 2 ). Damit wollen die Dichter jede un- 



') Kroll hat S. 159, 1 darüber richtiger geurteilt als Heinze S. 95, 1. 

2 ) Athene hat dem Odysseus vor seiner Landung auf Scheria niemals geholfen; 
der Dichter entschuldigt das in £ mit ihrem Respekt vor ihrem Oheim Poseidon: 
der Schutz der Athena war aber ein junges Motiv. Den Telemach hat sie gerade 



30 Die römische Odyssee 



berufene Kritik abschneiden. Aber qui s'excuse, s'accuse: die 
berufene Kritik erkennt in einem solchen Zusätze das Einge- 
ständnis, daß etwas nicht g-anz in Ordnung- ist, daß alte Mängel 
unausgeglichen geblieben sind. Der alte Plan Vergils sah den 
Tod des Anchises auf der Fahrt bis Cumae nicht vor, und in 
der Ausführung wurde dieser Plan nicht genügend geneuert: 
statt einer organischen Einfügung dieses Ereig-nisses findet sich 
vielmehr eine kaum verdeckte Kluft zwischen dem alten III. und 
dem jungen V. Buche. 

Somit ergibt sich: Vergil hat das V. Buch nicht nur später 
als die übrig-en fünf der Odyssee nachgebildeten Bücher ge- 
dichtet sondern auch während ihrer Ausarbeitung überhaupt 
nicht geplant, einen Aufenthalt auf Sizilien zu schildern. Nur der 
Schluß des III. Buches hat nachträglich einen darauf hindeutenden, 
aber keineswegs genüg-enden Zusatz erhalten und das I. Buch 
an drei Stellen ganz junge, der Verklammerung dienende Voraus- 
verweisungen, ohne daß aber hier die nun nicht mehr zutreffende 
Chronologie mit Rücksicht auf das V. Buch geändert worden 
wäre. Dieses fällt ganz aus dem Rahmen der übrigen 
Dichtung heraus, zumal es, soweit wir nachgeprüft haben, 
keine Bruchstücke älterer Dichtung in sich aufgenommen hat. 



3. Budi III 

Das eigentliche, vielumstrittene Problem ist die Stellung 
der Irrfahrten innerhalb der Aeneis und zunächst innerhalb der 
ersten Hälfte. Conrads, Georgii, Karsten 1 ) u. a. haben Buch III 
für das älteste aller Aeneisbücher erklärt; Kroll will ihm nur 
die Uiupersis (II) vorausgehen lassen; dagegen hält C. Schul« 
dem auch Hein/" nachdrücklich beistimmt, I'uch III für eins 
jüngsten Bücher des Epos, nämlich nach Vll YIll gedichtet 



zu der Zelt auf Kundschaft fortgeschickt, wo Odyeeeui heimkehrte; Odysseen «■• 

treffend in V ein. si-- hätte ihm ja alles sa»cn können, Und Athenes Antwort fällt 

flau au, Immerhin hat der Dichter beide Male die Bemerkungen les Odysseus 

wied'- ichen gesucht, Vergil die des Acnei*- nicht. 

i »beii s. |7 ( a. 

Ilianae, Dias, Greifst 1 



Buch V jung, Buch III alt 3 ]_ 



Beweisführung* hierfür wird uns später beschäftigen. Hier handelt 
es sich vorläufig* nur um die Stellung" des III. Buches innerhalb 
der römischen Odyssee, also um das Zeitverhältnis zu I, II, IV 
und dem freilich unbezweifelt jüngeren VI. 

Eine Sonderstellung des III. Buches geht deutlich daraus 
hervor, daß sich hier ein merkwürdiges Leitmotiv hindurchzieht: 
ohne sein Schicksal zu kennen, fährt Aeneas von Troja ab, und 
stufenweise enthüllt sich ihm nun immer mehr die anfänglich so 
dunkle Zukunft, doch ohne daß die Orakelsprüche ihm voll" 
Klarheit gewähren. Von dieser fast dramatischen Steigerung- 
und ihrer Voraussetzung wissen aber die übrigen Bücher nichts. 

Nur im I. Buche findet sich die Ang"abe, die Venus oder 
ihr Stern habe dem Sohne den Weg" gewiesen: 

I 380 Italiam quaero ixitriam et genus ab Iove summo. 
bis denis Phrygium conscendi navibus aequor 
matre dea monstrante viam, data fata secutus. 

Diese Erzählung ließe sich wohl mit der des III. Buches ver- 
einigten, wofern man das Erscheinen des Venussternes nur auf 
die Zeit der Ausfahrt beschränkt. Aber erwähnt ist in III weder 
diese Erscheinung noch die Einzelheit, daß Aeneas mit zwanzig 
Schiffen abfuhr. Also ist Buch III schwerlich aus I und einen; 
beiden Büchern gemeinsamen Plane erwachsen. Ja, der dunkle 
Hinweis auf ein von Iuppiter abstammendes Geschlecht Italiens, 
der erst verständlich wird durch das Orakel der Penaten 

III 167 Mnc Dardanus ortus 

Iasiusque pater, genus a quo principe nostrwn, 

ist nur als Reminiszenz an diese Stelle aufzufassen. Immerhin 
sagt Aeneas nichts über seine Zukunft aus, was er in Karthago 
noch nicht wissen durfte. 

Anders im übrigen I. Buche und in den Büchern II, IV — VI: 
das letzte Ziel der Fahrten wird hier unverhüllt ang-egeben und 
ist dem Helden selbst durchaus bekannt. Schon vor der Abfahrt 
von Troja, ja vor dem Entschlüsse dazu nennt der Schatten der 
Creusa Hcsperien und den 'lydischen' Fluß Thybris II 781 f., 
dessen Name V 83 und VI 87 wiederkehrt; sogar Latium ist 
den Troern als Ziel ihrer Fahrt bekannt (I 205. 554. IV 432. 



32 Die romische Odyssee 



V 731. VI 67. 89; dazu 892) in scharfem Widerspruche zu III 
und VII 151. Zu diesen bestimmten Angaben aller fünf Bücher, 
wovon zwei (V 83. 731) anerkannt jung - sind, kommt auch eine 
Stelle des III. Buches hinzu, wo Aeneas selbst dem Helenus beim 
Scheiden sagt: 

Ulf. 500 st quando Thybrim uicmaque Thybridis arva intraro . . . 

Diese Kenntnis des Thybris kann Aeneas aus keinem der vor- 
angehenden Orakel des III. Buches erlangt haben 1 ). Aber der 
Leser muß schon sehr genau aufmerken und zurückschlagen, 
bis er diesen kleinen Widerspruch beachtet und schließlich ent- 
deckt, daß der dem Dichter geläufige Flußname seinem Helden 
aus der Weissagung seiner Gemahlin Creusa in Buch II bekannt 
ist. Helenus hat ihn noch unmittelbar vorher vermieden und 
auch bei Erwähnung des Sauprodigiums das Tiberufer ganz 
unbestimmt durch secreti ad fiuminü imdam (III 389) bezeichnet. 
Die Namensnennung stimmt also lediglich zu den Voraus- 
setzungen der anderen Bücher: der Dichter kann sie im III. Buche, 
das so aus einem Gusse und in sich geschlossen ist, nicht aus 
Vergeßlichkeit sondern nur absichtlich angebracht haben, nämlich 
um einen Ausgleich der verschiedenen Voraussetzungen nach- 
träglich herbeizuführen. Jedenfalls muß man von diesem sicher 
unorganischen und wahrscheinlich jungen Zusätze III 500 — 505 2 ) 
absehen, wenn man den Charakter des III. Buches bestimmen will. 
Denn darüber kann kein Zweifel bestehen: in völliger Un- 
gewißheit über ihr Schicksal und das ihnen bestimmte Ziel stechen 
die Trojaner III 7 in See: 

incerti, quo fata ferant, übt Bittere detw, 
vgl. III 88 quem sequimur? quove vre iubes, übt / m 



V) So treffend Conrads und lleinze (86. 1). der doch die Geschlossenheit des 
Buches verkennt. Sein 'Versehen des Dichters, der sich von der früheren [?] K. u- 
zeption noch nicht völlig losgemacht hat', beruht auf einer petitio principii. 

*) Die Ahgrcii/iinq ist schwierig, weil Vergfl die Klammer gut eil hat. 

Die ausgehobenen Worte "»00 f. sind unentbehrlich für die folgenden Verse, 
muß man mehr (496 — SOS?) verdächtigen, was sich sonst gut nn dftl Pen itenorakel 
anlehnt (so Darl.mus 608 an 167), aber nicht an das des Helenus 198 l sm 
viü alt und genügten als Abschiedsworte. Od« Vers .t7 einer älteren, 

allgemeineren Ortsangabe. 



Der Thybris in Buch III und II 33 

Selbst die letzte und vollständigste Aufklärung- durch den Seher 
Helenus beschränkt sich auf Nennung von Ausonien, Italien und 
den wichtigsten Orten bis nach Cumae hin, wo Aeneas die 
Sibylle aufsuchen soll, um von ihr mehr zu erfahren. Diese 
Pointe wird von vornherein verdorben durch die dem III. (wie 
dem VI.) Buche vorausgeschickte Weissag-ung- der Creusa: 

II 780 longa tibi exilia, et vastum maris aequor arandwn. 
et terram Hesperiam venies, ubi Lydius arva 
inter opima virum lern ßuit agmine Thybris: 
illic res laetae regnumque et regia coniunx 
parta tibi. 

Auf dieser Offenbarung der Zukunft aufgebaut, wäre das 
ganze III. Buch undenkbar. 

Die beiden Bücher können nicht in einem Zuge 
hintereinander gedichtet sein 1 ), das ist das Mindeste, was 
aus der Beobachtung dieses Widerspruches folgt. Hinzu kommt, 
daß eine Fug-e zwischen Buch II und III auch sonst deutlich 
zu erkennen ist. Der Schluß der Iliupersis besagt, eine un- 
geheuere, auf Auswanderung - drängende Volksmenge habe sich 
entschlossen der Führung des Aeneas anvertraut und ihm die 
Wahl überlassen, er aber habe sie, da die Danaer alle Tore 
besetzt hielten und es keine Hilfe mehr gab, am nächsten Tage 
in die Berge geführt: II 796 — 804. Dagegen setzt III ganz neu 
ein mit einem zusammenfassenden Rückblicke auf Trojas Unter- 
gang, Erwähnung von Götterzeichen, die die Aussendung ver- 
schiedener getrennter Expeditionen anraten, und mit dem Bau 
einer Flotte (III 1 — 6); dabei wird plötzlich mit großen Zeiträumen 
gerechnet. Heinze nimmt ohne Weiteres an (S. 61), die Iliu- 
persis erscheine nicht nur zum Einzelgedicht abgerundet, sondern 
sei auch als solches ursprünglich komponiert worden, was 
nicht bewiesen und meiner Überzeugung nach falsch ist. Aber 
auch wenn er Recht hätte, bliebe das Verhältnis von II und HI 
dasselbe : zwischen der Abfassung der beiden Bücher muß geraume 
Zeit verstrichen sein, und nirgends in Buch III werden die Einzel- 



J ) Trotz Kroll, der S. 161 Buch III unmittelbar auf II folgen läßt. 
G e r c k e , Die Entstehung der Aeneis. 3 



34 II- Di e römische Odyssee 



heiten von II vorausgesetzt, außer in dem notorischen Zusätze 
III 500-505. 

Umgekehrt werden bei Erzählung der Irrfahrten Einzel- 
heiten erwähnt, die in der Iliupersis fehlen und doch dort vor- 
gekommen sein müßten, falls dieses Buch vorher geschrieben 
worden wäre und die Irrfahrten auf diesen Voraussetzungen 
fußten. Sie fußen nicht darauf, sind also selbständig und vor 
Buch II gedichtet. Das läßt sich mit Sicherheit beweisen. 

Auf Kreta erscheinen nachts dem Aeneas die Penaten. 
Deren Name ist zwar schon III 12 vorgekommen, aber er^t 
III 148 wird der Leser mit ihnen genauer bekannt gemacht: 

effigies sacrae divum Pkrygnque Penates, 

qxios mecum ab Troia mediisque ex ignübus urbis 

extxderam, 

ohne Rückblick auf die Erzählung der Iliupersis 1 ). Auf Kreta 
sprechen nun diese Götterbilder und geben dem Aeneas als Ziel 
seiner Fahrt Hesperien, Italien, Ausonien und Corvthus an, von wo 
Dardanus stamme: das soll er seinem betagten Vater berichten, 
III 147 — 171. Aeneas tut das, und da erinnert sich Anchises 
der Sprüche der Cassandra, die sie allein verkündet hatte, ohne 
Glauben zu finden; dies wiederholt jetzt Anchises: 

III 18:5 sola mihi talis casus ' assandra canebat. 

nunc repeto: 'haec generi portendere debita nostro 
et saepe Ilesperiam, saepe Kala regna v 

Weder wird hierbei vorausgesetzt, daß diese Verkündung 
vorher erzählt worden war, noch ist von dieser Bedeutung 
Cassandra überhaupt irgendwo sonst in der Aeneis die Rede, 
außer in der kurzen Bemerkung der Iuno X 68 ItaUam 
< andrm impulsus fvriis. Die Weissagung auf Kreta ist für 
Aeneas und seine Genossen etwas gfani N An. 



') Auch I :J7S sinn ;/i'i(S AfiKas, raptOS iji 
m, freilich nicht an Dido gerichtet« Wirte, klingen eher wie die Remini- 
an eine bekannte Geschichte als -wie die erste Kinführung unbekannt!.: 
einer unbekannten Tat. 



Cassandra, Buch II jünger als III 35 

früher, in Troja, nichts von den Reden der Cassandra verlauten 
ließ, ist ganz geschickt motiviert III 186 f.: 

sed quis ad Hesperiae venluros litora Teucros 
crederet? mit quem tum vates Cassandra moverett 

DieBehauptung-derluno ist also unwahr: niemand glaubte und folgte 
ihr. Trotzdem war eine Erwähnung der Anweisungen in Buch II 
am Platze, wo die letzten Tage von Ilion erzählt werden und 
Cassandra den Trojanern im allgemeinen II 247 wirklich Unheil 
kündet: 

dei iussu non umquam credita Teucris. 

Daß sie dabei dem Anchises die Zukunft seines Geschlechtes 
enthüllte, ist hier nicht erzählt noch angedeutet. Wohl aber 
tut das am Schlüsse der Iliupersis II 780 ff. Creusa : sie nennt 
dem Aeneas von dem, was ihm künftig bestimmt ist, ohne daß 
er bis dahin an dergleichen denken konnte, mehr als Cassandra 
und die Penaten zusammen, nämlich Hesperien und den Fluß 
Thybris und dazu ein neues Reich und eine neue königliche 
Gattin. Wie kommt der Schatten der Creusa zu dieser Gabe 
der Weissagung, die die lebende Gemahlin nie besessen? Hat 
sie nicht die allbekannte Seherin einfach verdrängt? Diese 
sollte ja (nach dem III. Buche) allein Auskunft gegeben haben, 
und zwar dem Anchises; und Vater und Sohn, die sich doch 
wohl das Meiste und Wichtigste sonst mitteilten, sollten bis zur 
Ankunft in Kreta im Dunkel geblieben sein, daß die Fahrt 
weiter gen Westen gehen würde. Dieses Unterstreichen sola 
Cassandra canebat III 183 ist zwecklos und zweckwidrig, wenn 
Creusas Schatten das Weissagen auch übte und besser besorgte. 
Denn man wende nicht ein: Cassandra weissagte dem Anchises 
allein, Creusa dem Aeneas. Der Dichter meinte nicht soll mihi 
canebat sondern: 'unzweifelhaft hätte ich, Anchises, derartigen 
Prophezeiungen geglaubt, wenn mehrere sie vorgetragen hätten 
oder ein glaubwürdigerer Prophet als Cassandra — aber sie 
war es ja allein'. Also nicht Creusa! Folglich ist deren Auf- 
treten, dieser Schlußstein des II. Buches (S. 37, 1), eine jüngere 
Erfindung. Buch II ist jün ger als III. Wie kann man das noch 

bestreiten wollen? 

3* 



36 II- Die römische Odyssee 



In der Not greift der Ertrinkende zum Strohhalm, und so 
die mehr apologetisch als kritisch gesinnten Interpreten zu der 
überall wenig glücklichen Frage, ob und was wohl der Dichter, 
wenn er länger gelebt hätte, gestrichen hätte. Aber was der 
Dichter etwa später noch ändern, wegnehmen oder zusetzen 
konnte oder wollte, können wir überhaupt nicht wissen und 
haben wir nicht zu fragen. Als Schiller der krasse Widerspruch 
im Don Karlos nachgewiesen worden war, daß die Existenz der- 
selben Briefe der Elisabet, die die Verwicklung und Katastrophe 
herbeiführen, im Beginne des Dramas geleugnet wird, hat er 
sich zwar über die pedantische Kritik sehr geärgert, aber nicht 
ein Strichelchen dieses Widerspruches mehr gestrichen, obwohl 
er dazu bei mehreren verkürzenden Überarbeitungen Anlaß und 
Gelegenheit hatte 1 ). Wie will man also dem Vergil solche 
Absichten zuschreiben, der vielleicht die Widersprüche eben- 
sowenig beachtete wie die meisten seiner Leser und viele ältere 
Erklärer? Und wie will man gar erkennen, was der Dichter 
beseitigen wollte oder mußte? 

Forbiger u. a. wollen Creusas Hinweis auf Hesperien und 
den Thybris opfern, sind auch bereit den Venusstern I 382 und 
das Orakel des Apollo von Gryneion IV 3-45 f. im Notfalle preis- 
zugeben 2 ). Aber das ist Gewalt, gegen die man mit Recht 
protestiert hat 3 ). Die Erzählung in Buch III gilt als die Norm, 
an der alles andere zu messen ist, aber man erblickt in III die 
jüngste und endgültige Ausgestaltung der Pläne Verg'ils. Das 
ist wieder eine äußerst schwache Position, da das Gegenteil aus 
sola folgt. Aber zugegeben, durch die Dichtung von Buch III 
wären die entgegenstehenden Stellen überflüssig geworden, so 
müßte man dieses Verdikt auf zahlreiche Stellen der ganzen 
Aeneis ausdehnen, ohne doch zu einer befriedigenden Hypothese 
über ihre Entstehung zu gelangen. 

Wer die Weissagung der Creusa über Hesperien und 
Thybris II 781 f. streicht, der muß mindestens auch den Hinweis 



') Oben S. 6. 

*) So Heinze S. 62 und 87. 1. Was will er mit III 500 m.ic 
') Karsten, Hermes XXXIX l'7'J. Es ist im Grande der Kampf der modernen 
historischen Kritik gegen Zenodot und Aristarch. Nitsch und Blaß. 



Creusa, Buch II jünger als VI 37 

auf das künftig-e Reich und die künftig-e Gemahlin 783 f. dran- 
geben. Der Creusa bleibt dann fast nichts zu melden, als daß 
sie auf Geheiß der Göttermutter abgeschieden ist. Also würde 
man am besten auf ihre g*anze Erscheinung - (II 769 — 795) ver- 
zichten l ). Sie ist ja sowieso zum Weissagten auch als Schatten 
wenig - geeignet. Auch scheint keine der Vergil bekannten 
Quellen ihm dieses Motiv an die Hand gegeben zu haben wie 
die übrigen Weissagungen, sondern es war offenbar seine 
eigenste Erfindung. Die Erscheinung versöhnt jedoch den Leser 
mit dem Gedanken, daß Aeneas eine zweite Gattin in der zweiten 
Heimat freien wird, und bildet zugleich einen wirksamen Ab- 
schluß der Iliupersis. Was bedeutete dagegen dem Dichter 
Cassandra mit ihren dunkelen, nicht beachteten Rätselworten 
oder der gryneische Apollo und die lycischen Orakel? Die 
konnte er so schnell vergessen oder preisgeben, wie er sie aus 
seinen Quellen entlehnt hatte, aber nicht die eigene Erfindung. 

Die Prophetenworte der Creusa sind aber recht eigentlich 
eine Dublette zu denen der Sibylle: 

VI 87 et Thybrim multo spumantem sanguine cerno .' . . 
93 causa mali tanti coniunx iterum hospita Teucris 
externique iterum thalami. 

Hieraus sind jene geflossen, bis auf das farblose Hesperien. 
Allein wie viel schöner sind in der Raserei der Sibylle das 
orakelhafte Dunkel und die Zweideutig-keit in der Wiedergabe 
ihrer visionären Entzückung! Aeneas soll an Helena denken, 
die gastfrei den Teuerer Paris bei sich aufnahm und durch den 
neuen Bund den gewaltigen Krieg verursachte: wieder wird ein 
mörderischer Krieg beginnen um eines Ehebündnisses willen. 
Der Name des Tiberstromes wird fast verborgen unter Strömen 



l ) Die Iliupersis enthält aber auch andere Weissagungen und Vorzeichen, 
und auch in ihnen ist eine beabsichtigte Steigerung wahrzunehmen. Im Schlafe er- 
scheint dem Aeneas zunächst der Schatten Hectors (II 270) und fordert ihn auf, 
sich und die Penaten aus Troja zu retten in eine neue, große Stadt jenseits des 
Meeres (289 — 95). Sodann umgibt ein Flammenschein Scheitel und Stirn des Iulus 
(II 682 — 4), und unmittelbar darauf fällt eine leuchtende Sternschnuppe über dem 
Ida zur Erde (II 693 ff.). Creusa liefert dazu die unentbehrliche Ergänzung. 



38 n. Die römische Odyssee 



Blutes. Wie nüchtern ist dagegen die Dublette ausgefallen, die 
durch ihre Vorzeitigkeit die ganze Pointe zerstört! Wenn 
Aeneas bereits V 83 und III 500 den Thybris nannte, so konnte er 
ihn nur aus der Angabe der Creusa kennen. Das V. Buch ist 
aber, wie wir gesehen haben, jünger als III: diese Stellen stehen 
und fallen also zusammen. 

Erst die Sibylle nennt dem Aeneas auch Latium als seinen 
Bestimmungsort, auch dies noch in mystischer Form: 

VI 89 alius Latio iam partus Achilles. 

Die Orakel des III. Buches haben davon noch nichts ge- 
sagt. Wie kann also der Schatten des Anchises diesen ein- 
heitlichen Plan durchkreuzen und dem Sohne verraten: 

V 731 gens . . debellanda tibi Latio est? 

Vielleicht verfügte Anchises in dieser jungen (S. 21, 1) Partie über 
tiefere Einsicht, wie auch der Schatten Hectors und der Creusa, und 
wie er selbst nachher als Erklärer der Heldenschau und VI 892. 
Aber ganz rätselhaft ist, woher die Trojaner selbst schon I 205. 55 I 
und Dido IV 432 dies Ziel kennen, so daß Aeneas es seinerseits 
VI 67 der Sibylle angibt. Ex eventu ist alles klar, aber die 
Dichtung zeigt nur in Buch III eine klare, folgerichtige Ent- 
wicklung. Freilich mußte der Held von den schrecklichen Er- 
öffnungen der Sibylle niedergeschmettert geschildert werden 
und nicht, wie jetzt, ihr entgegenstellen, das alles berühre ihn 
nicht, sei ihm nicht neu: 

VI 103 /<('» oll" laborum, 

<> virgo, nova mi fade» inopinave surgit: 
omnia praeeepi atque ardmo mecum <mf. peregi. 

Im- will mehr, er will ins Totenreich hinabsteigen und darf <!>irum 
nicht niedergedrückt und überrascht sein. Darum komm? 
ihr zuvor, indem er von ihr nur Bestätigung seiner Absichten 
und seiner Rechte fordert: 

VI 66 </-'. non indebitc 

um tmm /'"'-. Lotio conndtn Teuon 



Latium, Alter des III. Buches 39 

So ist die ältere Dichtung- umg-ebogen: dies für alt zu erklären 
ist unmöglich. Denn der von Helenus geforderte Besuch der 
Sibylle hatte ja keinen Sinn, wenn Aeneas von ihr nichts Neues 
erfahren sollte. Einen Besuch des Totenreiches hatte der Seher 
nicht entfernt im Sinne, sondern seine noch mangelhaften 
Prophezeiungen sollten durch die Priesterin des Apollo ergänzt 
werden, hierfür wollte der Dichter die letzten Enthüllungen der 
Zukunft aufsparen. 

Hierzu gehörten die Namen Tiber und Latium, die Aussicht 
auf die Hand einer Königstochter und auf ein großes König- 
reich. Nur dies letztere war dem Aeneas bereits durch die 
Penaten versprochen worden III 159, aber auch hier hat Creusa 
II 783 die frohe Aussicht vorweg-genommen. 

Somit ergibt sich, daß die Irrfahrten III 1 — 708 nebst 
der inhaltlich als Ergänzung dazu gehörigen Befragung der 
Sibylle VI 1 — 101 (wenige Verse ausgenommen) früher ver- 
faßt sind als die in sich ziemlich geschlossenen Bücher 
II und V und eine Anzahl Stellen des I. Buches sowie 
eine (die Erwähnung Latiums 432) des IV. Buches. Dieses Er- 
gebnis kann auch durch die noch nicht besprochene Beweisführung 
Schülers für die späte Abfassung des III. Buches nicht umgestoßen 
werden. Conrads Scharfblick tritt immer siegreicher hervor. 

Die Datierung- von IV 345 f. und 376 f. (gryneischer Apollo 
und tycische Orakel) muß vorläufig dahingestellt bleiben. Und 
ebenso soll aus dem Schweigen des Helenus über Karthago 
hier kein Schluß gezogen werden, da seine Weissagung nicht 
einheitlich ist und möglicherweise bei einer Überarbeitung eine 
Erwähnung des Sturmes und der Liebesgefahr unterdrückt worden 
ist. Endlich muß auch die Frage noch offen bleiben, für welche 
Stelle des Epos die alte Icherzählung des III. Buches bestimmt 
war, wenn doch die jetzige Exposition in Buch I größtenteils 
jünger war. 

4. Buch I und IV 

Während der Bericht des Helden in Buch III und II mit 
der Rahmenerzählung nur locker zusammenhängt, läßt sich das 
chronologische Verhältnis der beiden Bücher dieser Rahmen- 



40 II. Die römische Odyssee 



erzählung mit aller wünschenswerten Klarheit bestimmen: die 
glänzende Exposition der karthagischen Abenteuer in I ist im 
ganzen wie in den meisten Einzelheiten jüngere Dichtung als 
die psychologisch tiefere und in vollendeter Rhetorik packendere 
Liebesgeschichte des IV. Buches. 

Zwar weist das I. Buch klar auf das glänze Epos hin. Aber 
fast alle die Vorverweisungen unterliegen dem Verdachte, daß 
sie erst nachträglich an die Spitze gestellt worden sind; und 
wir haben bisher lauter junge Stücke des I. Buches kennen 
gelernt, von denen ein Teil das Dunkel des alten Buches III 
ignorierte, ein anderer mit der ganz jungen Stadtgründung in V 
zusammenging. Nur die Jahreszählung I 755 war älter als die in 
V vorkommende, was freilich um so weniger beweist, als solche 
Rechnungen in großen Dichtungen jung zu sein pflegen und 
die Aeneis selbst deutliche Spuren von älteren allgemeineren 
Zeitangaben enthält. Auch das großartige, in Zahlenspielerei 
schwelgende Zukunftsbild, das Iuppiter der Venus I 257 — 296 ent- 
wirft, ist zwar etwas älter als die Berechnung V 626, entfernt 
sich aber weit von der Einfachheit der Schilderungen wie der 
dabei vorausgesetzten Situationen in III und IV. Überhaupt 
trägt Buch I einen unruhigeren Charakter, zeigt mehr Berechnung 
und äußerliche Effekthascherei und geht nicht so zielbewußt auf 
den Kern der Sache ein, sondern hält sich mit vielem Beiwerk auf, 
ohne doch an Kraft und Bedeutung das VI. Buch erreichen zu 
können, das in seiner Nekyia den größten und prachtvollsten 
aller Exkurse enthält. 

Die Frage, ob Buch I in einem Zeitpunkte rasch entworfen 
und niedergeschrieben ist, wird sich deshalb schwer beantworten 
lassen. Der häufige Wechsel des Schauplatzes auf dem Meere, 
dem Lande und im Himmel verrät zwar keine geschlossene 
innere Einheit der Handlung', kann aber nach homerischen] 
Muster ohne große Pausen entstanden sein: und auch eine ge- 
wisse Verschwommenheit in der Zeichnung' der Charakter.' 
und Pläne von Göttern und Menschen spricht nicht gegfeil die 
Einheit. Ist diese aber vorhanden, so muß das ganze Bucfa einer 
ziemlich jungen Periode der Dichtung angehören: eine gewisse 
Ermüdung des Dichters läßt sieh vielfach beobachten, die Über- 



Häufung der Motive in Buch I 4.]^ 

Sättigung - erzeugt Weitschweifigkeit, Hinwendung zu Neben- 
sächlichem, Mangel an Erfindung, Vergeßlichkeit in bezug auf 
das, was schon gesagt werden darf, was noch zu verschweigen ist. 

Vielleicht ist aber diese innere Einheit gar nicht wirklich 
vorhanden sondern liegt nur scheinbar vor, weil gröbere Wider- 
sprüche innerhalb des einen Buches vermieden sind. Die sich an 
Naevius anlehnende prachtvolle Schilderung des Sturmes zeigt 
nichts von Ermüdung des Dichters und kann sehr wohl alt, aus 
einem älteren Entwürfe herübergenommen sein : daß das Unwetter 
zweideutig hiems 1 ) genannt wird (I 122. 125), paßt schlecht für 
die Exposition eines Sommers, welche Jahreszeit aber erst am 
Ende des Buches (I 755) angegeben wird. 

Größer ist der Widerspruch, wenn I 418 — 38 geschildert 
wird, wie Karthago gerade gebaut wird, so daß Aeneas beim An- 
schauen ausrufen kann: 

(437) fortunati, quorum iam moenia surgunt, 

dagegen gleich darauf ein Hain mitten in der Stadt mit einem 
prachtvollen Iunotempel beschrieben wird, dessen Malereien das 
Staunen der Betrachter hervorrufen (I 441 — 493): der also voll- 
ständig - fertig war, bevor die Stadtmauern ringsum standen 2 ). 
Das Merkwürdigste aber ist, daß der soeben dem Meere ent- 
ronnene Aeneas hier wie zu einem Stelldichein die Königin er- 
wartet (454), die er noch nie gesehen, und von der er kaum aus 
der Erzählung der verkleideten Venus etwas erfahren hat; und 
daß dann wirklich die Erwartete gerade hierher kommt (496 f.) 
wie auf der an die Einheit des Ortes gebundenen Bühne. Der 
Treffpunkt war an einem späteren Tage trefflich gewählt, und 
dann hatte der wartende Galan Zeit in Fülle, sich die Gemälde 
genau anzuschauen, vgl. IV 74 f. Das Bild aber vom Bau der 



*) Vgl. oben S. 23 f. 

2 ) Für Heyne ist es charakteristisch, daß er daran Anstoß nimmt, daß mit den 
Burgmauern auch zugleich ein Theater erst gebaut wird (427), aber an dem fertigen 
Tempel mit den Darstellungen aus der Ilias nicht. Übrigens ist auch der Königs- 
palast (I 631 — 42) und mindestens ein Heroon (IV 457) längst vollendet und benutzt. 
Dies ist vermutlich die ältere Konzeption. 



[2 tt Die römische Odyssee 



lischen Stadtburg", das damit nicht zu vereinigen ist, war zu 
anderer Zeit im Geiste des Dichters entstanden, eine Art Vorahnung 
des Baues von Laviniuni, den das Epos nicht mehr schildert. Auch 
im IV. Buche ist von dieser Bautätigkeit der König-in (I 504) die 
Rede; sie stockt völlig" unter dem lähmenden Einflüsse der noch 
unerwiderten Liebe: IV 86 — 89 non coeptae adsurgunt turnt . . . 
Ein unglücklicher Gedanke, daß die Maurer aufhören mit der 
Arbeit, wenn die Bauherrin einer Liebesleidenschaft nachgeht, 
daß diese Leidenschaft der Königin sogar den nun unbeauf- 
sichtigten Burgbau unterbricht! Diese Verse sind ein schlechter 
Flicken. Besser ist der Einfall, daß sich bald darauf Aeneas des 
Baues annimmt (IV 260. 265 f.), aber doch nur ein flüchtiger Einfall, 
um dem Helden einigermaßen eine Tätigkeit zu geben; Mercur 
bezeugt sie, aber Mercurs ganze Rede ist schwerlich alt. Das 
IV. Buch weiß sonst nur von wirklichen, fertigen Stadtmauern, 
so gleich IV 96. Aber auch für Buch I wäre diese Situation 
viel natürlicher, das Bild der Stadt im Bau paßt schlecht zu der 
(Tastfreundschaft der Punier. 

Sehr flüchtig ist die Rede des Ilioneus I 522 — 60 entworfen. 
Er, redet sofort die ihm völlig unbekannte Dido als Königin an: 
woher kennt er sie überhaupt? Nachher erzählt er ihr von 
dem eigentlichen Ziele der Troerfahrt, aber in zwei sich wider- 
sprechenden Angaben: von Hesperien und Italien 530 — 33, in 
wörtlich aus III 163 — 66 entlehnten Versen (denn für die Weis- 
sagung der Penaten auf Kreta waren sie erfunden), und von 
Italien nebst Latium 553 f. nebenbei nach Erwähnung Siziliens 
und des Acestes, auf die er sich dann zum Schlüsse noch einmal 
beruft (549 f. und 557 f.). Das ist alles jung. Von Aeneas spricht 
er zweimal (544 ff. und 555 f.), erwähnt aber Iulus mit unver- 
ndlicher Kürze. 

Venus hält Aeneas' dreizehn (?) Schiffe für verloren I 25J 
(navibut — infanduml — amütM 1 ). Aber obwohl tappiter sie nicht 
hierüber aufklärt, verkündel 1<mc1i darauf ihrem Sohne, 

.sh- wären .:11c gerettet (I :: 



') Um würde viel besser für Sizilien passen, wo die ^chirTc brennen und 
wirklich zugrunde gehen. Auch die Vcrkundung, dnli alle gerettet seien, h,u einen 
cn. 



Häufung der Motive in Buch I 43 

Noch krassere Widersprüche liefert Venus. Nachdem sie 
mit Iuppiter im Himmel (223) eine Unterredung gehabt, dann 
vor Karthago als Tyriermädchen ihren Sohn über Land und 
Leute und Dido orientiert und in eine Nebehvolke gehüllt hat, 
begibt sie sich befriedigt nach ihrem Lieblingsaufenthalte Paphus 
auf Cypern (415 — 17). Der Nebel aber, der wunderbar mit Aeneas 
und Achates herumwandelt (440 f.), zerreißt zur rechten Zeit 
I 586 f., nun ohne jede göttliche Mitwirkung. Der Dichter kann 
die Göttin trotzdem nicht entbehren; denn als Aeneas einige 
Minuten darauf nach Ascanius schickt, muß C3i;herea sich wieder 
einmischen, an seiner Stelle Cupido schicken und ihren Enkel 
für eine Nacht nach Idalia auf Cypern x ) entrücken. Das ist 
keine einheitliche Konzeption, keine ruhige Entwickelung der 
Götterhandlung. Dieses Eingreifen ist aber keineswegs durch 
die irdischen Ereignisse bedingt, nur die Orientierung des 
Tyriermädchens als Exposition der nächsten Geschehnisse un 
entbehrlich, der Tausch Cupidos mit Ascanius ganz überflüssig, 
auch die Nebelwolke leicht zu entbehren; vollends die Unter- 
redung Iuppiters mit Venus, die den gewaltigen historischen 
Hintergrund der ganzen Aeneis zeigen soll, ist auch an anderen 
Stellen ebensogut denkbar. 

Ganz unvereinbar ist die Cupidoepisode mit der großen 
Unterredung zwischen Venus und Iuppiter. Wenn es längst 
feststand und der Mutter bekannt war, daß dem Aeneas Italien 
bestimmt war, daß von den Troern dereinst die Römer abstammen 
würden und Iuppiter dies versprochen hatte (I 233 — 35), endlich 
daß sie nur durch Iunos Wüten von Italien ferngehalten würden 
(251 f.), dann hatte die Bemühung Amors keinen Zweck, sondern 
Venus mußte im Gegenteile, wenn sie bewegt und mißtrauisch 
eingriff, alles daransetzen, ihren Sohn von Karthago fortzubringen. 
Die völlige Enthüllung der Zukunft durch Iuppiter I 254-96 
machte aber die ganzen Sorgen und Intrigen der Mutter über- 
flüssig und lächerlich. Jedoch nicht diese sind nachträglich vom 



J ) Vgl. X 50 f. Die Einschränkung I 683 noctem non amplius unam in Venus' 
Rede an Cupido ist ein schwacher Ersatz dafür, daß der Dichter die Rücksendung 
des Ascanius nicht erzählt. 



^± II. Die römische Odyssee 



Dichter erfunden worden — eine solche Erfindung- aus entgegen- 
stehenden Voraussetzungen heraus wäre undenkbar — sondern 
der Boden ist der Sendung Cupidos nachträglich entzogen 
worden durch Iuppiters unnötiges Entgegenkommen, schon durch 
sein in die Vorgeschichte verlegtes Versprechen, von dem Venus 
nachher nichts mehr weiß. Sogar die jetzt unentbehrliche Ex- 
position durch das Tyriermädchen scheint relativ jung-e Aus- 
dichtung zu sein. 

Jedenfalls ergibt sich, daß Buch I keineswegs in sich ein- 
heitlich ist; und wahrscheinlich enthält es nur wenig ältere Be- 
stände, wie sich namentlich durch Vergleich mit Buch IV heraus- 
stellt. Dieses macht trotz des Wechsels von Spiel und Gegenspiel 
einen viel geschlosseneren Eindruck l ). Von den beiden ein- 
gelegten größeren Götterepisoden wird sich die Entsendung 
Mercurs durch Iuppiter, die zu dem Aufschlagen der Schicksals- 
bücher in I stimmt, noch als jüngere Zudichtung entpuppen. 

Die andere Episode IV 90 — 128 ist eine Dublette zu der 
Intrige der Venus im I. Buche: Iuno trifft mit ihrer Feindin 
eine Vereinbarung, um Aeneas dauernd an Karthago zu fesseln. 
Diese beabsichtigte Dauerhaftigkeit (IV 99 pacem aeternam pac- 
tosque hymenaeos) mit Wahrung guter bürgerlicher Moral ist, 
wenn man so will, eine Steigerung und Überbietung der Cupido- 
episode. Aber das Mittel, das nachher die erfahrene Ehegöttin 
anwendet, um einer flüchtigen Neigung eine weltgeschichtliche 
Bedeutung zu verleihen, ist etwas ungewöhnlich gewöhnlich 
und muß den letzten Zweck verfehlen: als ein Gewittersturm 
Tyrier und Troer auf der Jagd überrascht, flüchten sich Aeneas 
und Dido in eine Höhle, um sich hier zu vereinigen: 129 — 72. 
Wenn Amor seines Amtes bei Dido gewaltet hatte, so brauchte 
Iuno höchstens noch durch Venus auf ihren Sohn einen ge- 
wissen Einfluß auszuüben; die Gelegenheit zu sündigen (vgl aJpa 
IV 19. 172) linden verliebte Menschenkinder auch ohne glitt liehe 
Hilfe. Aber wie sollte hieraus ein neuer Lebensplan des Aeneas 



>) Vgl. zu IV N6 705 ! i'enquiu, De Didonis Vofgflia&M exitu, D 
iggb. L910, wonach nur wenig l 'nharnumischci bleibt. Freilich 887 is' 
kehrt erklärt. 



Intrigen der Venus und der Iuno in Karthago 45 

erwachsen? Wie konnte die erfahrene Ehegöttin erwarten, daß 
sich die Liebenden, nachdem sie sich so mühelos gefunden, nun zu 
einem ewigen Bunde vereinig-en würden? Wie konnte sie die 
Tätigkeit Cupidos nachahmen und sich einbilden, die Institution 
der Ehe zu schützen und Rom vor der Gefahr der troischen 
Invasion zu bewahren? Das sind bare Unmöglichkeiten. Diese 
Intrige der Iuno ist ein flüchtiger, nicht durchgeführter Einfall 
des Dichters. Der Gewittersturm war nicht das Ergebnis, sondern 
ein Stück älterer Dichtung - , ursprünglich dem stets den Liebenden 
so günstigen Zufalle verdankt, jetzt nachträglich durch Götter- 
willen begründet. 

Die Stellung der Venus, die sich bei dieser Intrige ins 
Fäustchen lacht (IV 128), weil sie Iuno überlistet habe, ist 
nicht ganz durchsichtig. Sie konnte nicht auf deren An- 
sinnen eingehen, wenn sie bereits von Iuppiter die Schicksals- 
bestimmung ihres Sohnes erfahren hatte: dann mußte ihre Ant- 
wort Lug und Trug sein. Vielleicht gab es aber einmal eine 
Zeit, wo Venus nach des Dichters Absicht über das Anerbieten 
der Iuno nicht lächelte, sondern es freudig aufnahm und höch- 
stens Zweifel in die redlichen Absichten der Iuno setzte, ob sie 
dem Feinde eine so ehrenvolle Stellung in Libyen wirklich 
gönne; wo Venus die Zukunft ihres Sohnes ebensowenig oder 
noch weniger kannte als Iuno. Wenn sie aus dieser bangen 
Ungewißheit heraus erklärte: 

IV 110 $ed fatis incerta feror, si Iuppiter unam 
esse velit Tyriis urbem Troiaque profectis 
miscerive probet populos aut foedera iungi. 
tu coniunx, tibi fas animxan tentare precando; 
perge, sequar, 

warum sollte ihr das nicht bitterer Ernst sein? Sie brauchte 
freilich die Vermittlung der Iuno nicht mehr, nachdem Iuppiter 
ihr selbst unmittelbar die Zukunft enthüllt hatte. Nun wurde 
der Sinn zu Unsinn, der aus der Not geborene Ernst zu List 
und Verschlagenheit, ihre demütige Bitte zur hochmütigen Ab- 
wehr einer Intrige. Darum fügte der Dichter jetzt, wie ich 
glaube, vor IV 107 ('sie antwortete der Iuno') die Worte ein: 



46 II. Die römische Odyssee 



IV 105 olli — sensit ejwu simulata uiente lomtam, 

quo regnum Italiae Libycas averteret oras — , 

und in 128 sprach er jetzt von dolis repertis, um die junge Prophe- 
zeiung des I. Buches in einen erträglichen Zusammenhang mit 
der älteren Intrige des IV. Buches zu bringen. Trotzdem ist 
die Intrige selbst nicht sehr alt. 

Anders steht es mit dem Kern des IV. Buches, der weit 
altertümlicher ist als Buch I in seiner Gesamtheit. Die ganze 
erste Beg-egmung zwischen Dido und Aeneas ist jünger, sie kann 
ursprünglich nicht so erzählt gewesen sein, wie wir sie jetzt 
lesen. Das verraten gleich die ersten Verse des IV. Buclu-s, 
mit denen Dido ihre Schwester anredet: 

IV 9 Anna soror, quae me suspensam üisomnia terrent! 
quis )iovns für nostris suceessit sedibw hospes, 
quem sese ore ferens, quam forti pectore et armü! 
endo equidem (nee vana fides) gsnus esse deorwn: 
degeneres ariimos timor argult. 

Dido nennt den Xamen des Aeneas nicht; und wenn nicht drei 
Bücher vorangingen, müsste man glauben, sie habe ihn noch 
nicht erfahren (trotz iamduduni IV 1). Seine göttliche Abkunft 
(jgentis honos IV 4) erschließt sie aus seinem heldenhaften Sinne, 
nicht aus seinem eigenen Berichte. Wie ist das zu erklären, nach- 
dem der Ankömmling sich ihr als Troius Aeneas vorgestellt (I 6tM>) 
und die Königin ihn in freudiger Überraschung begrüßt hat: 

I 615 Quis te, nate dea. ;<-/■ tanta pericula casus 
qidiurf quae vis immanibus adpUeai m 
Ule Aeneas, quem Dardanie Am-hisae 
iiliim Venus Phrygü aenuii SimoenUs ml undatnt 

Auf seine Ankunft war Dido durch llioneus genug vorbereitet 
(vgl. 575 f. i, die Bestätigung konnte sie von der gesamten 
gleitung des Aeneas erhalten, nicht nur aus seinen eigenen aus- 
führlichen Erzählungen: Krieger und Frauen, in neunzehn o 
zwanzig Schiffen gelandet, hätten jede Heimlichkeit oder Ver- 
stellung Lügen gestraft Darüber brauchte Dido keine unruhige 
Nacht mehr zu haben und hat sie nicht gehabt: nur die in ihrer 



Buch IV alt, Dido weiß fast nichts von Aeneas 4, 

Brust entfesselten Gefühle ließen sie nicht schlummern, sondern 
immerfort an den göttergleichen Ankömmling denken. Aber 
seine göttliche Abstammung kannte sie im Beginne des IV. Buches 
noch nicht, sie ahnte sie nur und erschloß sie. Der Dichter setzt 
nichts als die Ankunft und eine Begrüßung zwischen der Königin 
des Landes und dem einsam ins Innere des Landes vorge- 
gangenen Helden voraus, der sich noch nicht zu erkennen ge- 
geben hat. Buch I lag also nicht vor, statt seiner vielleicht nur 
wenige einleitende Verse l ). 

Fast noch wichtiger ist die zweite Folgerung: auch der 
Selbstbericht des Aeneas von seinen Erlebnissen kann der schlaf- 
losen Nacht nicht vorausgegangen sein. Aeneas kann nicht am 
ersten Tage oder Abende der Dido den Apologos der Bücher 
II und III mitgeteilt haben. Wir dürfen sogar sagen: die ältere 
Didodichtung kannte diesen großartigen Bericht überhaupt nicht* 
obwohl sich die Königin angeblich immer wieder abends seine 
Abenteuer von Aeneas erzählen ließ: 

IV 77 nunc eadem labente die convivia quaerit 
Iliacosque iterum deinem audire labores 
exposcit pendetque iterum narranäs ab ore. 

Die Stelle, wo dies gespannte Lauschen der königlichen Zuhörerin 
zum ersten Male erzählt war, wird man vergeblich suchen, da 
der Dichter die "Wirkung der Erzählung auf Dido am Ende des 
III. (wie des II.) Buches zu schildern vergessen hat: dafür nach- 
träglich von dem wiederholten tiefen Eindrucke zu sprechen, ist 
eine Eigentümlichkeit Vergils, die man wohl einen Trick nennen 
darf, weil dadurch eine Lücke nachträglich nicht ausgefüllt aber 
doch verdeckt wird. Auch Didos Geständnis IV 9 ff. hat zu 
gleichem Zwecke einen solchen ausgleichenden Zusatz erhalten: 

IV 13 heu quibus ille 

iactatus fatis, quae beüa exJiausta canebat, 

also einen nachträglichen Hinweis auf Buch III und IL Trotz- 
dem erwähnt sie aber nach der fluchtartigen Abfahrt der Tro- 



J ) Auch der kurze Rückblick IV 373 — 75 setzt wohl eine andere Situation 
als in I voraus, doch ist die Skizze zu ungenau für sichere Schlüsse. 



48 II- Die römische Odyssee 



janer mehrere bemerkenswerte Einzelheiten aus ihrer Vor- 
geschichte so, daß man erkennt, von Aeneas selbst hatte sie ■ 
diese weder einmal noch gar wiederholt gehört: 

IV 597 en dextra ßde^qw, 

quem secum patrios ahmt portare Penates, 
quem subiisse umerls confectum aetate parenteml 

Von den Penaten hat Aeneas freilich im ganzen III. Buche ge- 
sprochen (dazu II 717. 747), von der väterlichen Last II 707 f. 
721 — 23. 804. Aber Dido hat sich diese Geschichte von den 
Trojanern erzählen lassen. Wie viel wirkungsvoller wäre es 
gewesen, hätte sie den frommen Aeneas des Widerspruches zu 
seiner eigenen Erzählung anschuldigen können! Allein sie kannte 
jetzt den Bericht immer noch nicht, fast so wenig wie in der 
ersten schlaflosen Nacht nach der ersten Begegnung. Vergil 
hatte den Apologos entweder noch nicht gedichtet oder das 
III. Buch, das auf ein hohes Alter Anspruch hat, nicht für Kar- 
thago und die Ohren der Dido bestimmt 1 ). Wo sollte wohl auch 
dieser Bericht gestanden haben? Wenigstens den Platz dafür 
müßte, auch wenn Buch IV in Überarbeitung vorliegt, derjenige 
angeben, der etwa quem . . aiunt sarkastisch für q>'i . . se m't gesagt 
glaubt und daher die Unkenntnis der Dido nur für ihr erstes 
Geständnis zugibt, aber in der bitteren Erwähnung des gerücht- 
weise Gehörten mehr sehen will, daß nämlich Dido die volle 
Kenntnis aller in Buch II und III gemachten Eröffnungen besaß. 
Dies ist aber auch aus anderen Gründen für die ganze 
Liebesgeschichte nicht wohl anzunehmen. Über den Absichten 
und Zielen des Geliebten mußte ein Halbdunkel schweben, damit 
sich die leidenschaftliche Frau kühnen und tiefen Hoffnungen 
hingeben konnte und uns eine ungehemmte Entwicklung 1 
der Liebesleidenschaft glaublich erscheint. Darum ist es kein 
Zufall, daß sich in der großen letzten Tnterredung des sieh ver- 
raten sehenden Weibes mit dein treulosen Geliebten IV 296 — 399 
kein Wort findet, daß Dido längst das Ziel der Trojaner 
int: erst Aene.t i spricht jetzt von Italien. Au-eiuen und Hes- 



') Die Möglichkeit, dall Huch III etwa der Sibylle in CumM 
werden lollte. wird später zu besprechen sein 



Diclo weiß nichts von Aeneas 49 



perien wie von etwas für sie ganz Neuem 345 — 61, und sie nimmt 
das in ihrer zweiten Rede (376 — 81) auf. Aber Ilioneus hatte 
ihr doch gleich bei der Begrüßung nicht nur Hesperien (I 530 — 3-4 
mit den Worten aus III 163 — 66) sondern auch Italien und Latium 
(I 553 f.) als Auswanderungsziel der Trojaner genannt; und 
Aeneas hatte ihr, nicht gerade wie ein zartfühlender Liebhaber, 
die Worte der Creusa wiederholt, in denen sie ihm Reich und Ge- 
mahlin am lydischen Thybris in Ausonien in Aussicht gestellt hatte 
(II 783). Dazu waren die sämtlichen Orakel des III. Buches ge- 
kommen. Von alledem weiß Dido nichts, als sie den Ungetreuen 
mit beweglichen Worten zur Rede stellt (IV 305 — 30), nicht 
weil sie das vergessen hätte oder hätte vergessen können, sondern 
weil diese Dichtung noch nicht vorlag. Buch IV ist gerade 
in seinem wesentlichen Kerne ohne Rücksicht auf I, II 
und sogar III gedichtet worden. 

Der alten, unverfälschten Dichtung gegenüber hat der 
Charakter der Dido jetzt wesentlich an Hoheit, Lauterkeit und 
psychologischer Verständlichkeit eingebüßt. Wenn sie in alle 
Pläne und Hoffnungen der Trojaner und in die tiefsten Regungen 
der Seele des Aeneas eingeweiht war 1 ), wie konnte sie sich da 
noch unbefangen ihrer Neigung überlassen und sie zu einer ver- 
derblichen Leidenschaft erstarken lassen? Wie konnte sie alles, 
was ihr unbequem oder hinderlich war, überhören oder leicht- 
sinnig in den Wind schlagen? Der Leser muß die ersten drei 
Bücher wieder fortdenken, um die in der Hauptsache so einfache 
Situation des IV. Buches, den Charakter der Dido und die Ent- 
wicklung ihrer Liebesleidenschaft wirklich verstehen zu können. 

Aber der Dichter selbst hat das dadurch erschwert, daß 
er auch innerhalb des IV. Buches Rückverweise auf die ersten 



*) Nicht Dido sondern ihre Schwester Anna war eingeweiht nach 
IV 421 solam nam perfidus ille 

te colere, arcanos etiam tibi credere seyisus: 
sola viri moUis aditus et tempora noras. 
Aeneas unterhielt also mit Anna ein Liebesverhältnis; in Vergils Dichtung ist das 
ganz unverständlich (Kroll S. 140). Wollte er etwa die Vulgata mit der Liebe des 
Aeneas und der Anna bei Varro (Servius zu IV 682) verbinden: also eine anfängliche 
Liebelei durch die Leidenschaft der Königin ersetzen: 

Gercke, Die Entstehung der Aeneis. 4 



gQ II. Die römische Odyssee 



Bücher und die dadurch stark veränderten Voraussetzungen 
angebracht hat, so gleich in dem ersten Geständnisse der Dido 
IV 13 auf den Apologos. Die Antwort der Schwester enthält 
zunächst nichts Auffälliges: 31 — 44, aber dann verrät sie mit 
einem Male, daß sie mehr von dem Ankömmlinge weiß, da sie 
von ilischen Schiffen und Waffen der Teuerer spricht: 45—49. 
Fast noch auffälliger und verräterischer ist, daß sie hierbei 
sogleich von einer Ehe der Dido mit dem Fremden spricht 
(48 coniugio tali), woran die Königin selbst jetzt und noch lange 
nicht denkt, auch nicht, als ihr Liebesverhältnis ihr den Wunsch, 
es zu legalisieren, nahelegen konnte. Erst 171 taucht die Mög- 
lichkeit auf, aber auch jetzt noch nicht in der von Anna ge- 
wünschten Korrektheit: 

Uxm furtivum Dido meditatur amorem: 
coningium vocat-, hoc praetexit nomin culpam. 

Die Schwester greift also mit ihrem Wunsche nicht einmal der 
späteren Handlung vor, sondern bringt ein störendes Moment in 
die Exposition, freilich in auffälliger und nicht zufälliger (vgl. 45 
hmone seeunda) Übereinstimmung mit Iunos Wunsche IV 99 f. 
Aber Anna läßt sofort 50 ff. den Gedanken wieder fallen und 
gibt der Schwester einen damit schwer vereinbaren Rat, nämlich 
die Gelegenheit auszunutzen, so lange die Jahreszeit selbst die 
Fahrt verbiete: 

51 indulge hospitio oaxukuqw wnecU moratuft, 

dum pi'lago <l<s<wr'rf hi-uis -'«/.«. 

Da Aeneas darauf eingeht (oben S. 23) und nachher glaubt, m 
der Winterszeit würde sein Aufbruch ganz unvormut □ : 

IV 291 quando optima Dido 

netoiat et tantot rwnpi non tperet amoi 

sieht man, wie Dido den Rat Annas befolgt hat. Die Vers.« IV t '. 
bis 49 sind also ein«- jüngere Einlage, Aeneas ist den Schwestern 
bei ihrer ersten Unterredung nur ein unbekannter hotpm '1". 51, 
vgfL I 671 f. Tunonia hotpiiia). Der Gedanke an ein Ehebun 

. t den Liebenden .ilx-r auch nachher ziemlich fern. Das* 
Aeneas <l^ IV 3381 versichert n* umquam praetmdi tasdew), 



Plant Dido eine eheliche Verbindung? 52 

will freilich noch nicht viel besagen, aber wohl, daß Dido nichts 
dagegen sagt (365 ff.) und sich selbst sehr vorsichtig ausgedrückt 
hat, als sie daran rührt: 

IV 316 per conubia nostra y per inceptos hymenaeos . . . oro. 

Man kann zweifeln, ob die Begründung ihrer Anrede 

323 cui me moribundam deseris, hospes? 

durch 324 hoc sohcm nomen quoniam de coniuge restat 

nicht mit dem Wunsche ihrer Schwester auf einer Stufe steht. 
Da Dido selbst eingestanden hat, daß Schamgefühl nnd guter 
Ruf dahin sind (322 f.), gelingt ihr das Legitimieren nicht, am 
wenigsten nach Aeneas' Abreise: 

IV 431 non iam coniugium antiquum, quod prodidit, oro, 
nee pulchro ut Lotio careat regnumque relinquat 1 ). 

Vielleicht sind diese freilich etwas anders gemeinten Äußerungen 
die Anlässe für die Wünsche Annas wie Iunos geworden. 

Der Gedanke an eine ehrbare Verehelichung hat der älteren 
Dichtung völlig ferngelegen, obwohl die Zukunft des Aeneas 
nicht bekannt war (IV 312). Die moralische Schuld der Dido 
wurde mehrfach hervorgehoben, sie selbst ist davon durchdrungen 
(IV 19. 172 adpa, 550 crimen', Anna empfiehlt deswegen, wie es 
scheint, Opfer 50); das Gefühl der Schuld wirkt mit der Wut 
über den Verrat zusammen, die Verschmähte in den Tod zu 
treiben. In dieser Wut verrät sie Grausamkeit IV 600 ff., die sich 
zur Verwünschung des Treulosen steigert 607 — 29, vgl. 382 — 87 ; 
auf die drohende Gefahr macht Mercur den Aeneas aufmerksam 
563 — 68, um den Aufbruch zu beschleunigen. Dies im Kontraste 
zu der Samariterin bei der Landung IV 373 — 75. Im I. Buche 
sind diese beabsichtigten Gegensätze vertuscht, dagegen ist Didos 
Volk feindlich gestimmt: I 297—304. 519. 523 — 29. 540—43, be- 
sonders 562 — 64. Damit bahnt sich die (seit Naevius anerkannte) 
Erbfeindschaft der Völker an, die den Gipfel von Didos Ver- 
wünschungIV622 — 29 bildet, deren Vorgefühl jetzt die ganze Aeneis 



1 ) Die Erwähnung von Latium macht auch Vers 431 des späten Einscbubes 
verdächtig, der vorzeitige Entschluß zu sterben Vers 323. 

4* 



52 U. Die römische Odyssee 



stimmungsvoll einleitet I 19 — 22 und X 11 — 13 anklingt. Aber 
da ein Ehebündnis niemals ernsthaft von den Beteiligten geplant 
worden ist, wie sich jetzt ergibt, und auch luno nichts Zweck- 
dienliches dafür unternommen hat, so bleibt ihre Intrige ein 
in der eigentlichen Handlung nicht begründetes Intermezzo und 
muß daher, wie schon S. 44 f. behauptet worden ist, als eine Zu- 
dichtung gelten, die immerhin älter als die Hauptmasse des 
I. Buches zu sein scheint. Noch jünger sind die auf die Prophe- 
zeiungen des I. Buches bezüglichen Zusätze sowie die vorzeitige 
Bekanntschaft der Libyer mit der Person und dem Ziele des 
Aeneas. 

Zu der jungen Bearbeitung gehört endlich auch die Rück- 
sichtnahme auf den inzwischen eingelegten Selbstbericht der 
Bücher II und III, innerhalb deren nur der erste Anfang II 
1 — 3 auf Didos Aufforderung Bezug nimmt. Daß der unmittelbare 
Eindruck des gehörten Berichtes auf die Königin am Schlüsse 
von Buch III vergessen, dagegen eine Reminiszenz nachträglich 
IV 13 f. eingeflochten worden ist und dann sogar von stetigen 
Wiederholungen dieser Erzählung IV 78 f. die Rede ist, ist bereits 
besprochen worden. Diese haben aber auch ihren Schatten bis in die 
Mitte des I. Buches vorausgeworfen. Denn als Aeneas der Göttin, 
die er noch nicht als seine Mutter erkannt hat, über seine 
Person, das Woher und Wohin kurze Auskunft geben will, 
entschuldigt er seine Kürze so : 

I 372 o dea. st prima repeteru ab origim }»><i<tm 
et vacet annalis nostrorum andire laborum, 
ant> 'li'in claiuo <;,m}i<'/i>i Vesper Ofympo. 

Offenbar hat der Dichter diese Formulierung mit Rücksicht 
auf den folgenden ausführlichen Reisebericht des 111. Ruches 
gewählt. Aber die ganze R. de :?72 — S5 mit ihrer Erklärung 
tum pku Aeneat [s=elfi 'Oövoebg daeqttddijs / L9) klingt wie eine 
e, vorläufige Antwort auf eine Frage der Königin. Jeden- 
falls nimmt diese später den Wortlaut von 372 auf, als sie 
sich genaue Auskunft erbittet: 

I 7.".:', Hmmc aye rt <i prima die, / origine nobit 

insidias 1 inquii l Danawn eomuqye tuorum 



Ausgestaltung der karthagischen Episode 53 

erroresque tuos: nam te iam septima portat 
omnibus errantem tems et fluctibus aestas 7 . 

Die Begründung - läßt noch die Irrfahrten als die Haupt- 
sache erscheinen, aber die kurz vorher erwähnten Gespräche 
(750 — 52) haben schon die Aufmerksamkeit auf den Kampf vor 
Troja gelenkt. Demselben Zwecke sollten wohl auch die Ge- 
mälde am Iunotempel 1 ) dienen, auf denen Szenen der Ilias so- 
wohl wie Antehomerica und Posthomerica dargestellt sind (I 456ff. 
466 — 93). Hatte der Maler Vergil diese Farben noch auf der 
Palette, als er den Untergang Ilions in seinem unvergänglichen 
Bilde gemalt hatte? 

Die Stellung der Bücher II I zueinander muß dahingestellt 
bleiben : die Ergänzung der Irrfahrten durch die Iliupersis kann 
sehr wohl bei der ganzen Umgestaltung der karthagischen Episode 
erfolgt sein, also im Anschlüsse an Buch I. Jedenfalls ergibt sich 
als Abfolge der Bücher der ersten Hälfte der Aeneis : 

1. IV Hauptteil der Liebesgeschichte 

2. III VI Anfang und VII 1—36 

3. I und II (oder II I). Nekyia 

4. V. 



: ) Ein Gegenstück dazu ist der Apollotempel des Daedalus bei Cumae VJ 14 — 33, 
noch einfacher gehalten. Daedalus gelangte allerdings eigentlich nur nach Sizilien. 
Wie gesucht ist es aber, daß Aeneas I 488 sich selber in Karthago dargestellt 
findet und natürlich erkennt! Ein Gerücht (I 457) genügt nicht als Veranlassung der 
Kampfdarstellungen aus der jüngsten Vergangenheit. 



III. 
DIE BEIDEN HÄLFTEN DER AENEIS 

1. Orakel und Prodigien in III, VII, VIII 

Die Untersuchung - über das relative Alter der einzelnen 
Bücher gelangt an einen kritischen Punkt, sobald wir uns nicht 
mehr auf Conrads und seiner Anhänger Beweise für das Alter 
des III. Buches verlassen, sondern auch die entgegenstehenden 
Argumente in Betracht ziehen. C. Schüler l ) hat nämlich den 
Beweis dafür angetreten, daß Buch III jünger ist als VII und 
VLLI, und Heinze, der sich ihm vollständig anschließt 2 ), folgert 
daraus, daß der Dichter dieses Buch erst g-edichtet habe, nach- 
dem etwa zwei Drittel der Aeneis fertig vorlagen. Auch das 
V. Buch soll erst nach den Büchern VII. VIII und (z. T.) IX 
gedichtet worden sein. Die Beobachtungen dieser Gelehrt en 
verdienen um so mehr Beachtung, als das, was dagegen vor- 
gebracht worden ist 3 ), sie nicht widerlegt. 

Zwei von den Orakeln, die dem Aeneas auf der Fahrt in 
Buch III gegeben worden sind, erfüllen sich nach der Landung 
in Latium. Das wird in Buch VII und VIII erzählt, aber so, 
daß das Sauprodigium in VIII als eine vollständige Dublette 
auftritt und das Tischprodigium sogar in merkwürdigem Wider* 
Spruche zu Buch III geschildert wird. Beide Erzählungen 
scheinen daher gänzlich unabhängig von der Darstellung di< 
Buches erdacht und beschrieben. 



■ . letti n i, < ireifsw. 1 8 

*) Virpils epische Technik B< 

*) Besonder! ■ d K <lcr am La I u Liehen, \> a ihm obenonunenca 

un*l aus.; D Theie willen. (Uli Bucfa III ■ "■•t Bfiches sei. den Werl 

osteheaden Ausführungen rei 



Buch III jung, nicht alt 55 



Zunächst das Tischprodig-ium wird ohne jede Voraussetzung 
VII 107 — 134 so erzählt: die Trojaner verzehren vor Hung-er die 
Teigfladen, auf denen sie ihr frugales Mahl hatten. Da macht 
Julus den Witz: ,,Wir haben ja unsere Tische aufgegessen ! il und 
Aeneas erinnert sich nun plötzlich eines alten Orakelspruches, 
den ihm einst Anchises verkündet und den er jetzt den Genossen 
ausführlich erzählt ; an der Erfüllung dieses ihm vorher unver- 
ständlichen Spruches erkennt er, daß sie jetzt ihre zweite Heimat 
gefunden haben. Er selbst hatte die dunkelen Orakelworte fast 
vergessen, niemand außer ihm sie gehört, und nur ein Scherz 
seines Sohnes ruft sie ihm ins Gedächtnis. In Buch III dagegen 
ruft die grause Harpyie Celaeno von hohem Felsen aus den 
gesamten Trojanern feindselig zu, sie würden nicht früher in 
Italien eine Stadt umwallen, bis grausamer Hunger sie zwingen 
würde, ihre Tische aufzuessen (— 257); und die Genossen hören 
das mit starrem Schrecken, ihr Blut stockt, sie verzagen (259 f.). 
Erst Helenus beruhigt den Aeneas etwas (394), als dieser ihm 
das angekündigte Prodigium wiederholt (365 — 68). Am auf- 
fallendsten verhält sich aber Anchises : als Wortführer der auf- 
g-ereg-ten, Gottesfrieden ersehnenden Menge betet er zu den 
Göttern um Abwehr des drohenden Unheils : 

III 265 di, prohibete minas; di f talem avertite casum 
et placidi servate pios. 

Er hat also nichts dergleichen von Cassandra vernommen und nichts 
darüber mitzuteilen; und Aeneas hat bei dieser allein g-eeigneten 
Gelegenheit 1 ) nichts gehört, was er bis zur Landung behalten 
hätte, während er das Auftreten der Furien völlig vergaß. Es 
bedarf keiner weiteren Erörterung, daß diese Schilderung dem 
Dichter nicht vorschwebte, als er die w r underbare Erfüllung des 
Orakels und dieses selbst in Buch VII erzählte, und daß er auch 
nicht irgendeine andere Schilderung- dabei voraussetzte. Buch VII 
ist älter als das möglichst viele Orakelsprüche zu- 
sammenfassende Buch III. 



1 ) Nach Karsten 263 befragte Aeneas, durch Helenus nicht befriedigt, später 
einmal den Anchises. 



56 III. Die beiden Hälften der Aeneis 

Das gilt auch von dem Sauorakel, das Helenus III 388 — 93 
g-ibt, und das abermals, nur etwas anders, VIII 42 — 48 erzählt 
wird, unmittelbar vor der Erfüllung- 81 — 85. Hier verspricht der 
Gott Tiberinus zum Beweise, daß er nicht als ein leeres Traum- 
bild dem Aeneas im Schlafe erschienen sei, er solle beim Auf- 
wachen eine weiße Sau mit dreißig - Ferkeln am Ufer finden, ein 
Omen für die Gründung- von Alba nach dreißig- Jahren durch 
Ascanius. Nichts verrät, daß dies Prodigium dem Aeneas schon 
früher geweissagt worden war, er selbst macht, als er aufgewacht 
ist und die Sau findet, keine Bemerkung, die auf das III. Buch 
zurückwiese. Dazu kommt anderes. Unmöglich ist die Ortsangabe 

III 393 is locus arbis erit, requies ea certa labornm 1 ), 

während doch Alba droben in den Bergen und nicht unten am 
Flusse gegründet werden soll. Und doch ist die Situation III 
389 f. (wie VIII 28—45) deutlich bezeichnet: 

cum tibi sollicito secreti ad ßuminis undam 
litoreü ingens inventa sab ilicibus sus . . . iacebiL 

Das Flußufer ist im VIII. Buche wegen der Erscheinung des 
Tiberinus nötig, und es kann nicht zweifelhaft sein, daß die mit 
III 390 — 92 wörtlich übereinstimmenden Verse VIII 43 — 45 hier 
Original und in III Kopie sind. So läßt der Redaktor der Odyssee 
a 280 Athena dem Telemachos raten, ein Schiff mit zwanzig 
Ruderern zu nehmen, nur weil Telemachos in dem alten ß 212 
wirklich gerade zwanzig Gefährten für seine Fahrt fordert. Vergil 
hat sich im VIII. Buche an Fabius, Varro u. a. angeschlossen, 
die erst das Prodigium und dann seine Erklärung in einem Traum- 
bilde oder durch eine göttliche Stimme im Walde berichteten 
(Karsten 264). Die Reihenfolge drehte Vergil um und Legte die 
Erklärung dem Flußgotte Tiberinus in den Mund : darum mußten 
Schlaf und Wunder sich am Flußufer vollziehen. Für Eielenus 
1 nicht der geringste Grund vor. während er sonst alles nur 
dunkel andeutet und die Erscheinung des Tiberinus fortläßt, < : 
genaue ( Ortsbeschreibung zu liefern, du- nicht deu durch die 



Daraus wieder interpoliert VIII M Im I 1. Oas 17 Inigen. le er quo 

bedeute 



Buch III jung, nicht alt 57 



Annalisten und die Lage von Alba Longa wie Lavinium ge- 
gebenen Tatsachen entspricht, sondern nur der poetischen Fiktion 
des VIII. Buches. 

Buch III müßte also auch später geschrieben sein als VIII, 
wenn nicht die Rede des Helenus dem Verdachte einer Über- 
arbeitung ausgesetzt wäre, den R. Sabbadini begründet hat. Er, 
der früher für die späte Abfassung des III. Buches eingetreten 
war, bekennt sich jetzt zu der entgegenstehenden Ansicht unter 
der Voraussetzung, daß die Irrfahrten ursprünglich vom Dichter 
in dritter Person erzählt worden seien 1 ). Diese Hypothese ist 
freilich im ganzen wenig glaublich, da das III. Buch so einheit- 
lich und geschlossen in sich ist, daß eine stärkere Überarbeitung 
bei ihm am unwahrscheinlichsten erscheint, und dafür eine Um- 
setzung aus der dritten in die erste Person, gleich dem Apologos des 
homerischen Od) r sseus in 1 — u, nicht der geringste Anhaltspunkt 
vorliegt. Nur die Rede des Helenus ist in der Tat nicht ein- 
heitlich : sowohl die Verse III 382 — 395 wie 435 — 440 2 ) scheinen 
hinzugesetzt und dafür alte Prophezeiungen auf Karthago ge- 
strichen worden zu sein 3 ). Die Verweisung auf Alba Longa 
zerreißt jetzt den Zusammenhang: 



x ) II primitive» disegno delT Eneide e la composizione dei libri I II III, 
Torino 1900. 

J ) Der dem Aeneas im Traume erscheinende Gott Tiberinus befiehlt ihm 
VIII 59 ff. surge age, nate dea, primisque cadentibus astris 
Iunoni fer rite preces iramque minasque 
siipplicibus supera votis. 
Dazu sind die Mahnungen des Helenus in 435 ff. eine Dublette: 

unum illud tibi, nate dea, proqiie Omnibus anum 
praedicam ei repetens iterion Herum que monebo: 
Iunonis magnae primum prece numen adora, 
Iunoni cane vota libens domiaamque potentem 
supplieibus supera donis. 
Für Priorität der Erscheinung des Tiberinus spricht, daß er von Helenus' Worten 
und dem Opfer in Calabrien nichts weiß. Dagegen mahnt Helenus iterion iterumque, 
was durch IH 380 (farique vetat Satumia Inno) nicht genügend vorbereitet ist. 
Wie es scheint, hat unwillkürlich der Dichter seinen mit Nachdruck wiederholten 
Hinweis dem Seher in den Mund gelegt, obwohl er dessen Prophezeiung vor der 
des Stromgottes erzählt. 

3 ) Sie paßten vermutlich nicht mehr zu den Schilderungen des jungen I. Buches. 



58 HI Die beiden Hälften der Aeneis 

III 381 principio ItaUarn, quam tu tarn rere propinquam, 
oicmosque, ignare, paras invadere portus. 
396 hos autem terms Italique hanc litoris oram, 
praxima quae notftri perfundüur aequoru aestu, 
efuge. 

Das ergibt einen guten, alten Zusammenhang. Die Zusätze sollten 
wohl einen Ausgleich mit dem VIII. Buche herstellen, wie der 
Zusatz III 500 — 505 einen Ausgleich mit dem I. Buche. 

Aber gerade diese geringen und als solche leicht kennt- 
lichen Zusätze, zu denen auch der Schluß des Buches gehört, 
sichern das Alter des übrigen Kernes und schützen es vor dem 
überkühnen Versuche, eine durchgreifende Überarbeitung anzu- 
setzen. Insbesondere läßt sich kein stichhaltiger Grund dafür 
anführen, daß das Orakel der Celaeno einst in Buch III gefehlt 
hätte. Eine spätere Überarbeitung hätte ja gerade auf die Er- 
zählung vom Tischprodigium in Buch VII gebührende Rücksicht 
nehmen müssen. 

Demnach ergibt sich als zwingender Schluß, daß 
die Landung in Latium in Buch VII früher entworfen 
und gedichtet ist als die Irrfahrten in III, während die 
Frage noch offenbleiben mag, ob Buch VIII früher, später oder 
gleichzeitig mit III verfaßt ist. Karsten leugnet die Priorität 
des VII. Buches nur seiner Theorie zuliebe, daß Buch III das 
älteste von allen Büchern der Aeneis sei, geradeso wie seine 
Gegner die Gegenargumente unterschätzt oder verkannt haben, 
die das Alter der Irrfahrten beweisen. 

Aber nun sind wir zu zwei einander entgegen^ ten 

und daher, wie es scheint, unvereinbares Schlüssen gekomr. 

1 in sorgsam die verschiedeneo Ergebnisse vergleichender und 

abwägender Berichterstatter gibt folgendes skeptische 

Endurteil ab: ..Aus dieser Darlegung ersieht man, daß die 

ichung aber »In- Reihenfolge der Inen Bücher in 

Ausarbeitung auf Behr schwachem Fundament ruht. Wenn 
b III bald als das . . bald als das jün ben 

wird egt doch deutlich die Methode der Be- 

msicher ist; und in d<-r Tat ist es nicht leicht, aus blo 
Wi Ichen ohne we rial die I be- 



Buch III jung und doch alt 59 

stimmen 1 )." Gegen derartige Bedenken, die sich bei allen 
ähnlichen Untersuchungen wiederholen, habe ich früher g-enerelle 
Einwendung-en erhoben 2 ), beschränke mich aber hier auf die 
vorliegenden Probleme. In Wirklichkeit scheinen mir die Argu- 
mente in beiden Beweisreihen, für wie gegen das Alter des 
III. Buches, viel sicherer zu sein, als es den Anschein hat für 
den, der nur die Ergebnisse betrachtet : ich wüßte nicht, was 
geg-en die Beweise selbst eing-ewendet werden könnte. 

R. Sabbadinis scharfsinnig versuchter Ausweg aus dem 
Dilemma, das jetzige Buch III für jung zu erklären und daneben 
eine ganz alte Erzählung der Irrfahrten im Munde des Dichters 
anzusetzen, hat sich als verkehrt herausgestellt. Die Lösung 
des Rätsels ist also auf andere Weise zu suchen : nicht in der 
Anfechtung der Beobachtungen, die als Prämissen der Schluß- 
folgerung-en dienen, sondern in der Beschränkung der viel zu 
weiten Schlüsse selbst. 

Heinze hat aus seinen Prämissen folgern zu dürfen geglaubt, 
„daß der einheitliche Plan der Irrfahrten, wie ihn III aufweist, 
erst gefaßt wurde, als das glänze Gedicht mindestens zu etwa 
zwei Dritteln bereits geschrieben war", und vor ihm Schüler 
genauer : „Primi scripti sunt libri II IV VI, id quod Suetoni 
idonei auctoris testimonio satis confirmatur, post scriptus est 
primus über, atque ad extremum, interim aliis opera data ut 
septimi octavi noni certe partibus, liber III et V 3 )." Bewiesen 
ist aber nur, daß Buch III jünger ist als VII. Ebenso schießt 
die Gegenpartei weit übers Ziel hinaus, wenn sie Buch III für 
das älteste aller Aeneisbücher erklärt. Denn bewiesen war nur, 
daß es älter ist als die übrigen Bücher der ersten Hälfte, oder 
genauer als II I (VI) und V, da der Hauptteil von Buch IV 
ebenso alt und der Anfang von VI als Fortsetzung- und Schluß 
der Irrfahrten erdacht ist. Als einfacher und einwandsfreier 



J ) M. Schanz, Gesch. d. röm. Lit. II 1 3 Münch. 1911, 67. In seiner Über- 
sicht vermisse ich übrigens das Referat über Vorträge, die ich 1908 im pommerschen 
Ferienkurse für Oberlehrer gehalten habe: X. Jahrb, XXII 552 — 54. 

2 ) Die Analyse als Grundlage der höheren Kritik, X. Jahrb. VII 1901, 1 ff. 

s ) Heinze S; 93, Schüler S. 20. Warum Suetons Zeugnis nicht hierher ge- 
hört, wird S. 71 ff. genauer besprochen werden. 



60 III. Die beid en Hälften der Aeneis 

Schluß aus den sicheren Prämissen ergibt sich also: Buch III 
ist zwar nach VII entstanden, aber vor I II V und auch VI, 
oder anders ausgedrückt : nicht Buch III, sondern Buch VII 
ist das älteste der Aeneis. An der Bündigkeit dieser Schluß- 
folgerung und der Sicherheit der ihr zugrunde liegenden Be- 
obachtungen zerschellt jeder Skeptizismus. 

Ohne Zweifel hätte man diesen Schluß längst gezogen, 
statt einander fortgesetzt heftig zu befehden, wenn nicht ein tief- 
gewurzeltes Vorurteil stärker gewesen wäre: ganz selbstver- 
ständlich dachte man sich die erste Hälfte der Aeneis vor der 
zweiten gedichtet. Als daher Conrads den Nachweis führte, 
daß Buch III vor I und II entstanden wäre, glaubte er ohne 
weiteres das älteste Buch des ganzen Epos ermittelt zu haben. 
Und als Schüler dagegen nicht nur V sondern auch III jünger 
als VII/VIII bzw. IX setzte, rüttelte er doch nicht an der als 
sicher vorausgesetzten Stellung der Bücher II, IV, VI sowie I 
vor der zweiten Hälfte der Aeneis. Auch Sabbadini, Häberlin, 
Noack und Kroll, die eigene Anordnungen versucht haben l ), 
haben doch im Grunde an diesem Dogma festgehalten, dessen 
Richtigkeit im folgenden zu untersuchen ist. 

2. Die Priorität der zweiten Hälfte 

Obgleich Buch III betreffs des Tischprodigiums einen 
schweren Widerspruch zu VII aufweist und daher nicht nur nach 
VII, sondern auch nach einer beträchtlichen Pause verfaßt sein 
muß, so zeigen doch Buch III und IV auch Züge merkwürdiger 
Übereinstimmung mit demselben Stücke des VII. Buches: 
sind aus den gleichen Voraussetzungen erwachsen. 



') R. Sabbadini, zuletzt im 1'rimitivo disegno (=Aen. I — III s 1900) und in 
den zwei kur/in Vorreden zu seiner Ausgabe (IV — IX) 8 Turin 1898 — L908: 111 Vi 

i ii iv vi. viii ix, iviu- von vi. x — xn. in V und \n. 

C. Hiü.crlin. Quaett Verg. (Philo! Xi.vn. 1889, B17 |: n iv vi v in i. 
viii -XU, vii. 

1- Noack, Die erste Aeneis Verdis (Mcnm-s XXVII. 1889, 107): 1 U tV VI 

VII VIII. XI und \ll | >, III V zugleich mit IX X. 

w Kroll: n m V 18— 77s i iv v (K.-st) vi. vn \n. 



Aeneas kennt seine Bestimmung nicht gl 

Das ist sichtlich der Fall, wenn Aeneas und seine Trojaner 
noch bei der Landung- an der Tibermündung- nichts von ihrer 
künftigen Bestimmung- wissen. Aeneas berichtet von der alten 
Prophezeiung- seines Vaters, die sich ihm an unbekanntem Ge- 
stade erfüllen würde: 

VII 124 ignota ad litora vectum. 

Darauf betet er zu den Göttern und den unbekannten Strömen 
des neuen Landes: 

137 Tellurem nympha&que et adhuc ignota precatur 
flumina. 

Am nächsten Tage sendet er sodann Kundschafter aus, die die 
Namen des Landes und der nahegelegenen Stadt in Erfahrung 
bringen sollen, und diese berichten: 

150 haec fontis stagna Numid 

hunc Thybrim ßuvium, hie fortis habitare Latin os. 

Aber diese Namen sagen dem Aeneas nichts, er hat sie offenbar 
früher nie nennen hören, niemals erfahren, daß sie das Ziel seiner 
Fahrten und die so lange gesuchte zweite Heimat bedeuten. 
Unbegreiflich, wenn die sechs Bücher der Aeneis vorangingen, 
wie wir sie lesen! Denn den Flußnamen Thybris hatte ja schon 
der Schatten der Creusa vor dem brennenden Trümmerhaufen 
Ilions dem Aeneas genannt und «dieser II 783 der Dido wieder 
berichtet, auch beim Abschiede dem Helenus davon gesprochen 
(III 500 in einer interpolierten Stelle) und ihn bei den Toten- 
opfern in einer feierlichen Anrufung des verschiedenen Vaters 
V 83 vorgetrag-en, als ob der Vater selbst dieses Ziel gekannt 
und verfolgt hätte; derselbe Name war endlich dem Aeneas 
noch einmal von der Sibylle VI 87 ausgesprochen, der diese 
Prophezeiung zukam. Ebenso ist Latium dem Leser der Aeneis 
von Anfang an als Ziel der Fahrten genannt, und zwar als das 
dem Aeneas und den Seinen längst bekannte und vertraute 
Ziel 1 ); noch kurz vor der Landung hat Anchises ihn belehrt 
über die laurentischen Völker und die Stadt des Latinus, VI 892. 



*) Über I 205. 554. IV 432. V 731. VI 67. 89. 892, vgl. S. 38. 



52 HI- Die beiden Hälften der Aeneis 

Jetzt mit einem Male sagen diese Namen den Trojanern und 
dem Aeneas nichts; er jubelt nicht auf, als er hört, daß er in 
dieses Land, zu diesem Strome gelangt ist; er ruft nicht den 
Genossen zu: 'Freut euch, wir haben das seit sieben Jahren ver- 
geblich gesuchte Ausonien erreicht'; er kommt, als er die Späher 
ausschickt, trotz des Tischprodigiums nicht auf die Vermutung, 
daß das unbekannte Land Latium, der unbekannte Fluß Thvbris 
heißen müsse. Mit einem Worte: er hat niemals vorher diese 
Namen gehört 1 ), nicht sie sondern das Wunder allein verrät 
ihm, daß das Ziel erreicht ist in unbekannter Gegend. 

Wir finden dieselben Unmöglichkeiten wie beim III. Buche, 
das auch nichts von dem sonst Allbekannten voraussetzt, ja noch 
stärkere Widersprüche. Denn in Buch III werden doch bei der 
allmählichen Enthüllung der Zukunft verschiedene Namen, wenn 
auch andere, genannt, die den irrenden Helden veranlassen 
müssen, auf Land und Leute und ihre Namen zu achten. Im 
VII. Buche aber liegt die Geographie ganz außerhalb des Ge- 
sichtskreises des Aeneas. 

Daraus folgt nun nicht bloß, daß III jünger ist als VII 2 ), 
sondern vor allem, daß auch die Bücher I, II, V, VI noch 
nicht vorlagen, als Vergil die auf die Landung folgen- 
den Ereignisse in VII dichtete, oder wenigstens, daß die be- 
treffenden Stellen dieser Bücher, aus denen ihre spätere Ab- 
fassung gegenüber III folgt, erst recht jünger anzusetzen sind 
als VII. Das gilt von dem 'Versehen' in III 500 und der Er- 
wähnung Latiums in Didos Klagte IV 432, besonders aber auch 
von der planmäßigen Prophezeiung der Sibylle, die VI S7 den 
Thvbris und 89 Latium nennt. Das alles ist junge Erfindung, 
und Buch III erscheint demgegenüber sogar als relativ alt. 

Erst jetzt läßt sich auch mit voller Klarheit zeigen, daß 

und warum Dido Ursprünglich nichts über die Bestimmung des 

icas und das letzte Ziel seiner Fahrten wußte noch wissen 



') Nur den Numicus oder N'uinicius konnte er nicht kennen, .leim der kommt 
nur im VII. Buche \>.r 160, B49, 7'.»7i AN • lie^t auch hierbei keine Absicht de» 
Dichters vor, einen unbekannten Namen hilUOSufägeo. 

*) Heinze B >iler. I'en wichtigsten reu da t l^crunpcn haben sie 

nicht gesogen. 



Aeneas kennt seine Bestimmung plötzlich (53 

konnte: diese gänzliche Ahnungslosigkeit der Liebenden im 
IV. Buche hatte sich bereits als das Prius geg-enüber I und II 
herausgestellt (S. 48 f.) und war ja ohne Zweifel auch poetisch 
viel schöner als die Liebelei einer Frau, die ganz klar wissen 
kann, daß der Geliebte ihr nicht bestimmt ist. Dem Herzens- 
harten wirft sie IV 305 ff. vor, daß er heimlich mitten in den 
Winterstürmen fortsegeln wolle, als gelte es, nach der alten 
Heimat Troja zurückzukehren und nicht wieder unbekannte 
Länder in der Ferne aufzusuchen: 

311 quid, si non arva aliena domosque 

ignotas peteres sed Troia antiqua maneret . . .? 

Unbestimmte Ziele haben dem Aeneas seit Jahren vorgeschwebt, 
davon weiß auch Dido; aber das Ziel ist nicht nur für den 
Abenteurer ein ihm noch unbekanntes Land, sondern auch für 
Dido ein ungenanntes, namenloses. Das geht mit Sicherheit aus 
dem Folgenden hervor. Aeneas antwortet, wenn es nach seinem 
Willen gegangen wäre, so wäre er gern in der Troas geblieben, 
aber der Apollo von Gryneion und das lycische Orakel habe 
ihn nach Italien fortgewiesen: 

IV 345 sed nunc Italiam magnam Gry?ieus Apollo, 
Italiam Lyciae iussere capessere sortes, 

worauf noch andere Angaben folgen. Dido versteht das sed nunc 
nicht bloß als einfache Adversativpartikel nach dem Irrealis, 
sondern mmc dem eigentlichen Wortsinne nach auch von der 
Gegenwart, als ob Apollo durch Aeneas' Mund ihr jetzt etwas 
völlig Neues, Unerwartetes und darum besonders Schreckliches 
verkünde. Nachdem sie nämlich alle ihre Wohltaten g'egen 
Aeneas und die Seinen erwähnt hat 1 ), fährt sie fort: 

IV 376 nunc augur Apollo, 

mmc Lyciae sortes, nunc et Iove missus ab ipso 
interpres divum fert horrida iussa per auras. 

J ) Wozu hier der Ausruf heu furiis incensa feror 376 a ? Man erwartet: 'du 
zeigtest dich dafür dankbar' oder 'aber alles umsonst'. Falls Dido dem Aeneas hier 
ursprünglich vorwarf: 'damals hast du nichts von anderen Zielen gesagt, Italien nicht 
erwähnt', so mußte der Dichter das später streichen, weil es den Büchern I — LEI 
allzusehr widersprach. 



ßj. III. Die beiden Hälften der Aeneis 



Sie ahnte also vorher davon nichts, sie hatte von diesen Götter- 
sprüchen nichts gehört und mit ihnen keinen Ländernamen. 
Natürlich nicht! Denn Aeneas kennt ja selbst bei der Landung 
noch nicht den Namen. Im entscheidenden Augenblicke beruft 
er sich auf einen alten Orakelspruch, der ihm einst, vor der 
Abfahrt von der Troas, zuteil geworden (vgl. III 5 auguriis 
agimur divion), ungefähr dem Geiste des III. Buches entsprechend 
und doch nicht aus ihm abgeleitet, wo Aeneas erst von den 
Penaten auf Kreta den Namen Italien erfährt (S. 34 f.). Aber das 
hat Dido nicht von ihm gehört, Aeneas ihr nicht erzählt. Die 
Liebesepisode und ihr Ende in IV ist älter als III, ge- 
schweige die Bücher I, II, V, VI, und ist auf denselben 
Voraussetzungen wie der alte Kern des VII. Buches 
aufgebaut. Das Orakel des gryneischen Apollo ist die erste 
Abweichung von diesen Voraussetzungen, die spätere Erwähnung 
Latiums IV 432 eine ganz junge, durch Buch IV selbst nicht 
gerechtfertigte Interpolation. 

Nicht Buch III oder IV sondern VII war das älteste 
Buch der Aeneis. Die Reihenfolge der besprochenen Bücher 
(außer VIII) stuft sich so ab: 

1. VII und IV: gänzliche Ungewißheit des Zieles 

2. III (und VI): allmählicher Wandel des Dunkels in Helle 

3. II I V: das letzte Ziel wird als bekannt vorausgesetzt. 

Die späte Abfassung der Bücher I und IV — VI läßt sich 
aber auch noch aus anderen Vergleichsstellen nachweisen, während 
die Iliupersis (II) mit der zweiten Hälfte der Aeneis wenig ge- 
meinsam hat. Zunächst die Priorität von YII und VIII gegen- 
über I VI I 

Zutage liegt die späte Abfassung der Nekvia, des Haupt- 
stückes von Buch VI, durch die Steigerung einfacherer Motive. 
Einmal versteigt sich Iuno in ihrer wutschnaubenden Rede VII 
293 — 320, als sie den verhaßten Feind am Ziele sieht, zu der 
hrohung, den Acheron zur Hilfe EU rufen: 

310 vknoor <ih Aenea, '/»<»/ ■-■>' mta numtna >i<>n .i><»t 

magna Ktiis. <l>ii>itiin h<i>nl egxddem imploran </'/<"/ uaguam 
//.-' ntguw sumtm, Acheronta movebo. 



Unterwelts- und Zukunftsbilder gfj 



Diese Drohung kommt etwas spät. Kurz vorher befand sich der 
Verhaßte selbst im Reiche des Acheron, aus dem der Rückweg- so 
schwer ist (VI 128 f.), und doch ist er dem Aeneas so leicht ge- 
glückt: damals hätte Iuno versuchen können, einzugreifen, sie 
brauchte und durfte nicht abwarten, bis Aeneas auch den letzten 
Teil seiner Fahrt von Cumae bis Latium zurückgelegt hatte. 
Warum denkt sie jetzt an den Acheron, nachdem ihm ihr Feind 
soeben glücklich entronnen ist? Gewiß reißt das rhetorische Pathos 
den Vergil fort, aber sein prächtiges Unterweltsbild konnte er 
nun und nimmer vergessen, wenn es schon vorlag. Oder warf 
diese Schilderung - ihre Schatten nun auch auf die Oberwelt und 
brachte erst der Heroismus des Trojaners der Götterkönigin eine 
Verbindung mit dem Orkus? Das gölte dann auch von der 
matten Erwähnung VII 91 (sacerdos) imis Acheronta adfatur Avenue. 
Nein, Buch VII ist schwerlich nach VI, sondern früher verfaßt. 

Noch augenfälliger wird dies durch die Beobachtung, daß 
Iuno sich keineswegs mit einer rhetorischen Drohung begnügt, 
sondern daß diese nur die Vorbereitung der großen Allecto- 
Episode VII 341 — 571 ist. Allecto ist das furchtbarste Ungeheuer 
der Unterwelt, das nur in der Nekyia nicht vorkommt: die beiden 
Unterweltsgemälde sind also nicht aus einheitlicher Erfindung - 
entstanden, sondern g-ehören getrennten Phasen an. In der Nekyia 
scheint dieses Ungeheuer bereits vergessen zu sein. Sicherlich 
ist aber der Hinabstieg zum Acheron viel furchtbarer als das 
flüchtige Auftreten einer einzigen Furie auf der Oberwelt. 

Alter als die Nekyia ist ferner die berühmte Hoplopoiie 
VIII 369 — 453, 608 — 731. Deren Zweck war ein doppelter: 
einmal ein prächtig'es Seitenstück zur Ilias I zu schaffen, zweitens 
in den auf dem Schilde angebrachten Bildern 626 — 728 die älteste 
Geschichte Roms zu schildern und dem Augustus (so tituliert 
seit dem 17. Jan. 27) zu huldigen. Die von Lessing hervorgehobene 
Abweichung- des römischen Dichters von Homer, daß er die 
fertigen Bilder schildert und sie nicht vor den Augen des Lesers 
entstehen läßt, ist besonders deswegen eine Verschlechterung, 
weil Aeneas aie Darstellungen gar nicht verstehen kann, der 
Dichter sie aber ohne Rücksicht auf diese Unfähigkeit des Be- 
sitzers und Beschauers beschreiben muß. Hätte er im genaueren 

Gercke, Die Entstehung der Aeneis. ° 



ßß III. Die beiden Hälften der Aeneis 



Anschlüsse an das Original erzählt, nicht was der Held fertig 
sah, sondern was Vulcan darstellen wollte (was er trotz Lessing 
sehr wohl konnte, vgl. Heinze 393 Anm.), so wäre das Zukunfts- 
bild minder anstößig, Vergil aber unselbständiger gewesen. 

Ganz neu und großartig ist dagegen die herrliche Helden- 
schau in der Unterwelt VI 748—888 erfunden, die Geschichte 
Roms ist viel vollständiger und zusammenhängender bis auf Ver- 
gils Zeit (den Tod des Marcellus) fortgeführt und dadurch, daß die 
Erklärungen dem seligen Anchises in den Mund gelegt sind, 
die Ungeschicklichkeit der Situation von VIII vermieden. Diese 
Heldenschau übertrumpft die Schildbeschreibung in jeder Be- 
ziehung: Buch VI ist jünger als VIII. 

Daß Buch V wahrscheinlich jünger ist als IX, wird jetzt 
bereits ziemlich allgemein anerkannt, nach dem Vorgange von 
Conrads 1 ). Nisus und Euryalus sind in der rührenden Episode IX 
176 — 451 mit so ausführlicher Schilderung eingeführt, als ob 
noch nichts von ihnen erzählt worden, und als ob sie dem 
Leser vollständig unbekannt wären ; man lese nur unbefangen 
die Verse 176 — 182. Und doch finden wir beide unter den 
Wettläufern des V. Buches, zunächst in der katalogartigen Auf- 
führung 294 — 296 kurz angeführt (nicht einmal ob Troer oder 
Sicaner, ist hinzugefügt), dann im Mittelpunkte der Erzählung 
stehend bis 361. Nach allgemeinen Normen der Kritik wird 
man geneigt sein, dieses im Zusammenhange des Epos vor- 
anstehende Stück als das später gedichtete zu betrachten, auch 
bei Vergil, der vielfach seine Personen gelegentlich kurz ein- 
führt und erst später, wo es wichtig wird, ausführlich schildert 
diese Anlässe waren ihm stets das Wesentliche und wahrscheinlich 
auch stets das Prius. 

Es ist durchaus richtig 8 ), daß man den Lauf nicht aus den 
übrigen Wettspielen (V 104 — 6<>3) loslösen kann. Aber daraus 
folgt nur, daß nicht die «-ine kleine Episode sondern das ganze 
V. Buch seinen] wesentlichen Inhalte nach so jung am 



h und 

.rill S. 1 15 und sonst, ebenso Heinze gelegentlich. 
...<k. Hermes XXVII HO. 



Xisus und Euryalus in V und IX 67 

ist, da sich für die Annahme einer Überarbeitung nichts Stich- 
haltiges ergeben hat 1 ). 

Nur zwei handgreifliche Rückverweisungen des IX. Buches 
auf die Ereignisse in Sizilien widersprechen scheinbar diesem 
Ansätze. Es sind die oben S. 25 angeführten Verse 

IX 217 quae te sola, puer, multis e matribus ausa 

perseqxdtur, magni nee moenia curat Acestae 
und 286 mecum excedentem non moenia regis Acestae (sc. tenuerunt). 
Aber das sind jung zugesetzte Ausgleichsverse, deren Fehlen (sie 
können glatt ausgeschieden werden) den Zusammenhang der 
Erzählung in IX nicht schädigt, sondern fördert. Hier w T ird 
nämlich vorausgesetzt, daß manche Frau und manche Mutter 
von Ilion mit ausgezogen ist (vgl. II 797 matresque virosque) und 
die Fahrt bis Latium mitgemacht hat. Darum denkt der mutige 
Jüngling- Euryalus als treuer Sohn sofort an seine Mutter : 

IX 216 neu matri miserae tanti sim causa doloris 

und bittet den Iulus, sich ihrer annehmen zu wollen, falls er 
selbst nicht zurückkehre : 

IX 284 unum oro : genetiix Priami de gente vetmta 

est mihi } quam miseram tenuit non Ilia tettus. 
287 hanc ego nunc ignaram huius, quodeumque pericli.est 
inque salutatam linquo. nox et tua testis 
dextera, quod nequeam lacrimas perferre parentU ... 

Daß die Krisis für Mutter und Sohn Sizilien gewesen, deutet 
Euryalus dem Iulus mit keiner Silbe an ; und wenn sich nur eine 
einzige Frau 2 ), die noch dazu zur königlichen Familie gehörte, in der 
Schar der Trojaner befunden hätte, so hätte Euryalus sich kürzer 
fassen können. Offenbar war das nicht die Meinung des Dichters, 
als er IX dichtete: Aeneas führte vielmehr alle die Seinen in 
der ursprünglichen Dichtung bis nach Latium. Als er aber in 
seiner jungen Zudichtung den Flottenbrand nach Sizilien ver- 



J ) Oben S. 20. Aber auch Heinzes Vermutung (S. 151), der Dichter hätte V 
später noch ausführen •wollen, ist unhaltbar: die Spiele fallen ja gerade wegen ihrer 
Ausführlichkeit aus dem Rahmen. Die stehen gebliebenen Halbverse beweisen nichts. 

2 ) Die lliades crinem de more solutae XI 35 = ül 65 waren doch wohl 
ursprünglich auch nicht als lauter junge Mädchen gedacht? 

5* 



68 III. Die beiden Hälften der Aeneis 

legte 1 ), den Aeneas mit verminderter Schiffszahl weiter 
fahren und die Greise und Schwachen in der deshalb gegründeten 
Stadt des Acestes zurückbleiben ließ, setzte er sich mit den Voraus- 
setzungen seiner älteren Dichtung in Widerspruch. Dieser trat 
freilich fast nur in der Euryalusepisode hervor, und darum fingierte 
Virgil jetzt, eine einzige Ausnahme habe auf Sizilien stattgefunden 
(von der aber V 765 — 71 hätte erzählen müssen !). Somit be- 
weisen die darauf Bezug nehmenden Verse nicht eine späte Ab- 
fassung der ganzen Episode, sondern im Gegenteile ihre Existenz 
vor der Erfindung von V : Buch IX ist nicht aus der Situation 
auf Sizilien herausgesponnen, sondern gänzlich unab- 
hängig davon und erheblich älter, der Lauf des Eury- 
alus in V ist ein später dazu erfundenes Vorspiel. 

Je weiter uns die kriegerischen Verwicklungen in Latium 
von den Irrfahrten abführen, um so spärlicher werden die Be- 
ziehungen der römischen Ilias zur Odyssee. Freilich hat die 
Prädestination in den letzten Büchern noch nicht alles durch- 
setzt, so fehlt sie gänzlich in der Götterversammlung X 1 — 118; 
aber das bedarf einer besonderen Untersuchung. Einzelheiten 
geben weniger aus oder sind mehrdeutig, wie die Übereinstimmung 
der Iliades XI 35 mit III 65. Wenn Aeneas XI 72 ei kostbare, 
von Dido ihm geschenkte Gewänder holt und die Leiche des 
Pallas in eins der beiden hüllt, so wird der unbefangene L> 
geneigt sein, hierin eine Erinnerung an die ersten Bücher zu 
sehen. Aber hierin wird die Schenkung nirg'ends erzählt. Und 
vergleicht man genauer 

XI 73 qua» ilii laeta laborum 

ipsa suis quondam imn>ii>>is v 

tenui telcu duoreverai min'. 
mit IV 262 ff., wo Aeneas ein solches Gewand iinh.it. 

i/ir,.< qWU ni>i>i>r<i Ih 

feoerai et tenui telcu dieereverai <"/?•<<, 

erscheint die Schilderui XL Buches schlichter: Dido selbst 

hatte die Kleider einst mit eigenen Händen i froh gewirkt 

und 1 1 len hineinverwebt, somit ^.il> A.eneas zur rechten 

Zeit das K irste, was er besaß, Unerwarl 

einzige Ausnahme bei dem sonst cinheitl. estande < n V 



Buch IV jünger als XI. I als XII 69 

Beschreibung des Anzuges des Helden im IV. Buche 1 ), da es 
sich um die höchsten Fragten handelt, als der von Iuppiter ge- 
sendete Götterbote den Weiberhelden (nxorius 266) trifft. Der 
Gegensatz ist beabsichtigt, aber gesucht. Die Einzelheiten sind 
matter, wie die 'reiche' Dido : diese konnte leicht Geschenke 
machen, aber webte sie selbst das Gold hinein ? Wer in XI das 
Original und in IV die Kopie sieht, wird künftig durch keine 
Theorie daran verhindert werden. 

Buch I ist ferner jünger als Buch XII. Am Schlüsse der 
Aeneis gibt Iuno ihren Zorn unter einer Bedingung auf, daß 
nämlich die eingeborenen Latiner nicht Troer werden, sondern 
ihren Namen und ihre Tracht behalten sollen (XII 819 — 828). 
Und Iuppiter bewilligt dann den Latinern Beibehalten der väter- 
lichen Sitte und Sprache mit Zuwachs des troischen Kultus 
( — 840). Diese Pointe ist sogar durch den der Iuno so ver- 
haßten Aeneas fast vorweggenommen w T orden, da dieser am 
Anfange des XII. Buches beim Schließen des Friedens- und 
Freundschaftsbündnisses mit Latinus beschwört: die Teuerer 
sollen nicht über die Italer herrschen, sondern beide Nationen 
gleichberechtigt zu ewigem Bündnisse vereinigt werden, Latinus 
soll oberster Kriegsherr bleiben, Aeneas liefert die troischen 
Götter und wird Lavinium gründen (XII 189 — 194). Diese Politik 
Alexanders des Großen mußte Aeneas inaugurieren, damit die 
Eigenart der unbesiegten Latiner trotz der troischen Invasion 
und der Bedeutung der Aeneaden durch das folgende Jahr- 
tausend hindurch erhalten bleiben konnte. Der Dichter nimmt 
einen hohen Standpunkt ein, indem er nicht nur den Aeneas 
so gerecht und nachgiebig schildert, sondern der göttlichen Vor- 
sehung den weitschauenden Plan zuschreibt. Iuppiter deutet 
ihn bereits im I. Buche an : 

279 Imperium sine fine dedi. quin aspera Iuno . . . 
consilia in melius referet mecumque fovebit 
Romanos, rerurn dominos gentemque togatam. 

' 'Offendit haec oratio tamquam paulo ieiunior pro tali carmine, nee aecurata 
illa vestitns descriptio in medio rerum cursu expeetabatur. ut saltem atque (261) 
abesset!' Heyne. Das Letzte sehr gut. Die ganze Partie der Sendung Mercurs ist 
übrigens jung. vgl. über IV 260. 265 ff. oben S. 42. 



70 IH. Die beiden Hälften der Aeneis 



Er hat also bereits die Rede der Iuno am Ende des XII. Buches 
im Auge : der Hinweis gentemque togatam entspricht sogar genau 
dem vertere vestem XII 825, statt Romanos verum dominos sagt 
Iuno XII 827 sit Romana potens Itala virtute propago, und die künftige 
Verehrung der Schutzgöttin Iuno in Latium verheißt Iuppiter 
XII 840 nee gens idla tuos aeque celebrabit honores. 

Daß der Dichter diese Einzelheiten behalten habe, nachdem 
er inzwischen mehr als zehn Bücher verfaßt, ist, zumal bei Vergils 
Art, gänzlich ausgeschlossen. Die Abfassung der Stellen wird 
nicht ein Jahrzehnt auseinander liegen, sondern ungefähr der- 
selben Zeit angehören. Sicher aber ist wohl, daß das Kulturbild 
in Buch XII zuerst entworfen worden und die kurzen Worte in 
Buch I als eine Reminiszenz oder ein Reflex bald darauf hinzu- 
gekommen sind. Für die späte Abfassung gerade der Verheißung 
Iuppiters I 257 — 296 werden sich nachher weitere Beweise ergeben. 

Endlich gilt für die Dira XII 843—86 das Gleiche wie für 
Allecto im Buch VII: ihr Eingreifen ist der Nekyia zu Trotz 
erfunden und zweifellos älter, vermutlich auch älter als die 
Allecto-Episode. 

Die Vergleichung von I, V, VI mit der zweiten Hälfte des 
Epos hat überall das gleiche Ergebnis geliefert: größere Episoden 
der Bücher XII, XI, IX, VIII, VII sind teils wahrscheinlich teils 
sicher früher gedichtet. Die ersten Bücher der Aeneis lagen also 
noch nicht vor, als die relativ großen und wichtigen Episoden 
der zweiten Hälfte ausgestaltet wurden. Sollen wir nun etwa den 
Kern, die Kämpfe in Latium, für jünger halten als das Beiwerk? 
Das ist an sich unwahrscheinlich und läßt sich z. T., wie für 
die Hoplopoiie, direkt widerlegen. Also scheint die Priorität 
der Bücher VII — XII oder doch des größten Teiles von ihnen 
gesichert. Entscheidende Gegengründe sind mir nicht bekannt. 

Ein umfangreicheres Beweismaterial lieferte der Vergleich 
des VII. Buches mit der ersten Hälfte der Aeneis, und 
ergab mit voller Klarheit, was aus Buch X noch nachzuweisen 
sein wird, daß nicht nur Buch IV und III, sondern die ganze 
erste Hälfte der Aeneis später gedichtet worden ist. 



IV. 

DIE ÄUSSEREN ZEUGNISSE 

Vergil soll dem Aug-ustus zwei oder drei Bücher seines 
Werkes vorgelesen haben. Donat berichtet nach Sueton (p. 61 f. 
R., p. 7 Br.) : cid tarnen multo post perfectaque demum materia tres 
ornnino libros recitavit, secundum quartum et sextum und Servius 
(zu IV 323): dicitur autein ingenti affectiv hos versus pronuntiasse, cum 
privatim paucis praesentibus recitaret Augusto. nam recitavit primum libros 
tertium et quartum. Diese Angaben widersprechen sich einmal 
in der Angabe der Bücher, sodann in dem Zeitpunkte: während 
Servius „zuerst" sehr allgemein sagt, weiß Sueton, daß die Vor- 
lesung lange nach der Expedition gegen die Cantabrer vom 
Jahre 25 stattgefunden habe. Er fügt hinzu, daß Octavia bei 
dem Epicedium Marcelli (VI 884) ohnmächtig geworden sei; 
und auch Servius berichtet (zu VI 862), Augustus und Octavia 
hätten beim Hören dieser Stelle solche Tränen vergessen, daß 
der Dichter die Vorlesung für beendigt erklärte. Da Marcellus 
23 v. Chr. starb, kann Vergil dieses Stück erst in seinen letzten 
Lebensjahren gedichtet und vorgelesen haben, und dazu stimmen 
die Worte Donats perfecta demum materia. Alles übrige ist un- 
sicher und gibt auch im besten Falle nichts für die Jahre 29 
bis 23 aus 1 ). 

Und doch hat Vergil schon in dieser Zeit, wahrscheinlich 
nach Augustus' Abreise (Ende 26), Teile seines Werkes vorge- 
trag-en oder Einsicht in sein Manuskript gestattet. Dafür haben 
wir das Zeugnis des Properz, das vielbesprochen, aber doch noch 
nicht genügend ausgenutzt worden ist. Dieser gab 26/5, also 



*) Vgl. Kroll S. 160. 



72 IV, Die äußeren Zeugnisse 



drei oder vier Jahre, nachdem Vergil sein Epos begonnen hatte, 
die zweite Sammlung - seiner Elegien heraus, und in der letzten 
und jüngsten Elegie kündete er der Welt die neue Ilias an: 

II 34, 61 Actia V erglimm custodia litora Phoebi, 

Caesaris et fortes dicere posse rate» (sc. luvet), 

<pä nunc Aeneae Troianl suscltat arma 
lactaque Lavini» moenla lltorlbus. 

cedlte Romain scnptores, cedlte Gral : 
nesclo quid malus nascitur Tilade. 

Rothstein erklärt die Verse 63 — 66 sehr gut: „Trotz der An- 
spielung auf die ersten Verse der Aeneis bezeichnet Properz 
hier als Inhalt des in Entstehung begriffenen Werkes nur die 
Kämpfe des Aeneas, also die im zweiten Teile der 
Dichtung erzählten Vorgänge; die Wanderungen, die im 
ersten Teile erzählt werden, werden nicht berücksichtigt, und 
demgemäß wird auch das ganze Werk nur mit der Ilias ver- 
glichen." Dagegen hat die Vergilforschung diese Verse meist 
auf Buch I und II der Aeneis bezogen; und nur einzelne Ge- 
lehrte 1 ) meinen, sie gingen doch wohl auch auf die Kämpfe 
des zweiten Teiles: das kommt der Wahrheit schon näher. Aber 
man darf nicht auf halbem Wege stehen bleiben, denn außer 
dem Proömium I 1 — 7 zitiert Properz nur die der Ilias nach- 
erzählten Kämpfe vom VII. Buche an, nicht die im Anschlu>M> 
an die Odyssee, die Kykliker und Apollonius Rhodius ausge- 
führten Bücher I — IV und VI, und auch nicht die Leichenspiele 
von V. Die Bücher I, II hier unterzuschieben, ist Willkür. 

Das Proömium der Aeneis beweist auch nichts für die 
Didoepisode. Dabei muß man beachten, daß 1 8 im (i runde 
ein neues Proömium beginnt : 

Miua, mihi cautaa memorOf quo numhu leu 

quidve dohns regina deum tot volrcn CQMU 

10 ifuignem pietate drum, tot adln Jahn 
impulerit, taniaene animit oaefatibut brau ? 



l ) Wie zuletzt Noack S. Il'.*> and 146. 



Properz und Vergils Ilias 73 



und daß dies zweite Proömium eigentlich nur für die Irrfahrten 
von I — VI bestimmt ist 1 ). Das erste, das Properz kennt, leitet 
die ganze Aeneis ein: 

1 Arma virumque cano, Troiae qui primus ab oris 
Italiam fato profugus Laviniaque venit 
litora, multum ille et terris iactatus et alto 
vi superum saevae memorem lunonis ob iram, 

5 multa quoque et bello passus, dum conderet urbem 
inferretque deos Latio, genus unde Latinum 
Albanique patres atque altae moenia Romae. 

Obgleich nun dies Proömium die ganze jetzige Aeneis einleiten 
soll und schon im Jahre 26 vorlag-, deckt es sich inhaltlich nicht 
mit ihr, da es das Ehebündnis des Aeneas mit Lavinia und die 
Gründung von Lavinium voraussetzt, während das Epos selbst 
vorher abbricht mit dem Tode des Turnus. Dies Abbrechen 
darf im Sinne der inneren Einheit der epischen Handlung als 
eine Verbesserung gelten, und den Dichter wird dabei, abgesehen 



J ) Noack 445. Die vielbehandelte Frage quo numine laeso hinkt nach Vers 4 
nach, wenn unter diesem numine wieder das Walten, der Wille der Inno gemeint 
ist, wogegen Aeneas gefehlt habe. Aber wo und wieso soll das geschehen sein? 
Und wenn das auf die Götterkönigin (9) ginge, wäre die Frage quo verkehrt. So- 
lange man den Abi. abs. dem Verbum dolens unterordnet (riri \9eo[ic» ßla.yd'ivTi fj 
Tte^i Tt §vo%egaipovoa), kommt man überhaupt zu keiner vernünftigen Satzkonstruktion. 
Versteht man dagegen liros Sai/uorog ß/.a<f&ei>Tog fj ri nad'ovoa, so ist Iuno 
Yollstreckerin eines fremden göttlichen Willens, oder sie hat eine andere göttliche 
Instanz verletzt und, entweder um sie zu verletzen, oder lediglich in Schmerz und 
Zorn, dem Aeneas das Unheil auferlegt. Ist dann unter diesem numine Venus 
(oder allenfalls Apollo mit seinen Orakeln) zu verstehen? Das ist sachlich un- 
klar, denn die Verletzung der Iuno durch die Trojaner, wenn auch nicht ge- 
rade durch Aeneas, war ja gegeben (I 25 — 28). Also scheint in den anstößigen 
Worten eine Retouche vorzuliegen. Hatte Vergil vielleicht ursprünglich statt Iuno 
das Fatum oder Iuppiter genannt, also etwa so geschrieben: 

Iuppiter omnijwtens motus 
oder per mare iactatum fatum tot volvere casus 

i>i8ignem pietate virum, tot adire labores 

iiipulerit? 
Da sich das mit der göttlichen Mission des Aeneas schlecht vertrug, mußte Vergil 
es ändern. Die Anschauung, daß das zweite Proömium ursprünglich selbständig war, 
wird durch eine solche Hypothese nicht beeinträchtigt, sondern verstärkt. 



74 IV. Die äußeren Zeugnisse 



von der erdrückenden Stoffülle, sein Taktg-efühl geleitet haben, 
vielleicht durch die Regeln der Poetik unterstützt 1 ). Aber ur- 
sprünglich dachte Vergil nicht daran, sich diese Beschränkung 
aufzulegen; das darf man nicht verschleiern. Gerade auf die 
Erfüllung dieser Bestimmung, nicht auf die Vorgeschichte, legte 
er den Nachdruck. 

Zu dem zweiten Proömium kommt endlich als Geg-enstück 
die Anrufung der Erato zu Beginn des VII. Buches hinzu. Nach 
dem Muster der Homerischen Boiotia (B 484 — 93) steht sie, wie 
auch die der Muse I 8, nicht zu Anfang des Buches, aber die 
vorangehenden 36 Verse sind nur die Überleitung von den Irr- 
fahrten zu der Landung in Latium. Darum beginnt jetzt, in 
der Ankündigung VII 37 — 45a deutlich herausgehoben, der 
zweite Teil des Epos, die lateinische Ilias. Und die Worte, mit 
denen die Anrufung schließt, 

VII 44f. maior verum mihi nascitur ordo, maius opus moveo, 

stimmen so zu Properz' Ankündigung" [maius nesdo quid nascitur 
Wade), daß man schließen darf: er hat diese Anrufung ebenso 
vor Augen gehabt wie das jetzt die ganze Aeneis einleitende 
erste Proömium. Da diese beiden jetzt durch sechs Bücher 
voneinander getrennt sind, so bezieht sich die in maior und 
maius gewollte Steigerung- darauf, daß der Dichter seine Odyssee 
durch seine Ilias überbieten will. Das bedarf gegenüber dem 
Tatbestande keiner Erörterung. Wenn aber meine Schlüsse 
über die ehemalige Gestalt des Vergilischen Epos richtig sind, 
daß es mit Buch VII begann, dagegen noch der ganzen ersten 
Hälfte entbehrte, so müssen die ausgehobenen Worte ursprüng- 
lich einen anderen Sinn gehabt und sich vielmehr auf Frühere 
Werke Vergils, Bucolica und (jeorgica, bezogen haben. Dafür 
läßt sich noch ein außerhalb der obigen Erwägungen liegender 
Beweis beibringen. Vergil hatte nämlich den Vera Ecloge [V 5 

magnus ab integre Boeclorum nascitur on 

bat wied erholl und überboten mit den Worten 

Aen. Y 1 1 H maior rerwn mihi nascitur ordo 



') Dana erinnert 1 I 



Properz and Vergils Proömieu 75 

und damit doch wohl ang-edeutet l ), daß er von diesen früheren 
Dichtungen aus an sein Epos als ein malus opus gehen wolle. 
Das konnte er im Anfange seines neuen Werkes anstandslos 
und nicht mißverständlich tun, und so verwebte er diesen Rück- 
blick in die Ankündigung" der Schilderung- von Latium und der 
furchtbaren Kämpfe. 

Ursprüngiich ging" also das Proömium I 1 — 7 2 ) unmittelbar 
voraus: es war nicht mit der Einleitung- der römischen Odyssee 
I 8 — 11, sondern mit der Einführung" in Latium VII 37 — 45 a ver- 
bunden, und so hörte Properz die Ankündigung der großen 
nationalen Dichtung. Dabei lief allerdings auch ein Hinweis auf 
die Irrfahrten des Aeneas unter: I 3 multum ille et terris iaelatus 
et alto, im Anschlüsse an a der Odyssee. Daraus folg't nicht, 
daß Vergil diese Vorgeschichte selbst zu geben beabsichtigte 
oder gar ausgearbeitet hatte, so wenig wie die Zerstörung von 
Uion zu schildern, weil I 5 multa quoque et hello jyassus erwähnt 
ist. Wenigstens Properz deutet mit keiner Silbe etwas von der 
Vorgeschichte an, und die Episoden in Karthago und Sizilien 
hat Vergil selbst beiseite gelassen. Wir dürfen also schließen, 



*) Unzweideutig ist das in den Versen ausgesprochen 

Ille ego, qui quondam gracili modulatus avena 
carmina et egressus silvis vicina coegi, 
ut quamvis avido parerent arva colono, 
gratitm opus agricolis, at nunc horrtntia Mortis, 

die vor den Worten I 1 Arma virumque cano gestanden haben sollen und hier 
angeblich von Varius und Tucca gestrichen worden sind (Donat p. 10 Br. Servius 
p. 70 Br.). Das hätten die pietätvollen Freunde natürlich nicht gewagt. Entweder 
hat Vergil selbst diese Verse wieder gestrichen oder sie, und das ist wohl sicher, nie 
gedichtet. 

2 ) Für das relativ hohe Alter des Proömiums spricht auch Troiae qui primus 
ab oris Italiam . . venit. Denn primU8 heißt nicht „der beste", und wenn der 
Dichter hätte betonen wollen: Aeneas gelangte als erster gerade in den Winkel von 
Latium (Laviniaque venit litora), so hätte er vielmehr „als einziger" sagen müssen. 
Daß Aeneas als erster sich im Westen angesiedelt hätte, war vergessen bei Erwähnung 
Antenors I 242 — 49, der nach Gallia citerior gelangte, und der ebenfalls von Troja 
ausgefahrenen Griechen, Idomeneus, Philoktet, der Mannen des lokrischen Aiax 
(III 399 — 402) und des Diomedes (VIII 1—17, eine Einlage, u. ö.). Ursprünglich 
dachte Vergil auch schwerlich an siebenjährige Irrfahrten; erst im III. Buche und 
I 31 wurden es viele Jahre, dann sieben. 



7 g IV. Die äußeren Zeugnisse 



daß im Jahre 26 v. Chr. Vergils Aeneis mit den Versen I 
1 — 7 -(-VII 37 ff. begann, und daß der Dichter die ersten 
drei oder vier Jahre seiner Arbeit an dem neuen Epos 
lediglich auf die Dichtung der römischen Ilias ver- 
wendet hat. 

Aber Properz gedenkt auch weiterer kühner Pläne Vergils, 
Augustus und seinen aktischen Sieg zu verherrlichen (61 f. vgl. 
II 1, 42). In der Aeneis wird dieser Sieg mit seinen Folgen 
nur flüchtig gestreift (VIII 704 — 6). Aber unmittelbar nach dem 
Siege hatte Vergil versprochen, den Sieger zu verherrlichen, 
in dem prächtigen Proömium Georgica III 16 ff., das mit der 
Ankündigung 46 — 48 schließt: 

inox tarnen ardentis accingar dicere pugnas 
Caesaris et nomen fama tot ferre per annos, 
Tithoni prima quod abest ab origine Caesar. 

Daran erinnert Properz. Der Epiker wollte durch ein g-roßes 
nationales Epos 1 ) die Annalen des Ennius in Schatten stellen. 
Servius gibt in seiner Einleitung zur Aeneis als Vergils Plan 
durchaus richtig - an Augustum laudare a parentibus, noch genauer 
Sueton-Donat (p. 59 R., p. 6 Br.) als Inhalt in quo, quod maxime atudebat, 
Bomanae simul urbis et Augusti origo contineretur 2 ). Jenes erinnert 
auffallend an ein Wort des Properz, das er ebenfalls im Hinblick 
auf das ihm unerreichbare Ziel Vergils gesprochen: 

II 1, 42 Caesaris in Plmjgios condere nomen avos z ). 

Der so bewunderte Epiker ging zurück auf die älteste Geschichte 
von Latium und suchte seine Aulgabe mit eifrigem Studium und 
großer Gelehrsamkeit zu lösen. Die alte Sagengeschichte fesselte 
ihn bald und rundete sich zu einem geschlossenen Probleme, 
einem selbständigen Epos ab. Zunächst mag er noch daran 
gedacht haben, einen ganzen Epenzyklus zu dichten, wie man 
vermutet. Aber schon zu der Zeil der Properzischen Elegie 



') E. Norden. Hermes X XVII I (1898) 5 16 ff. N.. Jahrb. Vll 190] (Die Aeneis 
als nationales und augusteisches Epoi) • 

*) Norden x. |.>hrb. :;15. 

s ) Vgl. Rothetdn zu der Stelle und x i leo S I 



Ein nationaler Epenzyklus? 77 



hatte er die Absicht, das historische Epos bis auf die Gegenwart 
fortzuführen oder Augustus' Siege zu feiern, hinausgeschoben, 
wenn auch noch nicht gänzlich aufgegeben. In der Schilderung 
des Aeneas und seiner Phryger, ihrer Kämpfe und ihrer Gründung- 
von Lavinium waren jetzt die dichterischen Pläne, die ihn be- 
schäftigten, völlig aufgegangen: noch war ein Ende seiner neuen 
Arbeit nicht abzusehen, an weitere Pläne nicht zu denken. Die 
im Proömium (I 5) angekündigte Gründung von Lavinium hat 
er schon nicht mehr ausgeführt. 

Wenige Jahre später, etwa 22 v. Chr., tut Properz einen 
etwaigen epischen Darsteller der Kriegszüg'e des Augustus in 
recht despektierlichen Ausdrücken ab, im Einleitungsgedichte 
des dritten Buches (7 ah valeat, Phoebum quicumque moratur in armis, 
vgl. 15 f.): in solchen Ausdrücken sich über oder auch nur neben 
Vergil zu stellen, würde kein soviel jüngerer Dichter gewagt 
haben. Vermutlich hatte er inzwischen von dem veränderten 
Plane der Aeneis Kunde erhalten und konnte sich nun, da er 
den Vergil gar nicht damit traf, mit solchem Selbstbewußtsein 
über einen solchen Epiker stellen 1 ). In der Beschränkung - zeigt 
sich erst der Meister: für Vergil lag kein Grund vor, von der 
Einschränkung seiner Pläne zu schweigen. 

Augustus erkundigte sich wiederholt, namentlich während 
der Expedition gegen die Cantabrer (Herbst 27 — 25 v. Chr.), 
nach der Aeneis und wünschte einen ersten Entwurf (vrtoyQaqrfv) 
oder irgendein fertiges y.Cokov zu sehen (Donat). Vergil, der kein 
fleißiger Briefschreiber war, antwortete schließlich: ego vero fre- 
quentes a ie Htteras accipio . . . de Aenea quidem meo, si mehercle 
iam dignum auribiis haberem tuis, libenter mitterem, sed tarda inchoata 
res est, ut paene vitio mentis tantum opus ingressus mihi videar, cum 
praesertim, ut sei*, alia quoque studia 2 ) ad id opus multoque potiora 
impertiar (Macrob. I 24, 11). Das ist das älteste Zeugnis dafür, 
daß Vergil den Aeneas in einem selbständigen Epos, losgelöst 
von den weiteren Plänen, behandelte. Richtig verstanden, sagt 
Properz das auch. 



») So treffend Norden N. Jahrb. 316, 4. 

2 ) Philosophische, nicht antiquarische Studien: oben S. 5. 



78 IV. Die äußeren Zeugnisse 



Schon aus der Zusammenstellung dieser Tatsachen geht 
hervor, daß Aeneas' Kämpfe in Latium und die Gründung von 
Lavinium das ursprüngliche Problem des neuen Epos waren, 
nicht die Irrfahrten und nicht die Liebe der Dido noch die Er- 
oberung von Ilion: das alles trat erst später ergänzend hinzu. 

Den etwaigen Einwand, B. VII könne erst 19 v. Chr. kurz 
vor Vergils Tode ausgeführt worden sein *) wegen 606 Partho-sque 
reposcere rigna, hat schon Noack S. 410 abgeschnitten: diese 
Wendung- kann auf ältere Zeiten gehen, wofür ich auf Georg. 
III 31 f. 

fidentemque fuga Parthum versisque sagittis 
et duo rapta manu diverso e.r hoste tropaea 

verweise. Und ähnlich steht es mit den anderen angeblichen 
Spuren einer jüngeren Zeit, so daß wir nicht einmal nachträgliche 
Zusätze anzunehmen oder die prima V7t6yqa(pa hier von der 
letzten Ausführung- zu scheiden haben. 

Von allen Stellen, in denen man die Spuren jüngerer Zeit 
hat finden wollen, bleibt nur das Epicedion Marcelli (VI 861 — 887) 
übrig, das nach dem im letzten Drittel des Jahres 23 v. Chr. er- 
folgten Tode gedichtet worden ist. Nordens Beweisführung(S. 330 f.), 
daß diese Episode nicht nachträglich der Heldenschau eingefügt 
sei, scheint mir überzeugend. Aber ich halte die ganze Nekvia 
für jung und keineswegs älter als die in sich einheitliche Helden- 
schau 2 ). Das konnte niemand annehmen, der von der Voraus- 
setzung ausging, die Bücher der Aeneis seien ungefähr in der 
jetzigen Reihenfolge gedichtet worden. Denn um das Jahr 82, 
drei Jahre vor des Dichters eigenem Tode, muß weit mehr als 
die Hälfte des Epos fertig gewesen sein, wenn man auch nicht 
die Worte Suetons oder Donats perfecta demum materia pressen 
darf. Jetzt fällt der letzte Grund fort, in den Versen VI 861—887 
eine junge Einlage in die übrigens längst fertige Nekvia zu sehen. 

Zu diesen von Properz und Vergil selbst gelieferten Daten 
kommen endlich Anklänge an die Aeneis i><-i Eioraz und anderen 



') Große Stiicke ganz jungen Ursprünge! in VII I uüni nach- 

gewiesen. Vgl, 

*) Vorläufige Heweiv 



Die Aeneis um 26, 22, 18. v. Chr. Horaz 79 

Zeitgenossen *), die aber naturgemäß interpretationsfähig sind. 
Die sicherste dieser Spuren führt über Vergils Tod hinaus. Im 
Carmen saeculare berücksichtiget nämlich wahrscheinlich Horaz 
die Prophetenworte des alten Anchises in der Nekyia über 
Augustus (VI 792 ff.) und die Römer überhaupt (851 ff.), die eben- 
falls auf den Kaiser bezogen werden: 

c. s. 49 quaeque vos bobus veneratur albis 
clarus Anchisae Venerisque sanguis, 
impeiret, bellante prior, iac entern 
lenis in hostem. 

Er macht damit die Vergilischen Worte wahr 2 ): 

VI 851 tu regere imperio populos, Romane, memento. 

. . . pucique imponere morem: 
parcere subiectis et debellare superbos. 

Daraus folgt für die Abfassungszeit des Epos nichts, wohl aber 
für seine Kenntnis: wahrscheinlich war es bereits von Varius 
veröffentlicht, also spätestens zwei Jahre nach Vergils Tode 3 ). 

Unsicherer 4 ) sind einige Beziehungen der ersten, im Sommer 
23 herausgegebenen Odensammlung, namentlich der dritten 
Römerode. Die in neuester Zeit so viel behandelte Rede der 
Iuno III 3, 18 — 68, in der sie ihren Zorn gegen Aeneas unter 
bestimmten Bedingungen aufgeben zu wollen erklärt, läßt sich 
von dem gleichen, im letzten Buche der Aeneis berührten 
Probleme nicht trennen, wenngleich Horaz die Bedingungen 
anders formuliert als Vergil, außerhalb der Aeneis liegende 
Gesichtspunkte heranzieht und einen leicht humoristischen Ton 
anschlägt. Eine solche Rede in einer Götterversammlung er- 
innert überhaupt an den epischen Apparat. Aber sonst verrät 



J ) Sabbadini will auch zwischen der Aeneis und Livius' I. Buche unmittel- 
bare Beziehungen annehmen. Aber gemeinsame gleiche oder ähnliche Quellen sind 
viel wahrscheinlicher, zumal der Wortlaut recht verschieden ist. 

*) A. Kießlin^, zu dieser Strophe (und der folgenden). 

3 ) G. Boissier, La publication de l'Eneide, Revue de phil. VIII (1884), 1 ff. 

4 ) E. Norden hielt früher die Priorität der Horazischen Ode III 3 für sicher 
(N. Jahrb. VII 323, 5). Dies Urteil bedarf jetzt einer Nachprüfung. 



80 IV. Die äußeren Zeugnisse 



der Lyriker nur die Kenntnis des den Vergil beschäftigenden 
Problemes, nicht von Einzelheiten des XII. Buches. 

Bis in die Einzelheiten des Ausdruckes erinnert dagegen 
die dem Munacius Plancus gewidmete Ode I 7 Laudabunt alii 
elaram RJwdon aut Mitylenen an das I. Buch der Aeneis. Den von 
Horaz ziemlich unmotiviert eingeführten Teucer hat Dido I 619 
sehr geschickt erwähnt. Die Einleitung seiner Rede (Vers 24 f.) 
sie tristis adfatus amicos: 'quo nos ciunque feret melior Fortuna . . .' 
ähnelt dem Schlüsse der Rede des Aeneas, in der er Dido 
bewundert, I 610 '. . quae me cumque vocant terrae.' sie fatus 
amieum (petit). Die Anrede der Genossen (Vers 26 und 30) 
o socii eomitesque . . . o fortes, peioraque passi entspricht der sehr 
ähnlichen Aen. I 197 ff. et dictix maerenHa pectora muleet: o socii 
(neque e/iim ignari sumus ante malorum), o jyassi graviora. Hier ist 
sogar die ganze Situation dieselbe, Teucer wie Aeneas suchen 
in der Fremde eine neue Heimat, die ihnen in sichere Aussicht 

I 

gestellt ist (Hör. 7, 28 certus enim promint Apollo amblguam iellure 
nova Salamina futuram. Verg. I 205 f. tendimus in Latium, t 
ubi fata quietas ostendunt. illic fas regna resurgere Troiae). Daraus folgt 
der Trost: die Strapazen werden ein Ende haben (Verg. I 199 
dabii dem Jus quoque finem), zur Verzweiflung ist noch kein Grund 
(Hör. 7, 27 nil desperandum Teuer» duee et auspice Teucro). Bannt 
die Sorgen! (Hör. 7, 31 nunc vino pelüte euras. Verg. I 201 f. reo\ 
naii/H!* maesfumque timorem mitfite', den Wein hat Aeneas I 196 tf. 
ausgeteilt.) Endlich schließen beide Helden ihre Ansprache mit 
dem kernigen Hinweise auf die weitere Fahrt und ihr trotz allem 
glückliches Endziel: Hör. 7, 32 erat ingens iterabirmu aequor und 
Verg. I 207 du, ebu» sei Sogar der Aufbau 

der beiden kurzen Ansprachen ist ganz gleich. Eine unmittel- 
bare Beeinflussung ist daher wahrscheinlich. 

Ad. Kießling nahm Abhängigkeit des Horaz von Vei 
an, und mir scheint mch wahrscheinlich. Nur der Grund 

Kießlings ist nicht ganz durchschlagend. Allerdings übern 
■gil I L98 203 die Worte des Odysseus « 8' I 

7tto ii /m/.Cov ädcrfflOVeg i-iiui. oi uh <W vödi ;m .... 

u'u.h . . btgtvyofuev xal /"< vGtvdt fxv^aet (zu dem lel 

nach Heyne auch Eur. Androraeda fr. L31 du ' ■><«.- 



Horaz. Chronologische Ergebnisse 81 

(.iiuvrfi&ai Ttöviov: Aen. I 203 forsan et haec olim meminisse iuvabit). 
Aber Horaz schließt sich in seinem Schlußverse wieder enger 
an an Od. u 293 fad-ev d' avajdvzsg iv^ooiiev evqh 7t6vx(o. Trotz- 
dem wird man nicht beide Dichter unabhängig - voneinander aus 
einer gemeinsamen Mittelquelle ableiten (Heyne erinnerte an die 
Erwähnung des Naevius bei Servius). Entscheidend ist, daß bei 
Vergil alles organisch aus dem Ganzen erwachsen ist, bei Horaz 
die Episode rCov eScod-sv ist. Auch ist der Ton hier so flott und 
wenig getragen, daß das Epos daraus kaum schöpfen konnte. 
Man denke sich etwa Schillers „Nestor auch, der alte Zecher" 
als Quelle einer epischen Behandlung der Sage! 

Die Ergebnisse für die Chronologie sind also: 

29 Vergil beginnt einen Epenzyklus (?) mit der Landung 
des Aeneas in Italien. 

27/6 Die Dichtung rundet sich zu einer Aeneis ab, aber der 
Dichter vermag dem Augustus noch keinen fertigen Gesang zu 
schicken. 

26 Aeneis VII — XII in großen Stücken ausgearbeitet: der 
Dichter trägt im Freundeskreise daraus vor. 

26 Properz zitiert die römische „Ilias" mit doppeltem 
Proömium. 

25—23 Der Plan erweitert: Aeneis IV, III, dann I (und II?) 
gedichtet, ältere Bücher überarbeitet. 

23 (spätestens) Horaz kennt Buch I. 

22 (?) Properz weiß von der Einschränkung des Vergilischen 
Planes. 

22/20 Nekyia in VI und Buch V gedichtet. 

19 Die Überarbeitung' durch Vergils Tod abgebrochen. 

17 Die Edition der Aeneis liegt dem Horaz vor. 



G e r c k e , Die Entstehung der Aeneis. 



V. 



DIE RCEMISCHE IL1AS 



1. Inhaltsübersicht 

Die zweite Hälfte der Aeneis, die die Kämpfe der Troer 
von der Landung in Latium an behandelt und daher der Ho- 
merischen Ilias nacheifert, unterscheidet sich von ihr durch eine 
viel stärkere Geschlossenheit der Handlung und hat darum der 
Kritik nur verhältnismäßig wenige Handhaben geboten, ältere 
Phasen in ihr aufzuspüren. Immerhin zeigen sich in ihr, ganz 
abgesehen von allerhand Episoden, unleugbare Spuren einer 
Überarbeitung, die nicht zu Ende geführt worden ist. Um sie zu 
übersehen, bedarf es eines kurzen Überblickes über den Inhalt: 
dabei werde ich wieder gleich einige Randnotizen hinzufügen 
über das relative Alter einiger Stücke, deren Begründung nach- 
her erfolgen soll. 

Buch VII 

Caieta, Aeneas' Amme, stirbt und wird be- 
graben (1 — 6). Die Fahrt geht an der Insel der 
Circe vorbei ( — 24) bis zur Tibermündung ( — 36). 
Anrufung der Erato (37. 41). Der Dichter 
will das alte Latium in dem Zeitpunkte schildern, 
als Aeneas landete, und die Kämpfe von Anfang 
29/26 an ( — 44 5 maior rerum mihi nOBOltW <»/*</<>, WOWII 

v. Chr. opus moveo). 

L.itinus; seine Tochter Lavinia hat viele Freier, 
jung darunter Turnus, den die regia coniunx begünstigt. Da- 

gegen Göttersprüche (58 ff.): im heiligen Lorbeer, 



Inhalt von Buch VII 



83 



von dem die Stadt Laurentum hieß, Bienenprodigium ; 
ein Seher verkündetAnkunft eines Fremden und dessen 
Herrschaft auf derselben Burg- des Latinus ( — 70). 
Traum der Lavinia von ihrem flammenden Haar, 
von dem ein Brand ausgeht, gedeutet auf 
Krieg ( — 80). Beim Opfer verweist eine göttliche 
Stimme den König - auf einen fremdländischen 
Schwiegersohn; aus der Verbindung werden die 
Herrscher der Welt hervorgehen ( — 101). Die 
Fama verbreitet dies in Ausonien ( — 106). 

Nach der Landung erste Mahlzeit, Tisch- 
prodig'ium, Aeneas erinnert sich des Schicksals- 
spruches des Anchises, betet zu den unbekannten 
Flüssen, erfährt die Namen (Thybris, Latini) von 
Kundschaftern. Gesandte gehen mit Geschenken zu 
Latinus, Aeneas steckt ein Lager ab ( — 159). Die 
Gesandten zugelassen ( — 169), Beschreibung der 
Königsburg ( — 191). | Latinus begrüßt die Fremden 
als Dardaner und erzählt des Tyrreners Dardanus 
Fahrt von Corythus nach Samothrake( — 210). Ilioneus 
offenbart Geschick und Bestimmung des Aeneas, 
daß Apoll ihm Thybris und Numicus in Aussicht 
g-estellt habe ( — 248). Latinus bietet dem Aeneas 
Bündnis und die Hand seiner Tochter an nebst 
Gegengeschenken ( — 285). 

Iuno schäumt, hält eine erregte Rede ( — 322), 
holt die Furie Allecto aus der Unterwelt ( — 340). 
Diese stachelt zuerst Amata auf, die ihren Gemahl 
für treulos erklärt (366 et consanguineo totiens data dextera 
Turnö) und einen Bacchantenzug - anführt, wobei 
sie Hymenäen des Turnus und ihrer Tochter 
singt ( — 405). Nachdem Allecto so den Plan und 
das Haus des Latinus verwirrt hat (406/7), stachelt 
sie Turnus auf; der Wortbruch heische Krieg 
( — 434), worauf dieser eingeht ( — 474). Dann ver- 
anlaßt Allecto den Ausbruch von Feindseligkeiten: 
Ascanius erlegt einen zahmen Hirsch, den Liebling 



alt 



jung 



jung 

vieles jung, 

aber älter 

als VI 

366 alt? 



433 wie VII 
40 alt? 



84 



V. Die römische Ilias 



jung 



jung 
alt 



jung-, aber 

älter als 

VI 

alt 



älter als V, 

jung, als IX 



einer Silvia; ihre Brüder greifen die Troer an, zwei. 

fallen ( — 539). Allecto, die dies veranlaßt hat, 

kehrt auf Iunos Befehl in die Unterwelt zurück 

( — 571). | Turnus und Amata fordern den Latinus 

auf zum Kriege gegen Aeneas, vergeblich: er 

schließt sich ein (— 600, 616-619). | Iuno selbst 

öffnet die Pforten des Bellum (— 622), Mezentius 

und andere Bundesgenossen werden gegen Aeneas 

gewonnen, auch Camilla die Volscerin: Katalog 

(641—817). 

Buch VIII 

Turnus rüstet und schickt Gesandte zum 
Diomedes nach Arpi ( — 17). 

Tiberinus erscheint dem Aeneas; er rät eine 
Reise zu Euander auf dem Palatin. Sauprodigium 
( — 85). Aeneas nimmt zwei Zweiruderer (79 f.) und 
fährt auf dem Tiber zum Euander (86), der ihm 
alles beschreibt ( — 368). 

Hoplopoiie. Venus erbittet nachts Waffen 
vom Vulcan, dieser schmiedet sie (369 — 453). 
Venus überbringt sie, Aeneas bewundert besonders 
die Zukunftsbilder des Schildes (608 — 731). 

Inzwischen verspricht Euander vierhundert 
Reiter unter seinem Sohne Pallas und verweist 
ihn auf die Etrusker in Caere, die den Mezentius 
vertrieben haben (454 — 519). Prodigium der Venus, 
Aeneas schickt die Schiffe zur Tibermündung zu- 
rück, bricht mit Pallas auf (— 607). 

Buch IX 

Turnus, von Iris (luno) aufmerksam gemacht, 
geht gegen Ascanius vor, der sich verschanzt hält, 
und sucht die Flotte zu verbrennen ( — 76). 
[uppiter verwandelt die Schiffe in Nymphen, der 
Magna Mater zuliebe ( — 12- . dirnus' Gegfen- 
maßregfeln ( — 167). 

Nisus und Euryalua 168 — 502. 464 Tod 

des Rutulers Nunia. 



Inhalt von VIII— XI 



85 



561 älter als 
IX 454 



Turnus belagert die Troer ( — 589). Ascanius' 
ägioreia, Apollo hält ihn zurück (671). Pandarus 
und Bitias; Turnus dringt ins Lag'er, tötet Bitias. 
während Pandarus das Tor schließt; Turnus muß 
schließlich nach entsetzlichem Blutbade in den Tiber 
sprin.gen und entkommt ( — 818). 

Buch X 

Götterversammlung; Ausgang des Kampfes un- 
gewiß (1 — 117). | DieBelagerung geht weiter ( — 145). alt 
Aeneas' Erfolge in Etrurien (146 ff.) und Heimfahrt; 
eine Nymphe, ehemals ein Schiff, erzählt von dem 
Schiffsbrande usw. ( — 245). Katalog der Bundesge- 
nossen (163 — 214). VorbereitungzurSchlacht( — 275). 
Turnus versucht die Landung der 30 Schiffe zu 
hindern; Kämpfe, Tod des Halesus ( — 438) und des 
Pallas (— 509). Aeneas wütet (— 601), 561 Numa 
von ihm verfolgt. Ascanius' Ausfall vereinigt die 
Truppen ( — 605). 

Iuno erlangt von Iuppiter, daß sie Turnus ent- 
führen darf ( — 632), und tut es durch eine Truggestalt 
des Aeneas ( — 688). j Auf Iuppiters Mahnung tritt 
Mezentius an Turnus* Stelle, wird von Aeneas ver- 
wundet, sein Sohn Lausus fällt, dann er selbst ( — 908). 

Buch XI 

Pallas' Leiche zu Euander geschickt (1 — 99). | alt 

Die Latiner wirken e. Waffenstillstand von zwölf Tagen 112 jung 
aus ( — 138). Euanders Trauer und Treue ( — 181). 
Bestattungen auf beiden Seiten, Trauer inLaurentum, 
Zorn gegen Turnus und seine Verlobung ( — 224)^ 

Der zu Diomedes gesendete Venulus kehrt mit 
einer Absage zurück (225 — 295). Latinus erkennt jetzt 
jatalem Aeneam(232). Darauf Beratung, der König- will 
Land schenken oder Schiffe bauen ( — 335). Drances alt 

tritt für Frieden und Ehe des Aeneas ein ( — 375); 
dagegen Turnus ( — 444): hier ist Turnus erklärter 



86 



V. Die römische Ilias 



alt 



alt 

jung be- 
arbeitet 

alt 



alt 



Schwiegersohn (440), der ev. sein Recht aufgeben 
muß (359), und Latinus regiert wirklich. Das end- 
gültige Ergebnis des Kriegsrates fehlt! 

Aeneas rückt zur Schlacht in zwei Treffen 
aus (446 — 485, 479 betet Lavinia mit um Vernichtung 
des Aeneas), Turnus dagegen mit Messapus und 
Camilla( — 531). Camilla getötet durch Arruns, dieser 
durch die Nymphe Opis ( — 867). Die Troer wollen 
Laurentum belagern. Nacht ( — 915). 

Buch XII 

Turnus dringt auf Entscheidung durch Zwei- 
kampf, er will für Latinus, Lavinia und die gemein- 
same Sache siegen oder fallen ( — 17). Latinus 
fühlt sich schuldig, ist durch Sprüche gewarnt, 
hat seine Tochter dem Aeneas versprochen, dann 
sein Versprechen gebrochen, fühlt sich unsicher 
( — 45). Stärker fleht ihn Amata an, auch Lavinia 
weint (cf. XI 479). Trotzdem schickt Turnus einen 
Unterhändler an Aeneas ( — 80) und rüstet sich 
( — 105). Dieser nimmt die Bedingungen an (1<>6 
bis 112). — Neuer Tag 103. 

Iuno bringt die Nymphe Iuturna, Turnus' 
Schwester, auf den Plan (134—160). 

DasBündnisbeschworen füralle Fälle (161 — 215). 
Bruch durch Iuturna herbeigeführt ( — 276), der 
allgemeine Kampf erneuert ( — 310), Aeneas selbst 
verwundet (323). Turnus' ugtoreia ( — 382). | Venus 
heilt ihren Sohn ( — 429). Aeneas kommt aus dem 
Lager, fordert Turnus heraus, aber diesen bringt 
Iuturna als Wagenlenker fort. Kämpfe. Aeneas 
will auf Venus' Geheiß die Stadt Laurentum be- 
stürmen (-- 592). 1 ).i erhängl Amata sieh, weil 
sie an Turnus Tod glaubt. Latinus ist untröstlich, 
daß er nicht Aeneas als Schwiegersohn ange- 

aommen hat \ — 613). Nunmehr stellt sich Turnus, 

der Iuturna erkennt ( — 724». und Aeneas tritt 



Inhalt von XII. VII zwiespältig 



87 



ihm entg-eg-en (697 — 724). Psychostasie (— 727). 
Turnus' Schwert bricht, er flieht, Iuturna g"ibt es ihm 
wieder, Venus seine Lanze dem Aeneas ( — 790). 

Iuppiter und Iuno einigen sich (791 — 842), eine 
dem Turnus Tod bringende Dira verscheucht Iu- 
turna (— 886). 

Aeneas hätte fast Mitleid mit Turnus, der 
um Gnade fleht, aber der Anblick des Wehrge- 
henkes des Pallas, das Turnus erbeutet, erstickt 
das Mitleid, und daher tötet Aeneas den Gegner 
(— 952). 



alt 



älter als VII 
454 f.? 



2. Die Exposition 

Daß die zweite Hälfte der Aeneis keinesweg-s aus einem 
Gusse ist, sondern starke Widersprüche und Unklarheiten enthält, 
hat Rem. Sabbadini zuerst beobachtet und namentlich die un- 
glaubliche Verwirrung beleuchtet, die in den Beziehungen des 
jüngst gelandeten und bald in einen schweren Krieg verstrickten 
Aeneas zu Latinus und seiner Familie herrscht 1 ). Im Verfolge 
dieser Untersuchungen ist er sodann, indem er ältere und jüngere 
Schichten streng zu sondern suchte, zu dem überraschenden 
Ergebnisse gelangt, daß Buch VII mit XII zusammen oder allein 
das jüngste Buch der römischen Ilias und der gesamten Aeneis 
sei 2 ). 

Da oben S. 55 ff. der Nachweis geführt worden und, wie ich 
annehme, gelungen ist, daß Buch VII zu den ältesten Partien 
des Vergilischen Epos zu rechnen ist, so ergibt dies scheinbar 
einen unlöslichen Widerspruch der modernen Kritik, die also 
damit ad absurdum geführt wird. Etwas Besseres können sich die 
Gegner derartiger transzendentaler Folgerungen nicht wünschen, 
um zu einem bequemen Ignorabimus zurückzukehren, wie es 
jetzt auch in der Homerkritik beliebt ist. Doch nicht zu schnell! 
Denn der Widerspruch ist hier wie anderwärts nur scheinbar. 
Das Alter von Buch VII ist nur im Verhältnisse zu der ersten Hälfte 



2 ) Studi critici sulla Eneida . . . Lonigo 1889, 110 ff. 

2 ) Introduzione zu der Ausgabe der Bücher VII — IX, 2. Aufl. Torino 1908. 



gg V. Die römische Ilias 



der Aeneis erwiesen worden, gestützt auf die einen einfachen 
Vergleich und sicheren Schluß gestattenden Stellen. Umgekehrt 
hat Sabbadini aus anderen Stellen, die einen Vergleich mit 
VIII — XII herausfordern, die späte Abfassung von VII zu er- 
schließen versucht. Das ist ihm für einige Stücke, aber freilich 
nicht für das ganze Buch, evident geglückt. Unsere sich ent- 
gegenstehenden Ansichten lassen sich also leicht vereinigen, 
sobald wir nur die Partien als nachweislich alt oder jung in 
Anspruch nehmen, für die sich ein zwingender Beweis führen läßt. 

Daß die ganze Schilderung der Landung des Aeneas und 
der ersten Erlebnisse in Latium durchweg jung sein sollte und 
erst nach Vollendung der übrigen Bücher der Aeneis hinzu- 
gekommen wäre, ist ja eine von vornherein undenkbare Vermutung. 
Auch wer in dem ganzen Buch VII die Spuren junger Zeit zu 
beobachten glaubt, kann doch nicht gut annehmen, daß die 
Schilderung an Stelle von nichts getreten sei, daß der Dichter 
sich die Ausarbeitung dieses Anfanges bis zuletzt aufgespart 
habe. Vielleicht mag er zunächst nur eine flüchtige Skizze oder 
ein paar kaum zusammengeschweißte Entwürfe hergestellt haben 
— darüber muß eine genauere Untersuchung Auskunft geben — , 
aber irgend etwas hat sich längst an Stelle des jetzigen 
VII. Buches befunden, nicht nur, wie wir gesehen haben, vor der 
Dichtung von III, I, VI, sondern auch vor der Ausdichtung der 
römischen Ilias. Gerade wenn der Grundstock dieses Buches, 
meiner Annahme entsprechend, sehr alt war, konnte er gegenüber 
den neuen Plänen und Ideen am leichtesten veralten und mußte 
dann am nötigsten eine durchgreifende Bearbeitung erfahren. 
So finden sich in der Tat in diesem Buche älteste Entwürfe mit 
Ausführungen der jüngsten Zeit vereinigt, ohne daß beiderlei 
Bestandteile stets wirklich miteinander verschmolzen worden 
wären. Diesen gerade in Buch VII hervortretenden Mangel 
der letzten Eeile hat ebenfalls Sabbadini bemerkt. 

Die Scheidung der alten und jungen Bettandteile ist trotz- 
dem nicht Immer leicht, weil sie bisweilen ineinander geschol 
sind und alte Verse gelegentlich mit einzelnen Worten neu auf- 
geputzt smd. Die Randnotizen vorstehender [nhaltsübersicht 
mögen vorläufig für einige wichtige Partien 1 eben. 



Buch VII zwiespältig 89 



Ob der Katalog der Bundesgenossen VII 641 — 817 jung ist, 
möge dahingestellt bleiben, zumal hierauf wenig ankommt. 
Wesentlich ist aber alles, was unmittelbar zu der Haupthandlung 
gehört und für das Verständnis der folgenden Bücher unentbehrlich 
scheint — freilich oft nur scheint. Denn wenn schon die Verhält- 
nisse im Hause des Latinus zerrüttet sind, so sind es die Berichte 
darüber erst recht; und am wenigsten haben wir festen Boden 
in der ersten Schilderung der Pläne des Königs, der wunder- 
baren Vorgeschichte und der Unterredung mit den hundert 
Rednern der Trojaner, für die Aeneas in seinen fünfzehn Schiffen 
gar keinen Platz hatte. Hier liegen phantastisch zugespitzte 
und übertriebene Schilderungen vor, die keineswegs ursprünglich 
sind oder einem einfachen dichterischen Grundplane entsprechen. 
Das wird sich später klar herausstellen. 

Hier vorläufig ein Widerspruch! Was Ilioneus dem Könige 
Latinus erklärt, sein Land sei das den Troern bestimmte Ziel: 

VII 240 liinc Dardanus ortus. 

huc repetit iussisque ingentibus urguet Apollo 
Tyrrenum ad Thybrim et fontis vada sacra Numici, 

das ist undenkbar auf den eigenen Voraussetzungen des VII. Buches, 
wonach Aeneas ahnungslos zum Tiber gekommen ist und den 
Flußnamen wie den Volksnamen nie gehört hat (150f., oben S. 61). 
Aber überboten werden diese unmotivierten Erklärungen durch 
die aus 81 f. fälschlich übertragene Anrede des Ilioneus 

VII 213 rex t genus egregium Fauni 

(wo höchstens Salurni nach 203 5 ) statthaft war) und vor allem 
durch die Begrüßung der Trojaner seitens des Latinus als Ab- 
kömmlinge des Dardanus (195) nebst der Erzählung von ihrem 
Ahn (205 — 211). Der Dichter selbst hat das Unpassende, ja Un- 



J ) Auch dieses Detail scheint mir schon jung, jünger als die dazu nicht völlig 
stimmende Dublette Vin 319 ff., die Norden mit Sicherheit auf Varro-Poseidonios 
zurückgeführt hat (Beiträge z. Gesch. d. griech. und röm. Philos., 1892, Fleck. Suppl. 
XIX 425 f.). Die ausführliche Urgeschichte Latiums nebst Etymologie im Munde 
Euanders vom Palatinus ist doch gewiß das Prius, die flüchtige Bemerkung des 
Latinus eine der Vulgatfassung unwillkürlich angenäherte Reminiscenz. 



90 V. Die römische Ilias 



mög-liche dieser Anrede empfunden und sie daher gleich be- 
gründen zu müssen geglaubt, aber die Begründung ist schlimmer, 
als ihr Fehlen gewesen wäre 1 ), und verrät durch ihre Schwäche 
den Mangel einheitlicher Konzeption: 

VII 195 dicite Dardanidae — neque enim nescimus et urbem 
et genus, auditique advertitis aequore curmm. 

Das sind nachträgliche Retouchen. Dafür, daß gerade 
im Mittelteile von Buch VII jüngere Ausdichtung auch gegenüber 
den folgenden Büchern vorliegt, möge hier zunächst noch ein 
einziger Beweis folgen. 

In dem großen Kriegsrate des XL Buches erklärt sich 
Latinus bereit, den Trojanern, falls sie im Lande bleiben wollen, 
ein großes Gebiet als Eigentum zu überlassen und mit ihnen 
ein Bündnis auf Grund des ius aequum zu schließen: 

XI 316 est antiquus ager Tusco mihi proximus amni, 
longns in occasnm, ßnes mper usque Sicanos; 
Aurunci Rutulique serunt et vomere ditros 
exercent colles atque horum asjyerrima paseunt. 
haec omnis regio et celsi plaga pinea mon&u 
cedat amicitiae Teticrorum, et foederis a> </"<'•-' 
dicamus leges sociosque in regna vocemus: 
considant, si tantus amor, et moenia condmit. 

Dabei scheint er ganz vergessen zu haben, daß er dem 
Aeneas bereits den Landstrich angeboten hatte: 

VII 261 f. non vobis rege Laüno 

diritis über agri TVoiaevt opulenüa derit. 

Aber auch Aeneas weiß davon nichts, da er schließlich seine 
Bedingungen macht (pacis dieere lege» XII 112) und sich auf eine 
einzige noch zu erbauende Stadt beschränken will (XIL 190 — 194). 
I I i Anerbieten in VII ist eine Vorwegnähme dieses Schluss,--. 
zeitlich jünger und von Buch XI und XI 1 abhängig. 

Latinus bietet dein Fremdlinge auch sofort durch Ilioneus 
Freundschaft und Bündnis an, fast mit den Worten des XI. Buches: 



') Dies ist (anders als VII 818) 1 5881 d« Fall, WO Ilioneus die unbekannte 
Dldo als bekannte Herrscherin becrüüt. 



Buch VII zwiespältig 91 



VII 263 ipse modo Aeneas, nostri si tanta cupido est, 
si iungi hospitio properat sociusque vocari, 
adveniat, vultus neve exhorrescat amicos, 

ja er geht in seinen Anerbietungen noch viel weiter, weit über 
jedes Maß und Ziel hinaus. 

Die jetzige Exposition der römischen Ilias im Mittelteile 
von Buch VII ist also in der Hauptsache jung - , jünger als die 
meisten folgenden Ausführungen bis zum Schluß der Epos. 
Weitere Beweise dafür werden folgen. Aber die vorgebrachten 
genügen schon, um im nächsten Kapitel unbefangen an die 
^eiteren Untersuchungen zu gehen und nicht mit dem Vor- 
urteile, daß alle Verwirrung aus der Exposition abzuleiten sei, 
uns die Einsicht in die Genesis des Übels zu verschließen. 

3. Latinus in Haus und Reich 

Der König Latinus hat zwei Schwiegersöhne, bald gilt 
Turnus, bald Aeneas als solcher; seine Politik schlägt ganz ent- 
gegengesetzte Wege ein — aber der Ariadnefaden, der durch 
dieses Labyrinth von Widersprüchen leitet, ist bisher nicht ge- 
funden worden. Denn Kroll hat zwar die von Sabbadini auf- 
gezeigten Unklarheiten und Widersprüche der Handlung und 
der vorausgesetzten Situation noch vermehrt und das Material 
so geschickt gruppiert 1 ), daß dem Leser der Kopf ob all des 
Widersinnes schwindeln muß; aber da er die völlige Planlosigkeit 
und Gedankenlosigkeit des Dichters zeigen will, so verzichtet er 
auf jeden Versuch, Licht in das Dunkel zu bringen und uns das 
Verhalten Vergils verständlich zu machen. Andrerseits bleibt die 
Rettung der Apologeten 2 ) dahinter noch weiter zurück: abgesehen 
von ein wenig Unklarheit, die zugestanden wird, werden dem 
Dichter bei seinen vielen Seitensprüngen derartige tiftelige Ab- 
sichten und technisch-künstlerische Gründe zugeschrieben, daß 
diese, wenn sie erwiesene Tatsachen wären, mir unverständlicher 
bleiben würden als die nicht wegzubringenden Widersprüche 



1 ) Besonders in den lesenswerten Znsammenstellungen S. 138 f. 

2 ) R. Heinze 171 ff. 



99 V. Die römische Ilias 



selbst. — Die Auflösung - dieser insolubilia kann nach meiner Über- 
zeugung am besten auf Grund einer hypothetischen Vorge- 
schichte der in den letzten Büchern sich abspielenden Handlung 
erfolgen, die nur von der Exposition in Buch VII nicht aus- 
gehen darf. 

Gilt Aeneas oder Turnus als künftiger Schwiegersohn des 
Latinus? Das Natürliche ist, daß der mit den Latinern in gemein- 
samem Kampfe gegen die Eindringlinge verbundene Rutuler- 
fürst Anwartschaft auf die Hand der Lavinia und auf den Thron 
in Latium hatte. Dann konnte er ausrufen: 

XI 440 vobis animam hanc soceroque LaÜno 

Turnus ego . . . devovi, 

nachdem im Kriegsrate der Latiner Drances von ihm einen Ver- 
zicht auf sein gutes Recht verlangt hatte: 

XI 359 cedat, ins proprium regi patriaeque remittal. 

Das wissen die Witwen und Waisen in Latium (XI 215 ff.), 
die Königin Amata darf die Vermählung besingen (VII 398 
natae Turnique canit hymenaeos), da diese in nächster Zukunft bevor- 
steht (VII 397 thalamis . . paratis), und darf dem Gemahle vorhalten: 

VII 366 et consangxdneo totiens data de.rtera Turno. 

Hierin liegt nichts Zweideutiges, keine Verdrehung der Wahrheit, 
wie Heinze unterlegt (S. 173 und 420). Auch die Königstochter 
selbst steht in dem Kampfe treu zu den Ihren und betet mit 
den Frauen und Knaben zur Pallas, den phrygischen Seeräuber 
zu vernichten (XI 476—486: hueiaque oomee Lavinia virgo 479). 
Die Latiner haben ganz recht, wenn sie in diesem Bündnisse 
den eigentlichen Grund des Krieges sehen und nun von Turnus 
verlangen, daß er selbst mit dem Schwerte den verheißenen Lohn 
erkämpfen solle: 

XI 217 dirum execrantur bellum '!'>n-iu./>i>' hym 

ipeum armis ipeumque iubeni decenu o t 

•/ui regnum ItaUae et primae tibi poeoai honorx 



Turnus ist der erklärte Eidam 93 

und wenn Drances ihn als caput komm et causa malorum (361) zu 
freiwilliger Entsagung auffordert. Vielleicht hätte Latinus den Krieg- 
vermeiden können, wenn er ohne Rücksicht auf Turnus dem 
Aeneas die Hand seiner Tochter angeboten hätte. Daß er 
nicht so klug' gehandelt, tut ihm nachträglich leid: 

XI 471 multaque se incusat, qui non accepent nitro 

Dardaninm Aenean generumque adsciverit urbi. 

und ganz ähnlich XII 612. Aber er hat sich nun einmal auf 
den Krieg gegen die Troer eingelassen (XII 31 u. ö.) und 
kann daher nur für den Fall, daß Turnus im Zweikampfe unter- 
liegt, daran denken, die Bedingung anzunehmen, die Turnus 
zuerst ausspricht (XII 17 cedat Lavinia coniunx, sc. victori) und 
sodann Aeneas so formuliert: 

XII 192 socer arrna Latinus habeto, 

Imperium sollemne socer: mihi moenia Teucri 
conslituent, urbigue dabil Lavinia nomen. 

Das alles ergibt eine einheitliche Situation, die in sich verständig 
und wohlüberlegt erscheint, wenngleich in formaler Beziehung 
einiges fehlt, vor allem die entsprechende alte Exposition in 
Buch VII, worin die alte Anwartschaft des Turnus ins rechte 
Licht gestellt wurde. Die Voraussetzungen brauchten keines- 
wegs erst nachträglich erfunden zu werden, wie der Dichter sie 
gerade brauchte 1 ), sondern sie waren nach meiner Überzeugung 
von vornherein ganz bestimmt und klar erdacht und ergaben 
folgerichtig die späteren Verwicklungen: ich halte darum die 
alte Exposition für nachträglich beseitigt. Nicht ein Anspruch 
des Aeneas auf die Hand der Lavinia, sondern ein Zufall, in 
dessen Spiel freilich Iuno die Hand hatte, führte ja blutigen 
Streit herbei (VII 483 — 539). 

Gewiß erwuchs dem Turnus in Aeneas ein mächtiger 
Nebenbuhler, dem er schließlich weichen mußte. Aber das gute 
Recht war auf Seite des einheimischen Fürsten aus verwandtem 
Geschlechte. Aeneas konnte keinerlei Anspruch auf die Hand 



J ) So Kroll S. 138. 



94 V. Die römische Ilias 



der Lavinia erheben, bis sein Schwert sie ihm verschaffte. Da 
mußte Latinus freilich der Not gehorchen und dem Sieger ge- 
zwungen zugestehen, was er ihm freiwillig nicht g-ewährt hatte. 
Daß er nun diese falsche Politik bedauert, nach dem Tode der 
Am ata und kurz vor dem des Turnus, XII 612, ist psychologisch 
durchaus verständlich. Der neue Plan taucht aber erst in dem 
großen Kriegsrate des XL Buches auf; und zwar ist es Drances, 
der hier den Turnus anfleht, auf sein Recht zu verzichten, und 
dem Könige rät, sich frei von etwaigem Zwang-e seitens des 
Turnus mit Aeneas und den Seinen auf ewig zu verbinden: 

XI 354 nee te ullius violentia vincat: 

quin natam egregio genero dignisque hymenaeis 
des, pater, et pacem hanc aeterno foedere iungas. 

Es ist das einzige, was er den von Latinus vorgeschlagenen 
Friedensbedingungen (XI 316 — 329) hinzuzufügen hat, und was 
den ganzen Ingrimm des Turnus wachruft. 

Diese einfachen, natürlichen und in sich einheitlichen Voraus- 
setzungen, auf denen sich im wesentlichen die Erzählung der 
Bücher VTTT— XII aufbaut, sind nun durch einen sonderbaren 
Einfall des Dichters gestört worden: Latinus wirft sich den An- 
kömmlingen sogieich an den Hals und bietet ihrem Führer die 
Hand seiner Tochter an. Diese Neuerung beschränkt sich auf 
das VII. Buch und einige wenige darauf Bezug nehmenden Zu- 
sätze in den späteren Büchern. Der König macht seinen Antrag 
sofort dem Gesandten Ilioneus: 

VII 268 est mihi nata, viro gentis quam lungere ttoetrai 
non patrio ex adyto sortes, non plurima caelo 
monstra rinunt: generös externis adfore ab oris, 
hoc Latio restare canunt, qui aangvifu nostrwn 
nomen in astra ferant. kunc illum poteen fata 

et reor et, siquid rcri mens augitrat, opto, 

bevor er seinen zukünftigen Eidam Aeneas überhaupt persönlich 
keimen gelernt hat. Und dieser weist das überstürzte Anerbieten 
nicht zurück, als Awada*' . . . pacem reportant (VII 285), wenngleich 



Aeneas ist der erklärte Eidam 95 

eine Antwort des Aeneas, in der er das Anerbieten ausdrücklich 
annimmt, nicht erfolgt, wie auch eine persönliche Zusammen- 
kunft mit Latinus durch den Ausbruch der Feindseligkeiten aus- 
geschlossen bleibt. Es muß genügen, daß Ilioneus die Be- 
dingungen annimmt: Aeneas selbst nennt diesen Vertrag später 
hospitia nostra (XI 114, vgl. VII 264) oder foedera (VIII 540 poscant 
acies et foedera rumpant, XII 582 iam altera foedera rumpi). Er hatte 
also das Recht, den Latinus seinen (künftigen) Schwiegervater 
zu nennen, wie auch Iuno dem Aeneas seine Ansprüche vorwirft: 

X 79 soceros legere et gremiis abducere pactas. 

Er selbst soll auch gesagt haben, behaupten die Gesandten des 
Latinus: 

XI 105 parceret kospitibus quondam socerisque voeatis 

(der verallgemeinernde Pluralis steht hier wie in Latinus' Rede 
VII 270 gene?'Os). In einer einzigen Stelle der späteren Bücher 
findet sich auch eine Äußerung des Königs selbst, worin er 
seine Tochter Lavinia promissam genero (sc. Aeneae) nennt: XII 31. 
Aber für das VII. Buch ist dieser Entschluß des Latinus die 
Grundlage der ganzen Handlung. Darüber vergießt die Braut- 
mutter Amata, die an Turnus festhält, viele Tränen und versucht 
mit beweglicher Rede den Gemahl umzustimmen: 

VII 357 moüius et solito matrum de more locuta est 

multa super natae lacrimans Phrygiisque hymenaeis'. 
'exsulibusne datur ducenda Lavinia Teucris, 
o genitorf nee te miseret nataeque tuique? . .' 

Latinus selbst bleibt unbewegt, und dem entspricht der ganze 
Ausgang des VII. Buches. Amata aber nimmt doch wohl an, 
daß die Ehe nun baldigst geschlossen werden soll, und versteckt 
daher ihre Tochter in einer Waldschlucht: 

VII 387 natam frondosis montibus abdit, 

quo thalamum eripiat Teucris taedasque moretur. 

Dieses Hinausschieben der Hochzeit steht im Einklänge mit Iunos 
haßerfülltem und blutrünstigen Intrigen, die die Hochzeit, wenn 



96 V. Die römische Ilias 



überhaupt, mit Blut und Leichen feiern will (Vll 317. 555). Und 
wirklich erreicht Amata durch den Aufschub, ohne daß der 
Dichter dies besonders betont, daß Turnus eingreift und vor- 
läufig - Latinus die Verbindung - mit Aeneas nicht vollziehen kann. 
Turnus hat die überraschende, kaum glaubliche Nachricht bereits 
durch eine nächtliche Erscheinung vernommen: 



■& 



VII 424 externusque in regnum quaeritur heres 

und hält das nun dem Könige vor, der darauf nichts zu er- 
widern hat: 

VII 578 (Turnus adest) . . . Teucros in regna vocari, 
stirpem admisceri Ph'ygiam; se limine pelH. 

Wie sich Latinus selbst nunmehr zwischen den beiden Feuern 
verhält, soll später besprochen werden. 

Das Wichtigste ist die Erkenntnis, daß in dem vorzeitigen 
Plane der Vermählung des Aeneas im VII. Buche eine Neuerung 
vorliegt gegenüber der einheitlichen Situation der späteren 
Bücher. Der Leser merkt das natürlich nicht; auch Heinze hat 
das verkannt, und indem er glaubte, von der Exposition des 
VII. Buches aus die spätere Handlung verstehen zu müssen, sah 
er sich zu gewaltsamen Deutungen einzelner Äußerungen ge- 
nötigt, während Kroll auf die Erklärung sich widersprechender 
Äußerungen ganz verzichtet. Es wird also zunächst nötig sein ) 
noch fester zu begründen, warum wir gerade in den Abweichungen 
des ersten der sechs Bücher die jüng-ere Phase des Epos zu 
erkennen haben. 

Das ist sofort klar, wenn man den großen Kriegsrat des 
XI. Buches vergleicht, in dem Latinus Vorschläge zu einem 
Frieden und Bündnisse mit den Troern macht, ohne älterer Anträge 
und Versuche zu gedenken (S. 90). Auch Drances, der den Vor- 
schlag des Ehebündnisses hinzufügt, und Turnus, der dies un- 
tüm zurückweist, erwähnen weder die im Yll. Bache gfe- 
schilderten Vorgänge, noch wissen sie irgend etwas vmi ihnen. 
! ist ausgeschlossen, daß Vergil diese bereits erdichtet und 
wieder vergessen hatte. Daß er davon QOCfa nichts wußte, wird 
am deutlichsten aus dem doppelten Vorschlag« des Latinus, den 



Schwierige Lage des Latinus. Unklarheiten in VII 97 

Troern entweder Landbesitz und ius aequum zu gewähren, falls 
sie im Lande bleiben wollten (XI 316 — 323), oder falls sie ihre See- 
fahrt fortzusetzen gedächten, ihnen alles Schiffsmaterial und 
Arbeiter zur Verfügung zu stellen (324 — 329). Mit diesen beiden 
Möglichkeiten rechnen auch die Götter in der großen Götter- 
versammlung X 1 — 113, und im VII. Buche sieht sogar Amata 
im Geiste den Seeräuber mit dem ersten günstigen Winde wieder 
auf und davon gehen: 

VII 361 quam primo aquilone relinquet 

perßdits alta petens abducta virgine praedo. 

Aber diese Möglichkeit ist ausgeschlossen durch die Botschaft 
des Ilioneus (S. 89), der für die der Seefahrt satten Troer gleich 
nach der Ankunft Land gefordert: 

VII 228 diluvio ex illo tot vasta per aequora vecti 

dis sedern exiguam patriis Htusque rogamus 
innocuum et ciinctis imdamque auramque patentem, 

und auch darüber keinen Zweifel gelassen hatte, mit Berufung 
auf alte Tradition, Orakelsprüche und göttlichen Befehl, daß 
gerade diese Landschaft das Ziel ihrer Fahrt bilde (239 — 242). 
Und Latinus hatte dem Redner sofort die Erfüllung dieser 
Wünsche zugesagt: 

VII 260 dabitur, Iroiane, quod optas. 

munera nee sperno (vgl. S. 90. 94). 

Sollte die Königin hiervon nichts vernommen haben? Oder 
sollen wir es der Angst der Mutter zugute halten, daß sie der 
Redlichkeit der Absichten der Fremdlinge mißtraut? Oder 
waren die diplomatischen Verhandlungen vom Dichter noch 
nicht ausgeführt, als er die Rede der Amata verfaßte, in der 
diese ihren Gemahl umzustimmen versucht und an die Seß- 
haftigkeit des Piraten nicht glauben will? Jedenfalls hat Latinus 
noch im XI. Buche nichts von solchen ernsthaften Absichten 
erfahren, und die Götter sind sich im X. Buche über den Ver- 
bleib der Troer noch nicht schlüssig geworden. Latinus kann 

G e r c k e , Die Entstehung der Aeneis. ' 



98 ^ r - Die römische Dias 



im Kriegsrate vorschlagen, den Troern Land zu schenken, weil 
er es dem Ilioneus noch nicht versprochen hat; und er muß noch 
mit der Möglichkeit des Abzuges der Feinde rechnen, weil 
Ilioneus diese Möglichkeit noch nicht abgeschnitten hat. Endlich 
sieht der Rückblick, den Latinus im Kriegsrate auf den Verlauf 
des Krieges wirft (XI 302 — 313), von dem sonderbaren Ausbruche, 
wie er im Schlußteile des VII. Buches erzählt wird (unten S. 109), 
ganz ab, und der ganze Kriegsrat wie die Stellung des Latinus 
als seines Leiters und obersten Kriegsherrn stützt sich auf völlig 
andere Voraussetzungen, wie sich noch ergeben wird. 

Somit wird immer mehr Boden der Grundanschauung - 
Heinzes entzogen, die er wohl als selbstverständlich für den 
Interpreten angesehen hat, daß die Handlung vom Beginne des 
VII. Buches an bis zum Abschlüsse des Epos einigermaßen stetig, 
wenn auch mit einigen Unklarheiten, fortschreite. Vielmehr 
gähnt zwischen Buch VII und VIII ein Abgrund, über den nur 
wenige schwanke Stege führen. Die epische Handlung, die 
sich in den letzten fünf Büchern langsam entwickelt, ist in 
Buch VII unter anderen Voraussetzungen mit wenigen großen 
Schritten zu einem Höhepunkte geeilt, um ihn mit einem Sprunge 
wieder zu verlassen. Und diese Änderung in den Voraussetzungen 
wie im Tempo der Erzählung beruht auf einer jungen Über- 
arbeitung eines großen Teiles vom VII. Buche. 

Dadurch ist aber nicht nur die epische Handlung in ihrem 
ruhigen, selbstverständlichen Fortschreiten geschädigt worden, 
sondern auch die Zeichnung der Charaktere. 

Am meisten hat unter der Neuerung das Verhalten und 
der Charakter des Latinus gelitten. Nach der älteren Dichtung 
war beides einfach und tadellos: er hielt mit Turnus gegen den 
fremden Eindringling zusammen und wollte den Trojanern eine 
Ansiedelung in seinem Gebiete verwehren. Aber nun ist er 
ZUerst dem Turnus untreu geworden und wird dann dem Aeneas 

fenüber wortbrüehig. Berechtigte Vorwürfe deswegen werden 

ihm nicht erspart Gleich ZU Anfang, als er noch an Aeneas 

hält, wirf! ihm Amata vor: 



B. VII -widerspricht VIII — XII. Treulosigkeit des Latinus 9g 

VII 365 quid tua sancta fides? quid cum antiqua tuorum 
et consanguineo totiens data de.vtera Turnof 

Und die Erscheinung- der Iunopriesterin Calybe, in Wahrheit der 
von Iuno angestiftete Hölleng-eist Allecto, stellt dem Turnus die 
veränderte Lage der Dinge so vor: 

VII 422 (patiere) tua Dardaniis transcribi sceptra colonisf 
rex tibi coniugium et quaesitas sangxdne dotes 
abnegat, externusque in regnum quaeritur heres. 
i nunc, ingratis offer te, inrise, periclis, 

und gibt ihm einen Ratschlag für den Fall, daß der König sein 
Wort nicht halten will: 

VII 433 ni dare coniugium et dicto parere fateiur. 

Heinze will S. 420 in diesen Worten eine Verdrehung- der ge- 
samten Sachlage und Rechtslage finden: eine direkte Lüge sei 
zwar vermieden (trotz dicto parere?), aber die Verdrehung sei 
des höllischen Dämons würdig und in sie auch Amata mit 
raffinierter Kunst hineingezogen. Allein so raffiniert 1 ) denkt und 
dichtet Vergil nicht. Die Sachlage ist der Wahrheit gemäß 
g-eschildert, ohne jede Übertreibung, eher zu milde als zu parteiisch ; 
und für sein gutes Recht kann sich Turnus, der selbst VII 579 



*) Der gleichzeitige Rat, die Schifte der Troer zu verbrennen (VII 431), ist 
freilich nicht raffiniert, sondern in dieser Situation eher dumm zu nennen: es war 
das beste Mittel, die Fremden ewig im Lande zu behalten, da man sie doch nicht 
alle mitverbrennen konnte. Ein solcher Rat an dieser Stelle sieht gar nicht aus, 
■wie wenn er von Iuno inspiriert wäre.' vermutlich war die Traumerscheinung ur- 
sprünglich für eine andere Stelle als Einleitung des Schiftsbrandes (IX) gedichtet, 
und hier wohl ohne Benutzung der Figur der Allecto angeführt. Ferner ist die 
feurige Anweisung 

VII 426 Tyrrenas, i, sterne acies, tege pace Latinos 

jetzt sinnlos, da die Etrusker nicht im Felde gegen die Latiner stehen, sondern erst 
X 148 — 155 von Aeneas gewonnen werden; und statt ihrer die Troer zu nennen, 
wird durch die Verschwägerung und VII 470 ausgeschlossen: also konnte Turnus ihre 
Schiffe nicht verbrennen. Die Ordnung der Erzählungen war einst eine andere. Der 
Widerspruch ingratis pericltS 42" und laetus 430 lehrt außerdem, daß hier ein 
Cento vorliegt. 

7* 



100 V. Die römische Dias 



nur se limine pelli sagt, auf klassische Zeugen wie Drances berufen 
(oben S. 92): nicht Allecto hat hier die Rechtslage verdreht, 
sondern der Dichter selbst sie nachträglich an anderen Stellen 
verschoben. 

Aus dieser Sachlage heraus konnte nun freilich Turnus 
nicht als Verbündeter des Latinus zum Kampfe gegen Aeneas 
gelangen, sondern nur zum Kampfe gegen Schwiegervater und 
Schwiegersohn zusammen. Und das rät ihm in der Tat Calybe: 

VII 432 rex ipse Latinus, 

ni dare coniugium et dicto parere fatetnr, 
sentiat et tandem Turnum experiatur in armis. 

Von diesem Schlüsse ihrer Rede mochte Iuno, die Auftraggeberin 
der Allecto, schlecht erbaut sein. Aber blieb ein anderer Aus- 
weg, wenn Latinus mit seinem Volke den Aeneas dem Turnus 
vorzog? 

Natürlich mußten sich, dem alten Entwürfe entsprechend, 
nachher die alten Gegner im Kampfe gegenübertreten. Zum 
Kriege mit den Troern konnte aber der künftige Schwiegervater 
des Aeneas gelang'en, wenn er diesen fallen ließ. Und daß 
er das getan, gesteht er schließlich selbst dem Turnus: 

XII 29 victus amore tui, cognato sangvine victiu 

coniugis et maestae lacrimis, rincla omnia mpi: 
promissam eripui genero, unn<i impia mmpn, 

und das gestehen schon vorher die Gesandten dem Aeneas ein, 
als sie Waffenruhe zur Bestattung der Toten erbitten: 

XI li>5 }«trrrr>/ hospitibuB quondam soceriaque voeatia. 

Aeneas antwortet ihnen sehr ruhig und sachlich 

XI 11 •'! rex nottra reKqtdt 

hosjritia >/ Turm potuu <//</// am 

Mit bitterem Sarkaamus äußert er sich 

VIII 540 poecani aci$i >t foedera rumpemi 



Doppelter Treubruch des Latinus 101 

und in seinem Namen der Dichter: 

XII 580 (Aeneas) magnaque inatsat voce Latinum 
testaturque deos iterum se ad proelia cogi, 
bis iam Italos hostis, kaec altera foedera rumpi. 

Aeneas weiß von Treulosigkeit des Königes gegen Turnus nichts. 

Aber der Wortbruch gegen Aeneas wird somit klar an 
mehreren Stellen des XL und XII. Buches vorausgesetzt, als ob 
er vorher vom Dichter ausführlich erzählt worden wäre. Das 
ist jedoch nicht der Fall, und daraus erklärt sich wohl auch die 
Ratlosigkeit der modernen Interpreten diesen vereinzelten An- 
spielungen gegenüber, die nur als trübe Brechungen eines 
Lichtes auftreten, das selbst nicht zu sehen ist. Die Erzählung 
hätte ins VII. Buch gehört, ist .aber von Vergil schwerlich je 
wirklich ausgeführt und dann wieder beiseite gelassen worden. 
Der klare Bruch mit Aeneas vereinigt sich nicht mit der Hilf- 
losigkeit des einfach nichts tuenden Greises am Schlüsse des 
VII. Buches, ganz abgesehen davon, daß der Dichter den neuen 
Wortbruch in ausführlicher Schilderung schlecht unmittelbar auf 
die Abwendung von Turnus folgen lassen konnte. Ein gesundes 
Gefühl scheint den Dichter davon zurückgehalten zu haben. 

Dies ließ sich freilich kaum unterdrücken. Zweimal mußte 
Latinus treulos sein, damit Aeneas einen flüchtigen Augenblick 
als sein erklärter Eidam gelten und doch schließlich Turnus im 
Bunde mit seinem Schwiegervater kämpfend für Lavinia und 
den Thron von Latium sein Leben lassen konnte. Der Status quo 
ante war vom Dichter teuer erkauft: zweimaliger Treubruch des 
Urkönigs von Latium in dem nationalen latinischen Epos war 
etwas viel, und dieser doppelte Treubruch war zudem nicht etwa 
durch die Überlieferung gegeben, sondern von dem Dichter in 
freiem Spiele der Phantasie einer sehr viel einfacheren Handlung 
eingefügt. Denn nach dem alten Entwürfe hatte Latinus es ja 
versäumt, dem Ankömmlinge freiwillig die Hand seiner Tochter 
anzubieten (ultro XI 471. XII 613), also sich keiner Untreue und 
Wortbrüchigkeit schuldig gemacht: seine Selbstanklagen in dieser 
alten Dichtung beziehen sich auf seine Politik, die das Vaterland 



2Q2 V. Die römische Ilias 



ins Verderben gestürzt und seinen Thron ins Wanken gebracht 
hat; aber seine Mannesehre ist unversehrt geblieben. In der 
jüng-eren Umdichtung ist seine politische Umsicht gerettet, aber 
seine Ehrenhaftigkeit verloren gegangen. 

So wankelmütig durfte der Dichter den Charakter des 
Latinus nicht lassen, er mußte ihn von den Flecken zu reinigen 
versuchen — und tatsächlich hat Vergil den Versuch gemacht, 
den König sogar von beiden Wortbrüchen wieder zu befreien. 

Dem Turnus gegenüber war Latinus gerechtfertigt, wenn 
er in höherem Auftrage handelte und die geplante Verbindung 
durch göttliches Eingreifen verhindert wurde. Zu diesem Zwecke 
werden eine Anzahl von Orakelsprüchen und Erscheinungen 
VII 58 (sed varäs portenta deum terroribus obstant) — 106 berichtet, 
die mehr oder weniger deutlich auf Aeneas hinweisen, am 
klarsten das Incubationsorakel des Faunus: 

VII 96 jie pete conubils natam socio re LaUms, 

o mea progenics, thalomis neu crede parotis: 
extemi venient generi, qui sangxdne nostrum 
nomen iti astixi ferant . . . 

Das praktische Ziel dieser Offenbarung wird Latinus (VII H54 
bis 258) klar, als er die Ankunft des Aeneas und seine Be- 
stimmung erfährt 1 ); und hocherfreut teilt er den Gesandten den 
wesentlichen Inhalt sofort mit (268 — 273: oben S. 94), dem gött- 
lichen Willen gehorsam. Diese blinde Unterordnung des Latinus soll 
nicht nur die überstürzte Wahl des Eidams psychologisch erklären, 
sondern wohl auch das überstürzte Anbieten des Ehebun 
das den König in den Augen des Aeneas herabsetzen müßte, 
wenn dieser nicht selbst durch Prophezeiungen darauf vorbere 
war«-. Auch der Leser der Aeneis kommt über diese Taktlosig- 
des Königs leicht hinweg, weil er durch die ersten sechs 
Bücher oft genug auf die Mission des Aeneas vorbereitet ist, die 
sich nun so schnell erfüllen soll. Und es erscheint daher fast 

ein.- sophistische Auslegung der Orakel, wenn Amata m einem 
itze Y1I :;i',i; - ;;7l' zu ihrer Bitte versucht, den gener txl 

') Von IlinneusiVIl Jl-J::., un i sc I r (VII 196 f.): Vgl < 



Erste Entlastung des Latinus in VII 103 

de gente auf einen Angehörigen jedes Volkes außerhalb Latiums 
umzudeuten und den Turnus mit Berufung" auf seine griechische 
Abkunft für besonders qualifiziert erklärt. Das ist ein befremd- 
licher Ausgleich. Zweifelt doch selbst Iuno schließlich nicht, 
daß ihrem verhaßten Gegner 

VII 314 immota manel fatis Lavinia coniunx, 

so daß ihr Aeneas und Latinus proleptisch als gener atque socer 
gelten (VII 317). Damit ist Amata vom Dichter ganz geschickt 
ins Unrecht gesetzt worden. 

Der fromme Latinus hat das göttliche Recht auf seiner 
Seite. Unerklärt ist nur, warum er den Rutulerfürsten nicht 
aufklärt, als dieser VII 577 herbeigeeilt ist und dem wort- 
brüchigen König-e Vorhaltungen macht (578 f.). Nur der Dichter 
bezieht sich auf jene Vorgänge: 

VII 583 ilicet infandum cuncti contra omina bellum, 
contra fata deunx perverso numine poscunt. 

Der König selbst bricht lediglich in Klagen und Drohungen aus, 
die der ahnungslose Jüngling nicht verstehen kann: 

VII 594 frangimur heu fatis inquit 'ferimurque procella. 
ipsi has sacrilego 1 ) pendetis sanguine poenas, 
o miseri. te, Turne, nefas, te triste manebit 
supplicium, votisque deos venerabere seris . .' 

Erst im letzten Buche, wo er längst wieder den blutsverwandten 
Schwiegersohn anerkannt und mit ihm gemeinschaftlich den 
Krieg gegen Aeneas geführt hat, entschließt sich Latinus, um 
Turnus zur Entsagung zu bestimmen, ihm ein offenes Wort zu 
sagen (sine me haec haud mollia fatu sublatis aperire dolis XII 25 f.), 
freilich auch jetzt kurz genug: 

XII 27 me natam nulli veterum sociare procormn 

fas erat idque omnes divique hominesque canebant. 

Dies ist die einzige Erwähnung - solcher dem Latinus gewordenen 
Prophezeiungen in den späteren Büchern; und dabei erkennt 



] ) Vgl. infandum 583. Anders Heinze S. 172. 



104 V. Die römische Ilias 



der Gewarnte, der jungen Zudichtung des VII. Buches ent- 
sprechend, jetzt selbst die Abweisung des Aeneas und den Krieg 
gegen ihn als gottlosen Frevel an: XII 31 arma impia suynpsi. 1 ) 
Noch in dem großen Kriegsrate des XL Buches weiß Latinus 
selbst nichts von diesen Sprüchen, die ihm die glänzende Zu- 
kunft der Nachkommen der Lavinia und ihres prädestinierten 
Gemahles in Aussicht gestellt haben. Denn sonst würde er 
nicht die Friedensbedingungen für den Fall ins Auge fassen, 
daß Aeneas und die Seinen beabsichtigen sollten, ihre Fahrt 
fortzusetzen: 

XI 324 sm alios jines dliamque cajtessere gentem 

est animus possuntque solo decedere nostro, 
bis denas Italo texamus robore navis . . 
Nur possunt ist (für das schlichtere maluntY) gesagt, weil die letzten, 
dem Kriegsrate vorangegangenen Ereignisse gelehrt haben, daß 
der Gegner unter göttlichem Schutze steht: 

XI 232 fatalem Aeneam manifesto mumme ferri 

admonet ira de um tumulique ante ora recentes. 

Auch hier keine Hindeutung auf die älteren Prophezeiungen, 
die also nicht bekannt waren. Selbst als Drances XI 355 vor- 
schlägt, der König möge dem Fremden seine Tochter zur Gattin 
geben, findet sich kein auch noch so leiser Hinweis darauf, 
daß Latinus das längst einmal infolge göttlicher Weisung gewollt 
hat. Im Gegenteile erkennt der Gegner des Turnus dessen Rechts- 
anspruch notgedrungen an, ohne ihm den höheren Götterwillen 
entgegenzustellen oder entgegen stellen zu können. Die ganze 
Umdichtung des VII. Buches existiert eben für die Bücher VIII 
bis XII nicht, wenn man von der verspäteten Eröffnung des 
Latinus an Turnus XII 27 ff. absieht. 

Und doch soll zur Zeit der Landung des Aeneas ganz 
Ausonien von dem Orakelspruche desFaunus gewußt haben (VI 1 LOS 
bis 106). Diesen jungen Zusätzen hat der Dichter die Dar- 
stellung in den Büchern VIII -XII nicht mehr angepaßt 

Aber in einem Punkte ist er dort schließlich noch weiter 
gegangen, um den König Latinus in Beinen Verhalten gej 

■) Hcinze deutet S. 17.'? diese Worte um, wie Anderes S. L75, 



Realpolitik in XI. Zweite Entlastung des Latinus in VII 105 

Turnus völlig zu entlasten. Nicht der Schatten einer Schuld 
blieb, wenn er diesem niemals ein bestimmtes Versprechen ge- 
geben hatte, bevor Aeneas eintraf. Dazu mußte die alte Ex- 
position im VII. Buche völlig abgeändert werden : Turnus durfte 
nicht als Verlobter der Lavinia und künftiger Nachfolger des 
Latinus eingeführt werden, sondern nur als Bewerber, vielleicht 
einer von vielen und allenfalls mit günstigen Aussichten. So 
lesen wir jetzt in der Tat: 

VII 54 multi illam magno e Lotio totaque petebant 
Ausonia; petit ante alios pulcherrimus omnis 
Turnus, avis atamsque potens, quem regia coniunx 
adiungi generum miro properabat amore. 

Also statt des einen viele Freier, statt der Entscheidung nur 
vorläufige Bewerbung, statt der Einigkeit der königlichen Familie 
nur einseitige Begünstigung seitens der Mutter, und selbst diese 
Begünstigung nur aus einer unerklärlich starken Vorliebe der 
Amata für Turnus abgeleitet! Nachher bekennt sich Latinus 
selbst victus amore tui (XII 29). Aber nur Amata ist dem Turnus 
(und das ist nicht wunderbar) auch in der jüngsten Phase der 
Dichtung zugetan geblieben und wird daher durch die Ankunft 
und offene Aufnahme der Troer lebhaft beunruhigt und auf- 
gebracht: 

VII 344 quam super adventu Teucrum Turnique hymenaeis 
femineae ardentem curaeque iraeque coquebant. 

So bedarf es im Grunde nicht der Aufstachelung einer Allecto 1 ), 
damit sie als Fürbitterin des nach ihrer Ansicht zusammen- 
gehörenden jungen Paares auftritt: 

VII 357 mollius et solito matrum de more locuta est 

multa siqyer natae lacrimalis Phiygiisque hymenaeis. 



! ) Ich schreibe Allecto einer jüngeren Zudichtung zu. Iuno weiLS X 72 f. 
nichts davon, daß sie dies Ungeheuer aufgebracht hat, obwohl Venus X 40 ihr dies 
vorhält (ebenfalls junger Zusatz). Ihre Einfügung ist älter als die Nekyia (S. 65), 
aber vielleicht jünger als das Auftreten der Dirae, deren eine den Tod des Turnus 
XII 813 ff. herbeiführt : schon VII 45-1 f. sagt die höllische Furie ihm adsutn 
dirarum ab sede sororum; hello, manu letumquc gero. 



106 V. Die römische Ilias 



Die ältere Bitte (alt bis 361) ließ sich weiter verwenden, auch 
nachdem die alten Ansprüche des Turnus beseitigt waren. Der 
Vorwurf gegen Latinus blieb (365 f.), sollte aber jetzt in dem 
Munde der leidenschaftlich erregten Mutter vielleicht die abge- 
schwächte Bedeutung erhalten, daß sie wie Turnus sich auf 
Latinus und seine Bevorzugung des verwandten Rutulers ver- 
lassen hatte. Von einem guten Rechte des Turnus (XI 359) ist 
ja hier keine Rede mehr, wie es in der alten, jetzt wegge- 
schnittenen Exposition gestanden haben wird. 

Daß die jetzige kurze Einführung des Turnus VII 56 ein 
junger Zusatz ist, geht schon daraus hervor, daß sie ihn kurz 
abtut, ohne seine Heimat und Stellung zu nennen. Erst VII 408 ff. 
erfahren wir, daß er ein Rutuler ist und in Ardea wohnt, erst 
X 616, daß König Daunus sein Vater ist, und XII 138 (vgl. 
X 439), daß Iuturna seine Schwester ist (Kroll S. 145). Eingeführt 
wird er also wie eine bekannte Person (gleich Acestes in B. I: 
oben S. 25 f.): ein Zeichen, daß die Verse jüngeren Datums sind. 
Dem Dichter kam es im Augenblicke darauf an, ihn als einen 
unter vielen Bewerbern zu nennen, nicht die volle Aufmerksam- 
keit des Lesers auf diese Hauptperson des Epos zu lenken. Diese 
sollte vielmehr zunächst auf den ankommenden Aeneas gerichtet 
bleiben, der nun allein als Bewerber in Betracht kam. Die jetzige 
Einführung und Herabsetzung des Turnus als eines Bewerbers 
neben vielen ist sogar jünger als der Orakelspruch, der warnt: 

VII 97 thalamü neu crede parotis. 

Ein Bericht von der geplanten oder bevorstehenden Ehe der 
Lavinia mit Turnus mußte unter allen Umständen den Orakeln 
vorausgehen. Er erscheint jetzt abgeschwächt in dem Hinwi 
auf die so einseitige Begünstigung der Amata 56 I. Latinus 
hatte doch auch ein Wort mitzureden, und wäre damals ohne 
Zweifel derselben Ansicht gewesen wie seine Gemahlin — 
58 eed varüs }'(>rt>tit<i dmin terroribu» obstant, 

vgl. VII L'f.s ff". In 54 — 57 ist also einiges gestrichen, anderes 
ändert worden. 

In den späteren Büchern findet sieh kein einziger Rückblick 
darauf, daß sich mehrere Freier bis zu Aeneas 1 Ankunft um die 
I [and der Lavinia en hatten, außer: 



Zweite Entlastung des Latinus in VII 107 

XII 27 me natam nulli veterurn sociare procorum 
fas erat. 

Auch im VII. Buche selbst, wo viro gentis nostrae (268) auf Turnus' 
schon vorbereitete Hochzeit (97) gehen kann, gibt es keine 
weitere Spur von der völligen Freiheit des Latinus. Nur als 
Allecto die Abwendung - von Aeneas durchgesetzt hat, heißt es 
von ihr nicht, daß sie des Königs Sinn wieder auf Turnus 
zurückgelenkt habe, sondern lediglich: 

VII 407 eomiliumqiie omnemque domum vertisse Latini. 

Der Dichter denkt also nur an einen einmaligen Abfall des 
Königs, nämlich von Aeneas. 

Diese verblüffend einfache Umgestaltung des Stoffes ist die 
jüngste von allen und gar nicht weitergeführt, übrigens auch 
wirklich nicht so angelegt, daß sie die Interpretation der ganzen 
Handlung in der zweiten Hälfte des Epos bestimmen kann, nur 
weil sie an der Spitze steht. Servius zu XII 31 und Heinze 
S. 171 ff. haben sich durch ihre hervorragende Stellung blenden 
lassen und leugnen deshalb die wohlerworbenen Rechte des Turnus 
trotz der Zeugnisse, die sie umdeuten müssen. Aber man ver- 
suche einmal, sich auszumalen, daß Vergil wirklich diesen Einfall 
durchgeführt hätte: wie hätte er da wohl den gemeinsamen 
Krieg der Rutuler und Latiner gegen die Troer begründen 
wollen? Diese Kämpfe der Bücher VIII — XII sind das eigentliche 
Thema der latinischen Ilias, angekündigt schon VII 41: 

dicam horrida bella, 
dicam acies actosque animis in funera reges, 

ihr Hauptheld und das treibende Element ist Turnus, aber an 
seiner Seite als Leiter der Operationen steht sein Schwieger- 
vater, von VIII 17 an (vgl. XI 105. 113. 231 und den von Latinus 
abgehaltenen Kriegsrat XI 237 ff.). Das ist alte Dichtung, zu 
der das Beiseiteschieben des Rutulerfürsten nicht paßte. Wenn 
sich der in seinen Entschlüssen freie Latinerkönig einmal für 
Aeneas entschieden hatte, waren die Parteien völlig verschoben. 
Und nichts konnte in dem abergläubisch frommen Könige eine 



108 V. Die römische Ilias 



Umstimmung hervorbringen, sollte man meinen. Höchstens der 
Gewalt konnte er weichen, wenn Volksinstinkte gegen die Fremd- 
linge wach wurden und ihn zu einem Kriege wider seinen Willen 
zwangen. Davon ist in den ganzen fünf Büchern nicht die Rede. 
Im Gegenteile schleppen XII 583 ff. Aufrührer, die den Frieden 
um jeden Preis erzwingen wollen, den Latinus auf die Stadt- 
mauern, als der Belagerer ihm mit weithallender Stimme seine 
Schuld vorgeworfen hat (oben S. 101): 

XII 584 urbem alü reserare iubent et pandere portas 

Dardanidis ipsumque trahunt in moenia regem. 

Das Volk tritt für die Troer und den Frieden mit ihnen ein. Hat 
doch auch Aeneas selbst bereits den latinischen Gesandten eine 
zu XII 580 stimmende Erklärung abgegeben, die jeden Gedanken 
an einen Volkskrieg zwischen Trojanern und Latinern ausschließt: 

XI 113 nee bellum cum gente gero: rex nostra reliquit 
hospitia et Tumi potius se credidit armis, 

und die Gesandten widersprechen nicht etwa dieser Auffassung, 
sondern erklären sich bereit, eine Versöhnung mit dem Könige 
herbeizuführen (XI 128 f.). Es ist ein Kabinettskrieg für den 
Fortbestand der Dynastie 1 ), wie ihn die Beherrscher der helle- 
nistischen Reiche so oft geführt, und auch dem Charakter analog, 
den die Bürgerkriege der Römer selbst bis zur Schlacht von 
Actium zeigten, als Vergil den Plan des nationalen Epos faßte. 
Die Volksmassen hüben und drüben konnten, da sie gegenein- 
ander keine Abneigung oder gar Rassenhaß hegten, leicht ver- 
schmolzen werden, sobald sich die Führer verständigt hatten. 

Trotzdem hat sich Vergil bei der Überarbeitung des 
VII. Buches dazu verstanden, diese Grundanschauung aufzugeben, 
damit Latinus schuldlos dem Aeneas gegenüberstände. Turbulente 



') Auch Iuno verrät die gleiche Grundanschauung, nur zu blutrünstiger Ge- 
hässigkeit gesteigert: 

vii 816 ai licet anibonm populot txtemdert re g u m: 
hoc gene r atque ■• <>■ ooeemi meteedt ra omm . 

DaJ ist nicht mehr die rohe, ..her n.dve Anschauung der Kvprien, obwohl Iuno hier 
den männermordenden Krieg .m/cttelt, wie dort /.eus ihn mit Themis beschloß. 



Kabinettskrieg in XI/XII. Dritte Entlastung des Latinus in VII 109 

Volksmassen, erregt durch rasende Weiber, sind es jetzt, die 
nach Krieg schreien perverso numine (580 — 585) und in Turnus 
den sonst fehlenden Heerführer finden. Denn der alte Latinus 
zieht sich vor diesem Anstürme zurück mit einem Proteste, der 
als Weheruf erschallt; er weigert sich, die Pforten des Krieges 
zu öffnen: 

VII 618 abstinuit tactu pater aversusque refugit 

foeda ministeria et caecis se condidit umbris 1 ), 

was der oberste Kriegsherr nach alter Sitte tun mußte (601 — 617); 
er verzichtet auch mit der Kriegsleitung auf die ganze Re- 
gierung, ohne einen Verweser zu bestellen, und schließt sich im 
Dunkel seines Palastes ein, ein gebrochener Greis, der sich nicht 
zu helfen weiß: 

VII 600 saepsit se tedis rerumque reliquit habenas. 

Um diesen Preis rettet der König seine Ehre, da er somit 
nicht einen Finger breit vom Pfade der Tugend, der Treue 
gegen die Göttersprüche und gegen Aeneas, abweicht. Der 
Dichter hält es für nötig, diese Charakterstärke des Latinus 
besonders hervorzuheben, ja er weiß seine felsenfeste Treue 
nicht genug zu rühmen: 

VII 586 ille velut pelagi rupes immota resistit: 
ut pelagi rupes magno veniente fragore, 
quae sese midtis circum latrantibus undis 
mole tenet; scopidi nequiquam et spumea circum 
saxa fremunt, laterique illisa refunditur alga. 

Damit greift der Dichter auf seine kurze Angabe über des 
Königs charaktervolles Festhalten am Troerbündnisse zurück, 
das Amata so aufgebracht hatte: 

VII 373 his tibi nequiquam dictis experta Latinum 
contra stäre videt . . . 



*) Der Halbvers 619b ist eine lästige Dublette zu 600a saepsit se tectis; vor 
abstinuit fehlt die schlecht entbehrliche Adversativpartikel, tactu ergibt keinen 
Gegensatz. 



HO V. Die römische Ilias 



Auch das war nicht ursprüngliche Dichtung - , die den König 
vielmehr mit der Strahlenkrone auf vierspännig-em Wagen 
schilderte (XII 161 ff.). 

Umgeben von Kabalen, selbst hilflos, ist Latinus moralisch 
vollständig entlastet, er trägt keine Schuld an dem nunmehr 
ausbrechenden Kriege. Der Dichter hat nur vergessen zu er- 
zählen, wie es kommt, daß wir ihn trotzdem nachher an der 
Spitze der Heeresleitung als obersten Kriegsherrn finden. In- 
zwischen muß er w T ohl doch eine Sinnesänderung durchgemacht 
haben? Mit diesem Kriege der Latiner und Rutuler unter 
König Latinus und Turnus läßt sich weder die Fürsorge der 
Orakel für die Dynastie noch die den hilflosen Greis aus- 
schaltende Volkserhebung vereinigen. Die folgenden fünf 
Bücher wissen denn auch von dieser Verkehrung aller Ver- 
hältnisse nichts, und der dringend nötige Übergang fehlt. 

Der Leser bemerkt das zunächst nicht, weil Latinus drei 
Bücher hindurch vollständig zurücktritt. Erst im großen Kriegs- 
rate des XL Buches ist wieder von ihm die Rede. Hier hören 
wir ihn als obersten Kriegsherrn sich nach den Niederlagen 
und dem ganzen Elend des Krieges würdig äußern, die Situation 
besonnen erfassen und klar zeichnen: 

XI 309 spes sibi quisque. sed haec, quam angusta, v'uldis. 
cetera qua verum iaceani perculsa rrrina, 
ante oculos interque mann» sunt omnia vestras. 
nee quemquam iueuso : potuit qn<i>> plurima vir tu» 
esse, fuif; toto certatum est corport regni. 

Nichts von seniler Hilflosigkeit, nichts von einem Zwiespalte des 
Königs und seines Volkes, kein Gedanke an feige Schwäche 
irgend jemandes oder Handlungen, die dahin ausgelegt werden 
könnten, sondern edles Selbstbewußtsein des Leiters und hoch- 
herzige Anerkennung der Pflichterfüllung und Tapferkeit aller 
Glieder des Reiches. Das ist eine herrliehe Rede, bestimmt 
und klar wie die ganze Situation und wie der Charakter des 
redenden Königs. Warum hat er den Staatsrat nicht im 
VII. Buche einberufen, als er sieh selbst keinen Rat wußte? 
Der Dichter seihst deutet die Notwendigkeil VII 611 an (vbi 
det patribus sententia pugnat), Gewiß überstürzen sich hier 



Altes Bild des Latinus in XI m 



die Ereignisse, und auch in der ursprüng-lichen Konzeption mögen 
Turnus und Amata den König- in unbeabsichtigten Kampf ge- 
zogen haben: aber wenn er sich auch treiben ließ, so mußte er 
doch die Zügel in der Hand behalten. 

Einige Spuren davon sind auch im VII. Buche erhalten. 
Denn wenn statt des Königs Iuno als dea ex machina die 
heiligen Pforten öffnet, so vergißt sie, den Krieg anzusagen 
oder auszurufen 1 ), was sie freilich außer in Gestalt des Latinus 
schwer konnte. Der Göttin konnte der Dichter dies schwer 
übertragen; in seiner ursprünglichen Dichtung hatte er dem 
Könige ohne Zweifel die persönliche Leistung beider Aufgaben 
zugeschrieben. Denn deswegen hat doch wohl Vergil die alten 
Einrichtungen so ausführlich beschrieben (601 — 615), damit der 
König- Latinus als Vorgänger des römischen Consuls dem Hörer 
und Leser vor Augen trete, nicht damit er die Erwartungen 
enttäusche. Und die Rüstungen des Krieges gehen denn auch 
sofort vor sich ( — 640), als ob er ordnungsmäßig vom Könige 
verkündet worden wäre; und alle zu seinem Heerbanne gehörigen 
Recken und Gebieter in Stadt und Land, selbst Könige (642\ 
versammeln ihre Scharen, deren Übersicht in einem großen 
Kataloge erfolgt (641 — 817). Wie wäre das möglich, wenn eine 
Rotte von Aufrührern Kriegsgeschrei erhob und der Oberfeld- 
herr unbeteiligt war, ja sich weigerte, eine Kriegserklärung zu 
erlassen? 

Zwischen der Darstellung des VII. Buches bis zum Ausbruche 
des Krieges und der Erzählung des Krieges selbst klafft eine un- 
überbrückbare Lücke. Ob Vergil daran gedacht hat, sie auszufüllen, 
können wir nicht wissen; noch weniger, wie er es hätte einrichten 
sollen oder wollen, den beiseite geschobenen König wieder an die 
Seite des Turnus und an die Spitze des Heerbannes zu bringen. Etwa 
durch einen Götterbefehl oder einen trügerischen Traum? Die 
bacchantische Raserei der Frauen VII 373 — 405/7 genügte jetzt 
für eine Umstimmung- nicht mehr, und die Umstimmung müßte 
nach dem Rückzuge des Latinus ins Privatleben erfolgen, oder 



*) Nach dem Wortlaute hat Latinus nur das andere unterlassen: abstinuit 
tartu pater. 



112 V. Die römische Dias 



noch besser statt des Rückzuges. Denkt man sich diesen 
jämmerlichen Rückzug fort (583 6 — 600 und 618 — 622), so stehen 
die Verse 

VII 406 postquam visa satis primos acuisse furores 

consiliumque omnemque domum vertisse Latini 

in bestem Einklänge mit der Fortsetzung, wie Latinus von allen 
Seiten bestürmt wird, sich zum Kriege zu entschließen VII 
572 — 582. Er änderte wirklich seinen Entschluß und wendete 
sich von Aeneas ab und dem Turnus zu, genauer: wieder zu. 
Xur konnte Vergil aus der von ihm neugeschaffenen Situation 
heraus so nicht sagen 1 ), da die ursprüngliche Konzeption von 
ihm jetzt kunstvoll als ein Novum eingeführt werden sollte. 

Diese Umkehr des Latinus ist jetzt aufgehoben durch das 
charakterfeste Versagen des hilflosen Greises, und eben darum 
älter. Sie lieferte ohne Zweifel in der wichtigsten Phase der 
römischen Ilias das Band, das die umgestaltete Exposition des 
VII. Buches mit den letzten verknüpfen sollte, das die Ab- 
wendung des Königs von dem neuen Ankömmling zu dem 
stammverwandten Rutulerfürsten herbeiführte und damit den 
Übergang zu der alten Dichtung der letzten Bücher ermöglichte. 

Die Sinnesänderung des Latinus war durch die Raserei 
der Mütter VII 373 ff. veranlaßt worden. Diese Verwendung 
eines Motivs aus den Euripideischen Bakchen mag psychologisch 
unglaubwürdig erscheinen (Kroll), immerhin war sie ein wichtiges 
Stück der Handlung, ohne die die Dichtung nach Vergils Ge- 
fühl auseinander zu fallen drohte. Einfacher und in ihrer 
Schlichtheit ohne Frage wirkungsvoller waren die eindringlichen 
Vorstellungen der Amata VII 359 — 72, die völlig natürlich 

(357) soUto matruin de man' lontfa 

Schüren der Furie Allecto spürt man wirklich in ihnen nicht: 
ihre Mitwirkung sieht wie eine jüngere Zuspitzung aus (S. L06, 1). 



1 So V' -m:,' wie Schiller im Dos Karins V 8 die l'mstimmiuif; 1'hilipps ^„die 
Vrrraterei des Marquis hat auf einmal v m Wir erkennen 

ihn nicht mehr") als Riicklall in altere Charakteristik bezeichnen konnte, was sie 
<!<>ch genetisch war. Vgl. Deutsche Rundschau XX\1 (April 1905) 71 (. 



Das Bild des Latinus in VII 113 

Aber trotzdem hat sich der Dichter mit dieser einfachsten Lösung 
nicht begnügt, um die Umstimmung des Königes herbeizuführen: 
die Allecto läßt sich aus der ganzen Darstellung jetzt nicht mehr 
herausnehmen oder wegdenken. 

Nur der klägliche Rückzug des hilflosen Greises ist sicher 
einer der Zusätze letzter Hand. 

Die Aufnahme des Ilioneus und der hundert troischen 
Redner sowie die hochtönenden Worte des Gesandten hatten 
sich ebenfalls als ganz jung erwiesen. Wie sollen wir uns aber 
die erste Berührung der Latiner und Trojaner in ursprünglicher 
Fassung denken? Aeneas trat offenbar auch in ihr nicht per- 
sönlich mit Latinus in Beziehung, der König - machte ihm und 
den Gesandten keinerlei Angebot. Das mußte zum Kriege führen. 
Oder plante Vergil gleich von vornherein eine Retardation? 
Ein Schwanken in Latinus' Seele, ein Hinneigen zu den fremden 
Ankömmlingen, das Erwäg-en eines neuen Planes, vielleicht das 
Einberufen des Staatsrates mochten genügen, um der Fama 
Stoff zu bieten und Amata ebenso wie Turnus in Erregung zu 
versetzen und Iunos Intrigen zu veranlassen: 

VII 333 neu conulnis ambire Latinum 

Aeneadae possint Italosve obsidere finis. 

Schwächt man die Parteinahme des Latinus für Aeneas so ab, 
so darf man wohl die Gegensätze und eine Art dramatischer 
Zuspitzung der Handlung schon dem ältesten Entwürfe zu- 
schreiben. Aber diese Abschwächung ist, wie betont werden 
muß, nirgends überliefert. 

Das VII. Buch malt die Annäherung des Latinus und 
Aeneas und den Kampf der Amata, des Turnus und der Iuno 
mit so lebhaften, zum Teil grellen Farben, daß die Situation 
mit der der späteren Bücher schwer zu vereinigen ist, ganz 
abgesehen von den spät aufgesetzten Lichtern. Diese Darstellug 
kann daher auch in ihren ältesten Bestandteilen nicht den un- 
bedingten Anspruch erheben, vor den Büchern VIII — XII ver- 
faßt zu sein. Die aufgesetzten Lichter aber sind zum Teil ganz 
jung und mit den Büchern I, VI, V etwa gleichzeitig-. 

Gercte, Die Entstehung der Aeneis. " 



114: V. Die römische Ilias 



Im übrig-en treten in den Büchern VII — XII deutlich die 
einfachen Grundlinien einer Verschiebung der dichterischen 
Pläne zutage: 

1. Latinus und sein künftiger Schwiegersohn Turnus sehen 
sich durch den Einbruch der Trojaner zum Kriege genötigt, 
der mit dem Siege des Aeneas endet. Buch VIII — XII, die 
Exposition fehlt jetzt. 

2. Latinus will den Aeneas als künftigen Eidam und Bundes- 
genossen aufnehmen, wird aber bald umgestimmt. Buch VII. 

3. Vermittelnde Zusätze und Übergänge, wonach Latinus 
sich noch nicht gebunden, eine Schaukelpolitik getrieben hat 
oder den rechten Weg zu verfolgen gehindert wird usw., Aeneas 
durch Göttersprüche im voraus empfohlen wird. 

Wer sich die Unvereinbarkeit dieser Pläne und Entwürfe 
klar gemacht hat, wird auf apologetisches Vertuschen und kon- 
ziliatorische Erklärung verzichten und wahrscheinlich die Phasen 
genetisch und chronologisch annähernd so bestimmen, wie hier 
geschehen ist. 



VI. 

DAS SCHICKSAL 

Durch göttliche Fügung- gelangte Aeneas nach Latium 
und wurde hier Ahnherr der Könige von Alba Longa. Das 
stand für jeden Römer mindestens seit Erscheinen der Ver- 
gilischen Aeneis fest. Wer aber in dem Epos eine geschlossene 
Einheit sieht und eine einheitliche Grundanschauung des Dichters 
über Prädestination und Schicksal als Leitmotiv voraussetzt, der 
verschließt sich selbst einem tieferen Verständnisse der Dichtung 
und des Ringens des Dichters mit seinem Stoffe und seiner 
damit schwer vereinbaren philosophischen Lebensanschauung. 

In seiner Jugend hatte Vergil zur epikureischen Lehre ge- 
neigt, der Todfeindin des Glaubens an ein ewiges, unabänder- 
liches Schicksal: nicht nur in Ekloge 6 (zu Vers 13) sondern 
auch in der Nekyia (zu VI 264) wollte Servius den Einfluß 
seines Lehrers Seiron erkennen; und wenn A. Körtes Ver- 
mutung zutrifft, so gehörte Vergil zu dem Kreise römischer 
Dichter, dem Philodemos von Gadara seine halbpopulären Werke 
,T40i xoXaxeiag und (fü.ciQyroiug, widmete 1 ). Das Interesse Vergils 
für die epikureische Weltanschauung hat wahrscheinlich, wie bei 
Horaz, lange bestanden und sich lebendig erwiesen: ich 
glaube, noch lange über die Zeit hinaus, wo er das nationale 
Epos in Angriff nahm. Das ist aus allgemeinen Gründen 
wichtig, denn große Dichter streng stoischer Observanz hat es 
niemals gegeben, und noch mehr für den Aufbau des Epos 
und die Durchführung der Handlung im einzelnen: denn der 



>) Rh. Mus. XLV (1890) 172 ff. Die Zeit war vermutlich 30—24 v. Chr.. 
■wenn -wirklich Cornelius Gallus, seit 30 praefectus Aegypti, nicht genannt ist; sicher 
wird der 24 v. Chr. verstorbene Freund Vergils Quintilius Varus noch angeredet. 

8* 



116 VI. Das Schicksal 



Prädestinationsglaube mußte den Epiker auf Schritt und Tritt 
hindern, ja lähmen. 

Daß wir trotzdem überall, auch in den ältesten Entwürfen 
der Aeneis fata erwähnt finden, darf uns nicht stören oder zu 
der Annahme einer einheitlichen Grundanschauung verleiten. 
Denn fata bedeutet dem ursprünglichen Wortsinne gemäß meist 
„Sprüche" der Seher oder Götter, einmal die Schicksalslose, die 
Iuppiter zieht (III 375 f.), aber auch der gewöhnlichen Anschau- 
ung und der Umgangssprache entsprechend „Lebensschicksale". 
Wenn Iuppiter X 113 und Helenus III 395 sagen fata viam invenient, 
so denken sie nicht an mehr. Ja, „Schicksale" wird in dieser 
unphilosophischen Ausdrucksweise häufig mit „Glück" und „Un- 
glück" gleich gebraucht, Schicksal und Zufall keineswegs als 
unvereinbare Gegensätze angesehen. So sagt Dido: 

IV 651 dum fata deusque sinebant . . . 

653 vixi et quem dederat cursum Fortuna peregi, 

so Euander: 

VIII 333 me pulsum patria pelagique extrema sequentnv 
Fortuna omnipotens (!) et ineluctabile fatum 
his posuere Jods. 

Unphilosophischer kann man sich kaum ausdrücken, obwohl 
scheinbar gelehrte Stichworte angewendet werden. Gleiche 
Paarung findet sich I 239 f. (unten S. 119). II 653/6. III 493 f. 
V 709 f. X 112 f. (S. 124). 435/8. XII 147/9. 676/7 (also in alten 
und jungen Stücken). Natürlich sind die Lebenswege bisweilen 
verschlungen, stets in der älteren Auffassung dunkel, und die 
den einzelnen zuteil gewordenen Schicksalssprüche können sich 
sogar widersprechen. So sagt Iuno: 

VII 293 heu stirpcm inrisam et fad.« contraria HOStris 
fata Phryguml 

ähnlich Venus I -J'M) (S. 119), und so Turnus: 

IX 133 nü me fataUa terrent, 

n gua Phryges prae se iaetant, response äeo ntm : 

Bat fatis Venerigue <iiit"»> s-h»' ei mea contra 

137 fata mihi . . . 



Schicksale und Schicksal \\" 



Solche responsa waren durch die ältere Aeneaslegende gegeben, 
und Vergil hat sie aufgenommen, ohne mit dieser dichterischen 
Fiktion ein philosophisches Glaubensbekenntnis zu verbinden: 
ein epikureischer Dichter konnte solche sich widersprechenden 
Orakel und Prodigien unbedenklich aufnehmen, wenn die Tradition 
und der epische Götterapparat das mit sich brachten. .Sie haben 
nichts mit der stoischen Lehre von dem unabänderlichen fatum 
zu tun, durch das jedes Menschenschicksal voraus bestimmt und 
festgelegt ist und auch die Götter gebunden werden. 

Dieses Walten einer sogar über den Göttern stehenden 
unheimlichen Macht tritt in den jüngsten Partien der Aeneis 
auf: die Unterordnung der Götter selbst und die Wirkung auf 
die Menschen zu verfolgen, ist die Aufgabe der nächsten Unter- 
suchung. Aber überall stehen diesen Schilderungen ältere gegen- 
über, in denen der Zwang des Schicksales nicht existiert oder 
keine Bedeutung erlangt hat. 

1. Venus und Iuppiter 

Zweimal sehen wir Venus in der größten Besorgnis um 
ihren Sohn und den Fortbestand seines Geschlechtes sich an 
Iuppiter wenden: einmal im ersten Buche mit lebhaften Vor- 
würfen, daß Aeneas durch Iunos blinden Zorn von Italien fern- 
gehalten werde (I 228 — 253), das andere Mal inmitten der Kämpfe 
angsterfüllt, mit beweglichen Bitten, weniger um den Sohn als 
den Enkel zu schützen (X 17 — 62). Aber wie verschieden fällt 
die Antwort Iuppiters aus! Das eine Mal erklärt er achsel- 
zuckend, dem Schicksale müsse man seinen Lauf lassen; das 
andere Mal beruhigt er sie lächelnd mit tröstlicher Verheißung: 
aber das nicht etwa in dieser naturgemäßen Steigerung, sondern 
in umgekehrter Reihenfolge. Ein deutliches Anzeichen, daß die 
ergebnislose Unterredung ohne Rücksicht auf den an früherer 
Stelle angebrachten Hinweis auf die glänzende Zukunft des Ge- 
schlechtes gedichtet worden ist. Venus selbst weiß im X. Buche 
davon nichts, wohl aber beruft sie sich im I. Buche darauf, sie 
habe bereits teste Versprechungen Iuppiters (pollicitus 237) er- 
halten, und dieser leugnet es nicht (258 promissa Lavini moenia). 
Buch X beruht also auf anderen Voraussetzungen. 



118 VI. Das Schicksal 



Dies Buch beginnt mit der großen Götterversammlung (X 1 
bis 117), die der Vater der Götter und Menschen einberuft. Venus 
tritt besonders für den bedrängten Ascanius ein, ihre Feindin Iuno 
verlangt die Entscheidung der Waffen auch in Abwesenheit des 
Aeneas (63 — 95), und Iuppiter entscheidet in ihrem Sinne (96 — 117). 
Höchst merkwürdig ist, daß das endgültige Schicksal der Trojaner 
noch nicht feststeht: ob sie oder die Rutuler, Aeneas oder Turnus 
siegen werden, verschlägt dem Iuppiter nichts (108). Venus 
gibt ihm zu ,.möge die Partei siegen, die du willst" (43). Sie 
nimmt an, daß Iuno den Teuerem kein Land gewähren wird, 
und ist damit einverstanden, daß Aeneas seine Fahrten auf unbe- 
kanntem Meere fortsetzt; nur ihren Enkel möchte sie retten, 
auch wenn er fortan ruhmlos seine Tage an einem der ihr 
heiligen Orte verbringen soll: 

X 44 si nulla est regio, Teucris quam det tun conhon; 

. . liceat dimittere ab armis 
47 incolumem Ascanium, liceat superesse nepotem . . . 

50 hunc tegere et dirae valeam subducere pugnae. 
est Amathm, est celsa mihi Paphus atque Cythera 
Idaliaeque domus : positis inglorius armis 
exigat hie aevurn. 

Zu diesem allen versteht sich in ihrer Herzensangst Venus, 
die doch gleich im Beginne der Aeneis über das künftige Schick- 
sal ihrer Lieben beruhigt worden ist. Iuppiter hat ihr deren 
glänzende Zukunft in Latium enthüllt (fatortun arcana I 262): die 
Mauern von Lavinium sind nach schwerem Kampfe dem Aen 
258. 270), die Herrschaft auch über die Neugründung Alba 
Longa dem Ascanius (267 ff.), dem Geschlechte die Herrschaft 
bis zur Gründung Roms und dann bis auf den Caesar (272 — 296) 
zugesichert. Sogar die Zeiträume sind mit 3 -J- 3U-f- 3i»0 Jahren 
genau vorherbestimmt. Aber alle diese bis ins einzelne ausj 
führten Eröffnungen sind im X. Buche wie ausgelöscht aus dem 
Gedächtniss«- der Venus, Sie hält es jel I gar für möglich, 
dal.» die Trojaner gegen Luppiters Willen nach Italien gelangt 

sind und dafür mit Recht (!) büßen müssen: 



Venus in Angst und Ungewißheit 119 

X 31 si sine pace tua atque invito numine Troes 
Italiam petiere : luant peccata, neque illos 
iuveris auxilio. 
Und Iuppiter schneidet diese Möglichkeit nicht etwa ab, sondern 
gibt es nachher selbst als ungewiß an, ob Schicksale die Trojaner 
in die Not gebracht haben oder ein schlimmes Versehen, das 
durch unglückliche Prophetenworte veranlaßt wurde: 

X 109 seu fatis Italum castra obsidione tenentur 

sive errore malo Troiae monitisque sinistris 1 ). 

Das Geschick ist hier nicht mehr wie der Zufall. 

Das ist die ältere Anschauung des Dichters, die auch die 
Götter seiner Dichtung- ursprüng-lich vertraten. In ihrer Be- 
schwerde vertritt auch Venus im I. Buche noch im großen und 
ganzen diesen älteren Standpunkt, besonders 

I 238 hoc equidem occasum Troiae trist isque ruinös 
solabar, fatis contraria fata rependens. 
nunc eadem fortuna viros tot casibus actos 
insequitur. quem das finem, rex magne, laborum? 

Venus erwartet das Ende der Fahrten und Mühen von einer 
freien Entschließung Iuppiters, der Einblick in die Schicksals- 
bücher muß ihr also unerwartet kommen, ein unabänderlich im 
voraus bestimmtes, sich nicht widersprechendes Schicksal lag 
außerhalb ihres Horizontes, wie sie von solcher Offenbarung 
auch nachher nichts weiß. Die Offenbarung- Iuppiters ist also 
jüngere Zudichtung-. Nicht einmal von einer persönlichen Zusag'e 
weiß Venus im X. Buche. Darum ist nicht nur 

I 258 f. cernes urbem et pr amissa Lavini moenia 

jüngste Zudichtung 2 ), sondern auch der in Venus' Rede einge- 
flochtene Hinweis auf ein voraufg-egangenes bestimmtes Ver- 
sprechen: 



J ) Zu verbinden ist Italum obsidione (Heyne) und vielleicht castra Troiae 
(sc. novae, vgl. VII 157). Zur Sache vgl. Nautes' Worte V 706 f. 

2 ) Jünger auch als V 797 f. liceat Laurentem attingere TJiybrim, 
si concessa peto, si dant ea moenia Parcae. 
Denn hier zweifelt Venus noch : sie kann noch zweifeln. 



120 VI - Das Schicksal 



I 234 certe hinc Romanos olim volventibus annis, 

hinc fore ductores revocato a sanguine Teucri, 
qui mare qui terms omni dicione tenerent, 
pollicitus : quae te, genitor, sententia vertit? 

Das nirgends sonst erwähnte Versprechen ist wohl einer älteren 
Klage der Venus eingefügt worden, um sie in eine Anklage zu 
verwandeln. Es ist ein uns schon bekannter Trick des Dichters, 
plötzlich so zu tun, als ob ein bindendes Versprechen voraus läge 
und jetzt eine Sinnesänderung Iuppiters einzutreten drohe als etwas 
Neues und Unerhörtes. Da sich aber Iuppiter hier nicht volle 
Freiheit wahren will, wie in der großen Götterversammlung nach- 
her, so kann er leicht sein angeblich altes Versprechen wieder- 
holen und versichern: 

I 260 neque nie sententia vertit. 

Wenn er nachher im X. Buche Venus im Stiche läßt, so erscheint 
er allerdings im höchsten Grade wetterwendisch, aber das nicht 
einem vorher bestimmten Plane des Dichters gemäß, sondern 
lediglich, weil die jüngere Phase der Dichtung ihm bestimmte 
Zusicherungen zuschrieb, die ihm in den älteren Entwürfen fern- 
lagen, und weil diese jungen Zusicherungen und Offenbarungen 
in einem vor die ältere Dichtung vorgeschobenen Buche an- 
gebracht wurden. Wäre dies nach der Götterversammlung 
bei einer neuen Wendung des Krieges erzählt worden, und 
nicht im Anschlüsse an die Landung der Trojaner in Karthago, 
so würde das Verhalten des Göttervaters keinen Anstoß ge- 
währen. Dann würde auch die Vergeßlichkeit der geängsteten 
Venus nicht so unbegreiflich erscheinen. 

Vergil hat die große Offenbarung gleich im I. Buche ohne 
Frage deshalb angebracht, um hier in der Exposition seines 
nationalen Epos, sofort ein unvergleichliches Zukunftsbild zu 
zeichnen, unbekümmert um die so viel schlichter einsetzende 
Handlung seiner älteren Entwürfe. Ganz versunken in den 
Glauben an eine ewige Prädestination, h.it er die damit un- 
vereinbare Schilderung des X. Bnches aus den Augen gelassen: 
Verhalten seiner Götter ist der Reflex dieser Entstehung»- 
'■liichte des Epoa und wird erst aus ihr verstandlich« 



Venus in Siegesgewißheit 121 



Bei welcher Gelegenheit Iuppiter sein Versprechen der 
Venus gegeben haben soll, sagt der Dichter nicht und brauchte 
er nicht zu sagen, so wenig wie er I 382 begründet, woher Venus 
das dem Aeneas bestimmte Ziel kannte und dieser darum von 
ihrem Stern geführt werden konnte: 

matre dea monstrante viam, data fata secutus. 

Aber dieser Zug" geht noch erheblich weiter als die Offenbarung 
Iuppiters im siebenten Jahre nach Zerstörung Trojas: jetzt soll 
Venus von Anfang an im Dienste des Schicksals gestanden und 
seit der Abfahrt von Troja die Führung- übernommen haben, ein 
Seitenstück zu dem weissagenden Schatten der Creusa II 771 — 94. 
Davon weiß im X. Buche weder Venus selbst noch ihre Feindin 
Juno (X 65 f.). Der Dichter, der im Anschlüsse an die Tradition 
bei Varro Aeneas das berichten läßt, ist bereits ganz in stoischer 
Weltauffassung befangen und hat die Fühlung- mit seinen alten 
Entwürfen völlig verloren. 

Die Versuche der Venus, den Aeneas in Karthago zu 
fesseln, also das Einschmuggeln des Cupido I 657 — 90 und die 
Verständig-ung mit Iuno IV 90 — 128 *) sowie die spätere Bitte 
um gute Fahrt an Neptun V 779 — 98 verraten nichts von Ge- 
mütsruhe der besorgten Mutter, nichts von Gewißheit über das 
künftige Schicksal ihres Sohnes und Enkels. Das alles stimmt 
vielmehr weit eher zu der alten Götterversammlung, in der sich 
die Parteien feindlich gegenüberstehen und Iuppiter, der 
Schicksalsbücher uneingedenk, sich für Aeneas einzutreten 
weigert. Die Aufklärung der Venus gehört also einer ganz 
jungen Phase der Dichtung an, in der sie Vorsorge treffen 
konnte, daß nicht 

IV 106 regnum Italiae Libycas averteret oras. 

Vorher war sie bereit, ein Bündnis ihres Sohnes mit Dido zuzu- 
geben und darin sein Glück zu sehen (was sollten sonst ihre 
Anstalten?). Später Lavinia günstig zu stimmen, wäre eine dank- 



J ) IV 110 sed fatis incerta feror war ursprünglich bitter ernst gemeint, ist 
aber später durch den Zusatz 105 f. in Ironie verkehrt: oben S. 45 f. 



122 VI. Das Schicksal 



barere Aufgabe gewesen, wenn das Epos dafür noch Raum ge- 
habt hätte. Aber Venus tritt in der Aeneis außerhalb Kar- 
thagos auffallend zurück, wenn man von der Götterversammlung 
absieht. Nur in den letzten Kämpfen greift sie tatkräftig ein, 
heilt den verwundeten Aeneas, ermutigt ihn und unterstützt ihn 
im entscheidenden Zweikampfe (XII 411 — 22. 554. 786 f.). Außer- 
dem hat sie die Aufgabe, ihrem SohneWaffen vom Vulcanus zu 
verschaffen, und diese Aufgabe leitet sie durch Posaunenstöße 
ein, VIII 522 — 36/40, sonderbar genug. Als die Himmelstöne 
erschallen, klärt Aeneas den Euander auf: 

VIII 533 ego poscor Olympo. 

hoc Signum cecinit missuram cliva creatrix, 
si bellum ingrueret, Yulcamaque arma per auras 
laturam auxilio, 

und fügt einen Weheruf über seine unglücklichen Gegner hin- 
zu. Diese verblüffende Erklärung fußt nicht auf der voran- 
gehenden Erzählung, sondern ist ad hoc vom Dichter erfunden, 
um die Hoplopoiie vorzubereiten, und wäre erträglich, wenn 
nicht damit die Ankündigung des Kriegsausbruches verbunden 
wäre, den Venus voraussieht. Der Krieg bricht aber nicht bei 
Euander aus, sondern beim Schiffslag - er an der Tibermündung, 
das Aeneas seinem jugendlichen Sohne anvertraut hat. Jetzt 
müßte ihn also bange Sorge erfüllen, nicht mit Mitleid gemischtes 
Grauen um die Zukunft der im Vorteile befindlichen Eeinde. 
Vermutlich spielte die Szene wie die der Hoplopoiie ursprünglich 
beim Trojanerlager, damit Aeneas mit der (Ritterrüstung an- 
getan sofort in den Kampf schreiten konnte. Dann nahm Turnus 
darauf IX 148 nicht vorzeitig Bezug, und dann prophezeite Venus 
nicht den Kriegsausbruch in der Ferne, sondern schützte den Be- 
drohten, als die Gefahr da war. Das war ein altes Motiv wie 
ihr Auftreten in der Götterversammlung: von Iuppiternieht 
unterstützt, mußte die Göttin selbst für ihren Sohn eintreten, 
tuppiter greift innerhalb der ersten sechs Bücher nur einmal 
persönlich in die epische Handlung ein. Nämlich aul dir Bitte 
des Iarbas (IV l'.is— 218) sendet er den Mercur, um dem Aufent- 
halte in Karthago, einer dem Aeneas nicht bestimmten Stadt. 



Venus hilfreich. Iuppiter allmächtig 123 

ein Ende zu machen und ihn nach Italien, der römischen Burg- und 
den Gefilden von Lavinium zu weisen, worauf Ascanius sowohl 
wie seine künftige italische Nachkommenschaft Anspruch haben: 

IV 219 — 37. Diese der Zukunft sichere Weisung- steht in voller 
Übereinstimmung- mit der Offenbarung- des I. Buches und in 
ebenso unvereinbarem Gegensatze zu Iuppiters passivem Ver- 
halten in der Götterversammlung des X. Buches. 

Was sonst noch von Iuppiters Befehlen in der ersten 
Hälfte der Aeneis erwähnt wird, ergibt farblose und mehr 
nebensächliche Bemerkung-en, fast nur Lückenbüßer oder Ver- 
leg-enheitsauskünfte an Stelle schwer zu beschaffender tieferer 
Begründungen. So löscht ein Platzregen den Schiffsbrand 

V 693 ff. auf Veranlassung Iuppiters (vgl. 687). So berufen sich 
auf einen Befehl Iuppiters der nachts dem Aeneas erscheinende 
Schatten V 726 (oben S. 21), die ihm Kreta versagenden Penaten 
III 171 und der Dichter selbst VII 110, um das Verzehren der 
Tische kurz einzuführen; selbst der Iuno weiß er nichts Besseres 
in den Mund zu legen, als sie Allecto entlassen will, VII 558, 
obwohl es V 784 von ihr hieß: nee Iovis imperio fatisque infraeta 
quieseit. Dido nimmt bei ihrer Verfluchung des Ungetreuen 
Rücksicht auf Iuppiters Willen, da Aeneas von der Sendung 
seines Boten gesprochen hat (IV 356, vgl. 377), und sagt' etwas 
undeutlich IV 614 si . . . sie fata Iovis poseunt. Das ist alles. 

In der zweiten Hälfte der Aeneis erscheint Iuppiter all- 
mächtig, keineswegs als willenloses Werkzeug des Schicksales: 
seine göttliche Macht findet nur eine gewisse natürliche Schranke, 
gegen die auch die Gottheit nichts vermag. Darum muß der 
Göttervater der Cybele ihre Bitte, den Schiffen Unsterblichkeit 
zu gewähren, abschlagen: 

IX 94 o genetrix, quo fata vocas? auf quid petis istis? 
mortaline manu faetae hnmortale carinae 
fas habeant? certusque incerta pericula lustret 
Aeneas? cid tanta deo peimissa potestas? 

Obwohl nichts über Aeneas und die ihm drohenden Ge- 
fahren feststeht, kann Iuppiter doch nicht Unmögliches vielleicht 
gegen das Schicksal versprechen: das uövvurov ist die Grenze 



124 VI. Das Schicksal 



seiner Allmacht. Dazu kommt gelegentlich eine gewisse Indolenz, 
so daß er den Dingen einfach ihren Lauf läßt: 

X (107 und) 111 sua cuique exorsa laborem 

fortunamque ferent. rex Iuppiter omnibus idem. 

{ata viam invenient. 

Empfindlich aber ist die Allwissenheit des obersten Gottes abge- 
schwächt oder vielmehr aufgehoben in der unmittelbar voran- 
gehenden Erklärung, wonach Iuppiter die Bestimmung des Aeneas 
überhaupt nicht kennt (109 f.: S. 119), sowenig wie Venus und 
Iuno. Nur von dem künftigen Weltbrande, der durch die 
Feindschaft Roms und Karthagos entbrennen wird (S. 51 f.), weiß 
er merkwürdigerweise X 11/2 — 14 genau Bescheid. Diese Verse 
sind also mit der übrigen Götterversammlung nicht aus einem 
Gusse *). 

Iuppiters Hauptaufgabe im letzten Teile der Aeneis ist je- 
doch, den Abschluß der Kämpfe und damit des Epos herbeizu- 
führen, d. h. das von ihm bereits X 15 (vgl. 6—10, 105 f.) ge- 
wollte Bündnis zwischen Latinern und Trojanern zu schließen 
und für Aeneas das Ende seiner irdischen Laufbahn zu bestimmen. 
Der Schlachten müde, bittet der Göttervater seine Gemahlin 
schließlich, um ihrer selbst willen einzuhalten in ihrer Wut, und 
gebietet es ihr sogar um der beteiligten Menschen willen : 
XII 793 quae iam ßnis erit, coninnx? quid denique restat? 

800 desine iam tandem precibusque inj ledere nostris . . . 
803 ventum ad supremwn est. terris agitare vel undis 
Troianos potuisti, infandum accendere bellum, 
deformare domum (sc. Latini) et lurtu miscert hymeruuo», 
n/fr r/us temptare veto. 
Was die Götter X 9 und 106 noch nicht eingesehen hatten, 
das sieht jetzt Iuno ein, daß es nämlich dem Iuppiter heiliger 
Ernst ist; und sie fügt sich mit unterwürfiger Miene seinem Willen : 



1 Auch Venus' Bezugnahme darauf 

x 58 magna dioione wMo 

Karthago pnewol Au towa mi nihil urbibun inde 
obstiihit Tyrüt, 

eine ironische Aufforderung und versteckte Drohung, scheint u.ich traulich zugesetzt 
zu sein. Ein anderer /usat/ S. IM. 



Iuppiter allmächtig, erhöht Aeneas 125 

XII 807 sie dea submisso contra Saturnia vultu: 

'ista quidem quia nota mihi tua, magne, voluntas 1 . . . 

Iuppiters Wille allein entscheidet, keine andere Macht ist da- 
neben, geschweige darüber, wirksam. Das ist ebenso einfach 
gedacht wie die Götterversammlung, in der Iuppiter noch seiner 
Gemahlin den Willen läßt. Nachdem ihm dann Iuno ihre Friedens- 
bedingungen in der Form einer feierlichen Bitte unterbreitet 
hat, genehmigt er sie huldvollst und bestimmt, daß sie für alle 
Zukunft gelten sollen ( — 840), um dann einige Einzelheiten an- 
zuordnen. So ergibt sich zwanglos aus der Situation heraus ein 
großzügiges Zukunftsbild, das später durch glänzendere und ein- 
gehendere Schilderungen zwar nicht ersetzt, aber doch mehrfach 
übertroffen ist. 

Gestört wird der in sich einheitliche und altertümliche 
Tenor von Iuppiters beiden Reden nur durch eine überraschende 
Verheißung für Aeneas, die vermutlich eben der Überraschung 
wegen (vgl. S. 112 und 120) als bekannt eingeführt wird: 

XII 794 indigetem Aenean scis ipsa et scire fateris 
deberi caelo fatisque ad sidera tolli 

und die daraus g-ezogene, stark übertriebene Folgerung 

797 mortalin deeuit violari vulnere divuinf 

Diese einstige Erhebung unter die Himmlischen wird von Venus 
schon zu Beginn der Aeneis erwartet und hier einem alten 
Versprechen Iuppiters zugeschrieben: 

I 250 nos, tua progenies, caeli quibus adnuis arcem. 

Aber daß Iuppiter es versprochen und außer Venus auch der 
Iuno mitgeteilt habe, ist nirgends erzählt und paßt schlecht zu 
der letzten Unterredung- der göttlichen Gatten. Daß Iuno sich 
gar damit bereits einverstanden erklärt habe, ist durch ihr bis- 
heriges Auftreten und ihre Worte in Buch XII ausgeschlossen. 
Diese Verheißung war offenbar nötig, um einen raschen Ab- 
schluß des Epos zu ermöglichen, kann aber nur in einer jüngeren 
Phase hinzugekommen sein. Sie ist und bleibt eine Über- 



126 VI - Das Schicksal 



raschung für den Leser, der nicht von Buch I ausgeht, sondern 
die Handlung der letzten Bücher verfolgt. Ganz jung ist sicht- 
lich die Berufung der Venus auf diese Verheißung. 

Im stärksten Widerspruche steht sie und jede Prädesti- 
nation zu der Seelenwägung in Buch XII. Denn hier, am 
Schlüsse des Epos, kurz vor dem entscheidenden Zweikampfe 
des Aeneas mit Turnus, ist die Frage noch nicht entschieden, 
wer von beiden Sieger bleiben soll. Das ganze Buch ist darauf 
angelegt, die Spannung des Lesers wachzuhalten. Und nun nimmt 
Iuppiter die Wägung der Todeslose nach homerischem Vor- 
bilde *) vor : 

XII 725 Iuppiter ipse duas aequato examine lances 

sustinet et fata imponit diuersa duorum. 

quem damnet labor, et quo vergat pondere letum. 

Bedeutet dieser Vorgang, daß Iuppiter die Schicksalswage be- 
fragt, oder etwa daß er jetzt mit diesem mythischen Instru- 
mente seinen Willen kundgeben will ? Man darf die Stelle nicht 
isoliert betrachten, noch als unerklärt einfach beiseite lassen 2 ). 
Klar ist doch, daß Iuppiter noch nicht die Schicksalsbücher 
nachgeschlagen hat 3 ), daß alles noch ungewiß war : nicht nur 
das Geschick des Turnus (Heinze), sondern auch das des Aeneas. 
Denkbar war, daß sein Todeslos heraussprang, daß er also gegen 
Turnus fallen sollte. Das ist altertümliche Freiheit ! 

Man kann aus den Versen XII 725 — 27, wie Peerlkamp richtig 
gefühlt hat, oder vielmehr aus 794 die Unvollständigkeit unserer 
Aeneis folgern. Die Erhöhung oder Entraffung des Aeneas, 
die Iuppiter XII 7 '.»4 im Auge hat, dürft«" erst nach der Be- 
endigung des Krieges, der Vermählung mit Lavinia und Gründung 
der Stadt Lavinium erfolgen. Hier ist das vorweggenommen, 
um einen Ausblick auf den Abschluß des Ganzen zu geben. 



') DiU X 2<)!t yi'i TÖTt i^i, ■/ijiiHlit l,tt i ■■ : I , i,u. r,i, 

ii i :nihl StJO y,,Ji Ulli <■ nullit» - - '- ' ' 

Den Abschluß 819 ">j... 72) tlXtu i i Brno ,uur 

■ 

rik.mip and Heinse s . 8 

•i darin dem Aeneu vorbehaltenen drei fahren in Latiun) wai 
;ens erst ein gani kleiner Bruchteil verstria 



Iuppiter unentschieden; Seelenwägung 127 

Da aber die Erhebung- des Aeneas zum indiges sein Verschwinden 
von der Erde bedeutet, denn so stellen es die Historiker dar, 
also das Ende seiner irdischen Laufbahn, so steht dies mit dem 
von Heinze beanstandeten letum XII 727 auf derselben Linie. 
Gerade das war durch Homer gfeg-eben. Wir erfahren das Er- 
gebnis der Seelenwägung nur nicht, das fehlt hinter 727 : stand 
es vielleicht einst da und ist weggeschnitten worden ? Das 
Wegschneiden wäre nur erklärlich, wenn einst das wirkliche 
Ende des Aeneas geschildert werden sollte, etwa daß die Parzen 
dies beschlossen, Iuppiter aber statt des gewöhnlichen Todes 
aller Sterblichen dem Sohne der Venus das Fortleben der Götter- 
söhne längst bewilligt hatte. Dann würde hierauf sich das scis 
ipsa XII 794 beziehen können, was jetzt unerklärt ist. Die Mög- 
lichkeit wenigstens ist nicht von der Hand zu weisen, daß alte Ent- 
würfe Vergils ähnlich (nach dem Vorbilde Sarpedons und anderer 
Helden) den Abschluß des Epos beabsichtigten. Dann würde 
die Psychostasie aus einer Skizze späterer Kämpfe sinnvoll heran- 
gezogen worden sein und nur durch ihre Versetzung in den 
jetzigen Zusammenhang und den Verlust des Ergebnisses, das 
ursprünglich zuung-unsten des Aeneas ausfiel, die jetzig-e Ver- 
schlechterung erlitten haben, wie denn ja auch das Abbrechen 
der Aeneis mit dem Tode des Turnus eine Verschlechterung 
des einst gewiß vollständigeren Planes ist. — Jedoch kann die 
Entrückung 794 ff. unabhängig" von der Seelenwägung als eine 
Art Dublette, nicht ihre Erg-änzung, erdacht sein, ein der histo- 
rischen Tradition entsprechender, aber in der Dichtung - isolierter 
Zug und vielleicht jung"er Zusatz, immerhin älter als die daraus- 
geflossene Enthüllung I 250. 

Jünger als die Seelenwägung scheint Iuppiters Beschluß, 
dem Turnus höchstens noch eine kurze Frist des Lebens zu 
gewähren: 

X 622 si mora praesentis leti tempusque caduco 
oratar iuveni, meque hoc ita pomre sentis, 
tolle fuga Tu/rnum "fi/ue instantibus eripe fatis: 
hactenus indulsisse iuvat. 
Aber auch diese Unterredung' mit Iuno gehört noch zu dem 
alten Bestände, denn der Gott wird als omnipotens (615) ge- 



128 VI. Das Schicksal 



schildert, der, wenn er wollte, den Rutulerfürsten retten könnte (632). 
Er will nicht weiter nachgeben, will ihn dem drohenden Tode 
nicht entziehen: mehr bedeuten die fata instantia nicht 1 ). 

Somit sind die meisten Bücher der Aeneis und namentlich 
die letzten in sich einheitlich (bis auf geringe Zusätze): Iuppiter 
weiß durchaus, was er tut und will, aber er kennt die Zukunft 
nicht viel besser als ein kluger Mensch. Er tritt, wie in der 
griechischen Ilias, als Selbstherrscher und oberster der Götter 
auf, unbehindert durch das lähmende Walten eines Schicksales. 
Er wählt die einzelnen Schicksale aus und verknüpft sie (III 375 f.), 
ist aber nicht imstande, neue Fata zu setzen. Wer das be- 
hauptet 2 ), hat eine rhetorische Frage der Venus mißverstanden, 
wieso jemand nova condere fata könne (X 34f.). Die Antwort 
könnte nur lauten: das kann niemand, auch Iuppiter nicht, nach- 
dem einmal die responsa erfolgt sind. Iuppiter widerspricht sich 
nicht, ist aber auch nur durch sich selbst gebunden. Gerade 
im I. Buch aber hat er sich verändert und der Venus Zukunfts- 
geheimnisse verraten, von denen beide später nichts mehr wissen 
und nichts wissen können, weil die geheimnisvolle Schicksals- 
macht in die ältere Dichtung keinen Eingang gefunden hat. 

2. Iuno 

Ganz anders als Venus und Iuppiter selbst tritt Iuno hervor, 
sie vertritt recht eigentlich das Gegenspiel, sie beherrscht mittel- 
bar die Elemente, zwingt den Göttern zeitweilig ihren Willen 
auf, fesselt Aeneas durch Dido erfolgreich längere Zeit an Libyen, 
erzwingt fast sein Bleiben in Sizilien und bringt in Latium ihn und 
die Seinen an den Rand des Verderbens. Dreimal tritt ihr Iup- 
piter persönlich entgegen, im IV. V. und XII. Buche, aber mehr- 
fach sieht sie sich vom Schicksale gehemmt. Da dadurch die Frei- 
heit ihres Handelns durchkreuzt oder aufgehoben wird, so ergeben 
sich merkwürdig verschlungene Linien, die dem Schwanken des 



') Vgl. iv H96 (Diil,,t nee ftito meriia nee »iorte perihat: Heins« S. W8, 1. 
*) lliii;/ 898 und Anm, tu _".»li. Cur ist allerdingi ersucht (tur num 
pirwi potent?) und tordert eigentlich den (ic linken : -warum Ittt du. Iuppiter, 
das /■> .-" Der WorUnut der Stelle folgt S. 18». 



Iunos widerspruchsvolles Verhalten 129 

Dichters selbst entsprechen. Mit nichten ergibt sich eine ein- 
fache „Entwicklung von Iunos Verhalten", wie sie Heinze 
S. 292, 3 behauptet: „In I glaubt sie", sagt dieser, „durch eigen- 
mächtiges Handeln noch die Fata beeinflussen zu können, in VII 
verzichtet sie darauf, strebt aber wenigstens ihre Rache zu 
kühlen, obwohl sie wissen muß, daß dies Iuppiters Wünschen 
nicht entspricht; in X sucht sie anfang-s ihr Tun sophistisch als 
dem Fatum nicht widersprechend zu verteidigen; in X 611 gibt 
sie jeden eigenen Widerstand auf, hofft aber noch auf einen 
Umschwung in Iuppiters Absichten; am Schluß von XII endlich 
verzichtet sie auch darauf und bittet nur noch um das mala faii 
quod lege tenetar." Eine solche innere Entwicklung könnte ja von 
Vergil beabsichtigt worden sein, wenn er sein Epos so geschlossen 
aufgebaut hätte: aber gegenüber einer genaueren Interpretation 
hält die Konstruktion Heinzes nicht stand. 

Vor allem ist das Epos selbst viel reichhaltiger als eine 
derartige schablonenhafte Übersicht. An drei (oder vier) Stellen 
kennt Iuno den Schicksalschluß: I 39, VII 314, XII 794 (III 380); 
an vier Stellen nicht: 118, IV 99, VII 334/554 und X 65; 
zweifelhaft sind X 632 und XII 819. 

Eine ästhetisch-kritische Betrachtung des Epos ergibt: Iuno 
darf gar nicht alles so genau vorher wissen. Denn so trefflich 
die ehiaQuepi] und die tcqovoio. für den obersten Gott der stoischen 
Philosophie passen, und so sehr sein Wesen durch das Heran- 
ziehen dieser Begriffe religiös vertieft werden kann (Heinze), 
so wenig darf dieses übernatürliche Wissen die rein menschlich 
gedachten Leidenschaften der Iuno als poetischer Gestalt unter- 
binden oder ihren Haß lähmen. Darum sind die drei zunächst an- 
gegebenen Stellen, das kann man von vornherein sagen, schwerlich 
organisch aus der epischen Handlung erwachsen, sondern eines 
jüngeren Ursprungs verdächtig. 

Die eine Stelle ist S. 125 ff. bereits besprochen worden, 
luppiter mahnt in einer sonst keine Berufung auf das Schicksal 
enthaltenden Rede und ohne Hinweis auf Aeneas' irdische Auf- 
gaben oder auf seine Nachkommen : 

XII 794 indigetem Aenea?i, scis ipsa et scire fateris 
deberi caelo fatisque ad sidera tolli. 

Gercke, Die Entstehung der Aeneis. " 



130 V. Das Schicksal 



Ganz abg-esehen von der vorhin ausgesprochenen Vermutung 
über die ursprüngliche Stellung dieser Verheißung Iuppiters, ist 
es eine Tatsache, daß sie durch die vorausgehende Erzählung, 
auch durch die Unterredungen des X. Buches, in keiner Weise 
vorbereitet ist, und daß die angebliche Mitwisserschaft der Iuno 
völlig in der Luft schwebt. Iuppiter behauptet das, nicht weil 
der Dichter selbst an göttliche Prädestination glaubt und diesen 
Glauben im Epos selbst durchgeführt hat, sondern weil dieser 
Glaube ihm ohne großen Apparat zu einer national-religiösen 
Perspektive verhilft, wie er sie unmittelbar vor Abschluß des 
Epos gebraucht. Dieser Abschluß ist, so unvermittelt er auch 
auftritt, recht geschickt erreicht. 

Dies Prädikat läßt sich nicht dem Eingange der Aeneis 
erteilen, der ein Selbstgespräch der Iuno berichtet: 

I 37 mene incepto desistere victam 

nee posse Italia Teuerorum wertere regem t 
quippe vetor faiis. 

Mit diesem Eingeständnisse schneidet sie eigentlich von vorn- 
herein jedes Interesse für ihre Person und ihr Unternehmen ab, sie 
tritt damit als eine haßerfüllte, unheilstiftende Intrigantin auf den 
Plan. Und das war sie nicht nach der ursprünglichen Absicht 
des Dichters, sie sollte nichts Unmögliches beg-innen in kurz- 
sichtiger Wut. Sie wollte alles versuchen, den Aeneas unschäd- 
lich zu machen. Aber Neptuns, nicht ihr Eingreifen bringt ihn 
nach Karthago (I 146 et vastas apart Syrtü); die Erregung des 
gewaltigen Sturmes durch Iuno ist also dafür überhaupt ent- 
behrlich (vgl. Buch V Anfang); gar das Selbstgespräch der 
Iuno, das ihre Gefühle und Absichten und ihre Ohnmacht offen- 
bart, ist nur ein sekundäres oder tertiäres Motiv. Neptun scheucht 
ja auch die Winde nur aus Arger über ihre Revolte und [unOS 
Eingriff 'I 124 ff.), nicht in Rücksicht auf irgendwelche Schick- 
salsgTÜnde: das ist ursprüngliche Poesie. Nicht einer höheren 
Schicksalsmacht, sondern dem Meergotte mufite die Himmels- 
königin unterliegen, wenn die Erzählung einheitlich und ab 
rundet verlief. 



Iuno gehemmt 131 



Ebenso unvereinbar ist Iunos Wüten im VII. Buche mit 
ihrer besseren Einsicht. Sie weiß: 

VII 313 non dabitur regnis, esto, prohibere Latinis, 
atque immota manet fatis Lamnia coniunx. 
(vgl. 303 optato conduntur Thybridü alveo.) 

Und trotzdem setzt sie den Acheron in Bewegung- (312. 324 ff.), 
trotzdem erwartet sie von der Allecto 

333 neu conubiis ambire Latinum 

Aeneadae possint Italosve obsidere finis. 

In der Tat hätte ja das ganze Unternehmen keinen Sinn, den 
Turnus gegen Aeneas aufzustacheln und furchtbare Kriege an- 
zuzetteln, wenn es von vornherein aussichtslos wäre. Iunos un- 
befriedigende Erklärung, die Zeit der Herrschaft und des Ehe- 
bundes für Aeneas nur hinausziehen zu wollen: 

315 at trahere atque moras tantis licet addere rebus, 

ist nichts als ein schlechter Ausgleich. Das Auftreten der Allecto 
VII 324 — 571 ist dagegen ältere Erfindung 1 ); und in diesem 
Abschnitte kommt nicht das Fatum vor, sondern nur Glück oder 
Zufall (554/9). Iuppiter tut dem weiteren unheilvollen Treiben 
der Allecto Einhalt 557 f., wie Neptun in Buch I dem Toben der 
Winde, weil doch einmal ein Ende gemacht werden muß. Das 
Sperren der Iuno gegen das Schicksal ist erst später dazu ge- 
kommen 2 ), Iuppiters Wünsche kennt sie überhaupt nicht vor 
VII 558. 

Das sind die drei Stellen, an denen Iuno das Fatum kennt 
und in verschiedenem Grade anerkennt; und alle drei Stellen 
sind relativ junge Ausführungen, die älteste von ihnen die des 
XII. Buches. Auch in dem Verbote an Helenus, dem Aeneas 
mehr zu verraten (III 380), wird ein übernatürliches Wissen der 
Iuno vorausgesetzt. Aber hier liegt vermutlich nur eine Rede- 
wendung ohne tieferen Hintergrund vor, wie bei den meisten 



a ) S. 105 wa- dies als relativ jung bezeichnet: die Verse VII 313 ff. gehören 
meines Erachtens der allerjüngsten Phase der Dichtung an. 

*) Ihr quid Syrtes (profuerunt)': VII 302 nimmt bereits Rücksicht auf Karthago, 
obwohl gar nicht Iuno, sondern Neptun dem Aeneas die Syrten geöffnet hat. 

9* 



132 V. Das Schicksal 



Berufungen auf Befehle Iuppiters: vielleicht eine Art Ausgleich, 
eher eine Gedankenlosigkeit des Dichters (unten S. 142). 

Von den beiden zweifelhafteren Stellen gehört meines 
Erachtens keine der jüngsten Phase der Aeneis an: Iuno verrät 
nichts von Prädestination, von einem sie selber hemmenden 
Schicksale. Wohl macht sie ihre Bedingungen schließlich so, 
daß sie nur das verlangt, 

XII 819 illud . ., nulle fati quod lege tenetur. 

Aber kennt sie darum im einzelnen die Bestimmungen einer 
höheren Macht? Erkennt sie deswegen überhaupt ein über den 
Göttern stehendes Schicksal an? Nein, das folgt nicht aus 
diesen Worten, mit denen Iuno vielmehr nur sagen will, was 
luppiter der Cybele gegenüber wenig anders ausgedrückt hat, 
sie fordere kein udvvarov. Darin stimmt diese Stelle mit dem 
IX. Buche überein. Im übrigen ist für Iuno Iuppiters Wille 
allein entscheidend (XII 808), also kein Schicksal daneben oder 
darüber: den luppiter bittet sie flehentlich um Gewährung ihrer 
Bitte, ihrer Bedingungen: 

XII 819 f. illud te . . pro Latio übtest or, jyro maiestate tuorum. 

Das Gleiche gilt auch von der Unterredung Iunos mit 
luppiter X 606 — 632, die darauf hinaus läuft, daß sie den Turnus 
retten will (615 f.;. Und wirklich lenkt sie dann in der Gestalt 
des fliehenden Aeneas die Aufmerksamkeit des Turnus auf sich 
und entzieht ihn dem Kampfgetümmel und dem Kampfplatze 
( — 688). Dies alles geschieht mit Wissen und Willen Iuppiters, 
der ihr zugibt: 

624 tolle fuga Turnum txtque mdantOnu eript fati*. 

Das kann nur heißen: entziehe ihn dem drohenden Tode (S. 1J7 
Denn gegen den unabänderlichen Beschluß des Schicksales 
vermöchte ja auch luppiter nichts, er kann nicht einmal sein«' 
eigene I-nt-cheidung widerrufen und neue Iat.i setzen. Davon 
ist hier jedoch nicht die Rede, nicht ein Schicksalsschluß 1 
vor, sondern die Jibg ßovXi t ist allein bestimmend. Darum sagi 
Iuno zu ihm: 



Iuno frei J33 

X G32 in melius tua, qui potes. orsa reflectas. 

Auf dem Willen des Gottes allein beruht die Einschränkung-, 
die er verlangt: 

625 hactenm indulsisse vacat. sin altior istis 

sub precibus venia ulla lotet totumque moveri 
mutarive putas bellum, spes pascis inanis. 

Von einem über Iuppiter und Iuno stehenden unabänderlichen 
Schicksale ist auch hier nicht die Rede. 

Von den Grenzen ihrer Macht ist auch I 15 ff. die Rede, 
wo Iuno Karthago die Weltherrschaft zuwenden will; wenigstens 
der Dichter äußert den Vorbehalt: si qua fata sinant, 18. Das 
ist ungefähr soviel wie Didos Konzession (si) sie fata Iovis poseunt 
IV 614 und älter als Iunos Erklärung quippe vetor fatis I 39. 
Iuno glaubt an beiden Stellen nicht, durch eigenmächtiges Handeln 
die Fata beeinflussen zu können, kennt diese aber I 18 über- 
haupt nicht. Trotzdem hat sie gleich darauf von der einstigen 
Herrschaft der Nachkommen des Aeneas auch in Libyen (S. 51) 
gehört (I 20 audierat, sehr merkwürdig!). Das ist eine Halbheit, 
zur Vermittelung bestimmt wie das Fernhalten der Troer von 
Latium I 31 (vgl. das trahere VII 315). Offenbar wird der Iuno 
I 1 — 33 durchaus keine klare Anschauung von dem beigelegt, 
was man Schicksal nennt. 

Die ältere Voraussetzung- liegt noch ungetrübt der Ver- 
abredung der beiden Göttinnen IV 90 — 128 zugrunde. Iuno 
will in Karthago pacem aeternam pactosque hymenaeos (99, vgl. 126) 
herbeiführen, ohne von einem entgegenstehenden Fatum zu 
wissen, und ihre Partnerin spricht das direkt aus: 

110 sed fatis incerta feror, si Iuppiter unam 
esse velit Tyriis urbem Troiaque profectie. 

Venus hat die Eröffnung-en Iuppiters I 257 ff. sichtlich nicht er- 
halten: die Gattin steht ihm näher, sie muß ihn deshalb befragen 
(IV 113). Nur unter dieser poetischen Voraussetzungslosigkeit 
ist die ganze karthagische Episode verständlich: das Fatum ge- 
hört hier nicht hinein, das ist jüngere Verschlechterung. 



134 VI. Das Schicksal 



Endlich die Rede der Iuno X 63 — 95 in der besprochenen 
Götterversammlung-! Heinze liest gerade das Gegenteil von 
meiner Auffassung heraus: Iuno suche ihr Tun als dem Fatum 
nicht widersprechend sophistisch zu verteidigen. Wenn sie das 
vor Iuppiter und den übrigen Göttern versuchen darf und da- 
mit Erfolg haben kann, muß das Schicksal ja wohl viele Lücken 
gelassen haben. Dabei beruft sie sich selbst auf das Schicksal, 
wie es scheint: 

X 67 Italiam jyetiit fatis auctoribus — esto — 
Cassandrae impidsus furiis. 

Ist das nicht für Heinze beweisend? Keineswegs. Die Rede 
ist mit großer rhetorischer Kunst aufgebaut und nimmt die Ar- 
gumente und Wendungen der Venus auf 1 ). Auch die ange- 
führten Worte wiederholen, abgesehen von der Nennung Cassan- 
dras, in Kürze die Klage der Venus: 

33 sin tot responsa seadi, 

quae superi manesque dabant: cur nunc tua quisquam 
vertere iussa potest atd cur nova condere fatal 

Venus gibt diese Voraussetzung nur als eine von zwei Möglich- 
keiten (daher sin); Iuno nimmt sie als möglich, als gegeben an: 
esto!, um daran die Folgerung - zu knüpfen: 

68 num linquere castra (sc. AeMam) 

hortati mmus auf oitam commättert cutis! 
mim ]»/</■(> gummam belli, ><>/>/> nrdcre nmros? 

Aus dem esto = ihv folgt nicht, daß sie die Annahme billigt und 
an das Fatum glaubt. Diese Möglichkeit war sogar von Venus 
gleichwertig neben und hinter die andere gestellt, daß Aeneas 
wider Iuppiters Willen nach Italien gedrungen sei (31 ff.). Und 
darauf erwidert Iuno ebenfalls, und zwar vor Erwähnung' der 
feto, mit der höhnischen Frage: 

') Vgl. Venus Xi'".: Arm-, is j <ibrst, [(UM) 86: Arncas ii/nums n) 

ignarus et absit. Venus .Ml.: rsf Amdtlius, est relsa »>ihi Fopjhtl atque Cgthn HP 

Iil'ilnirijue dorn et4 l'iijims Idati mnqp e tibi, sunt atta Oytktra, 



Iunos Verhalten entwickeil? 135 

X 65 Aenean hominum quisquam divumque subegit 
bella sequi mit hostem regi se inferre Latino? 

Also kein Druck ist auf ihn ausgeübt worden, freventlich hat 
er selbst alles Unheil auf sich geladen, meint Iuno (und dazu 
paßt das luant peccata der Venus 32): aber selbst in dem Falle, 
daß er etwa durch Cassandra und damit mittelbar durch sein 
Fatum hierher getrieben worden sein sollte, hat er sich hier 
sehr töricht benommen und muß dafür die Verantwortung selbst 
tragen. So ist der Gedankengang der Iuno. Ihr Glaube an die 
sichtbare Führung des Schicksals ist also nicht fester als der 
der Venus oder des Iuppiter (vgl. die Alternative 109 f.). Der 
weiß natürlich, wie die Götter alle, daß es bestimmte Schicksale 
gibt, die sich erfüllen (113 fata viam invenient). Aber des 
Schicksals wunderbare Wege erkennt man immer erst hinterher. 
Die wissende Gottheit kann eine Ausnahme machen, und sie 
tut es an manchen relativ jungen Stellen der Aeneis, jedoch 
dazu gehört nicht die Götterversammlung X 1 — 117. Hierin 
wird vielmehr der Iuno noch das Vermögen zugeschrieben, den 
Irrenden jede Heimstätte versagen oder gewähren zu können 
(det 44: oben S. 118). 

Das Verhalten der Iuno gegen das Fatum entspricht also 
nicht einer von Buch 1 bis XII fortgeführten inneren Entwicklung 
der epischen Handlung und zugleich der Anschauungen der 
Göttin, wie Heinze zu glauben scheint, sondern lediglich der 
jüngeren oder älteren Phase, in der der Dichter sie redend oder 
handelnd einführte. Welches Schicksal dem Aeneas bestimmt 
war, wußte sie anfänglich nicht (1 18. IV. X 63 ff.) und hatte darum 
volle Freiheit zu handeln (Allecto aufzustacheln, Turnus zu retten, 
Aeneas durch Sturm zu verschlagen); der freie Wille war 
schlimmsten Falls, um mit Chrysippos zu reden, ovveuiaQuevov, aber 
nicht aufgehoben, weil des Schicksals Wege und Ziele nicht bekannt 
waren. Erst am Schlüsse der Laufbahn des Aeneas oder der Aeneis 
wurde der Schleier von Iunos Augen plötzlich fortgezogen 
(XII 794), als sie sich dem Willen Iuppiters fügen sollte und 
wollte. Da aber fast alle anderen Beteiligten infolge großer 
Umwälzungen der poetischen Voraussetzungen das Schicksal des 



136 VI - Das Schicksal 



Aeneas frühzeitig erfuhren, wie noch nachzuweisen ist, so konnte 
sie allein nicht ausgeschlossen werden. Da mußte sie freilich wissen, 
daß ihr die Rettung des Turnus (X Schluß), die Beschwörung 
der Allecto (Buch VII) und das Erregen des Sturmes (Buch I) 
nicht nützen würden: da kämpfte sie gegen das Schicksal einen 
furchtbaren, fruchtlosen Kampf, in dem sie unterliegen mußte 
(VII vincor ab Aenea, I mene . . victam). 

Je mehr der Dichter die Bedeutung des Fatums und der 
Prädestination betonte, um so schwieriger mußte die Durchführung 
des Kampfes der Iuno gegen die Schicksalsbestimmung- werden, 
zumal wenn sie sie selbst kannte, um so mehr mußte die Be- 
deutung der Iuno für Aeneas' Schicksale schwinden. 

Ursprünglich war ihr eine sehr wichtige Rolle zugedacht, 
sie sollte mit furchtbarem Grimme den verhaßten Sohn ihrer 
Gegnerin verfolgen und mehr als einmal an den Rand des Ver- 
derbens bringen. Das tritt in der zweiten Hälfte des Epos 
mehrfach deutlich hervor, und das verheißt auch das Proömium 
des 1. Buches. Hier heißt es von Aeneas: 

I 3 multum iüe et terris iactatus et alto 

vi mperum saevae memorem Junonis ob iram 

und 9 . . regina deum tot volvere casus 

imignem pietate virum, tot adire Labores 
impulerit. 

Dazu stimmt der bald darauf erzählte Sturm, den Iuno erregt, 
und durch den sie den Aeneas vernichten würde, wenn nicht 
Neptun die Winde verscheuchte und der Flotte die Syrteo 
öffnete. Das ist freilich ein einmaliges Eingreifen der Iuno, kein 
beständiges Verfolgen! Dies eine Eingreifen wird noch dazu ver- 
eitelt und leitet so nur die bedeutendste Episode des jetzigen 
Epos ein, die aber erst spät eingefügt worden ist. Im übrigen 
läßt Iuno den Helden seine Fahrten ausführen, ohne einzugreifen. 

Selbst am Schlüsse hat sie vom Äther aus in der Nähe des 

sizilischen Vorgebirges Pachynus ruhig der Landung zugesehen 
'YII 289), offenbar schon seil mehreren Pagen, als Aeneas auf 
Cumae zusteuerte. Und doch erklärt sie selbst hinterher: 



Iunos ursprüngliche Rolle 137 



VII 299 quin etiam patria excussos infesta per undas 

ausa sequi et profugis toto ?ne opponere ponto. 
absumptae in Teucros vires caelique marisque. 

Vermitteln muß der Gedanke, daß zeitweilig- ihre Kraft versagte, 
sie selbst gesättigt von ihrem Zorne ausruhte: 

VII 297 mea numina tandem 

fessa iacent odiis aut exsaturata quievi 

um dann auf dem Lande den Aeneas in neue, schrecklichere 
Gefahren zu stürzen. Sofort holt sie die Furie Allecto aus der 
Unterwelt (VII 323 f.), bringt Latiner, Rutuler und halb Italien 
gegen Aeneas auf und läßt erst am Schlüsse des Epos, als nichts 
mehr zu ändern ist, von ihrem Zorne. 

Der Zorn der Iuno ist im zweiten Teile der Aeneis schreck- 
lich, wie der des Poseidon und des Helios in der Odyssee, aber 
im ersten Teile hat man kaum etwas von diesen fürchterlichen 
Verfolgung-en bemerkt. Der Dichter hat dies Motiv fallen lassen 
und mußte es zweifellos tun, je mehr er die Schicksalsbestimmung 
des Aeneas hervorhob und die Göttin selbst eingeweiht sein ließ. 
Der philosophische Gedanke erstickte die poetische Gestaltung 
des Götterzornes, und die Feindin des Helden mußte von der 
Personifikation der treibenden Kraft zu einer Figurantin der 
Göttermaschinerie herabsinken. Das hat der Dichter natürlich 
selbst gefühlt und darum die machtlose Feindin seines Helden 
während der Irrfahrten möglichst zurücktreten lassen. Nur in 
dem älteren zweiten Teile, der die Götter viel mehr bemühte, 
hat er durch Einsetzen kleinerer Stücke der stoischen Welt- 
anschauung Rechnung getragen und auch der Iuno die jetzt 
nötige Einsicht zugeschrieben. Diese Züge, die der wütenden 
Feindin des Aeneas die ihr gebührende Stellung als oberste 
Göttin wieder einräumen, schaffen einen Ausgleich zu der 
ziemlich passiven und unbedeutenden Rolle, die sie zu Beginn 
des Epos in den jüngeren Büchern spielt. 

3. Apollo 

Die Ungewißheit selbst des Weltenlenkers, seiner mütter- 
lichen Schirmerin und seiner erbitterten Feindin Iuno über die 



138 VI - Das Schicksal 



Zukunft des Helden und den schließlichen Ausg-ang- seiner Aben- 
teuer und Kämpfe hält den Leser der letzten Bücher in fort- 
währender Spannung-, die auch in einigen wenigen Partien der 
ersten Hälfte der Aeneis gewahrt, im III. Buche auf andere Weise 
wieder erreicht ist. Die Gefahr lag vor, daß der ursprüngliche, 
von keinen philosophischen Reflexionen getrübte dichterische 
Wurf durch Prophezeiungen aller Art gestört werden konnte. 
Solche waren schon in der traditionellen Legende gegeben, 
namentlich die beiden Prodigien nach der Landung. Dazu ver- 
riet der Dichter, je stärker er sich in den Stoff einarbeitete, eine 
ihm nicht zu verübelnde, nur mit der Zeit sich über Gebühr ver- 
stärkende Hinneigung zum Wunderbaren und die Tendenz, das 
gläubig erzählte Wunder mit dem patriotischen Glauben an die 
historische Mission der Julier und die Größe Roms zu verknüpfen. 
So verschoben sich ihm die einfachen Voraussetzungen seiner 
ursprünglichen Entwürfe, auch ehe ihn noch die stoische Prä- 
destinationslehre befangen hatte. 

Orakel aller Art lieferte die griechische Mythistorie und 
Kultlegende, Prodigien die römische Religion, alle aus dem 
Glauben an ein übernatürliches Wissen der Götter und göttlicher 
Wesen erzeugt, aber keins auf einem Systeme fußend und daher 
manche miteinander nicht im Einklänge. Auch der Dichter hat 
diesen Einklang nicht herg-estellt, so sehr er sich auch bemüht 
hat, die historischen Prodigien in Buch VII und VIII der Er- 
zählung anzupassen, und so sehr er in den Offenbarungen auf 
der Irrfahrt in III und VI Anfang eine kunstvolle Steigerung 
hergestellt hat. 

Wie viele Göttergestalten und ihre Werkzeuge beteiligen 
sich aber schließlich an der Aufklärung des Aeneas und seiner 
Genossen! Außer Iuppiter, Venus und einmal sogar Iuno 1 ) vor 
allen Apollo (IU 251. VII 241. VI 344/47), und zwar sowohl der 
gryneische (IV 245 f.) wie der thymbraeisehe (III 93—99), der 
delische (III 154. L62), der clarische in Buthrotum (III 369f. 396. 
434), der cumanische (VI 9. 56. 5'.'. 69 £ 72—101) und dazu daa 



') III 380, freilich in negativem SitUM erwähnt. Anders is' tagntfta 

der Göttennuttei U 788 and IX 77— IS9. 



Wuchern der apollinischen Orakel 139 

lycische Orakel (in Gryneion? IV 346). Ferner die Penaten 
(III 148), die Furie Celaeno (III 250 ff.) und die Parzen (IE 379); 
auch Vulcanus (VIII 626 ff.) und Tiberinus (VIII 36 — 65) sind be- 
teiligt, sowie die Manen (X 34): der Schatten der Creusa (II 780), 
des Hector (II 294) und des Anchises (IV 351? V 751. VI 890). 
Endlich der von Pallas Tritonia (!) inspirierte Nautes (V 704). 
Hauptsächlich fällt die Aufgrabe aber den apollinischen Sehern 
zu, dem Helenus in Buch III, der Sibylle in VI und vielleicht der 
Cassandra an verstreuten Stellen (III 187. X 68. V 636?), von 
der Anchises allerhand wußte, was er noch im Leben verraten 
konnte (III 183, vielleicht auch VII 123). 

Auch bei der Gegenpartei macht Phoebus, den auch Latinus 
seit alters verehrt (VII 62). durch seinen Priester im voraus 
für den künftigen Ankömmling Propaganda (VII 68 — 70), und 
ebenso Faunus (VII 81 — 103) in merkwürdiger Übereinstimmung 
mit Apollo. Dieser sitzt auch an der Stelle des künftigen Rom 
(VIII 336), wo die wohl von ihm inspirierte Carmentis, Euanders 
Mutter, längst von dem großen Aeneaden geweissagt hat 
(VIII 340 f.). 

Diese Fülle der Gesichte ist verwirrend und das Hervor- 
treten Apolls, wahrscheinlich eine Neuerung Vergils 1 ), nicht leicht 
verständlich, da doch Aeneas an seiner göttlichen Mutter den 
natürlichen Halt hatte, wenngleich diese allem Orakelwesen fern- 
stand. Aber die meisten Orakel sind selbst ziemlich überflüssig, 
das übermäßige Eingreifen des Orakelgottes daher auch nur als 
sekundäre Wucherung anzusehen. Die älteren Partien wissen 
davon, wie es scheint, überhaupt nichts. In den letzten Büchern 
nämlich tritt Apollo nur selten auf, und dann vorwiegend als 
bogenbewehrter Kampfeshelfer. Zu ihm, dem allmächtigen 
Wächter des heiligen Soracte, betet Arruns XI 785 ff., ihm Sieg 
über Camilla zu verleihen, und Phoebus gewährt dies 794. Schon 
vorher hat er dem Schützen Ascanius hohes Lob gespendet und 
glückverheißende, überschwengliche Worte hinzugefügt, um dann 
in Menschengestalt den Jüngling vom Kampfe zurückzuhalten 
IX 638 — 61 3. Gewiß ist es eine Verheißung, die dem Iulus 



v ) Heinze 84 f. 



140 VI. Das Schicksal 



hier zuteil wird, und doch wie durchaus verschieden von der 
Masse der wirkliche Einzelheiten verheißenden Prophezeiungen! 

IX 6-41 macte nova virtute, puer: sie itur ad astra, 

dis genite et geniiure deos. iure omnia bella 
yente sub Assaraci fato Ventura resident, 
nee te Troia capit. 

Mit der epischen Handlung- ist diese so allgemein gehaltene 
Weissagung- nicht enger verknüpft: das Auftreten Apollos soll 
dem der Iuno und der anderen Götter entsprechend die Partei- 
nahme der Himmlischen für die Kämpfenden bezeugen, und ein 
Apollo kann dabei wahrlich nicht gleichgültige Worte sprechen. 
Aber hier führt er Bogen und Pfeile, 659 f. Mit diesen Waffen 
griff er persönlich bei der Schlacht von Actium ein, so stellten 
es Maler, Bildhauer und Dichter dar, wie Vergil selbst: 

VIII 704 Actius haec cernens arcum intendebat Apollo. 

Das war nicht der Orakelgott. 

Somit bleibt noch zu erklären, warum dieser mit seinen 
Orakeln, ebenso wie von ihm nicht abhängige Prophezeiungen, 
so häufig und augenfällig in anderen Partien hervortritt, die man 
zum größten Teile als relativ jung erweisen kann, und von denen 
höchstens Ausnahmen der alten Dichtung angehören. Aus dem 
prophetischen Zurufe an Ascanius, der durchaus vereinzelt dasteht, 
kann die wachsende Bedeutung Apolls für das Epos nicht ab- 
geleitet werden, auch nicht aus der älteren Aeneassage und 
noch weniger aus Verschiebungen in der Zeichnung der anderen 
Götter. Sicher auch nicht aus den in der Legende gegebenen 
Prodigien, die an sich mit Apollo nicht das geringste zu tun 
haben. Zudem sehe man, wie vorsichtig das Sauprodigium im 
VIII. Buche durch die Traumerscheinuug des Tiberinas einge- 
leitet ist! und wie umständlich in VII das Tischprodigium. das 
durch den angeblichen Willen [uppiters herbeigeführt wird, näch- 
tlich durch den Bericht über Anchises' einstige Mitteilungen 
lit/t wird! Man erkennt, wie wenig DOCh dem Dichter Solche 
Wunder zu erzählen geläufig war, mit denen namentlich das 
III. Bueh angefüllt ist, wi<- sehr sieh die Ausnahmen noch als 



Apollo trat ursprünglich zurück 1-41 

Ausnahmen verraten. Das g'ilt erst recht von den Zukunfts- 
bildern auf dem Schilde des Aeneas im VIII. Buche, die dem 
Nächstbeteiligten selbst, im Gegensatze zu der Heldenschau des 
VI. Buches, ein Rätsel bleiben (S. 149 f.) und somit sichtlich 
eine für die Handlung* unwesentliche Episode bilden. Apollo 
steht auch dieser Enthüllung der Zukunft fern. Gegeben waren 
also nicht apollinische Orakel, die den Dichter zur Einführung 
des Gottes und zur Vermehrung* der Weissagungen veranlaßten 
oder gar zwangen, sondern da er die Prodigien und das Zu- 
kunftsbild der Hoplopoiie, ohne Apollo hineinzuziehen, erzählt 
hat, so hat er ihnen zu Trotz später den Gott hervortreten lassen. 
Ist dabei überhaupt ein zielbewußter, einheitlicher Plan zu er- 
kennen? 

Verwirrend wirken ohne Zweifel die Traumerscheinungen 
Verstorbener, die übrigens nicht dem Aeneas allein vorbehalten 
sind (Dido hört den Sychaeus 1 ) nebst Sprüchen von Sehern 
IV 460 — 65); verwirrend, daß Anchises auch im Leben und so- 
gar Nautes höhere Einsicht besessen haben sollen. Aber im 
ganzen ist durch das Walten Apollos eine gewisse Einheit in 
die unübersichtliche Fülle gekommen, namentlich im III. Buche. 

Die Kompetenzen der einzelnen Propheten und des Gottes 
selbst sind im Einzelnen nicht scharf bestimmt. Bisweilen ver- 
raten die Geister in Liebe oder Zorn, was ihnen gefällt, so 
Creusa im IL Buche: bisweilen sind sie gebunden wie Helenus 
III. 389 f. In der Regel übt weder Apollo noch irgendein Prophet 
einen bestimmenden Einfluß auf das Geschick des Aeneas; selbst 
die Furie Celaeno vermag in ihrem rasenden Zorne doch nur 
das Grause anzudrohen, was Apollo und Iuppiter ihr als zukünftig 
eintretend offenbart haben, III 251. Dagegen vermag" Dido auf 
das weitere Geschick des Ungetreuen einzuwirken, als sie ihm 
ihren schauerlichen Fluch IV 607 — 29 nachschickt, indem sie 
Sol, Iuno, Hecate und die Dirae als Rächer anruft. Das ist der 
Sinn der Verfluchung. Aber es genügt nicht, darauf zu ver- 
weisen, daß der Dichter hier sichtlich dem Volksglauben gefolgt 
ist 2 ), zumal Dido die von Iuppiter gesetzten Schicksale aus- 

a ) Freilich sieht sie im Traume auch den lebenden Aeneas IV 465 f. 
2 ) E. Penquitt, De Didonis Vergilianae exitu, Diss. Königsb, 1910. 



]42 VI. Das Schicksal 



drücklich ausnimmt (612 — 14), sondern man muß auch anerkennen, 
daß die Voraussetzung - eine wesentlich verschiedene ist von 
dem Verhalten der Celaeno. Wie der Flußgott Tiberinus selbständig- 
eingreifen konnte, so hatte sog'ar der einzelne Mensch unter Um- 
ständen eine übernatürliche Macht, besonders die massylische 
Zauberin IV 483 — 91: das war ältere, im Lichte stoischer Re- 
ligion freilich schwer durchführbare Auffassung - und meines Er- 
achtens ein Anzeichen älterer Abfassung - der Bücher VIII und IV 
g-egenüber III. Denn in Buch III hat nicht einmal Apollo solche 
Macht. 

Seine Machtsphäre war von der Iunos so verschieden und 
so genau abgegrenzt, sollte man meinen, daß ein Hinübergreifen 
überhaupt unmöglich war. Trotzdem hindert diese im Verein mit 
den Parzen den apollinischen Seher Helenus III 380, die ganze 
Zukunft zu enthüllen. Soll die Göttin, die in der älteren Dichtung 
selbst im unklaren über Aeneas' Schicksale war, hier mit einem 
Male eine Art Oberaufsicht über das Orakelwesen ausüben? 
Das geht natürlich nicht. Sie weiß im Gegensatze zu den 
Büchern VIII — XII jetzt weit mehr und verhindert den Seher, mehr 
zu sagen, als was dem Dichter gut dünkt, der ja der Sibylle 
etwas aufsparen will. Das ist ein Verlegenheitseinfall des Dichters, 
zudem eine Halbheit. Warum hinderte nicht Iuno, wenn sie 
die Macht dazu hatte, überhaupt die Weissagung? Einfacher 
wäre es gewesen, wenn Apollo selbst nur so viel dem Helden 
offenbaren ließ, wie diesem zurzeit gut tat und der Dichter er- 
zählen konnte, ohne den Fortgang der Handlung zu stören. Aber 
Helenus war ja nicht nur ein apollinischer Seher, sondern auch 
der alte Freund und Kampfgenosse des Aeneas, dem er gern 
alles gesagt hätte, was er wußte. Als objektiver Herr des 
Orakelwesens hätte Apollo seinem Semer freilich Grenzen 
stecken können, aber als Beschützer des Helden dessen Freund 
zu hindern war er zu liebenswürdig. 1 >.i mußte eine Doch höhere 
Gewalt, die der Parzen und mit ihnen die dem Aeneas feindliche 
Göttin, dem Seher den Mund schließen. Niemals treten sie und 
Apollo sich feindlich gfeg^enüber. Die Göttin stört niemals 
außer III 380 das Orakelwesen und bekämpft selbst im 1\. und 
XI. Buche den Fernhintreffer nicht. Andererseits greift auch 



Apollo und Iuno. Apollo und Iuppiter 143 

Apollo sonst nirgends ein, sondern beschränkt sich auf Offen- 
barung - der Zukunft, die er nicht selbst gestaltet. 

Es ist also anzuerkennen, daß sich Iuno und Apollo nicht 
ins Gehege kommen, trotz der üppig wuchernden Offenbarung'en, 
die dem Helden durchaus nicht in Iunos Sinne überall und stets 
in den jüngeren Büchern zuteil werden. Aber eben daraus folgt 
zugleich, daß beide Götter nur äußerlich nebeneinander stehen, 
nicht auf Grund eines tieferen dichterischen Planes miteinander 
verknüpft sind, daß also Apollo seine Bedeutung im Epos nicht 
etwa der alten Gegnerschaft der Iuno und Venus verdankt und 
ihren Intrigen, zumal er auch nie mit Venus zusammen Ränke 
schmiedet oder Hilfe verabredet. 

Eher könnte Apollo als Diener Iuppiters aus dessen Welt- 
herrschaft abg-eleitet werden. Wenigstens Mercur tritt als 
homerischer Götterbote im Dienste Iuppiters auf, um dessen 
Befehle zu überbringen und dadurch in die Geschicke des 
Aeneas einzugreifen. Da nun Iuppiter die Eata verwaltet, deren 
Verkündigung dem Apollo zusteht, so könnte man glauben, 
in dem Hervortreten des Orakelvorstehers ein Umsichgreifen 
Iuppiters selbst erblicken zu müssen. Das ist jedoch nicht der 
Fall. Durch Apollos Unterordnung unter Iuppiters Allmacht 
ist ein Widerspruch klüglich vermieden: wie die Furien ihr Wissen 
von Phoebus und dieser vom allmächtigen Göttervater haben 
(III 251 f.), so sollen wir uns vermutlich überall Iuppiter als den 
eigentlichen Allwisser denken; dem Apollo dürften wir also 
nirg-ends eine wirkliche Selbständigkeit zuerkennen und müßten 
uns nur darüber wundern, daß er in der zweiten Hälfte des 
Epos nirgends als Beauftragter Iuppiters erscheint und sich dem 
Aeneas gegenüber so ganz zurückhält, während er im III. Buche 
und im Beginne des VI. so sehr im Vordergrunde steht, daß 
der Leser darüber die Bedeutung Iuppiters ganz vergißt. Dies 
würde sogar von der ganzen ersten Hälfte des Epos gelten, 
wenn nicht der Dichter das selbst empfunden hätte und durch 
die Entsendung Mercurs im IV. Buche Iuppiter wieder in seine 
überlegene Stellung eingesetzt und seine Fürsorge für Aeneas 
herausgekehrt hätte, und wenn er nicht gleich im I. Buche dem 
Iuppiter, und nicht dem Apollo, die oberste Leitung des Orakel- 



144 VI. Das Schicksal 



wesens dadurch zugesprochen hätte, daß er den Göttervater 
die Schicksalsbücher für Venus nachschlagen und daraus auf 
einmal mehr offenbaren ließ als nachher den Apollo in allen 
Orakeln zusammen. Das ist ein junger Ausgleich, der durch die 
vielen Orakel gefordert war, damit Iuppiters Stellung nicht ins 
Wanken oder er selbst ins Hintertreffen geriete: es ist ein Ein- 
geständnis des Dichters, daß über der neuen Erfindung seine 
alten Pläne g-eschädigt wurden und die Einheit der Götter- 
handlung' Gefahr lief. Apollos Allwissenheit und Eürsorge hat 
auch Iuppiters Wesen vertieft. Das ergibt nun einen krassen 
Widerspruch gegen dessen Verhalten im X. und XII. Buche, und 
dieser ist nicht beseitigt, daß nämlich Iuppiter hier nicht weiß, 
was er selbst und Apollo längst geweissagt haben. 

Apollos Weissagung und seine Fürsorge für Aeneas sind 
also keineswegs aus der Stellung Iuppiters als Verwalters der 
Schicksale hervorgegangen sondern haben ihren Eingang in das 
Elpos allen älteren Entwürfen zu Trotz gefunden. Das den Seher 
Apollo einführende Orakelbuch III ist eine ganz neue 
Erfindung des Dichters, die nicht auf den Vorausset- 
zungen der älteren Dichtung basiert. 

Allerdings hat man in den Reden der großen Götterver- 
sammlung des X. Buches einige wenige Rückverweisungen auf 
die Weissagungen des III. Buches gefunden 1 ); aber wenn das 
wirklich der Fall ist, müssen dies junge Zusätze sein, die aus 
einer mit leiser Hand vorgenommenen Überarbeitung herstammen. 
Nach Iunos Angabe ist Aeneas nach Italien vielleicht gekommen 

X 68 Cassandrae impuUtu furüs. 

Das kann, wenn es ein Zitat ist, nur auf III 182 — 87 gehen, 
und ist doch aus der dort geschilderten Situation nicht erwachsen. 
Aeneas hatte die Cassandra gar nicht angehört, er hatte alles 
nur von Anchises vernommen und dieser sich der, wie es 
III ls.") gleich übertreibend heißt, häutigen < >rak<-l <<rst erinnert, 
als die Trojaner längst auf der Fahrt waren und A.-ihms sein 
Ziel Hesperien und Italien durch die Penaten erfahren hatte. 



M ll'-m/r '.'I ii. l. Dagegen vgl. über dos X. Buch S. 1 1 7 t. uml IM, 1. 



Apollo kommt erst in B. III zur Geltung 145 

Also stimmt dazu das angebliche Zitat der Iuno ebensowenig 
wie das Tischprodigium zu dem Orakel der Celaeno in Buch III. 
Der Dichter konnte, auch wenn Buch I — VI nicht voranging-en, 
Iuno in X so sprechen lassen, ja dann vielleicht noch besser, 
da in der Vorgeschichte Cassandra ganz zurück und an ihre 
Stelle der Schatten der Creusa tritt (II 772). Aber auch aus der 
Situation des X. Buches ist die Erwähnung- Cassandras nicht 
hervorgegangen, da die Anklage der Venus für die Replik der 
Iuno in diesem Punkte keinen Anlaß bot (S. 134). Also ist sie 
nachträglich angebracht worden, aber vielleicht vor der Aus- 
arbeitung des III. Buches, und ist darum so ungenau ausgefallen. 
Sicher wird man aber in der Rede der Venus die Worte 

X 33 f. sin tot responsa secuti, quae superi manesque dabant, 

wegen des emphatischen tot l ) nicht als beabsichtigte Verweisung- 
auf Buch III betrachten müssen. Diese würde vielmehr sehr un- 
genau sein, da manes kaum auf etwas anderes gehen kann als 
auf die Verstorbenen, Hector, Creusa und Anchises, deren 
Schatten nicht in Buch III, sondern nur in notorisch ganz jungen 
Stellen vorkommen. Außerdem läßt Venus die Frage offen, ob 
nicht die Trojaner ohne Einwilligung und wider Willen Iuppiters 
nach Italien gekommen seien (X 31): sie kann als'o den 
Orakeln nicht viel Überzeugungskraft zutrauen und kennt die 
Gläubigkeit des Aeneas nicht, die uns in Buch III entgegentritt; 
sie kennt auch die g-roßen Prophezeiungen des Helenus und der 
Sibylle nicht, sie ignoriert vor allem ganz die Führung des 
Apollo. 

Diese Führung zieht sich durch das ganze III. Buch hin- 
durch und wird an bedeutsamer Stelle im VI. Buche, in der An- 
rufung Vers 59, aufgenommen 2 ). Sie ist überhaupt nicht durch 
die ältere Dichtung veranlaßt, noch durch die Anteilnahme der 
Götter an Aeneas' Geschicke in den letzten Büchern vorbereitet, 



x ) Nach meiner Ansicht ist die Einführung des Novum als bekannt beab- 
sichtigt. Das scis ipsa XII 794 ist ja viel kühner. Wer trotzdem nicht glaubt, 
daß Vergil in einem so alten Stücke tot gesagt habe, möge für den ersten Ent- 
wurf etwa huc oder ein ähnlich farbloses Wort annehmen. 
*) Die Rückbeziehung VII 241 ist jüngerer Zusatz. 
Gercke, Die Entstehung der Aeneis. 10 



146 VI. Das Schicksal 



sondern sie ist eine völlige Neuerung- Vergils, der die historische 
Mission seines Helden in der Vorsehung begrün- 
det zeigen wollte. Daß er sie dem Apollo übertrug (beiVarro hatte 
Venus den Sohn geleitet), war ein glücklicher Griff, der im 
Zusammenhange stand mit dem von Augustus begründeten Apollo- 
kultus. Hinter ihm trat der julische Gentilkultus der Venus 1 ) 
nunmehr zurück, und das nicht nur in Vergils Epos, da auch 
Augustus die Interessen seines Hauses denen des Staates unter- 
ordnete und, schon als leiblicher Sohn eines Octavius und einer 
Iulia, weniger Wert auf den von dem älteren Caesar so geflissentlich 
betonten Ursprung des julischen Geschlechtes legte 2 ). Diesen 
Zusammenhang hervorzukehren konnte er sieb, so sehr er sich 
als Erbe und Sohn des großen Caesar fühlte, doch versagen, 
je mehr er sein Reich gefestigt sah, ja bereits seit dem ent- 
scheidenden Siege über Antonius. Wie einst Antigonos Gonatas 
dem Pan die Vernichtung der Keltenhorden bei Lysimacheia, 
so schrieb Caesar der Sohn seinen Sieg bei Actium dem Apollo 
zq. Dieses Eingreifen des Gottes erwähnt Properz ajs wesent- 
lichen Teil der Zukunftspläne Vergils (S. 72); er selbst flicht den 
actischen Apollo VIII 704 ein (vgl. VII 241, die Schlacht VIII 675 
und die Spiele III 280). Bei den Kämpfen in Latium fand sich 
wenig Gelegenheit, den Gott anzubringen; bei der Vorgeschichte 
fast noch weniger, wenn Apollo derselbe kriegerische Helfer 
blieb. Aber er war auch der Hort der sibyllinischen Sprüche, 
der Gott der Weissagung überhaupt und der Prophet der Aeneaden 
im besonderen. Ihm gab Augustus, der selbst als Friedensfürst 
gefeiert werden wollte, bald den Vorzug 8 ); und der Dichter, der 
auf die Fortführung seiner umfassenden Pläne zugunsten seines 



') Vgl. E. Norden. Vergils Äneis im Liebte ihrer Zeit. N. Jahrb. VII 1901, 

262 f. und 258. Über das Zurücktreten der julischen Genealogie bei Yergil vgl. das 

nächste Kapitel (S. 160 ff.) und Norden 276 ff. Über die Bedeutung der Penaten Ib. -7Ö l. 

(nach Hertzberg) und 282: aber die Penaten waren durch alte Tradition gegeben, 

; iend Norden S. 28ü mit Anni 8 und S. 981, Die Adoption kommt hu 

■) Norden S. 263 und 320t. Der palatinische Apollo, als Schirmherr der Bibli- 
othek, war sowieso kein Kriegs^otf. und in seinen 28 v. Chr. geweihten Tempel 
wurden die sibyllinischen Orakel Überführt: dm M<-lit Aene.is VI 78f, In Ansticht, 
wie Servius hervorhebt. Vgl, •>. \\ issown. Kel. u. Kultus d. Koni.*' Muuch. 1912, 
Bnd 2!»«. 



Apollos politische Bedeutung. Götter und Menschen 147 

Aeneas Verzicht leistete, hatte allen Anlaß, um so mehr die 
Mitwirkung" des Orakelgottes in dessen Geschichte hineinzuziehen. 
Dazu bot das III. Buch mit seiner nach einheitlichem Plane er- 
folgenden Offenbarung - einen trefflichen Anhalt. 

Neben diesen Orakeln verblaßten nun alle anderen responsa 
der Überirdischen und Unterirdischen samt den durch die 
Tradition geheiligten Prodigien. Bot doch die apollinische 
Religion den besten Anhalt für Aufnahme und Ausbildung auch 
der stoischen Prädestination. 

Daß schließlich mit anderen Göttern auch Iuppiter in diese 
neue Auffassung hineingezogen wurde und selbst die Schick- 
salsbücher nachschlug, war nicht mehr als billig. War er doch 
nicht nur der oberste der Götter, sondern auch derjenige, der 
selbst auf den Plan trat und schließlich persönlich das Schicksal 
des Aeneas entschied. Dadurch, daß diese neue und doch in 
gewisser Weise alte Stellung Iuppiters ihm sofort im I. Buche 
eingeräumt wird, ist seine Überleg'enheit von vornherein an- 
erkannt und zugleich seine Bedeutung für den eigentlichen Ab- 
schluß der Aeneis in großem Zuge von vornherein verkündet. 

So hat der Dichter es verstanden, all das viele Detail 
wieder kunstvoll zu verstecken und seine neue Weltansicht so 
geschickt anzubringen, daß sie neben und trotz den alten Ent- 
würfen nicht stört, wenn man nicht mit der Lupe zusieht, sondern 
der Dichtung neue Säfte und Kräfte verleiht. 

4. Aeneas und Ascanius 

Was von den Göttern gilt, gilt erst recht von den Menschen: 
der Held des Epos sollte und durfte ursprünglich nicht wissen 
was das Schicksal ihm bestimmt hatte; er konnte es auch nicht 
wissen, weil Iuppiter sein Los noch nicht gezogen oder nicht 
vollständig gezogen und die Seelenwägung bis kurz vor seinem 
oder des Turnus Ende nicht vorgenommen hatte. In Ungewißheit 
mußte er in ungewisse Gefahren gehen, nur seiner selbst gewiß. 
Daher Iuppiters unwillige Frage, die etwas Unmögliches be- 
zeichnen soll, certusque incerta pericula lustret Aeneas? IX 96. 
Fast das Gegenteil, incertus pericula incerta lustrat, könnte das 

10* 



148 VI. Das Schicksal 



Motto für die römische Ilias bilden. Denn in ihr ist diese Vor- 
aussetzung" fast durchweg gewahrt geblieben. 

Gewiß waren die beiden berühmten Prodigien durch die 
Tradition gegeben und mußten in dem nationalen Epos an her- 
vorragender Stelle erzählt werden. Aber wie bescheiden ist 
das zu Anfang des VII. und VIII. Buches geschehen! Durch 
einen Zufall, den Witz des Ascanius, wird Aeneas auf das Tisch- 
prodigium aufmerksam und erinnert sich nun einer alten Weis- 
sagung, die er einst von seinem Vater vernommen. Wenn dies 
einträte, hatte ihm Anchises gesagt: 

VII 126 tum sperare domos defessus ibique memento 
prima locare mann molirique aggere tecta. 

Daß hier seines Bleibens ist, erfährt also Aeneas jetzt wie durch 
einen Zufall, mehr nicht. Wo er sich befindet, weiß er nicht. 
Nach der Weissagung, die er halb vergessen, sollte ihn das 
Wunderzeichen finden ignota ad litora veetum (VII 124), das war 
nicht nur vom Gesichtspunkte des Anchises aus gesagt. Er 
selbst betet gleich darauf zu den Göttern und den unbekannten 
Strömen des neuen Landes: 

VII 137 Tellurem Nymphaaque et adhuc ignota precatur 

flumina . . . 

und äußert, als am nächsten Tage die Kundschafter ihm die 
Namen Numicus, Thybris und Latiner melden, kein Zeichen der 
Freude, und keine Erinnerung kommt ihm, daß ihm einer dieser 
Namen in einem Orakelspruche früher genannt war. Seine 
Seele ist ein unbeschriebenes Blatt. Das ist alte Dichtung, wie 
wir schon früher gesehen haben (S. 61 f). Natürlich will er in 
der Fremde Neutroja gründen, aber wie, unter welchen Be- 
dingungen und mit welchen Aussichten das geschehen soll, 
weiß t-r nicht. Da kommt ihm Tiberinus zur Hilfe, weist ihm 
die Wege und verkündet ihm und seinem Sohne die nächste 
und die fernere Zukunft: 

VIII 36 o taU :/•"'■ deum, ZVoumom m hotlibu» wbtm 



Aeneas' Zukunft ist ihm unbekannt 149 

[e.rpectate solo Laurenti arvisque Latinis] 
hie tibi certa do?nus, certi (ne absiste) Penates . . , 
47 . . ex quo ter denis urbem redeuntibus annis 1 ) 
Ascanius clari condet cognominis Albam, 

worauf zur Bestätigung- seiner Worte das Sauwunder sich zeigt. 
Diese Erzählung schreitet gut fort und ist in sich einheitlich 
bis auf die Bemerkung, daß Aeneas schon erwartet sei: einen 
jungen Zusatz. 

Sonst baut sich die Handlung der folgenden Bücher fast aus- 
nahmslos auf der gleichen Voraussetzung - auf: Aeneas hat nicht 
mehr über die Zukunft erfahren, als was ihm Anchises und 
Tiberinus verraten haben, selbst nichts über Lavinia. Nur auf 
jene beiden Mitteilungen gingen die saneta oracula divum VIII 130, 
und nicht mehr besagte die Angabe 

XII 110 tum socios maeslique metum solatur Iuli 
fata docens: 

er fordert schließlich nur mit der Hand der Lavinia Platz und 
Erlaubnis für die Gründung einer nach ihr zu nennenden Stadt 
XII 194, unter ausdrücklichem Verzichte auf die Herrschaft im 
Lande: 

XII 190 nee mihi regna peto. 

Dies in ausdrücklichem Gegensatze zu den Verheißungen im 
ersten Teile der Aeneis (I 270. II 783. IV 267. 381 VI 67). 
Alles entwickelt sich verhältnismäßig einfach und schlicht, 
Aeneas beansprucht nicht mehr, als ein siegreicher, aber fried- 
liebender Heerführer in solchen Fällen beanspruchen kann, und 
das Wenige, was ihm über seine und der Seinen Zukunft 



*) Die Chronologie stimmt nicht ganz zu den Schicksalsbüchern Iuppiters im 
I. Buche. Denn während Tiberinus dreißig Jahre von der Traumerscheinung und 
der Landung des Aeneas an bis zur Gründung von Alba Longa rechnet, gibt Iuppiter 
I 265 Ascanius dreißig Regierungsjahre, dem Aeneas vorher noch drei Lebensjahre. 
Soll Ascanius etwa Alba im 27. Jahre seiner Regierung gegründet haben? Die 
Berechnung des Tiberinus ist die annalistische des Fabius Pictor, daher die Notiz 
VIII 49 haud incerta cano. 



150 VI. Das Schicksal 



offenbart worden ist, behält er männlich für sich, bis der bevor- 
stehende Friedensschluß ihm Offenheit auch in diesen Dingen 
empfiehlt. 

Diese einfachen Linien sind jedoch durch einige Einschübe 
gestört, von denen der der Hoplopoiie in VIII noch erträglich 
ist (oben S. 65 f.). Denn obwohl Vulcanus weiß, was er schmiedet: 

VIII 626 iüic res Italas Romanorumque triumphos 

kaud vatum ignarus venturique inscius aevi 
fecerat Ignipotens: illic genus omne futurae 
stirpis ab Ascanio pugnataque in ordine bella . . . 

so steht doch Aeneas dem Geschenke verständnislos gegenüber; 
er bewundert die Technik und Kunst der Waffen (619 — 25), ohne 
die Bilder des Schildes inhaltlich zu verstehen: 

VIII 729 talia per clipeum Vulcani, dona parentis, 

miratur rerumque ignarus imagine gaudet, 
attollens umero famanique et fata nepotum. 

Das gehört also noch einer älteren Phase an, das einzige Zu- 
kunftsbild der alten Dichtung. 

Dagegen ist jung und störend die Großsprecherei und Ge- 
schwätzigkeit des Ilioneus, der an der Spitze der hundert Redner 
den König Latinus über Dinge aufklärt, die er gar nicht wissen 
kann: 

VII 239 sed nos fata dewn vestras ezqiärere terras 
vnperiis egere suis, hinc Dardamis orttis, 
huc repetit iussisque mgentQnu wyuet Apollo 
Tkjrrenum ad Thybrim et fonÜ» vada NumicL 

Wenn die Trojaner so genau über die (welche?) Schicksalssprüche 
Bescheid wußten, dann kam die Aufklärung durch Aeneas \II 
111 zu spät. Daß sie Ortsnamen gar nicht kanntrn, haben wir 
gesehen. Und Apollos Drängen kann nur aus Buch III stammen, 
ist aber hier unmotiviert Folglich haben wir hier einen jungen 
Ausgleich mit den vorhergehenden Büchern. Dafl Ilioneus <•- 
ist, der dies«- indiskreten Angaben macht, indem er mit der Tür 
gleich ins Haus fällt, ist vielleicht kein Zufall. Denn auch der 



Aeneas' Zukunft ist anderen bekannt 151 

Königin Dido gegenüber benimmt er sich bei der ersten Be- 
gegnung ähnlich taktlos (vgl. die Anrede I 522 mit VII 213: 
oben S. 89) und verrät ihr sofort mehr, als er wissen kann: 

I 553 si datier Italiam soeiis . . . 

tendere, ut Italiam laeti Latiumque petamus. 

In Buch VII kann ein Teil der Rede vielleicht älter sein. Aber sie 
steht in dem jung-en Stücke, durch das die Stellung" des Königs 
Latinus vollständig verschoben worden ist (oben S. 89 f.), und dessen 
neue Stellung entspricht nun der plumpen Vertraulichkeit des 
fremden Gesandten. Er begrüßt die Trojaner sofort als Dar- 
danussöhne und erzählt ihnen die Geschichte ihres Ahns (195 
bis 211), wonach sie gar nicht gefragt haben (Ilioneus will ja 
selber erzählen hinc Dardanus ortus!), bietet ihnen Gastfreund- 
schaft an (202). ehe sie den Mund aufgetan haben, und nach 
der großspurigen Rede des Ilioneus sofort Land und Bündnis 
(261 ff.) sowie dem Führer der Fremden die Hand seiner Tochter 
mit Berufung auf Orakel und Prodigien: 

VII 268 est mihi nata, viro gentis quam lungere nostrae, 
non patrio ex adyto swtes, non plurima caelo 
monstra sinunt : generös externis adfore ab oris, 
hoc Lotio restare canunt f qui sanguine nostrum 
nomen in astra ferant, hunc illum poscere fata 
et reor et, si quid veri mens augurat, opto. 

Obwohl dieses bigotte Verhalten genügend durch vorher be- 
richtete Wunderzeichen und Orakel (VII 64 — 103) vorbereitet 
scheint, fallen doch diese ganzen Weissagungen mit der daraus 
abgeleiteten praktischen Folgerung vollständig aus dem Rahmen 
der römischen Ilias heraus. Was Aeneas selbst nicht einmal 
ahnt, das wird hier nicht wie ein öffentliches Geheimnis, sondern 
vielmehr wie eine landbekannte Sache laut verhandelt. Während 
der Held selbst in völliger Ungewißheit über seine Zukunft ist 
und bleibt, wird er hier als der erwartete Mann der Zukunft 
hingestellt. Auf ihn hoffen Faunus (VII 81 ff.), Tiberinus (VIII 
38) und auch Euander: 



152 VI. Das Schicksal 



VIII 477 fatis huc te poscentibus adfers . . 

511 tu, cuius et annis 

et generi fata indulgent, quem numina poscunt, 
ingredere, o Teucrum atque Italum fortissime ductor. 

Wie Faunus dem Latinus, so hat ein alter Haruspex dem Eu- 
ander geweissagt 

VIII 502 mdli fas Italo iantam subiungere gentem: 
externos optate duces f 

nachdem Euander vorher einen Spruch der Carmentis erwähnt 
hatte, der auch allein genügte: 

VIII 340 cecinit quae prima futuros 

Aeneadas magnos et nobile PaHanteum. 

Das schlichte männliche Auftreten des von Gefahren um- 
ringten Aeneas ist dadurch zu einer theatralischen Sendung 1 ) 
umgestaltet worden; und wenn die Neuerung nicht auf so 
wenige Stellen beschränkt wäre, würde sie der ganzen römischen 
Ilias einen anderen Stempel aufdrücken. Aus ihr, der alten 
Dichtung, heraus ist die Neuerung- schwer zu erklären, weil sie 
nicht auf einer leichten Abänderung", sondern einem revolutionären 
Bruche mit den alten Plänen und Entwürfen beruht. Sie hängt 
eng mit den Umgestaltungen des Latinus zusammen, mit der 
stärkeren Betonung des Nationalhelden, der nicht schroff zurück- 
gewiesen werden durfte, und mit der Betonung der historischen 
Mission des Aeneas, die göttlichen Ursprungs sein mußte und 
daher prädestiniert sein konnte. Aber eben diese Umgestaltung 
des Aeneas selbst und seiner Mission war durch die Handlung 
der römischen Ilias nicht gegeben: ob sie aus der ersten Hälfte 
der Aeneis und den ihr zugrunde liegenden dichterischen Motiven 
stammt, oder aus einer neuen philosophischen Weltanschauung 
des Dichters, ist das noch zu lösende Problem. 



') Eine gewisse Passivit.it w.ir ihm auch vorher schon durch die der 

Götter aufgezwungen worden, aher sie wird jetzt schlimnur Vgl, Xordeu. Kom- 
mentar S. 158, 



Anlässe einer Aufklärung des Aeneas 153 

In der zweiten Hälfte der Aeneis wird der heldenhafte 
Kampf des Aeneas und Ascanius gegen die Ränke der Iuno 
so durchgeführt (wenn man von den geringen Einlagen ab- 
sieht), daß die Spannung des Lesers niemals erlahmt, wie es un- 
vermeidlich wäre, wenn das Endziel für den Helden selbst fest- 
stände und von ihm bei allen passenden und anpassenden Ge- 
legenheiten angeführt w T ürde oder ihm wenigstens stets bewußt 
wäre, wie es in den meisten Büchern der ersten Hälfte der 
Fall ist. Aber das III. und IV. Buch gehen wenigstens von 
derselben Voraussetzung wie VII — XII aus, ein jedes für sich. 

In Buch IV entwickelt sich die Liebe, wie wir gesehen 
haben, ohne daß Dido der Gedanke kommt, der Geliebte habe 
ein anderes und höheres Ziel vor sich oder gar eine göttliche 
Mission zu erfüllen, und ohne daß Aeneas sich zur Unzeit daran 
erinnert oder sich vorzeitig verraten hat, wie es Ilioneus für ihn 
tut und er selbst in den ersten Büchern nicht vermeidet. Erst 
als es zum Bruche kommt, treten bei ihm als triftige Argumente 
Orakelsprüche über die Schwelle des Bewußtseins und über 
seine Lippen (oben S. 48 f.), aus denen er folg-ern will: IV 361 
Italiam non sponte sequor. Dafür bringt er nicht g"anz glücklich vor: 

IV 350 et nos (sc. ut te) fas extera quaerere regna 

und, was in Buch IV nicht begründet ist: 

355 (Ascanium) regno Hesperiae fraudo et fatalibiis arvis. 

Um die Gründe der Abreise zu häufen, führt hier Aeneas wie 
einen Vorwurf die Ansprüche seines Sohnes an, die dieser nicht 
erheben und der Vater vor der Weissagung des Tiberinus nicht 
erwähnen konnte, ebensowenig wie Dido von diesem Reiche 
in Latium (432) aus den vorherigen Gesprächen etwas erfahren 
haben konnte. Wohl aber ist davon ausführlich die Rede bei 
der Sendung Mercurs zu Aeneas, die auch Aeneas und Dido 
erwähnen (356. 377 f.). Diese ganze Sendung IV 222—278 ist 
dem alten Zusammenhange fremd und ebenso jung wie die 
Vorbereitung des Latinus und Euander auf Aeneas. 

Iuppiter will den Aeneas zum schleunigen Aufbruch von 
Karthago bewegen. Der verliebte Tor gedenkt jetzt nicht der 



154 VI. Das Schicksal 



ihm vom Schicksal gegebenen Städte (fatisque datas non respicit 
urbes 225) ! Darum soll Mercur zu ihm eilen und ihm sagen : 

IV 229 . . sed fore, qxd gravidam imperiis beäoque frementem 
Itdliam regeret, genus alto a sanguine Teucri 
proderet ac totum sub leges mitteret orbem. 

Das klingt fast wie eine für Aeneas selbst neue Verheißung. 
Aber dann folgen Mahnungen wie die, ob er seinem Sohne nicht 
die römischen Burgen gönne (234), warum er seiner ausonischen 
Nachkommenschaft und der Gefilde von Lavinium nicht gedenke 
(236), also Mahnungen an angeblich längst bekannte Pläne 
Iuppiters und des Schicksales, deren Zusicherung in Aeneas als 
Entgelt dankbare Bereitwilligkeit hätte auslösen müssen. Sein 
Zögern, seine Liebeständeleien erscheinen jetzt als Pflichtver- 
gessenheit. Das sagt ihm unverhüllt der Götterbote: 

IV 267 heu regni rerumque oblite tuarum. 

Wenn sein eigener Ruf ihn nicht kümmere (272/3 wiederholt 
nach 232/3): 

274 Ascaniam surg entern et spes heredis hdi 

respice, cui regnum Italiae Romanaque teUus 
debentur. 

Diese Mahnungen setzen Prophezeiungen und ihre Kenntnis 
bei den Göttern und bei Aeneas voraus, die in den alten Büchern 
der römischen llias nicht existieren: namentlich ist der Wider- 
spruch zu Iuppiters Ahnungslosigkeit in der großen Götterver- 
sammlung des X. Buches frappierend. Aber schlimmer ist, daß 
dadurch der Charakter des Aeneas einen ähnlichen Schaden er- 
litten hat wie der des Latinus durch die Umgestaltungen in 
Buch VII. Der Dichter erreicht zwar durch diesen unvermuteten 
und harten Kingriff Iuppiters, was er will, nämlich ein rasches 
Ende der Liebesepisode, da ja Aeneas selbst jetzt seine lm- 
moralität einsieht und gesteht, daL> er seinen Sohn Ascanius um 
sein hesperisches Reich betrüge (356); und es ist auch schwer 
zu sagen, wie anders Vergil den Knoten hätte lösen oder rer- 



Aeneas' Aufklärung nicht in IV, sondern in III herbeigeführt 155 

hauen sollen. Aber doch ist die gewaltsame Lösung auf Kosten 
des Charakters seines Helden sichtlich nicht aus der Situation 
herausg-esponnen und planmäßig- vorbereitet, sondern dem Dichter 
kam hier ausnahmsweise zustatten, daß er seine Arbeit hatte so lange 
liegen lassen, bis er mit einem anderen Herzen wieder an die alten 
Entwürfe ging und nun aus anderen Voraussetzungen heraus 
die Liebesepisode beendigen konnte. Statt einer einfachen, nahe- 
zu unverständlichen Jtbg ßovli] konnte er jetzt Argumente vor- 
bringen, die dem Aeneas kein Widerstreben g-estatteten und für 
den Leser einfach überzeug-end sind, da er nicht gleich daran 
denkt, daß diese Argumente auf einem anderen Boden gewachsen 
sind. Wer sich die Situation aber klar macht, erkennt, daß die 
Weiterentwicklung der Lehre von Schicksal und Prädestination 
in Buch IV ebensowenig erfolgt ist wie in Buch VII, daß die 
Liebesepisode völlig unmöglich sein würde, wenn Aeneas alles 
gewußt hätte, was Iuppiter und Mercur ihm plötzlich zutrauen. 
Der eig-entliche Nährboden für die Schicksals- 
lehre ist das III. Buch geworden, dessen Erzählung zunächst 
von derselben Voraussetzung wie Vllff. ausgeht und der Liebes- 
episode in IV zunächst parallel geht. In gänzlicher Ungewißheit 
über die Zukunft, so wie sie an der Tibermündung ankamen, sind 
die Trojaner von der Heimat abgefahren: 

III 7 incerti, quo fata ruant, ubi sistere detur. 

Es ist ein ebenso einfacher wie dichterisch glücklicher Wurf, 
wie hier die schrittweise Enthüllung der Zukunft von Station 
zu Station eintritt. Aber eben diese Erfindung führte weit von 
der ursprünglichen Grundanschauung ab und zu Ergebnissen, 
die mit den alten Entwürfen in VII— XII und auch in IV nicht 
mehr zu vereinigen waren. Hier fand die innere Entwicklung 
der alten Voraussetzungen zu neuem Leben und neuem Auf- 
schwünge statt, nicht durch gewaltsame Mittel und unter dem 
Drucke irgendeiner Theorie, wie sie die stoische Fatumslehre 
darstellt, sondern von innen heraus, beinahe vom Dichter selbst 
ungewollt, kaum sofort in ihrer Tragweite richtig eingeschätzt. 
Indem er die Vorgeschichte seiner römischen Ilias nachliefern 
wollte und den Aeneas auf dem weiten Ozean umherirrend vor- 



156 VI - Das Schicksal 



führte, geriet er selbst halb wider Erwarten in ein ganz neues 
Fahrwasser, in eine unbekannte Welt. Als sich seinem Helden 
sein und seines Geschlechtes Schicksal enthüllte und dahinter das 
Zukunftsbild der Größe Roms in gigantischen Nebelformen auf- 
stieg, da öffneten sich dem Dichter selbst ungeahnte Blicke in 
theosophische Spekulationen, die ihn in Himmel und Hölle führten, 
da sah er seine schlichte Erzählung von den alten Kämpfen der 
Aeneaden und Latiner zu einem die ganze Weite der Welt um- 
spannenden Werke auswachsen, das zu vollenden ihn schließlich 
wohl Titanenkräfte nötig dünken mochten. 

Also nicht eine Bekehrung zur stoischen Philosophie und 
Religion hat den Renegaten veranlaßt, seine alten Dichtungen 
und Entwürfe zu verleugnen, sondern neue dichterische In- 
tuition hat den seiner Phantasiewelt lebenden Dichter 
in den Schoß der Stoa geführt, eine Versenkung in apol- 
linische Orakel und apollinische Religion, für die ältere Aeneas- 
legenden Anlaß und Anregungen boten. Damit hat er auch 
schwerlich gleich die Absicht verbunden, den actischen Apollo 
besonders zu feiern, nur um den religiös-politischen Hintergrund 
des römischen Imperiums zu zeichnen. Auch dies ist ein Neben- 
schößling des neuen Wachstums geworden. 

Der Mensch zeichnet die Gottheit nach seinem Bilde. Die 
alten Skizzen der großen Götter in homerischer Kampfeslust 
stimmten schließlich nicht mehr zu den neugewonnenen An- 
schauungen: Vergil mußte in jüngeren Ausführungen ihr Bild um- 
zeichnen — selten genug hat er es getan. Aber auch diese neuen 
Zeichnungen von Iuppiter und seinem Walten und von dem 
Verhalten der Venus und der Iuno zu den Schicksalsbeschlü 
betreffs Aeneas sind nicht Kinder theologischer Reflexion sondern 
höchstens Enkelkinder. Denn nicht, weil die oberen Götter sieh 
'lein Walten eines ewigen Schicksales gefügt haben und in ihrer 
Anpassung an dessen Beschlüsse ihre Aufgab.- erkennen, ist 
die Kenntnis dieser Schicksalsbestimmungen auch zu den Menschen 
gelangt, sondern umgekehrt: der sehende Aeneas hat auch 
die Götter bellsichtig und zugleich ohnmächtig ge- 
macht. Die mit Apollos Hilfe ihm enteil gewordene Aufklärung 
mußte konsequenterweise das Bild der Götter völlig umgestalten, 



Aeneas' Aufklärung in der letzten Phase 257 

ihre Allmacht aufheben und ihre Zukunftskenntnis als unbedingtes 
Erfordernis einführen. Hätte Vergil diese Konsequenz überall 
ziehen wollen, so hätte er mehr als die Hälfte seiner Aeneis um- 
arbeiten müssen. Da und solange er das nicht wollte, mußte 
er sich vielfach mit Halbheiten begnügen. 

Für die Einsicht in die Genesis seines Werkes ist demnach 
das III. Buch von fundamentaler Bedeutung, weil es nicht nur 
den Umschwung der Anschauungen des Dichters sondern auch 
die Gründe und die Ausführung fast aktenmäßig enthält. Dazu 
gehört aber ohne Zweifel auch der Anfang des VI. Buches. 
Denn der apollinische Priester Helenus, dessen Weissagungen 
den Höhepunkt des Orakelbuches bilden, überläßt die letzten 
Offenbarungen der apollinischen Sibylle in Cumae, zu der er 
den Aeneas schickt. Sie sollten also die letzte Steigerung und 
den eigentlichen Abschluß der Irrfahrten kurz vor dem Erreichen 
des bestimmten Zieles bilden. Für Aeneas war diese Gewißheit 
das Köstlichste, also gleich die Begrüßung durch die Sibylle: 

VI 83 o tandem magnis pelagi defuncte periclis! 

Was folgt, ist in sibyllenhaftem Dunkel gehalten: VI 81/6 — 97, 
aber doch erfährt Aeneas hier die Namen Latium (89) und La- 
vinium (84) *), und sollte sie hier zum ersten Male erfahren, jetzt 
endlich ein Wissender werden, als Wissender also an der Tiber- 
mündung landen. 

Die Einfachheit dieses Abschlusses der Irrfahrten hat Vergil 
aber nicht unangetastet gelassen. Nicht nur ist der Hinab- 
stieg in die Unterwelt an die dadurch in den Schatten gestellte 
Befragung der Sibylle angehängt, sondern die in aller Dunkel- 
heit doch einfache und zielbewußte Weissagung der Prophetin ist 
bereits vorher um ihre Wirkung gebracht, da Aeneas ihr vorweg 
die Freude und den Zweck des Orakeins zerstört — wozu be- 



*) Allerdings ist der beabsichtigte Trost (dessen er nach 66 f. nicht bedurfte) 

VI 84 in regna Lavini 

Dardanidae venient, mitte hanc de pectore curam 
tür Aeneas durchaus unverständlich: in regna futura, scheinbar weniger, wäre 
mehr gewesen und zugleich sibyllinischer. Die Zuspitzung Lavini ist gewiß durch 
das vorgeschobene Lotio 67 veranlaßt worden. 



158 VI. Das Schicksal 



fragt er sie denn überhaupt? — mit seinen gänzlich unerwarteten 
und selbstsicheren Worten: 

VI 66 da, non indebita posco 

reg na meis fatis, Latio considere Teucros. 

Der Dichter scheint also hier, ohne genügenden Grund '), seine 
eigene Pointe zerstört zu haben: in dem bewußten oder un- 
willkürlichen Bestreben, seine neue Anschauung öfter unauffällig 
anzubringen, und vielleicht im einzelnen unsicher, wie weit der 
Leser die Divergenz beachten würde, ist er über das Ziel hinausge- 
schossen und hat sich damit selbst verraten. Eröffnet er doch 
in der letzten Phase seine Dichtung mit diesem verräterischen 
Wissen und läßt den Aeneas selbst gleich nach dem Schiffbruche 
zu seinen Gefährten sagen: 

I 205 tendimus in Latium, sedes ubi fata quietas 
ostendunt : iüic fas regna resurgere Iroiae. 

Und nun wissen seine Gefährten und Dido Bescheid, nun ist 
eigentlich jede Überraschung und jede Spannung unmöglich. 

Dieser letzten Phase der Dichtung gehören also die ein- 
zelnen Hinweise darauf an, daß den Menschen wie den Göttern 
die Zukunft durchaus bekannt ist; in Buch I II und V scheinen 
sie mit dem größten Teile der Erzählung selbst zusammen ent- 
standen zu sein. Der jüngsten Phase gehört vor allem die 
Nekyia an, die in der Weissagung des Helenus und seinen 
sonstigen Unterredungen mit Aeneas nicht vorgesehen 2 ), sondern 
ausgeschlossen war und durch eine flüchtige Traumerscheinung 
des Anchises, eine nachträgliche Einlage im jüngsten Buche V, 
nur dürftig motiviert ist. Dürftig ist aber auch die Einführung- 
dieser wundervollen, nach dem Herbst 2.'5 ausgearbeiteten Episode. 
Aeneas begründet nur, was er der Sibylle gegenüber nicht 
brauchte, daß hier bei Cumae der Eingang zum Orcus sei (vgl 
V l'.vi und auch III Hl f.); aber er versäumt, was doch wichtiger. 



') Des 'aiind oder /weck werden wir noch kennen lernen: S. 1 58 und L88. 
2 ) Norden, dessen Ausführungen im Kommentare /um VI, Buche 168 ff. ich 
und wcitcr/ululü' D \-isucl.e. irrt in diesem Tunkte (S. L56 zu Vers IHM. 



Aeneas vor der Sibylle 159 



die Beteiligung - der Sibylle zu begründen, warum sie ihm den 
Eingang zeigen und öffnen (109) oder gar, was sie nachher un- 
aufgefordert tut, mit hinabsteigen soll. Sie übernimmt damit 
ein neues, dem Helenus unbekanntes Amt zu dem traditionellen 
der Weissagung, ein Amt, das sie vor und außerhalb Vergils 
Dichtung nicht besaß. Aber das ist keine Entschuldigung für 
den Dichter, der seine eigenste Erfindung nicht sorgfältig begründet 
und eingeführt hat; nur Rücksicht auf ältere Tradition und eigene 
Entwürfe kann das erklären. Nun verrät das Schweigen des 
III. Buches ja zur Genüge, daß Vergil bei Ausarbeitung dieses 
Berichtes noch nicht daran dachte 1 ), seinen Helden in die Unter- 
welt hinabsteigen zu lassen und ihm die Sibylle als Führerin 
mitzugeben. Ein weiterer Beweis liegt in der seltsamen Ver- 
knüpfung der Weissagung und der Nekyia. Daß eins das 
andere tot mache, hat der Dichter selbst gefühlt : er hätte es 
aber nicht auszusprechen brauchen, er hätte sich seiner älteren 
und schüchteren Dichtung, da er sie nicht streichen wollte, 
namentlich des III. Buches, auch nicht schämen, sondern sie 
in Schutz nehmen sollen! Statt dessen läßt er den Aeneas auf 
die lange sehnlichst erhoffte Weissagung undankbar, blasiert 
und von oben herab entgegnen: 

VI 103 non ulla laborum, 

o virgo, novo, mi fades inopinave surgit, 
omnia praecepi atque animo mecum ante peregi. 
unum oro . . . 

Das konnte sich Aeneas erst in der letzten Phase der Dichtung 
erlauben, vorher brauchte er die Sibylle. Um aber, weniger ihr 
als dem Leser, schon vorher anzudeuten, wie überflüssig ihre 
Weissagung für den Wissenden sei oder geworden war, tritt 
Aeneas ihr gleich so hochfahrend gegenüber, daß er sein Reich 
in Latium fordert (S. 157 f.) : das ist Absicht. Absicht ist es auch, daß 
er jetzt kaum noch auf die Sibylle hört, weil ihn jetzt ein kühner 
Plan bewegt, der alles andere hinter sich läßt. Die Sibylle und 



'■) Sowenig wie bei der Schilderung der Allecto und der Hoplopoiie: 
oben S. 65. 



16Q VI. Das Schicksal 



der Leser sollen sofort wissen, woran sie sind. Daß der gott- 
ähnliche Held sein Schicksal im voraus erfährt, genügt bereits 
nicht mehr, er muß das Totenreich betreten und dort unten die 
Helden des von ihm zu gründenden Reiches schauen. Das war 
■die letzte große Ausgestaltung, zu der der Dichter gelangte, 
fernab von den ursprünglichen Plänen und der ursprünglichen 
Dichtung. 

Endlich ist noch der Inhalt der Schicksalsprüche zu erörtern, 
womit ja auch die Heldenschau im Orcus eine Verbindung auf- 
weist, namentlich die verheißene Verbindung des Aeneas mit 
Lavinia und die künftige Stellung des Ascanius oder Iulus, des 
Sohnes erster Ehe. Sehr häufig ist er einbegriffen in die 
Weissagungen. Um seinetwillen hauptsächlich soll sein Vater 
Dido verlassen, ihn darf er nicht um sein künftiges Reich be- 
trügen (IV 275); um ihn zeigt sich Venus mehr besorgt als 
um Aeneas selbst (X 46 f.). Er soll Alba Longa gründen 
(I 267. VIII 48). Sein Geschlecht war von Vulcanus auf dem 
Schilde dargestellt (VIII 629), von ihm sollten die Iulier und 
Caesar selbst abstammen: 

I 286 nascetur pulchra Troianus origine Caesar . . . 
(288) Julius, a magno demissum nomen Iulo. 

Darum tritt Ascanius während der Kämpfe in Latium selbst so 
hervor, trotz seiner Jugend der bedeutendste Troerheld nach 
Aeneas: 

XII 168 magnae spes altera Bomae. 

Aber im Grunde ließ sich seine Person schlecht mit Lavinia 
vei einigen, die doch auch einen Sohn und dadurch eine große 
Nachkommenschaft haben sollte, und um deretwillen, wie mau 
wohl schließen darf (die Umänderungen gestatten kein sicherei 
Urteil), der furchtbare Krieg entbrannte, wie ja die Friedensvor- 
schläge über ihre Hand verfügen, obwohl sie auch auf Ascanius 
Rücksicht nehmen (XII 176—94). Die Historiker waren darin 
verschiedener Ansicht. Bei Cato starb Ascanius kinderlos, 
aber Lavinia hatte von Aeneas einen Sohn (Serv. tu Aen. VI 760); 
nur wegen dieser Nachkommen hatte das neue Ehebündnis 



Ascanius durch Silvius ersetzt? Jg^ 

einen politischen und historischen Wert. Diesen Sohn führt 
Vergil bei der Heldenschau auf: 

VI 763 Silvius, Albanum nomen, tua postuma proles, 
quem tibi longaevo serum Lavinia coniunx 
educet silvis regem regumque par entern, 
unde genus Longa nosti*um dominabitur Alba. 

Dagegen ist Ascanius hier vollkommen ausg-eschaltet, vergessen 
oder aus besonderem Grunde totgeschwiegen. Das ist das 
neuerding's vielfach behandelte Problem *). Natürlich konnte 
Ascanius, der lebende Sohn des Aeneas, nicht im Hades auf- 
treten: aber warum nicht seine Söhne und Enkel, wie auf Vulcans 
Schilde? Vergil folgte jetzt einer anderen Quelle und mochte nicht 
nebeneinander erwähnen, was sich so schlecht zusammen vertrug. 
Ascanius sollte Alba Longa gründen, doch g-ewiß für sich und 
seine Nachkommen, nicht für Lavinia und ihren Sohn Silvius, 
die er vielmehr bis in die Wälder verfolgte, nach einer auch 
VI 765 angedeuteten Version. Aber von dieser und von Silvius 
weiß die ganze übrige Aeneis nichts, die künftige Nachkommen- 
schaft der Lavinia und des Aeneas wird sonst überhaupt nur 
noch in dem Faunusorakel VII 98 ff. (=271 f.) erwähnt: 

externi venient generi, qui sangidne nostrum 
nomen in astra ferant, quommque ab stirpe nepotes 
omnia sub pedibus, qua sol utrumque recunwis 
aspicit Oceanum, vertique regique videbunt. 

Da diese Stelle ganz jung ist wie wahrscheinlich die Nekyia, wird 
man die befremdende Tatsache feststellen müssen: Vergil hat 
noch in der allerjüngsten Phase den Iulus beiseite geschoben, 
auf den er in den ebenfalls jungen Schicksalsbüchern I 288 und 
auch in VI 789 ausdrücklich hinweist. War etwa inzwischen die 
offizielle Genealogie der Silvier, die Kastor u. a. vertraten 2 ), von 



*) Ich erwähne die scharfe Kritik Krolls S. 136 f., dem ich N. Jahrb. VII 
(1901) 110 zugestimmt habe, und den Widerspruch Heinzes 155 f. (Anm.). Mehr 
vermittelnd Norden N. Jahrb. VII 276 ff. und Komm. S. 310 f. 

2 ) Norden N. Jahrb. VII 259. 279 ff., oben S. 146. 
G e r c k e , Die Entstehung der Aeneis. 11 



Iß2 VI. Das Schicksal 



Augustus genehmigt worden? Sonst mußte Vergil weiter Augustum 
laudare a parentibm und dem Ascanius die Rolle lassen, die er in 
der ganzen Aeneis spielte. Warum sollte er davon abgehen und 
ihn durch Silvius ersetzen? Wenn freilich der Kaiser selbst es 
vermieden sehen wollte, daß die alten Könige von Alba ganz 
verdrängt würden durch Privatleute aus dem Geschlechte der 
Iulier, oder wenn der Dichter selbst eine zwingende Anregung 
von außen erhielt, konnte er in diesem Punkte seinen einheit- 
lichen Plan und alle auf Ascanius-Iulus gestellten Weissagungen 
durchlöchern lassen. 

Wem dies jedoch nicht glaublich scheint, der kann sich 
auf die Worte derselben Heldenschau berufen : 

VI 789 hie Caesar et omnis Iuli 

progenies magnum caeli Ventura sub axem. 

Dieser Hinweis verträgt sich schlecht mit Silvius. Nun ist aber 
das ganze Enkomion auf Augustus 788/91 — 807 zwischen Romulus 
und Numa (!) sichtlich eingeschoben, vielleicht erst 20 v. Chr. 1 ). 
Man muß also für Silvius wohl einen älteren, in die Nekyia ein- 
gearbeiteten Entwurf und daneben eine ganz junge Aufnahme 
dieses Motives in VII annehmen. Diese nicht ganz einfache 
Hypothese findet darin einen Halt, daß der Kern der Heldenschau 
aus einer Traumvision herstammt (unten S. 191 u. 195 f.): bei ihrer 
Verarbeitung in die Nekyia kann auch die Reminiscenz in Buch VII 
als eine Art Klammer angebracht worden sein. 

Das Verfolgen seiner ursprünglichen Pläne, also das Ausge- 
stalten eines historischen Bilderzyklus, würde den Dichter zu 
einer Entscheidung genötigt haben. Die Frage hatte jedoch 
keine Bedeutung mehr, als die Beschränkung auf die Aeneis ein- 
trat, da mit der Stoffbeschränkung auch der Schicksalsgedanke 
einen raschen Abschluß fand und der Dichter nur in einigen 
Ausblicken zeigte, daß sein Blick ein Jahrtausend römischer G<>- 
schichte und Vorgeschichte umspannte. 



») Sabbadini, Studi crit. 133. Anders Norden in den stanzenden Ausführungen 
über den Panegyricus im Rh. Mus. I .IV (1899) 171, dem ich daher S. 78 iu \iel 
geglaubt habe. Übrigens war erst damit das Versprechen der Georgica ein 



VII. 

UMARBEITUNGEN. VERWORFENE 

ENTWUERFE 

Noch unendlich viele dunkele Stellen der Aeneis harren der 
Erklärung-, die auf Grund des jetzigen Bestandes des Epos miß- 
lingt. Ermittelung von Quellen des Dichters helfen seltener, als 
man meist annimmt, weiter (er fand immer, was er gerade 
brauchte), in mehr Fällen verkannte dichterische Pläne, bisweilen 
eine Kombination von beiden Gesichtspunkten. Sie zu verfolgen 
ist nicht ein Ausfluß von Unsicherheit der Exegese, sondern eine 
Aufforderung zu weiterer Mitarbeit. 

1. Zahl und Brand der Schiffe 

Wie viele Segel zählte die Flotte, mit der Aeneas in 
Ausonien landete (VII 38), und wie viele Kiele ließ er dem As- 
canius im Schiffslager (VIII 78) zurück? Wenn ich recht zähle, 
waren es außer den beiden, mit denen er selbst tiberaufwärts 
fuhr und die er vom Ianiculus aus zurückschickte (VHI 548 
bis 550), 13, also im ganzen 15. Diese sind es, die Turnus mit 
Brandstiftung bedroht (DK. 69 — 76), und die die Göttermutter, um 
sie zu retten, in Nymphen verwandelt (IX 77 — 122); und diese 
(15) Nymphen sind es, die dann der Rettung bringenden etrus- 
kischen Flotte entgegeneilen und dem Aeneas das Geschehene 
verkünden (X 219—249). 

Ausgefahren war Aeneas mit 20 Segeln, wie er selbst der 
unerkannten Venus erzählt: 

I 381 bis denis I-hrygium conscendi navibus aequor, 

11* 



16-4 VII. Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

und ebenso viele Schiffe als Ersatz ihm zu bauen ist später La- 
tinus bereit: 

XI 326 6w denas Italo texamus robore navis, 

oder sogar noch mehrere. Sieben hat Aeneas noch nach dem 
großen Sturme, mit dem die Aeneis einsetzt: 

I 383 via septem convulsae undis Euroque supersunt. 

I 170 huc septem Aeneas collectis navibus omni ex numero subit, 

und für ihre Mannschaft bringt er sieben Hirsche zur Strecke: 

I 192 f. septem ingentia victor 

corpora fundat humi et numerum cum navibus aequet. 

Aber zum Glück haben sich an der Küste an anderer Stelle die 
übrigen Schiffe, ein Dutzend zusamengefunden: Venus in Gestalt 
einer Jägerin kann ihren Sohn auf zwölf Schwäne verweisen: 

I 393 aspice bis senos laetantis agmine cycnos, 

die seine übrigen geretteten Schiffe bedeuten sollen (I 399). 
Ihre Zahl wird nicht noch einmal genannt, aber von allen Schiffen 
gesprochen (cunctis navibus I 518), ihre Mannschaft als gering be- 
zeichnet (pauci 538). Weiterhin erklärt des Aeneas Begleiter 
Achates, bevor sich die beiden noch mit den Sendboten des 
anderen Geschwaders ausgesprochen und die Schiffe selbst 
wiedergesehen haben, nun wäre ja der Spruch der Venus, die 
ihr Sohn inzwischen erkannt hat, eingetroffen und alles wirklich 
gerettet: 

I 583 omnia tuta riths, c/usscm sodosqut os. 

585 . . . dictis respondcnt rrtn-o matru (sc. tu. 

Aber leich-r «rgeben 7 — (— 1 2 nur 19, nicht 20. Also w.ir ein 
Schiff mit Mann und Maus untergegangen. Und das h.it <i<>r 
Dichter in der Tat vorher gesrhildert: 

I 113 unam, <i>i<<>' tyciot fu&unupu oehtbai Oroni 
ipsiiu ante ocuioi ingent a vtr&ict p< i 



Zahl der Schiffe 165 



in puppim ferit : e.vcutitur pronusque magister 
volvitur in caput; ast illam ter fluctus ibidem 
torquet agens circum et rapidus vorat aeqaore vertex. 
apparent rari nantes in gurgite vasto, 
arma virum tabulaeque et Troia gaza per undas. 

Da die Flotte durch den Sturm noch nicht getrennt war (I 120), 
so hatte wohl auch Aeneas mit den übrigen Troern den Unter- 
gang bemerkt, aber nicht Hilfe bringen können. Venus konnte 
darum vielleicht von diesem notorischen Verluste schweigen, 
obwohl ihr Schweigen irreführend ist. Aber ganz unerklärlich 
scheint das Verhalten des Achates, der so schnell beruhigt ist 
und an das verlorene Schiff der Lykier nicht denkt. Oder viel- 
mehr er denkt doch daran, behauptet aber, nur sein Führer 
(Orontes) sei ertrunken: 

I 584 u?ius ab est, medio in fluctu quem vidimus ipsi 
submersum; dictis respondent cetera matris. 

Hält er das gesunkene Schiff doch für gerettet? Hat er im 
ganzen nur 19 Schiffe gezählt, und zwar in Übereinstimmung 
mit Venus? Oder warum unterschlägt er das ganze Schiff und 
seine Mannschaft bis auf den einen Mann? Das steht auch im 
Widerspruche zur Nekyia, denn Aeneas trifft im Schattenreiche 
nicht nur den Orontes: 

VI 333 cernit ibi maestos et mortis honore earentis 

Leucaspim et Lyciae ductorem classis Oronten, 
quos simul a Troia ventosa per aequora vectos 
obruit Auster, aqua involvens navemque virosque. 

Genannt sind hier zwei Genossen, der Steuermann und der 
Admiral, aber offenbar nur als pars pro toto : das ganze Schiff 
wurde vom Wasser begraben, und seine Mannschaft suchte sich 
durch Schwimmen zu retten (I 118); sie aufzufischen war während 
des Sturmes für die übrigen, ebenfalls in Not Befindlichen, un- 
möglich. Das ist die natürliche Erklärung auch für Buch VI. 
Wer das nicht annehmen will, sondern glaubt, das Schiff sei an 
dieser Stelle gerettet gedacht wie I 584, wird schon den kleineren 



166 VII. Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

Widerspruch schwer erklären können, warum einmal ein, einmal 
zwei Mann auf der Verlustliste stehen. Es bleibt der größere, 
daß Achates den Verlust und Venus die Rettung- eines ganzen 
Schiffes nicht kennen. Nach ihrer Rechnung waren es im 
ganzen nur neunzehn Schiffe, als ob Aeneas nicht mit mehr 
ausgelaufen wäre ; und auch Ilioneus und Aeneas selbst ver- 
missen kein Schiff. Jedenfalls kommen die Trojaner nicht mit 
mehr als neunzehn Schiffen nach Sizilien. 

Hier gehen nun vier durch die Brandstiftung der Frauen 
zugrunde, die übrig'en werden, halbverbrannt, durch einen 
Platzregen gerettet : 

V 698 et omne-s 

quattuor amissis servatae a peste carinae 

und wieder seefähig hergestellt: V 752 f. Es sind also fünfzehn, 
die alle Troer mit Ausnahme der hochbetagten Greise und 
der Matronen nach Italien bringen. 

Nach der älteren vergilischen Dichtung waren es jedoch 
zwanzig Kiele, die die Gesamtheit von Troja nach Latium brachten. 
Denn es unterliegt keinem Zweifel, daß dieser unscheinbare Zug, 
worin I 381 dem XI. Buche folgt, ursprüng'licher ist als die Erzäh- 
lungen der durchweg- jüngeren Bücher I, VI und V. Ursprünglich 
sollte kein Schiff auf der Fahrt zugrunde g-ehen, sowenig wie 
Greise und Frauen zurückbleiben sollten (S. 67). Dieser alte Plan 
hat an zwei Stellen Störungen erlitten. Dali Achates mit einem 
Male von der ersten Störung nichts weiß, ist ein junger Aus- 
gleich : vermutlich noch jünger als die Nekyia in VI. 

Wie verhält sich nun zu diesem alten, später durch Aus- 
nahmen durchbrochenen Plane das merkwürdige Eintreten der 
Göttermutter für ihre aus den Bäumen des Ida gebauten heiliges 
Kiele {raÜbus taoris IX 109)? Von Iuppiter hat sie noch wahrem; 
des Flottenbaues erbeten, was Aeneas im III. Buche nicht er- 
zahlt, daß ihre Schiffe dem Lose alles Irdischen »Mitgehen sollten: 

IX 90 solve mrtus atque ho<- precibut tmt potM parenton, 

ntr.oi quCMttUU UÜO »< " ttirbhu' v>')iti 

oincantur \ protü >/<<.</r/.- in montäftu orttu. 



Zahl der Schiffe; Cybele \ßj 



Der Verlust einzelner Schiffe durch verschiedene Gefahren war 
in dieser Phase der Dichtung- nicht vorg-esehen, die Gefahr des 
Sturmes sollte nach dem Wortlaute ausgeschaltet werden. Wenn 
diese Forderung - in Hinblick auf den Untergang - des lycischen 
Schiffes in Buch I aufgestellt worden wäre, also um dieser Episode 
willen, so hätte der Dichter nicht vermeiden können, hier die 
erfolglose Sorg-e der Göttermutter um das sinkende Fahrzeug 
zu erwähnen. Eher darf man schließen, daß Cybele ihre Bitte 
dem Iuppiter in fester Hoffnung auf ihre Erfüllung vorgetragen 
hat ohne Rücksicht auf Buch I; daß der Dichter wohl die Ge- 
fahren von Wasser und Wind im Auge hatte, als er die Episode 
in Buch IX dichtete, aber noch nicht an die völlige Vernichtung 
eines Schiffes dachte. Das wird sich in den folgenden Be- 
trachtungen als sicheres Ergebnis herausstellen. 

Allerdings ist Iuppiter viel zurückhaltender und vorsichtiger 
als Cybele, er hat die stärksten Bedenken, ihren Wunsch zu 
gewähren und damit dem Schicksale vielleicht vorzugreifen ; 
eine solche Gewalt ist selbst ihm, dem obersten Gotte, nicht 
geg-eben, wie schon erörtert (S. 123): 

DK 94 o genetrix, quo fata vocas? aut quid petis istis? 
?nortaline manu faclae immortale carinae 
fas habeant? certusque incerta pericula lustret 
Aeneas? cui tarda deo permissa potestas? 

Das ist die ursprüngliche Auffassung des dunklen Schicksales, 
das über Aeneas und seiner Zukunft schwebt, älter als die 
Bücher I, VI, V, und selbst als Buch III 1 ), aber in Übereinstimmung 
mit Buch X. Denn noch in der Götterversammlung dieses 
Buches steht Iuppiter auf demselben Standpunkte, bleibt selbst 
ganz objektiv zwischen den Parteien und läßt das Schicksal 
allein seinen Weg finden: X 113 fata viam invenient. Wie er 
hier der Venus und Iuno nichts verrät über die zukünftige Ent- 
scheidung, so durfte und konnte er auch der Göttermutter keine 
Zusicherungen machen betreffs der Zukunft, sondern mußte den 
Aeneas ungewiß (und ungesichert) ungewissen Gefahren ent- 
gegengehen lassen. Er wußte selbst Nichts oder nichts Bestimmtes 



3 ) IX 80 f. ist kein Nachtrag zu III, so wenig wie die Landung am Tiber in VII. 



168 VII. Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

von dem gewaltigen Sturme, der an der Südostküste Siziliens 
die Flotte hart an den Untergang führen sollte. 

Nur falls dieser Sturm ein alter Entwurf wäre, der in das 
junge Buch I irgendwie verschlagen wäre, müßte man ihn mit 
der Bitte der Cybele und der Antwort luppiters zu vereinigen 
suchen. Aber älter als XI 326 kann er nicht wohl sein. Dagegen 
wird man dieCybeleepisode in IX mit X und XI zusammen 
der ältesten Aeneis zuzuschreiben haben. Und daraus 
ergibt sich der Grund, warum Achates nachträglich den Unter- 
gang eines ganzen Schiffes leugnet: es ist ein Ausgleich mit 
den Forderungen der Cybele, die schwächlich gewesen wären, 
wenn sie einen Teil der Flotte ausgelassen hätten. In anderer 
Weise ist auch Iuppiter auf einen Ausgleich bedacht, wie wir 
sogleich sehen werden : denn auch die Cybeleepisode ist nicht 
intakt geblieben. Aber ihre Überarbeitung hat weniger Rück- 
sicht auf das Schiff des Orontes genommen als auf den in Buch V 
erzählten Flottenbrand. 

Trotzdem findet sich noch ein kleiner Widerspruch zu 
Buch V: der Cybele erklärt Iuppiter, erst nach der Landung 
bei Laurentum für die Schiffe eintreten zu können (IX 99 f.), 
während er in Sizilien auf Aeneas' Gebet hin tut, was er erst 
in Latium tun durfte, er löscht nämlich durch ein Regen- 
wunder den Brand (V 685—99). 

Der Schiffsbrand selbst sta mmt aus einer alten, von 
Aristoteles erzählten Legende: von Troja heimsegelnde 
Achaeerwaren nach Latium verschlagen, und hier setzten 
kriegsgefangene Troerinnen die Schiffe in Brand. Be- 
stimmter nannte Hellanikos als Brandstifterin Rhome und als 
Führer der Achaeer Odysseus, in dessen Gefolge er auch Aei 
mitgefahren sein ließ 1 ). Diesen Zug hat erst Vergil verwendet, 
aber bei ihm findet der Brand in Sizilien, nicht in Italien, 
statt und vernichtet ein Fünftel, nicht die gesamte Flotte. Wenn 
wir uns klarmachen, warum Vergil das geändert hat, BO worden 
wir zugleich erkennen, dal.'» er die Änderung erst nachträglich vor- 
genommen hat. Die oft wiederholte Legende berichtete, die 

») Aristot. Fra R m. C.O'.t. Ar. pseudepigr. p. 510 f. R. Ilellan. FHG 1 
üchweRler, Ron». Gesch. I 1. 408 ff. 



Einstiger Schiffsbrand in Latium 169 

Troerinnen hätten die Schiffe in Brand gesteckt, um die Weiter- 
fahrt in die Sklaverei zu verhindern und eine Ansiedelung- zu 
erzwingen (vgl. V 615 — 17). Vergil konnte dies Motiv in der 
jüngeren Ausgestaltung der Aeneis nicht mehr gebrauchen, da 
sein Held nicht durch Zufall oder brutalen Zwang auf das Land 
angewiesen sein sollte, das ihm vielmehr durch das Schicksal 
selbst verheißen und bestimmt war. Die Brandstiftung auf 
Sizilien trat mit der Schicksalsführung nicht in Konkurrenz 
sondern trat ihr entgegen, zumal in der Absicht der Anstifterin 
Iris-Beroe. Freilich mußte darum diese Absicht vereitelt werden 
und von der ursprünglichen Einäscherung der ganzen Flotte 
nur eine Parodie überbleiben, damit Aeneas mit fünfzehn Schiffen 
doch das verheißene Land erreichen konnte. Aber die brand- 
stiftenden Frauen (matres V 622. 646. 654) erreichten, was sie 
wollten. Nun noch einmal eine Brandstiftung^ durch dieselben 
Frauen in Latium zu schildern, war natürlich unmöglich, auch 
deswegen, weil diese (von den jüngeren Troerinnen schweigt der 
Dichter überhaupt) nach der wohlüberlegten Fiktion des jungen 
Buches V in Sizilien blieben. Ursprünglich aber hatten sie alle 
den Aeneas bis Latium begleitet. Also der Brand aller 
zwanzig Kiele in Latium war das Prius und gehörte — das 
wird man auch ohne strengen Beweis annehmen dürfen — zu 
dem alten, durch das Vorbild bestimmten Plane der Aeneis. 

Trotz der Verlegung wollte Vergil auf den Brand in Latium 
nicht verzichten: er führte hier nur statt der Troerinnen Turnus 
und die Rutuler ein und statt der Einäscherung der Schiffe 
ihre Verwandlung - in Nymphen. Nun waren die beiden Er- 
zählungen des V. und des LX. Buches nicht mehr als Dubletten 
zu erkennen. Ja er ging noch weiter: er machte aus der Brand- 
legung einen vergeblichen Versuch des Turnus. Aber das war 
nicht ursprünglich; ein wirklicher Frevel (iniuria IX 108), nicht 
bloße Absicht, lag vor, und der mußte in Flammenzeichen am 
Himmel sichtbar sein, um Cybele aufzuschrecken. Ich kann 
mir die Situation kaum anders denken, als daß die Götter nicht 



] ) Auch Dido droht IV 604 damit nur (trotz I 525), doch gewiß mit Rück- 
sicht auf den Brand in Latium; B. V ist ja erheblich jünger. 



170 VH. Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

eher eingreifen, bevor nicht die Flammen an den Schiffen 
aufzüngeln und helle Glut, der Morg-enröte vergleichbar, deu 
Himmel färbt, etwa: 

hie primvm nova lux ociäis offulsit, et ingens 
visus ut Aurorae caelum transcurrere nimbus. 

Aber der Dichter sagt das nicht, sondern er läßt Cybele mit 
ihrem Gefolge vom Osten herbeieilen, so daß ein gewaltiger 
Lichtschein dorther am Himmel zu sehen ist: 

IX 110 hie primum nova lux oculis offulsit, et ingens 
visus ab Aurora caelum transcurrere nimbus 
Idaeique chori. 

Dazu stimmt, daß die idaeische Mutter die Brandfackeln (taedas 109 
statt finem oder dgl.) von ihren heiligen Kielen abwehren will. 
Zu spät! Denn das Bild des vernichtenden Angriffes der Rutuler 
auf die Flotte mit ihren zum Himmel lohenden Feuerbränden 
ist IX 69 — 76 so lebendig geschildert, daß es schwer glaub- 
lich scheint, alles verhütet zu denken. Durch wirklichen Brand 
würde nicht einmal die Verwandlung der bereits brennen- 
den Schiffe in Nymphen erschwert. Der Gedanke ist an sich 
bizarr genug: war denn keine Mannschaft auf den Schiffen, 
niemand zum Abwehren und Löschen? Iuppiter hätte dann erst 
recht, wie in Sizilien, zunächst einen Platzregen schicken müssen; 
nachher konnte die Verwandlung erfolgen. Ein richtiger Brand 
war auch hier unumgänglich, das Wunder blieb trotzdem wirk- 
sam und rückte die Dublette in Sizilien weit ab. Also war in 
Buch IX ein wirklicher Brand der ganzen Flotte kurz geschildert, 
das Vorbild für die Halbheit in Buch V. 

Hiermit ist die erste Spur einer Überarbeitung der Cybele- 
episode zutage gekommen. Aber es liegen mehr und hand- 
greiflichere vor. Die zweite zeigt sich bei Cybeles unverzeihlich 
kurzsichtigem Vorgehen, demgegenüber das [uppiters berechnend 
genannt worden kann. Das ihm mühsam abgerungene Ver- 
sprechen nutzte noch den von Turnus mit dem Feuerbrande be- 
drohtm Schiffen, nicht den vorher angezündeten: ums Eiaar 
wäre ja die ganze Flotte in Sizilien verbrannt Wich dem W 



Einstiger Schiffsbrand in Latium 171 

laute ihrer Rede hat aber Cybele überhaupt nicht an Zerstörung 
durch Feuer gedacht, denn sie sagt nur: 

IX 91 ne cursu quassatae utto neu turbine venu 
vincantur. 

Demnach hätte Iuppiter es leicht gehabt, ihre Bitte ihrem Wort- 
sinne nach zu erfüllen: wenn die Schiffe verbrannten, war es 
nicht seine Schuld. Aber diesen Weg schlägt Iuppiter nicht 
ein — warum wohl nicht? Weil die Absicht der Göttin sichtlich 
eine andere ist als der jetzige Wortlaut ihrer Bitte. Natürlich 
mußte sie ihre Schiffe gegen jede Vernichtung sichern, auch gegen 
Feuersgefahr: da diese durch parallele Sage gegeben und jedem 
Leser schon aus der Ilias bekannt war, konnte der Dichter die 
vorsorgliche Göttermutter diese allein drohende Gefahr nur über- 
sehen lassen, wenn er beabsichtigte, aus dem Versehen Kapital 
zu schlag-en und den Brand der Schiffe trotz der Bitte der 
Cybele zu ermöglichen. Aber dann war die ganze Erfindung 
überflüssig. Ich bin also überzeugt, daß diese Brandgefahr ur- 
sprünglich von Cybele erwähnt war, und weiter, daß diese Er- 
wähnung jetzt nicht zufällig- fehlt, infolge eines Versehens 
eines Schreibers, sondern daß der Dichter selbst die Erwähnung 
später getilgt hat. Also der Vers IX 91, in dem jetzt durch 
ne . . neu gar nicht verschiedene, sich ausschließende Ursachen 
der Vernichtung eingeführt werden, lautete vielleicht ursprünglich: 

neu cursu quassatae ullo neve ignibus ustae. 

Eine so formulierte Bitte konnte jedoch Iuppiter nur bewilligen, ja 
Cybele selbst nur vortragen, wenn der Dichter beabsichtigte, 
alle Schiffe ohne Ausnahme in Latium landen zu lassen und 
alle auf einmal in die Gefahr der Vernichtung zu bringen. Und 
das scheint mir seinem ursprünglichen Plane entsprochen zu haben. 
Eine dritte Änderung. Venus hatte bei der Rettung der 
Schiffe ursprünglich eine Rolle gespielt. Denn in der großen 
Götterversammlung des X. Buches, in der die Göttinnen einander 
vorwerfen, was sie gegen oder für Aeneas getan haben, hält 
Iuno der Venus vor : 

X 83 ff (tu) j>ote$ in totidem classem Converter e ?iymphas. 



172 VII. Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

Deswegen braucht man nicht anzunehmen, daß ursprünglich 
Venus die Bitte vorgetragen und die Verwandlung vorgenommen 
hätte, aber man darf auch dieses Zeugnis nicht einfach ignorieren. 
Wahrscheinlich hatte ursprünglich Venus die Göttermutter be- 
wogen, für die Schiffe des Aeneas ein gutes Wort bei Iuppiter 
einzulegen, und vielleicht auch weiterhin ein wachsames Auge 
auf die Flotte gehabt und rechtzeitig interveniert. Das hat der 
Dichter später gestrichen und nur in der Rede der Iuno einen 
Hinweis stehen lassen. In der Tat ist jetzt die Episode viel ein- 
facher und wirkungsvoller geworden, und man vermißt darin 
eine Mitwirkung der Venus durchaus nicht. 

Viertens hat sich Iuppiter vorbehalten, selbst die Schiffe zu 
verwandeln : 

IX 101 mortdlem eripiam jormam magnique iubebo 
aequoris esse deas. 

Das stimmt nicht genau zu dem Vorwurfe der Iuno, Venus 
hätte die Flotte verwandelt, und erst recht nicht zu der Er- 
zählung IX 107 — 122, wonach die Göttermutter die Verwandlung 
vornimmt, ohne auch nur noch einmal bei Iuppiter anzufragen : 
sie erklärt einfach 

IX 116 f. vos ite solutae, ile deae pelagi : gen et rix iubet. 
Und ebenso heißt es nachher : 

X 220 nymphae, quas alma Cybebe 

numen habere maris nt/mphasque <• rutoibus 
iu 8 8 erat. 

Dem entspricht nicht das iubebo Iuppiters, das wahrscheinlich 
auf einer nachträglichen Änderung des Dichters selbst beruht. 
Iünftens. Auch daß der versprochene Tag da sei (IX 107 
ergo aderal promisaa dte»), stimmt nicht zu den vorangegangenen 
Worten des Iuppiter. Dieser spricht von keinem rage, will 
rhaupt im voraus nichts Bestimmtes versprechen, sondern 
faßt nur den Zeitabschnitt ins Auge, wo die Schiffe in Latium 
gelandet sein werden, ohne dabei hinzuzufügen, daß er sie dann 



Iuppiter und Cybele 173 



drohenden Gefahren entreißen wolle (IX 101 mortalem eripiam for- 
mam, nicht etwa mortali eripiam fato). Wenn aber eine bestimmte 
Gefahr als bevorstehend angenommen und Rettung hieraus in 
Aussicht gestellt worden wäre, so mußte das bestimmt gesagt 
und das Eintreten dieser Gefahr hervorgehoben werden. Nur 
wenn an einem ganz bestimmten Tage, etwa dem nach der 
Landung, die Verwandlung stattfinden sollte, konnte es heißen: 
ergo aderat promissa dies. Aber dies Letztere ist wenig glaublich. 

Iuppiter mochte also der Cybele etwa folgendes antworten: 
„Vergänglichem Menschenwerke wie den Schiffen des Aeneas 
ewige Dauer zu verleihen, ist unmöglich; auch würde damit 
trotz seines ungewissen Schicksales Aeneas ein unabänderliches, 
unvergängliches Rüstzeug erhalten: das schließt sich aus. Was 
ich jedoch vermag, das ist, die Schiffe in andere Wesen zu 
verwandeln, nämlich in Meergöttinnen, denen dann ewiges Leben 
beschieden sein soll. Ich will dir also die Macht geben, diese 
Verwandlung vorzunehmen, wenn du dereinst glaubst, daß 
Aeneas seiner Schiffe nicht mehr bedürfe, oder wenn die Gefahr 
da ist, daß die Flotte ohne ein solches höheres Eingreifen zu- 
grunde geht. Wenn du zu dieser Zeit den Schiffen befiehlst, 
sich zu verwandeln, so wird dein Wort in Erfüllung gehen, 
Aeneas seine Schiffe verlieren, diese aber als Nymphen ewiges 
Leben erhalten." So ungefähr kann man sich die Antwort 
luppiters IX 94 — 103 in ursprünglicher Fassung denken. Diese 
hat der Dichter aber später noch in einem wichtigen Punkte 
abgeändert. 

Sechstens. Iuppiter nimmt als terminus post quem die 
Landung in Latium in Aussicht: 

IX 98 immo itbi defundae finem portusque tenebunt 
Ausonios olitn quaecumqae evaserit undis 
Dardaniumque ducem Laurentia vexerit arva. 

Es ist sehr vorsichtig, daß er sein Versprechen auf diejenigen 
Schiffe beschränkt, die nicht vorher auf der Fahrt bereits in 
Gefahr geraten und zugrunde gehen, also das im Sturm unter- 
gehende und die vier verbrannten Schiffe. Der Dichter konnte 
ja unmöglich auch bei ihrem Verluste im I. und V. Buche schon 



174 VTI. Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

die 'dea ex machina' auftreten und diese Schiffe retten lassen: 
so viel Rücksicht mußte Iuppiter auf die poetische Ausgestaltung 
der epischen Handlung nehmen. Wenn also der Verlust der 
fünf Schiffe in diesen Büchern einer jüngeren Phase der Dichtung 
angehört, wie ich für sicher halte, so ist die Rede Iuppiters in 
Buch IX nachträglich mit Rücksicht auf I und V umgeändert 
worden. Und sicherlich hat auch Iuppiter ursprünglich nicht 
der Cybele so bestimmt Ausonien und Laurentum als endgültiges 
Ziel der Fahrt angegeben. Denn was soll seine Frage certusque 
incerta pericula lustret Aeneas? IX 96 (S. 167) anders, als daß das 
Schicksal des Helden noch gänzlich ungewiß ist? Dem darf 
nicht vorgegriffen werden, das vermag kein Gott (oben S. 147. 128). 

Erst nach Beseitigung des Orakels 99 f. kommt auch das 
immo IX 98 wieder recht zur Geltung, da hauptsächlich die Ver- 
ewigung der Schiffe als Schiffe verweigert werden soll und die 
Zeit nur insofern in Betracht kommt, als die Verwandlung eine 
Fragte der Zeit ist. Ich denke mir also als ursprünglichen 
Gegensatz gegen die incerta pericula mindestens den Gedanken : 
„sobald jedoch für Aeneas und sein Geschick nichts mehr auf 
die Schiffe ankommt, sie ihm nichts mehr nützen können, will 
ich dir gern deinen Wunsch erfüllen". 

Die Verse 99 — 100 sind jüngerer Zusatz, 98 ist zweifelhaft 
bis auf die Einführung immo ubi. 

Iuppiter hatte der Cybele auch in der älteren Fassung - 
keineswegs die Erfüllung ihres Wunsches einfach abgeschlagen, 
sondern die sonderbare Verwandlung der Schiffe in Meermädchen 
in Aussicht gestellt, aber vielleicht unter einer noch bestimmteren 
Bedingung. Sollte das nicht der Schiffsbrand gewesen sein? 
Und sollte Iuppiter diese Bedingung nicht genannt haben, daß er 
die Schiffe einzig und allein vor der eventuellen Gefahr des Brandes 
schützen wolle? Dann brauchte er sich nicht den Befehl für die 
Verwandlung vorbehalten [eripiam . . magtäquA iubebo oeqmon» 
esse deas), sondern konnte der Göttermutter Vollmacht erteilen. 
Ich denke nur also den ursprünglichen Zusammenhang etwa 
folgendermaUrn : 

immo, ubi cUtfimctis ßamnuu inttan oicUibu, 
//('<• ti/>i do, prokü>6 tnfandot » naeibus ig* 



Iuppiter und Cybele J75 



mortalem eripias formam inbeasque licebit 
aequoris esse deas. 

Derartige Konzessionen mußten später gestrichen oder ab- 
geändert werden, als ein Teil der Flotte auf Sizilien verbrannte. 
Der Dichter konnte die inzwischen erfolgte Aufklärung Iuppiters 
benutzen, um das spätere Eingreifen zeitlich und örtlich genauer 
zu begrenzen, wie er die stoische Prädestination benutzt hat, 
um den Bruch der Liebesepisode im IV. Buche neu zu be- 
gründen. Aber das ist in beiden Fällen sekundär. Das Streichen 
der einstigen Bedingung" und der Verzicht auf Rettung der 
ganzen Flotte war hier das Prius, namentlich aber durfte der alte 
Brand überhaupt nicht mehr erwähnt werden. Das verlangte 
die Rücksicht auf die junge Dublette des V. Buches. 

Nicht nur war tatsächlich nach dieser Erzählung ein Teil 
der Flotte zerstört, sondern die nach Sizilien verlegte Brand- 
stiftung der Frauen erschien auch wichtiger und eingreifender 
als die Bedrohung der Flotte durch Turnus. Denn jetzt waren 
die Troer in Latium gelandet, ihre Flotte brauchten sie nicht 
mehr; in Sizilien dagegen stand die ganze Weiterfahrt in Frage, 
dort handelte es sich darum, ob Aeneas überhaupt das Land 
seiner Bestimmung noch erreichen könne: das waren incerta 
pericxda. Und doch konnte Cybele in Sizilien nicht als Retterin 
der halbverbrannten Schiffe auftreten, eben weil Aeneas die 
Schiffe noch brauchte: die Verwandlung der Flotte in Nymphen 
war hier ganz unangebracht. Der Dichter hat sie scheinbar 
vergessen. Durch die geschickte Umdichtung in B. LX erreicht er 
jedoch, daß die göttliche Vorsehung gerettet wird und die Brand- 
legung der Rutuler einen neuen Höhepunkt, ja die eigentliche 
Krisis darstellt. 

Hiernach ist folgende chronologische Abfolge anzusetzen: 
1. Altester Plan. Aeneas landet mit 20 Schiffen in Latium 
(vgl. XI), die von den matres angezündet werden. Iuppiter rettet 
sie durch einen Regen und läßt sie durch Cybele in Nymphen 
verwandeln, einem bedingten Versprechen gemäß (IX). Nach 
I 381 ist Aeneas mit 20 Schiffen ausgefahren. 
2 — 5. Junge Abänderungen. 



|76 VSI. Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

2. Von seinen Schiffen verliert Aeneas eins, das des Orontes, 
in Buch I. Den Orontes und Genossen findet er in der Unter- 
welt. Übrig- sind noch 19 Schiffe. 

3. Ausgleich: Achates weiß von keinem Verluste, 19 wird 
die Zahl aller Schiffe (Buch I). 

4. Der Schiffsbrand in Latium getilgt, nur droht ein zweiter 
Brand durch Turnus (DK). 

Ausgleich: Iuppiter schränkt seine Versprechungen gegen 
Cybele weiter ein und nimmt alle auf der Hinfahrt verunglückten 
Schiffe aus (IX). 

5. Der Schiffsbrand nach Sizilien verlegt; die matres bleiben 
zurück, nachdem vier Schiffe verbrannt, die anderen g-erettet sind. 

Ausgleich: Cybele verzichtet darauf, an die Feuersgefahr 
zu rühren. 

Daß die Dublette V 605 — 699 ihre Ausführungen z. T. dem 
Schiffsbrande in Latium verdankt, ist durchaus möglich, obwohl 
einige Einzelheiten eigens für Sizilien gedichtet sind (629 f. 616. 
699); auch kann Tris nicht von Iuno gesendet worden sein (606), 
um die Trojaner in Latium festzuhalten: eher von Venus. Jedoch 
ist dies dann das einzig-e alte Stück von Buch V, das sich früher in 
einem anderen Zusammenhange befunden haben kann. 

2. Losorakel und Totenbeschwörung 

„Vergil hat seiner Sibylle eine zweifache Mission übertragen, 
die einer Prophetin und die einer Führerin durchs Jenseits. Das 
erstere war sie nach fester Tradition, aber zur letzteren hat sie 
erst Vergil gemacht. Er brauchte eine Person, die den Aeneas 
durch den Hades geleitete. Denn an die Stelle der homerischen 
Fiktion, wonach Odysseus ohne Führer in die Tiefe steigt, war 
längst die andere getreten, die bei einer Kttvdßaaig den Führer 
fast obligatorisch machte" l ). Das deckt sich mit meiner Auf- 
fassung des VI. Buches. Norden und besonders Heinze 2 ) sind 
auch geneigt, die beiden Bestandteile zwar gleichzeitig entstanden 
zu glauben, aber doch genetisch zu sondern. Sie nehmen jedoch 



') E. Norden im Kommentar zum VI. Buche S. 1")2 (und 1'>'.1 . 
1 Norden S. 44rT. Heinze S. 437 und B 



Schiffsbrand. Sibylle und Helenus. 177 

an, die Prophetenrolle des Anchises sei das ursprüngliche Motiv 
des VI. Buches (seine große philosophische Rede zu allererst 
ausgearbeitet) und auf die Sibylle erst sekundär übertragen. Das 
erscheint mir als eine Verkehrung der natürlichen Voraus- 
setzungen, da die Rolle der Sibylle in Cumae einfach, die des 
Anchises im Totenreiche künstlich und unwahrscheinlich ist. 
Auch meine Einzeluntersuchungen über das relativ hohe Alter 
des III. Buches und das sonderbare Verhalten des Aeneas vor 
der Sibylle (S. 158 f.) führen auf die Umdrehung jener These, so 
daß ich die Bestandteile des VI. Buches chronologisch so sondere: 
einen älteren Kern, in dem die Sibylle dem Aeneas weissagt, 
und den jüngeren Besuch des Orcus, wo Anchises die Erklärung 
übernimmt, sobald Aeneas die Zukunft seines Geschlechtes 
kennen lernen soll. Vereinigt sind beide jetzt dadurch, daß die 
Sibylle zunächst die Vorbereitung des Hinabstieges, dann auch die 
Führung in der Unterwelt übernimmt. 

Die ältere und einfachere Erzählung ist durch Helenus III 
441 — 60 sorgfältig vorbereitet, die xacdßaoig viel flüchtiger durch 
eine Traumerscheinung des Anchises V 722 — 39, genauer durch 
seine auf III fußenden Worte 731 — 37 (vgl. oben S. 21, 1), ein- 
geleitet. Beide Vorspiele schließen einander im Grunde aus und 
sind zu verschiedenen Zeiten erdacht worden: die Weissagung 
des Helenus steht und fällt mit dem ganzen Orakelbuche III, der 
Schatten des Anchises gehört einer geringfügigen Einlage in 
das selbst ganz junge sizilische Buch V an. Diese Einlage kann 
auf keinen Fall älter sein als die Dichtung der Nekyia, höchstens 
mit ihr gleichzeitig, aber nach Buch III, gedichtet worden sein. 

Es fragt sich, warum der Dichter nicht, statt den Schatten 
des Anchises zu bemühen, durch einen Zusatz in der Weis- 
sagung des Helenus auf die Y.ctTdJaoig hingewiesen hat. Ein- 
mal wollte er offenbar Anchises im voraus eine besondere 
Stellung im Orcus sichern; und zweitens mußte er in der Rede 
des Helenus und im VI. Buche selbst sehr viel abändern und 
streichen, ein einfacher Zusatz hätte nicht genügt. Denn 
Helenus kennt nur zwei Funktionen der Sibylle: entweder stand 
sie dem Los- und Blätterorakel von Cumae vor, oder sie weis- 
sagte selbst in der Ekstase. Beide Eventualitäten werden im 

Gercke, Die Entstehung der Aeneis. 12 



178 YU. Umarbeitungen. Verworfene Entwurf e 

Anfange des VI. Buches auch erwähnt und erschweren daher 
die dritte Funktion, die Führung im Orcus. Helenus beschreibt 
das Losorakel sehr ausführlich: 

III 443 insanam vatem aspicies, quae rupe sub ima 

fata canit foliisque notas et nomina mandat . . . 

(bis 447, mit dem auffälligen Zusätze, die Lose würden durch 
Windstöße leicht verwirrt: 448 — 452, im Widerspruche zu immota 
manent 447). Aeneas soll den kleinen Aufenthalt auch bei gün- 
stigem Fahrwinde nicht scheuen: 

456 quin adeas vettern preeibusque oracula poscas, 

aber er soll — und nun folgt ein durch die Verse 448 — 52 
vorbereiteter, aber mit den vorhergehenden 453 — 56 auch stilistisch 
kaum verbundener Nachtrag — die Seherin selbst zum Reden 
bringen: 

457 ipsa canat vocemque volens atque ora resolvat 

Diesen Rat befolgt Aeneas dann und wünscht: 

VI 74 foliis tantum ne carmina manda. 

ne tnrbata volent rapidis ludibria venth: 
ipsa canas oro, 

worauf die Sibylle in voller Ekstase ihre Prophezeiung stammelt, 
83 — 97. Das war nötig, das Losorakel wäre nach den ein- 
gehenden Weissagungen des III. Buches abgefallen. Aber 
man hat den Eindruck, daß Helenus ursprünglich nur an jenes 
historische Orakel dachte und erst, als der Dichter in der Aus- 
führung der romanischen Ereignisse darauf Verzicht leistete 
und die andere Alternative erfand, nun auch darauf hinwies und 
sie begründete. Wenn das also eine Erfindung Vergils und 
bereits eine Besserung war, so ist es doppelt erklärlich, warum 
er hier nicht hinterher große Abstriche vornehmen wollte, /u- 
mal in der ausführlichen Schilderung der Höhle der Sibylle 
VI \J fi. das Losorakel sowieso Bchon zu kurz gekommen ist. 



Losorakel und Prophetenworte 179 

Aber unter allen Umständen soll die Sibylle dem Aeneas 
helfen und die Weissagungen des Helenus ergänzen und zu 
Ende führen: 

III 458 illa tibi Italiae populos venturaque bella, 

et quo quemque modo fugiasque ferasque laborem, 
expediet cursusque dabit venerata secundos. 

In Buch VI ist diese Aufgabe von der Sibylle auf Anchises 
übertragen worden, der vermittelst der Heldenschau dem Aeneas 
die Zukunft ihres Geschlechtes und außerdem die eigene enthüllt: 
759 expediam dictis et te tua fata docebo. Nach der glänzenden 
Heldenschau (760—886/9) folgt dann plötzlich noch: 

890 exin beüa viro memorat, quae deinde gerenda, 
Laurentisque docet populos urbemque Latini 
et quo quemque modo fugiatque feratque laborem. 

Heinze hat ganz recht, daß diese drei Verse ganz aus dem 
Stile der Erzählung herausfallen (S. 358). Aber so sicher ist es 
nicht, wie behauptet wird, daß sie bei einer Überarbeitung be- 
seitigt worden wären. Warum hatte Vergil sie überhaupt ge- 
schrieben, wenn sie überflüssig waren? Warum soll man nicht 
lieber annehmen, er würde bei einer Überarbeitung diese drei 
Verse laut 759 ausgeführt statt gestrichen haben? Denn jetzt 
hat er sich begnügt, die Worte des Helenus ziemlich wörtlich 
zu wiederholen: das war ein vorläufiger „Stützbalken", wie der 
Dichter selbst gesagt haben würde 1 ). 

Viel wichtiger als diese irreale akademische Frage ist die: 
wann und warum hat der Dichter der Sibylle die von Helenus 
in Aussicht gestellte Antwort abgenommen und dem Anchises 
übertragen? Denn daß ehemals die Frau das Subjekt zu 
memorat und docet war, verrät noch deutlich der Anfang exin 



J ) Das scheint Drachmann, Nord, tidskr. f. filol. XÜI 128 f. eingewendet 
zu haben; ich weiß davon nur aus Heinzes Polemik, der Sabbadinis und Nordens 
Irrealität verteidigt. 

12* 



180 VTL. Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

bella viro memorat 1 ). Die drei Verse waren ursprünglich gewiß als 
Ergänzung der Prophezeiung VI 83 — 97 gedichtet: nach der in 
seiner dunkelen Knappheit meisterhaft den Ton sibyllinischer 
Orakel treffenden Weissagung, die im Wortlaute in direkter Rede 
angeführt ist, und der Zusammenfassung 98 — 101 sollte über die 
sonstigen Einzelheiten in indirekter Rede ungefähr berichtet 
werden. Und das nicht nur, um das Orakelhafte nicht durch 
Detailausführungen zu stören, sondern auch mit Rücksicht auf 
die bereits vorliegenden Bücher VII — XII, in denen Aeneas 
keine genaue Kunde über Latinus, seine Stadt, die laurentischen 
Völker, seine Kriegsaufgaben und die einzuschlagenden Wege 
besitzt. Je mehr die Sibylle oder Anchises hier verrieten, um 
so stärker klaffte der Widerspruch zu der Ahnungslosigkeit 
des Aeneas unmittelbar nach der Landung. Darum zog der 
Dichter es vor, von der Sibylle nur generell zu erzählen, daß 
sie den Helden weiter aufgeklärt habe. Das tat er, bevor er 
den Plan der xcetdßaoig gefaßt hatte. 

Sobald aber der neue Plan gefaßt worden war. wonach 
Anchises weissagen sollte, musste die Sibylle ihm Einiges von 



J ) Das bedeutet im jetzigen Zusammenhange nicht mehr als ei memorat nach 
Nordens treffender Erklärung (Komm. S. 81 zu 174). Er stützt sich hierbei, und an 
anderer Stelle (zu II 146) G. A. Koch (Wörterbuch zu Verg., h Hann. 1875, nicht 
6 1885, s. v. vir und is) auf die von R. Bentley (zu Hör. III 11, 18) ausgebenden 
Beobachtungen, daß das Pronomen is namentlich in den obliquen Kasus in der 
getragenen Poesie allmählich gemieden wird. Das Material dafür gibt jetzt Meader, 
the latin pronouns is : hie : iste : ipse, Newyork 1901 ; der Index von Wetmore (1911) 
und das Lexikon von Merguet (1912) versagen. Einen Ersatz lieferten ille und Jtir. 
seltner farblose Substantive wie vir: immerhin kommt in der Aeneis ein is noch 
auf je 125 Verse (bei Lucan 1 : 1330, Claudian 1 : 5000). Da sich nun aber vir bei 
Vergil häufig gerade mit besonderem Nachdrucke findet, so entsteht in den -wenigen 
Fällen, wo es ganz abgeschwächt wie ein enklitisches Pronomen pers. der B. Pen, 
gebraucht wird, die Frage, wieso der Dichter an diesen Stellen dazu gekommen ist, 
weder ig noch ille oder hie zu verwenden. So bezeichnete vir VI 171 das arme 
Menschenkind im Gegensatze zum Meergotte Triton und II 1 1 • » w hl den gemeinen 
Kriegsmann im (iegensatze zum Herrscher Priamus. Bei VI H'.Xt mochte ich um so 
wenige! auf die genetische Erklärung verzichten. .Is tonit auch der Zusammenhang 
der Verse mit III dunkel bleibt. Kür die Geschichte des grammatischen 1 r> 
von is scheinen mir solche Beobachtungen unerläßlich, zu deucn mich Nordens 
Dissensus angeregt i 



Priorität der Sibylle in VI 181 



ihren Sprüchen abtreten. Ihm jetzt die Verse 890 — 92 zuzu- 
weisen, war zwar mühelos, aber doch eine Halbheit. Den 
Widerspruch zu Buch VII zu vertuschen, war übrigens nicht 
mehr möglich, und insofern kam ein Streichen des der großen 
Heldenschau nachhinkenden Rudimentes nicht mehr ernstlich in 
Betracht : es wäre ein ungeeigneter, fast kleinlicher Ausweg 
gewesen. 

Damit scheint mir von neuem erwiesen, daß Buch VI, 
dessen Fugen, also die Spuren einer allmählichen Entstehung, 
Norden überall scharfsinnig aufgedeckt hat, ursprünglich nur 
einen kleinen Teil des jetzigen Bestandes enthielt, in Über- 
einstimmung mit Buch III. Die ganze y.caaSaoig fehlte, und die 
Sibylle allein gab dem Aeneas allen gewünschten Auf- 
schluß, wie Helenus ihm in Aussicht gestellt hatte. 

Darauf führt auch noch eine andere Spur hin. Die cuma- 
nische Sibylle war wie alle Sibyllen eine apollinische Priesterin. 
Aber bei Vergil erscheint sie zugleich als Priesterin der Trivia 
oder Hecate (VI 35. 13. 69. 118 = 564. 247. 258). Eine Streitfrage 
ist es, wo, wann und von wem ihr dieses zweite Amt beigelegt 
worden ist. E. Maaß wollte diese Verbindung schon für Chalkis 
annehmen, woher die Cymaeer den Apollokultus mitgebracht 
hatten *). E. Norden denkt sich das Sibyllenorakel in Cumae 
mit einem uralten Erdorakel am Averner See vereinigt durch 
jene ersten griechischen Besiedeier, die die vorgriechische Erd- 
göttin mit ihrer Hecate identifizierten und deren Dienst der 
Priesterin ihres himmlischen Bruders Hekatos oder Apollon 
gleichfalls anvertrauten 2 ). Ich möchte dagegen diese Über- 
tragung dem Dichter Vergil allein zuschreiben, weil bei jener 
Orakelstätte am Averner See Männer als Priester oder ävdoeg 
xpv/uyioyoi fungierten nach den sonstigen Berichten 3 j. Die Über- 
tragung ist als dichterische Erfindung unschwer zu erklären : die 
Sibylle mußte, um ihrer neuen Aufgabe gewachsen zu sein, in 
einem engeren Verhältnisse zur Unterweltsgöttin stehen. Dar- 
um erklärt sie : 



] ) Comment. mythogi., Greifsw. 1886 7. 

*) Norden S. 117 f. 

3 ) Strabon und Maximas Tyrius, angeführt unten S. 189, 2. 



182 yil. Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

VI 564 sed nie cum Iuris Hecate praefecit Avernis, 
ipsa deum poenas docuit perque omnia duxit. 

Da die Führung durch die Unterwelt erst Vergils Erfindung - war, 
so ist es klar, daß er erst um dieser Führung- willen ihr die Hut 
des heiligen Haines anvertraut sein ließ und sie zur Priesterin 
der Hecate machte, damit sie in alle Geheimnisse des Toten- 
reiches eingeweiht wäre. Von dieser nachträglichen Erklärung 
der Sibylle aus scheint ihre neue Stellung auch in die Exposition 
der Nekyia gekommen zu sein, vor allem in die Bitte des Aeneas 
um die Zulassung zum Schattenreiche : 

VI 117 potes namque omnia, nee te 

nequiquam Iuris Hecate praefecit Avernis. 

Hier merkt man die Absicht des Dichters deutlicher : nicht ver- 
geblich hatte er die neue Stellung erfunden. Ganz verun- 
glückt ist die erste Erwähnung: 

VI 13 iam subeunt Iririae lucos atque aurea teeta. 

Denn beides lag nicht zusammen : das goldene Haus des Apollo 
krönte die Burg von Cumae, genauer die östliche Burgkuppe 1 ), 
und von dort führte vielleicht ein unterirdischer Gang hin- 
unter in die sibyllinische Orakelgrotte; dagegen beschattete 
der dunkle Hain der Hecate weiter südöstlich das Ufer des 
Averner Sees, denn zu ihm gehörte die Höhle, durch die die 
Sibylle hinabstieg in den Orcus, und von hier aus verbot sie 
den Unberufenen den Eintritt in den ganzen Hain 2 ). Folglich 
betrat der vom Meere im Westen zur Burg von Cumae Hinauf- 
schreitende diesen Hain noch nicht. Aber auch formell ist der 
Vers verunglückt, denn er ist schwer verständlich : daü das 
goldene Haus der Tempel Apollos sei, ist nicht gesagt und 
nicht ohne weiteres zu verstehen, weil der Hain der Trivia da- 
zwischen eingeschoben ist, von der bisher überhaupt nicht die 
Rede war, während Apollo aus dem III. Buche jedem L 



') Die Überreste mit ionischen Säulen und Kriesstücken, die die Lyra Apoll >s 
zeigen, sind jetzt aufgedeckt. 
*) Norden 116 ff. 



Die Hecatepriesterin. Zusätze in VI 183 

geläufig - ist und VI 9 f. anschaulich genannt ist. Endlich be- 
fremdet der Pluralis subeunt (wie perlegerent 34), da vorher 9 — 11 
nur von dem einen Aeneas ohne Begleiter die Rede war und 
auch nachher 158 ff. nur der eine Achates ihn zurückbegleitet, 
der, zur Wohnung der Sib) T lle fortgeschickt *), erst 34 f. mit ihr 
zurückkehrt. Alles spricht also dafür, daß in Vers 13 ein Zusatz, 
die Spur einer Überarbeitung zu erkennen ist, daß die Trivia und 
ihr Hain ursprünglich hier (wie im folgenden) fehlte. Demnach 
nehme ich an, daß Vergil erst während der Ausführung 
des VI. Buches die Sibylle zur Priesterin der Hecate 
gemacht hat. Indem er das tat, verlegte er vermutlich die 
Wohnstätte der Sibylle aus ihrer angestammten Grotte unter- 
halb des Apollotempels in die Höhle am Averner See (237 ff.), 
freilich ohne das ausdrücklich zu sagen : aus den Einzelheiten 
hat man es erschlossen 2 ). 

Er hat aber nicht nur den einen Vers 13 zugesetzt oder 
umgemodelt, sondern z. B. auch 35 Phoebi Triviaeque sacerdos. Ja, 
die ganze Einheit der Schilderung, sowohl der der Örtlichkeit 
wie des Auftretens der Seherin, hat er selbst, wenn ich recht 
sehe, gestört durch die plötzlich eingeschobene Beschreibung 
des goldenen Apollotempels, ein Seitenstück zum Iunotempel 
in Karthago, dessen Bildwerke Aeneas mit Begleitern (?) genau 
zu studieren beginnt ( — 34), bis die von Achates herbeigeholte 
Sibylle ihnen das verweist: 

VI 37 non hoc ista sibi tempus spectacula poscit z ). 

Sie hat ganz recht, daß das a/xaqov ist, aber der Vorwurf 
prallt von des Dichters Helden auf ihn selbst zurück, der dem 
Ratsuchenden diesen Zeitvertreib durch seinen prächtigen Tempel 
gewährte: Vergil brachte moderne Bauten in der Urzeit an, auch 



! ) Praemissus Achates. Er könnte natürlich fortgeschickt sein, nachdem sie 
Hain und Tempel erreicht hatten. Aber perlegerent stört auch dann, und subeunt 
bleibt ungeschickt. Wahrscheinlich hat Vergil den Pluralis in der Eile der Über- 
arbeitung aus 160 f. übertragen. 40 f. ist er am Platze. 

*) E. Cocchia und Norden S. 117, vgl. 196. 

s ) Mir scheint die Wendung aus 45 f. jposcere fata tempus ait herausgesponnen. 
Der Vorwurf ist zu beurteilen wie die Entschuldigung oben S. 29 mit Anm. 



184 VII. Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

wo sie nach seinem eigenen Empfinden störten 1 ). Das war aber 
hier Absicht: er wollte den starken Eindruck des sibyllinischen 
Orakels wieder abschwächen, der folgenden Nekyia zuliebe, 
wie er auch die tiefe Wirkung auf die ratsuchenden Trojaner: 

VI 54 gelidus Teucris per dura cucurrit 

ossa tremor, funditque preces rex pecfore ab imo . . . 

durch das Vorgreifen und den Nachtusch des unvermittelt 
aufgeklärten und blasierten Aeneas (67 und 103 — 5) absichtlich 
aufgehoben hat (oben S. 158 f.). 

Somit enthielt Buch VI ursprünglich nur eine kurze Schil- 
derung der Örtlichkeit, des Losorakels, der Forderung des 
Aeneas und der Antwort der apollinischen Priesterin : etwa 
1—12, 42—101, 890 — 892. Aber die erste Begegnung des 
Aeneas mit der Sibylle scheint jetzt zu fehlen 2 ), und vielleicht 
fehlt mit ihr auch ein Bericht des Aeneas, wer er sei und 
warum er, von Helenus gesendet, gekommen sei 8 ). Das vermißt 
der Leser freilich nicht, weil die ausführliche Berichterstattung 
am Hofe der Dido vorangegangen ist. Er soll sogar den 
Helenus und seine Weissagung, die ursprünglich die Landung 
des Aeneas und die Befragung der Sibylle veranlaßten, und zwar 
allein veranlaßten, möglichst vergessen, da sie auf die Helden- 
schau, das Auftreten des Anchises nach seinem Tode und die 
gesamte Nekyia nicht die geringste Rücksicht nehmen. Darum, 



') Also nach Vorbildern. Daß eine Tempelbeschreibung bei der Landung 
ein beliebtes Inventarstück von Sir/y^aets war, hat Norden mit staunenswerter Gelehr- 
samkeit nachgewiesen (zuletzt im Agnostos Theos, Lpz, Berl. 1913. 50). Aber der 
Dichter hatte auch die Freiheit, dies fortzulassen: es fehlt in Sizilien und an der 
Tibermündung. Man darf also stets nach dem tuupds fragen, lu Karthago paßt der 
fertige Tempel nicht zum Stadtbau (oben S. 41). 

*) Die Forderung der Opfer 38 f. ist zwar verständlich, weil Achates allenfalls 
hinter der Szene das Wichtigste in Eile gesagt haben kann (muri j<> O*ont&p*vov\), 
Aber das Darbringen der Opfer 10 f. ist eine unbefriedigende ^ki/ze. Die Schilderung 
der Höhle würde sich gut an 12 anschließen. 

*) Sollte hier vielleicht das III. Buch ursprünglich seinen Platz gehabt haben : 
Der Dido brauchte ja Aeneas seine Irrfahrten nicht zu erzählen und hat sie ursprüng- 
lich schwerlich erzählt, da der rechte Platt dafür in Ruch IV fehlt (oben S. 48). 



Kern des VI. Buches. Anchises" Schatten 185 

und um das Auftreten seines Helden vor der Sibylle einheitlich 
zu gestalten, hat Vergil jede ausdrückliche Rückbeziehung- auf 
Helenus im jetzigen Buch VI vermieden. Der Sibylle gegen- 
über beruft sich Aeneas nicht auf ihn, sondern lediglich auf 
die Erscheinung seines Vaters : 

116 idem orans mandata dabat, 

in Übereinstimmung mit dem, was er später dem Anchises 
selbst sag-t : 

VI 695 tua me, genitor, tua iristis imago 

saepius occuwens haec limina iendere adegit. 

Da sich dies nur auf die y.ccTdßaaig bezieht, Helenus aber 
davon nichts ahnt, so reichte dessen Befehl in Buch III nicht 
aus : er wurde zwar nicht gestrichen oder erweitert 1 ), wohl aber 
als lückenhaft ergänzt oder als veraltet ersetzt durch die Traum- 
erscheinung- des V. Buches und ihre Aufforderung. 

Dabei stimmt nicht genau, daß wir hier nur eine Er- 
scheinung des Verstorbenen haben, VI 697 aber von mehreren 
die Rede ist, die niemals ausgeführt worden sind (denn IV 
351 — 53 hat der aufgeregte Geist anderes zu mahnen, vgl. VI 694). 
Darin zeigt sich die uns bereits geläufige Manier des Dichters, das 
Neue und Singulare, gerade wenn seine Einführung zu begründen 
unbequem oder kaum möglich sein würde, als etwas Allbekanntes 
hinzustellen 2 ). Tiefer greift die verschiedene Stimmung in der 
Einlage des V. Buches und in der Nekyia. Als Aeneas nämlich 
seine unerhörte Bitte begründet, glaubt er den Vater da drunten 
im Schattenreiche tief unglücklich, wie er flehend ihm erschienen: 



x ) S. 177. Helenus' Spruch war noch nachträglich mit Rücksicht auf VIII 36 ff. 
verbessert 'worden: oben S. 57, 2. Die radikale, einschneidendere Erfindung der 
y.axäßaan ist aber offenbar jünger gewesen. 

2) So ist Cassandras Spruch III 185 mit saepe nachträglich eingeführt: oben 
S. 34 f., so Iuppiters plötzlicher Entschluß, den Aeneas zu entrücken, XII 794 mit 
scis ipsa et Scire fateris einer Begründung überhoben: S. 127. Vgl. S. 145 über 
tot responsa X 33 und S. 57, 2 über Herum iterumque monebo III 436. Die Ver- 
allgemeinerung, daß der Geist jeden Abend erschienen sei, IV 351 f., ist der Gipfel 
dieser Manier. 



286 VII. Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

VI 115 quin, ut te sujyplex peterein et tua limina adirem, 
idem orans mandata dabat. gnatique patrisque, 
alma, pj^ecor, miserere. 

Die tristis imago, wie er zu dem Verstorbenen selbst sagt 
(695), steht mit dem frommen Schauder im Einklang-, den der 
fromme Aeneas vor dem Unheimlichen der Unterwelt, z. B. in 
Thracien III 22 — 68, hegte, und geht doch darüber hinaus, daß er 
III 41 f. die Ruhe der Abgeschiedenen nicht antasten wollte. Aber 
der verstorbene Vater bricht selbst mit diesem frommen Vor- 
urteile, als ob seine Ruhe dort unten gestört werden könne 
(diese Entlastung schien dem Dichter nötig): 

V 733 . . congressus pete, nate, meos. non me impia namque 

lartara habent tristesque umbrae, sed amoena pk>rum 
concilia Elysiumque colo. 

Er war also keine tristis imago! Dann brauchte ihm freilich auch 
der Sohn keinen Trost zu bringen, was der Einsame VI 687 — 94 
ersehnt, wohl aber konnte jener von dem seligen Geiste tiefere 
Aufschlüsse erhalten: 

V 737 tum genus omne tuam, et quae dentur moenia, disces. 

Das sind unausgeglichene Vorstellungen, deren Widerstreit zweierlei 
beweist: erstens ist die Geistererscheinung in V nicht gleich- 
zeitig mit der Begründung der y.atä^aoig in VI erfunden worden 
noch älter als diese, sondern sie stimmt nur zu der später er- 
zählten Tatsache, daß Anchises in den Gefilden der Seligen 
weilt (VI 638 ff., vgl. 743 f.). Und zweitens ist die Erzählung 
von VI in sich nicht einheitlich. Daß die Versetzung des An- 
chises ins Elysium dem jüngeren Bestände angehört, wird sich 
nachher ergeben. Das demütige Bitten des Aeneas verrät schon 
die ältere Phase, während sich die Sibylle in der jungen Aus- 
dichtung eine schlechte Behandlung gefallen lassen muß (oben 
S. 158f.). Der Schatten des Anchises kann darum einfach über 
sie verfügen: 

V 3 /"*'' cort* SUfj/Ua 

nigranm mutto p ecudum tt icmgmnt </" '. 



Die Xekyia in sich nicht einheitlich 137 



sie ist nur das willenlose Werkzeug einer höheren Macht, da 
Iuppiters Befehl (V 726) dahinter steht. 

Die Nekyia VI 236 — 900 zerfällt genau genommen in zwei 
eng - miteinander verbundene Bestandteile: die Schilderung* der 
Unterwelt, die Aeneas unter Führung der Sibylle durchschreitet, 
und die Enthüllung der Zukunft mit den unentbehrlichen Er- 
klärungen des Anchises. Als Überleitung dient außer der Be- 
grüßung von Vater und Sohn 679 — 702 und den im Grunde 
philosophischen Aufklärungen 703 — 51 auch die Schilderung 
des Elysiums 638 — 78, wobei die Sibylle noch einmal ihres Amtes 
waltet, das eigentlich als erledigt galt (nach 637 perfecto munere divae). 
Noch einmal genannt wird sie in dem abrupten Schlüsse 893 
bis 900. Den Hintergrund dieser gesamten Darstellung bildeten, 
wie E. Norden treffend nachgewiesen hat. die Lehren des 
Stoikers Poseidonios: nur das Hauptstück, die Heldenschau 752 60 
bis 886/89, ist ein historisch-rhetorischer Überblick über die 
Geschicke Roms in einer großartigen Vision. Diese alle anderen 
Weissagungen der Aeneis weit überbietenden Zukunftsbilder 
werden also durch die Unterweltsbilder der auf Volksglauben 
aufbauenden Philosophie stimmungsvoll vorbereitet: Poseidonios 
hatte schon in Piatons Schüler Herakleides Pontikos einen würdigen 
Vorgänger, und dieser wie Piaton selbst gingen auf volkstüm- 
liche griechische, von der Orphik und im Mysterienglauben be- 
sonders gepflegte Anschauungen zurück; den Römern wurden 
sie durch den Traum Scipios in Ciceros Staat und dann be- 
sonders durch Vergils herrliche Dichtung nahegebracht. Man 
muß auch gestehen, daß dieser die beiden Elemente fast tadellos 
miteinander verschmolzen hat. Aber es waren doch zwei erst 
von ihm zusammengefügte, ihrem Wesen nach ganz verschieden- 
artige Elemente, diese düsteren Bilder verblühten und verwelkten 
Menschentums und die leuchtenden Gemälde einer neu auf- 
sprossenden Zukunft. 

Wieder erhebt sich die Frage, wie der Maler zu diesen 
Gemälden gelangt ist; ob er aus den Studien stoischer Philo- 
sophie heraus das Unterweltsbild zu entwerfen begann und es 
durch die Heldenschau dann ergänzte; oder ob er für sein 
größtes und schönstes Bild der einstigen Größe Roms die Helden 



IgS VH Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

selbst aufrufen und vor den Augen des Beschauers vorüber- 
führen wollte und darum den Aeneas zum Letheflusse hinab- 
steigen ließ, oder wie man sich die Genesis dieses erhabensten 
Gesanges denken soll. Die Äußerungen des Anchises geben auf 
diese Frage keine Antwort und würden sie, wenn sie einheitlich 
wären, erst recht nicht geben: auch der Hinabstieg des home- 
rischen Odysseus ist nur mangelhaft und widerspruchsvoll be- 
gründet, während bei Orpheus und Polydeukes (VI 119 ff.) Gatten- 
und Bruderliebe allein entscheidend waren. Aber diese beiden 
hatten weiter keine Aufgaben, Aeneas hatte dagegen seine welt- 
historische Mission zu erfüllen und gefährdete sie durch eine bis 
zur Tollkühnheit gesteigerte Sohnesliebe. Derartige Motive soll 
der Kritiker gewiß nicht unter die Lupe nehmen; aber er muß, 
gerade weil sie irrationale Elemente enthalten, um so mehr be- 
tonen, daß nicht eine scheinbar rationale Begründung, sondern 
die Vision, die Heldenschau oder die xaraßaaig selbst das Prius ist. 

Hier glaube ich nun noch nachweisen zu können, daß die 
Krone aller Weissagungen in des Dichters Phantasie eher auf- 
getaucht ist als ihre Umgebung, die Unterwelt, daß die historische 
Vision ein älterer Entwurf war als die Verarbeitung der plato- 
nisch-stoischen Lehren rregl tCov iv "Alöov, daß der Hinabstieg 
in die Unterwelt um jener Zukunftsbilder willen erfunden worden 
ist, nicht etwa zum Abschlüsse einer die Person des Aeneas 
wenig berührenden Unterweltsschilderung seine Belehrung durch 
Anchises und die schließliche Besichtigung der vorüberziehenden 
Zukunft Roms hinzugedichtet worden sei, so wie wir jetzt die 
Ereignisse sich vollziehen sehen. 

Seinen verstorbenen Vater noch einmal wiederzusehen, gilt 
als der einzige Wunsch (106 unum orö) des Aeneas: 

VI 108 ire ad compertutn cari geititorü et ora 
eontingat 

Der Besuch der Unterwelt ist dabei nur Mittel zum Zwecke, 
das freilich in ungeheurem Mißverhältnisse dazu steht, und das /u 
dem Amte und den Fähigkeiten der Sibylle schlecht paßt trotz 
der beruhigenden Versicherung' des Aeneas: 

VI 117 pods tunm/iit t'inniii, n><' t< 

negtriquam htoii Htoatt pratftoii Aotmii, 



Totenbeschwörung 189 



Es war leicht gesagt: 

VI 109 doceas Her et Sacra ostia pandas, 

aber schwer von der Seherin auszuführen, wenn sie ihren Tempel- 
dienst verlassen und selbst mit hinabsteigen sollte zu den Toten. 
Es gehörte sich, daß die Toten vielmehr aus dem Schattenreiche 
heraufkamen, wenn sie beschworen wurden. So machten sie 
es bei Silius XIII 397 ff. in einer sonst dem Vergil nachgebildeten 
Stelle, wo Scipio nicht selbst in den Hades hinabsteigt, sondern 
die durch magische Zeremonien evozierten Seelen am Avernus 
erscheinen 1 ). So schilderte einen ähnlichen Vorgang hier vielleicht 
bereits Ennius, so fanden zahlreiche Geisterbeschwörungen hier 
tatsächlich statt, mindestens bis Ende des dritten Jahrhs. v. Chr. 
(Liv. XXIV 12, 4). Denn in einer Höhle am Averner See gab 
es ein berühmtes uraltes Totenorakel, ein Nekyomanteion, welchem 
Psychagogen, wie die Priester genannt wurden, vorstanden: der 
Bittsucher mußte beten, Totenopfer darbringen, Weihegüsse 
spenden und dann die Seele des verstorbenen Vorfahren, Ange- 
hörigen oder Freundes rufen; dann erschien ihre Schattengestalt 
in verschwommenen Umrissen und gab auf Befragten Antwort, 
auch über Zukünftiges 2 ). Vergil hat die vorbereitenden Riten ge- 
treu und aus intimer Kenntnis dieses Orakels geschildert: sie dienen 
jetzt als Vorbereitung der xardßaoig. Näher lag es, daß Aeneas 



') Vgl» hierzu und zum Folgenden Norden S. 194 ff. und 1 17 f. Über das 
Vorbild der Odyssee: S. 196. 

2 ) Strabon V 214 y.al Srj y.al vexvouavreiov iotoqovoiv evravd'a yeveod'ai . . . 
Max. Tyr. 14, 2 fjv Se rcov . . . neol Xi/icvrjv "Aoovov . . . fiavrelov avroov, y.al 
&soa7CEvrf l oeg rov ävroov ävSoes yv/ayoyyoi, ovrcos dvofia^öteevot Iv. rov eoyov. 
Evravd'a b Seö/uevog ayty.öfievog, e$$duevog, evreucov oipdyia, yeduevog '/odg, dve- 
y.aleiro vjv%i]v orov 8tj rwv Ttareqwv fj <fü.a>v . . . eihcoXov ä/uv§obv uev iStiv 
y.al dufioßrjj)oiuov, <fd~eyy.riy.bv de y.al fiavnxöv. Ein ungenannter Tragiker 
(ine. fr. 76) bei Cicero Tusc. I 37: 

unde animae excitantur obscura umbra opertae, imagines 
morhiorum, alto ostio Acheruntis salso sanguine. 
Vgl. M. Pohlenz zu dieser Stelle. Natürlich macht Cicero hier eine Einlage zu den 
Angaben seines Quellautors Poseidonios, bei dem aber doch Vergil über Geister- 
beschwörungen nachlesen konnte, was ihn weitei führte. Preller-Jordan II 74 ff. ist 
durch die poetische Fiktion Vergils beeinflußt. 



190 VII. Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

in ortsüblicher Weise hier den Geist seines Vaters beschwor, 
um ihn noch einmal zu sehen und von ihm etwas über dessen 
traurige Existenz und seine eigene Zukunft zu erfahren. Erst 
in zweiter Linie ergab das meines Erachtens die Anregung, 
den Schatten des Anchises auch losgelöst von der Orakelstätte 
und der Beschwörung in V 722 f. und IV 351 erscheinen zu lassen. 
Die Orakelgrotte am Eingange zum Orcus war gegeben. Aeneas 
konnte darauf mit den erhaltenen Worten verweisen: 

VI 106 quando hie inferni ianua regis 

dicitur et tenebrosa palics Acheronte refuso, 

nur das folgende ire und doceas Her muß anders gelautet haben, 
wenn hier einst eine Totenbeschwörung folgen sollte. Ob bei 
dieser tatsächlich Männer als Psychagogen und Geisterbeschwörer 
fungierten (von ihnen spricht auch Strabon), oder ob die im 
Epos nun auch zur Priesterin der Hecate gestempelte Sibylle 
den Schatten des Anchises aus der Unterwelt heraufrief, machte 
für den eine gewisse Einheit erstrebenden Dichter keinen großen 
Unterschied. Eine Totenbeschwörung konnte aber sehr gut mit 
den Opfern und feierlichen Riten eingeleitet werden, die wir 
jetzt als Vorspiel der y.axäßaoig VI 237 — 59 und 261 lesen; ja 
die Schilderung scheint mir dadurch noch zu gewinnen, wenn wir 
sie in engstem Zusammenhange mit dem Erscheinen der Unter- 
irdischen denken, die kein profanes Auge schauen darf (258 f.): 
das Brüllen des Erdbodens, das Erbeben der Waldschlucht und 
das schattenhafte Erscheinen heulender Hunde (256 f.) bereitet 
auf das Nahen der Hecate vor: 258 adomUmte dea. In ihrem 
Gefolge konnte sich Geisterspuk aller Art zeigen, ebenfalls in 
unheimliches Dunkel gehüllt. Die Beschwörer mußten sie er> 
warten, statt sich selbst in die Tiefe der Höhle hineinzustürzen: 
dies ist keine unbedingte Verbesserung. Auch hebt die 
folgende Topographie der Unterwelt mit recht matten Schilde- 
rungen an. 

Der Sehluß der naväßaatS aber wirkt beinahe komisch. 
Denn obwohl die Sibylle die Schwierigkeit, den Rückweg aus 
dem Orcus ZU finden, gebührend hervorgehoben hat: 



Totenbesch-wörung und Traumvision 191 

VI 126 Tros Anchisiada, faeilis descensus Averno, . . 

sed reroeare gradum superasque er ädere ad auras, 
hoc opus, hie labor est : pauci . . . dis geniti potuere, 

bereitet in der Ausführung" nur der Abstieg - Schwierigkeiten ; 
sobald aber Aeneas alles, was er wollte, erfahren hat, hält sich 
der Dichter nicht mit einer Beschreibung" des ang-eblich so 
g-efahrvollen Rückweges auf, sondern Anchises öffnet die Pforte 
der Träume, und flugs sind Aeneas und die Sibylle wieder an 
der Oberwelt (wo? ist nicht gesagt), und die Trojaner segeln 
ab: VI 893/7—900. Vergil ist also nicht zur Ausführung der 
sich dem Aeneas wie jedem Verschiedenen bis zur Unmöglich- 
keit auftürmenden Schwierigkeiten gekommen, die er 128 f. an- 
gedeutet hat; und man darf es ihm nicht verargen, da er in der 
Literatur wenig oder gar nichts fand, was er hierbei benutzen 
konnte. Wenn er den Schluß aber auch noch so sehr übers 
Knie brach, so durfte er doch nicht zu einer sinnlosen Fiktion 
greifen. Aeneas und die Sibylle durch das Tor der Träume 
entflatternd, das ist sinnlos: der Geist der Anchises mochte, wenn 
er auf Sizilien und in Karthago dem Aeneas im Traume er- 
schien (IV 353 admonet in somnis, vgl. V 740 eeu fumus), die 
Traumpforte benutzen, aber natürlich die aus Knochen be- 
stehende, für die wirklichen Schatten bestimmte: 

VI 89-4 cornea, qua veris faeilis datur exitu$ umbris, 

nicht die elfenbeinerne, gleißende. Durch sie senden die Manen 
den falschen Spuk herauf, der die Menschen nicht schlafen 
läßt 1 ). Trotzdem ist es unglaubhaft, daß einer der seligen Geister 
die Macht und das Recht hatte, durch diese Öffnung zwei 
Menschen entschlüpfen zu lassen, womit die wohlbedachten 
Befürchtungen der Sibylle plötzlich in nichts zerrinnen. Vergil 
erfand also schwerlich diesen Ausgang für die /.cereijaotg, sondern 
benutzte eher einen älteren Entwurf, in dem die schnelle Rück- 
kehr der Geister 2 ) ins Schattenreich durch ein solches Tor erfolgte. 



J ) VI 896 sed falsa ad caehtm mittunt insomnia manes. Mit Rücksicht 
auf Nordens eigene Erklärung möchte ich nicht i-ii-rcviu verstehen. 
*) Vgl. V 740 dixerat et tenuis fugit ceu fumus in auras. 



192 VII. Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

Derartige Erwägungen haben mich zu der Hypothese ge- 
führt 1 ), daß Vergil ursprünglich statt der xaväßaaig eine Vision 
oder ein Traumorakel schildern wollte, ja einst geschildert hat. 
Genauer wird man von der Traumvision die Befragung des Toten- 
orakels am Averner See 2 ) zu scheiden haben. 

Natürlich konnte Aeneas außer dem Geiste seines Vaters 
auch andere beschwören, wie etwa den des gräßlich ver- 
stümmelten Deiphobus, dem der Dichter vierundfünfzig Verse 
(49-4 — 547) gewidmet hat. Bis auf eine kurze topographische 
Einlage im Munde der Sibylle (538/40 — 43/4) kann fast die ganze 
Schilderung einem Totenorakel angehören, ja Vers 545 

discedam, explebo numerum reddarque tenebris 

kann kaum anders verstanden werden, als daß Deiphobus jetzt 
ins Reich der Schatten zurückkehren will, um in ihrer Zahl 
nicht vermißt zu werden, wenn der Herrscher der Unterwelt sie 
zählt. Damit scheint es zusammenzuhängen, daß den auf die 
Oberwelt Gerufenen nur eine bestimmte Spanne Zeit vergönnt 
ist (was im jetzigen Zusammenhange befremdet): 

537 et fors omne datum traherent per talia tempus, 

worauf die ältere Dichtung so etwa vielleicht fortfuhr: 

sed comes admonuit brevitenpie adfatus amieum est: 
'nox mit, Aenea. nos ßendo ducümu horas. 
(545) discedam, explebo numenun reddar<pte tenebris. 
i decus, i nostrum, melioribus utere fatis.' 

Die Sibylle darf nicht dazwischenreden (538 jetzt adf v '»/IIa 
est) und kann noch weniger von sich sagen: „so vergeht uns 
die Zeit mit Weinen". Der Schatten des Anchises verabschiedet 
sich V 738 ganz ähnlich: 



') Angedeutet in der Arbeit „Die Analyse als Grundlage >ier höhereu Kritik" 
N. Jahrb. VII (1901) 15 und 110. 

s ) Zu meiner Kreude kann ich in der Korrektur hinzufügen, daß jetzt I'. Corssen 
ebenfalls die Spuren einer Tntenbeschwörung aufgedeckt hat (Die Sibylle im sechsten 
Buch der Aeneis. Sokrates I. 1913. 1—16). 



Totenbeschwörungen 193 



iamque vale. torquet medios nox umida cursits 
et nie saevus equis oriens adßavit anhelis. 

Die Nachtzeit war für die Geistererscheinungen gegeben, mochte 
immerhin der Hinabstieg ins Totenreich beim Morgengrauen 
erfolgen (VI 255) und bis zum Nachmittage währen (VI 535 f.). 
— Die Zitation des Deiphobus war also wahrscheinlich älter als 
die übrige Schilderung der Unterwelt und konnte ohne stärkere 
Umdichtung in die v.aräßaoig übernommen werden. 

Wenn das Totenorakel die Zitation von Freunden und Ver- 
wandten gestattete, so war es nicht mehr als natürlich, daß 
Aeneas auch seine verlorene Gattin Creusa wiederzusehen und 
über ihr Schicksal zu befragen Verlangen trug. Es ist sowie- 
so sonderbar, daß ihrer bei der xardßaaig keine Erwähnung ge- 
schieht. Das ist nur deshalb verzeihlich, weil ihre Erscheinung 
schon unmittelbar nach ihrem Verschwinden erzählt worden ist: 
II 772 — 94. Diese Geistererscheinung - vom Averner See nach 
Troja verschoben zu glauben, liegt also nahe. Nur wenige 
Kleinigkeiten passen nicht dazu (773/4 die erste Person, 786 die 
Futura aspiciam und ibo statt der Praeterita, 780 arandum und 
Vers 788 ganz). Dagegen war die vielfach besprochene und 
beanstandete Prophezeiung des Schattens 781 — 83 an der Orakel- 
stätte durchaus zulässig und ohne Zweifel überaus wirkungsvoll 1 ). 
Auch der Abschied der Creusa paßt gut zu den Abgängen der 
anderen Schatten: 

II 789 'iamque vale et nati serva communis aniorem.' 

haec ubi dicta dedit, lacrimantem 2 ) et multa volentem 
dicere deseruit tenuisque recessit in auras. 

Auch den dreimaligen Versuch, den Schatten zu umarmen 
(792 — 94), kann man verstehen: aber er kommt hier zu spät, 
nachdem sich Creusa bereits in die Lüfte verflüchtigt hat; besser 
sind dieselben Verse bei der Begrüßung des Vaters VI 700 — 702 
ang-ebracht, also hier wohl Original. Im übrigen wird man die 



*) Hesperiam freilich für Buch VI nicht mehr genügend: es mußte hier 
Latium heißen. Der überaus gefaßte Ton und die Einsicht in den Willen der Götter 
(776 ff.) sind nicht gut sofort nach dem Unglück denkbar, -wohl aber nach vielen Jahren. 

2 ) In der Icherzählung des II. Buches stört das Fehlen von nie. 
i ; »rcke, Die Entstehung der Aeneis. 13 



194 VTI. Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

Szene 117 '7 4 (obstijmil) — 87. 789 — 99 der einstigen Totenbeschwörung 
zuschreiben dürfen. 

Auch Palinurus kann sich vielleicht (trotz der jetzigen Über- 
einstimmung mit dem homerischen Elpenor) unter den be- 
schworenen Geistern befunden haben. Denn warum melden sich 
nicht auch die in g-leicher Lage befindlichen, einige Zeit vorher 
umgekommenen Freunde des Aeneas, Leucaspis und Orontes 
(VI 334), bei ihm? Warum tauscht dieser nur mit dem auf der 
libyschen Fahrt von Bord Gespülten Rede und Gegenrede? Bei 
einer Evocation wäre die Antwort einfach. Auch würde sich 
dann leicht erklären, warum sich innerhalb der ganz jungen 
Nekyia der Rest einer älteren, von Sizilien nichts wissenden 
Dichtung erhalten hat 1 ). Aber nur die Verse VI 337 — 66 und 
371 können dazu gehören; der Schluß ist eigens für die Kardcßaaig 
gedichtet und eine ältere Gestaltung schwer zu denken. 

Von dem Wiedersehen zwischen Vater und Sohn VI 679 — 702 
kann ebenfalls ein Kern alt sein, besonders der vergebliche Ver- 
such des Aeneas, den Schatten zu umarmen, 697 — 702, aber das 
meiste ist für die xardßaaig umgedichtet oder zugedichtet. Dafür 
ist, wie wir gesehen haben, die Erscheinung in V im wesent- 
lichen vom Averner See entlehnt. Daß Anchises pythagoreische 
Philosopheme über Seelenwanderung erörtert, ist zweifellos eine 
junge Erfindung, selbst seine eingehende Kenntnis der künftigen 
Römer ist schwer verständlich: er hielt sich vermutlich, als er 
an die Erdoberfläche zitiert wurde, bescheiden zurück. Die Skizze 
der Weissagung - VI 890 — 92 mochte in diesem Stadium genügen. 
Aber Vergil hat die Zitation der Verstorbenen fast 
unlösbar mit dem großartigsten Motive eigenster Erfindung 
vi-rbunden: mit der visionären Erscheinung der küuft 
Helden Roms, die stumm an ihm vorbeiziehen. Auf deren 
Namen und Bedeutung macht jetzt Anchises aufmerksam und 
führt zu diesem Zwecke im Elysium Aeneas und die Sibylle auf 



'_) Die Dublette des tdiaenui i.^t meinet Brachten! Jung, in Vera 886 eben- 
sowenig vorausgesetzt wie der goldene Zweig. Daß die Sibylle den dem Aeneas 
selbst noch unbekannten Todesfall erwihnt 1 L9 — 59, Iteigeft ihr Anaehen, aber die 
Bestattun gen I'.iümirus dt in . wie dal 

hen dea 



Totenbesch-wörungen und Traumvision 195 

einen Hügel, von dem aus sie den Zug- mustern und jedem 
einzelnen ins Antlitz sehen können (754 f.). Ein merkwürdiger 
Zug"! Nach tausend Jahren ruft die Gottheit die Seelen der Ver- 
storbenen zum Letheflusse, damit sie erinnerung"slos in die 
Körper zurückkehren: 743 — 51; das ist pythagoreischer Glaube. 
Aber wie kommen die Schatten bereits vorher zu den Gestalten, 
die sie einst auf der Höhe ihrer irdischen Laufbahn oder bei 
deren Vollendung - einnehmen w r erden? Und wie sollen wir uns 
den Geisterzug auf die Dauer denken? regelmäßig, Tag- für Tag 
dahinziehend oder einmalig, da gerade Aeneas als Beschauer 
gekommen ist? Das ergibt Unmöglichkeiten nach allen Seiten. 
Der Dichter hat auch Schwierigkeiten g-ehabt, diese vorgebildeten 
Römer räumlich zusammenzufassen: ein Bergrücken (676 ff.) soll 
das Gefilde der ganz Seligen von dem Tale, in dem sich die 
zur Rückkehr in das Leben bestimmten Seelen aufhalten, dem 
eigentlichen Elysium, trennen wie eine Art spanischer Wand 1 ). 
Da aber zu diesen auch viele gehören, die frühere Sünden erst 
schw r er abbüßen müssen (736—42, im Widerspruche zur Schilde- 
rung des Tartarus), und dann insgesamt das Elysium verlassen, 
so gehören sie eigentlich überhaupt nicht dorthin: der Dichter 
konnte sie schwer in der Unterwelt unterbringen und noch 
schwerer ihre prästabilierten Formen und ihren auf ein Jahr- 
tausend im voraus geordneten Zug-, so anschaulich das ist, wirk- 
lich begreiflich machen. Alles ist aber leicht verständlich, wenn 
ein solcher visionärer Geisterzug im Traume oder Traumorakel 
erschien und an Aeneas vorüberzog; und wenn die Luftgestalten 
durch das Tor der Träume zogen, so fragte man nicht nach 
ihrer Herkunft und ihrem Verbleibe. Das Vorbild hierfür ist 
gewiß ein Traum des Aeneas g-ewesen, von dem Fabius be- 
richtete 2 ). Aber Vergil hat der Vision eine viel weitere Per- 
spektive über Aeneas' Lebzeiten hinaus bis in des Dichters 
Geg-enwart gegeben. Damit überbot sie noch die etwas ältere 



J ) L. Malten, Elysion und Rhadamanthys, Arch. Jahrbuch XXVIII (1913) 49 f. 

*) Cic. Div. I 43: Aeneae somnium, quod in 7iostri (?) Fabii Pictoris 
graecis ann üibus eins modi est, ut omnia, guae ab Aenea gesta sunt guaeque Uli 
aeeiderunt, ea fuerint, quae ei seeundum quietem visa sint. Vgl. Schwegler 
I 77, 19. 

13* 



196 VH. Umarbeitungen. Verworfene Entwürfe 

Dublette 1 ) der Hoplopoiie und mag selbst in einem der Bücher 
IX — XII Platz gefunden haben. Denn mit der Beschwörung- des 
Schattens des Anchises hatte sie nichts zu tun, schwerlich auch 
mit der Sibylle und der cumaeischen Orakelstätte. Der Tod des 
Marcellus (noch ohne den Preis des Aug-ustus 2 ) wird bereits ihren 
Abschluß und somit auch ihren tieferen Anlaß gebildet haben. 

Aus dieser Vision und den Geisterbeschwörungen einen Be- 
such des Aeneas in der Unterwelt zu machen, war der letzte Schritt. 
Ihn zu wagen, mochte die Nekyia der Odyssee den Dichter 
anregen, da sie in der Hauptsache auch mehr eine Toten- 
beschwörung als eine /.cnäßuotg ist, wie Norden treffend be- 
merkt 3 ). Odysseus selbst besaß ja auch im Lande der Eury- 
tanen ein altes Traumorakel 4 ). Mit Odysseus hatte man aber 
auch die Stiftung des Nekyomanteion am Averner See zusammen- 
gebracht und dachte sich hier die homerische Nekyia lokalisiert 
(Strabon V 444f.). Also bedurfte die letzte Erfindung Vergils 
nur einer kleinen Anregung. So konnte aus der Priesterin 
Apollos 5 ) auch die der Hecate werden und schließlich die 
Führerin durch die Schrecken des Orcus, der nun den Hinter- 
grund für das Elysium, das Tal der zur Seelenwanderung Be- 
stimmten und die Heldenschau der künftigen Helden Roms ab- 
gab. Gewiß eine großartige, packende Erfindung, und doch 
nicht aus einem Gusse. Die Schilderung der Unterwelt ist mit 
der ganzen xaxdßctmg die jüngste Ausgestaltung des VI. Buches, 
ihre Motivierung in V 721—45 nicht älter. 

Die einzige Schwierigkeit bei dieser Metamorphose bestand 
darin, daß die künftigen Helden Roms zwar leicht als Traum- 
gestalten in einer Vision erscheinen, aber weder im Orcus noch 
im Elysium sich aufhalten und dort bereits in ihrer zukünfti 



') S. 65 f. 150. Die Vision muß aber jünger als B. 111 ••■wesen sein. I 
altes Auftreten der Silvier (S. 162) läßt sich damit nicht leicht vereinigen. I 
gab es auch einfache Träume der ersten Entwürfe wie den am Tiberafer. 

2 ) S. 162, Die Buße seines Widersacher- | Ol 87 ff.) bli 

') Norden S, 196. Xur das - D mientlich die TOB Wilamowi*.- mch- 

gewiesene orphische Intcrp< fillt aus dem Rahmen hera 

*) N. Jahrb. XV | i 

r ) Wenn VeigU m" wirklich einmal als )>lc))<i 0. J. S mit 

•ns Ausführungen S. l |..i ff.) oder hprifiQH geschildert hatte, so versteht 
m diese Nuance mit der Zeit beseitigt werden mußte. 



Aeneas' Hinabstieg, das junge Buch VI 197 

Gestalt geschaut werden konnten. Über diese Schwierigkeiten 
mußte der Glaube an eine Seelenwanderungf und das Leben vor 
dem Tode weghelfen, wie ihn Poseidonios, nur mit etwas andern 
Worten, lehrte. Anchises mußte sich als Exeget der Aufgabe 
unterziehen, die ärciOTci glaublich zu machen: das Schauen der 
Ideen erleichterte ihm das, so daß er weder trockene Philo- 
sopheme vorzutragen scheint noch eigentlich die Zukunft kündet 
(was der Sibylle vielmehr bleibt): die praeexistenten Gestalten 
waren ja da und den Nachbaren im Elysium bekannt. Das ist 
sehr geschickt ausgedacht, man darf nur nicht zu genau nach- 
prüfen. Vielleicht gehört diese Eschatologie und damit die Um- 
arbeitung* nicht vor das letzte Lebensjahr des Dichters. 

Wir können demnach folgende Stadien unterscheiden : 

1. Helenus schickt Aeneas zum apollinischen Losorakel der 
Sibylle in Cumae. 

2. Aeneas geht mit beiligem Schauder dorthin und berichtet 
den Befehl des Helenus, läßt sich aber von der Seherin in Ekstase 
weissagen. 

3. Er benutzt die Gelegenheit, das Totenorakel am Averner 
See zu besuchen und die Geister des Anchises, Deiphobus, Pali- 
nurus (?) und der Creusa zu zitieren. 

4. Im Traume erscheint ihm später in Latium ein Geister- 
zug der künftigen Helden Roms, g-edichtet 22 (?) v. Chr. 

5. a) Die Vision des Aeneas wird in das Elysium verlegt, 
um die Lehren des Poseidonios vermehrt; Anchises übernimmt 
die Rolle des Exegeten. Eingeschoben: Preis des Augustus. 

b) Die Besprechung mit den Geistern außer Creusa wird in 
den Orcus verlegt, dieser selbst g-eschildert, die Sibylle zur 
Priesterin der Hecate und Führerin im Orcus gemacht. 

c) Der Schatten des Anchises als seliger Geist erscheint dem 
Sohne in Sizilien und verlangt den Besuch. 

6. In der Exposition des Besuches wird der Tempel Apollos 
geschildert, Aeneas zeigt sich den Weissagungen der Sibylle 
gegenüber gleichgültig-, im voraus belehrt, hochfahrend. Der 
goldene Zweig und Tod wie Bestattung des Misenus werden einge- 
fügt. — Das Wiedersehen mit dem Geiste der Creusa wird auf 
den Tag ihres Verschwindens vor Troja verlegt. 



VERZEICHNIS DER AENEISSTELLEN 

(Die fettgedruckten Seitenzahlen verweisen auf "wörtliche Zitate.) 







Budi I. 








Buch I— VI 


13—18 


203 


81 


378 


34 




Buch I 


19 39—44 


205 


31 38 61 


380—382 


31 






53 69 f. 80 f. 


205 f. 


80 158 


381 


163 166 1 


75 




117 ff. 163 ff. 


207 


80 


382 


36 121 




Verse vor 1 


75 


223 


43 


383 


164 




1—7 


72 73 75 76 


228—253 


117 


390—400 


42 




1—33 


133 


233—235 


43 


393 


164 




2 


77 


234—237 


120 


399 


164 




3 f. 


75 136 73 


237 


117 


415—417 


43 




5 


75 77 


238—241 


119 116 


418— 4S8 


11 




8—11 


72 74 75 


242—249 


75 


437 


41 




9—11 


136 


250 


125 127 


440 f. 


43 




15 ff. 


133 


251 


42 


441—493 454 


41 




18 


129 133 135 


251 f. 254-296 


43 


456 ff. 466 






19—22 


52 


257— 296 


40 70 133 


bis 493 488 






20 


133 


258 


117 118 119 


496 f. 


41 




25—28 


73 


260 


120 


504 


12 




31 


75 133 


262 


118 


518 


1 8 1 




37—39 


130 (136) 


265 f. 


22 148 


.-,1!» 


51 




39 


129 133 


267 


160 


522 f. 


90 U 1 




118—119 


164 


267 ff. 


118 


522—560 


I-J 




118 120 


L64 


269 




1 529 


:,1 




122 


II 


270 


118 1 19 


525 


L69 




1 ■> 1 ff. 


180 


2 7 2— 296 


Ils 


580 588 i 


42 




1 25 


11 


27:>— 28] 


69 


538 


164 




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130 




100 


540 54 


51 




170 192 f. 


164 




160 161 


549 


25 




195 




29 1 


10 


558 f. 


19 i;.l 








297 :ioi 


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199 aou 


80 


872 -874 


52 










80 


. 




562—564 


■ i 





Verzeichnis der Aeneisstellen 



199 



570 


25 


575 f. 


46 


583 585 


164 


584 f. 


165 


586 f. 


43 


596 


46 



610 


80 


615—618 


46 


619 


80 


631—642 


41 


657—690 


121 


671 f. 


50 



683 


43 


691/4 


19 


750—752 


53 


753—756 


52 40 41 


755 f. 


21 



Budi IL 



Buch II 



1—3 

63—66 

146 

247 

270 

289—295 

294 

653/6 



31—33 35 

39 47—49 

52 f. 59 f. 62 

64 81 158 

52 

72 

180 

35 

37 

37 

139 

116 



682—684 

693 ff. 
707 f. 717 721 

bis 723 747 
769—795 
771—794 
772 

773 f. 776 ff. 
774_787 

780 f. 
781—783 

781 f. 



37 


48 


37 


121 193 


145 


193 


194 


31 139 193 


33 35 


31 36 



781—783 


193 


783 


39 49 61 149 


783 f. 


37 


786 


193 


788 


138 193 


789—791 


193 


789—799 


194 


792—794 


193 


796—804 


33 


797 


67 


804 


48 



Budi III. 



Buch III 



1—6 

1-691/706 

1—708 

5 

7 

12 

22—68 41 f. 

65 

88 

93—99 

147—171 



30—39 47 

49 54—62 

137—147 

155f. 176 ff. 

181 184. 3 

196,, 

33 

28 

39 

64 

32 155 

34 

186 

67 68 

32 

138 

34 



148 f. 

154 

159 

162 

163—166 

167 

171 

182-187 

183—185 

186 f. 
187 

247—257 
250 ff. 

259t 

265 



34 139 


138 


39 


138 


42 49 


31 32 


123 


141 


34 35 139 


114 185 


35 


139 


55 


138 139 111 


143 


55 


55 



280 


146 


359 


138 


365—368 


55 


375 f. 


116 128 


379 f. 


29 1S9 


380 


57 129 131 




138 142 


381 f. 


58 


382—395 


57 


384 


28 


388—393 


56 


389 


32 


389 f. 


56 141 


390-392 


56 


393 


56 


394 


55 


395 


116 138 



200 



Verzeichnis der Aeneisstellen 



396 f. 


58 


443 f. 


178 


503 


32 


399—402 


75 


443—452 


178 


544 ff. 549 f. 


42 


410fT. 


28 


456 f. 


178 


553 f. 555 f. 




429 f. 


28 


458—460 


179 


557 f. 




434 


138 


461 


29 


707—711 


27 


435—439 


57 185 


493 


116 


707—714 


27 


435-440 


57 


493/4 495 bis 


32 


712 f. 


29 


440 


28 


505 




Schluß 


22 26—30 


441 f. 


158 177 


500 


32 36 38 61 62 






441—460 


21 29 177 


! 500—505 


32 34 58 










Buct IV. 






Buch IV 


42 ff. 46—51 


172 


44 51 


345 f. 


36 39 63 




53 81 141 f. 


193 f. 


23 


345—361 


49 




153—155 


198—218 


122 


346 


139 


4 


46 


219—237 


123 


350 


153 


9—12 


46 47 


222—278 


153 


351 


139 190 


10 


50 


225 229 bis 


154 


351—353 


185 


13 


47 50 


231 




353 


191 


13 f. 


52 


232/3 234 


154 


355 


J53 154 


19 


44 51 


236 




356 


123 153 


31—49 


50 


245 f. 


138 


361 


153 


50 


51 


260 


69 


365 ff. 


51 


51—52 


50 


261 


69 


373—375 


47 51 


51 — 53 


23 


262 ff. 


68 


376 f. 


39 


74 f. 


41 


265 ff. 


69 42 


376-379 


63 


77—79 


47 


267 


149 154 


376—381 


49 


78 f. 


52 


272/3 


154 


377 


123 


86—89 


42 


274 f. 


154 160 


377 f. 


153 


90—128 


11 121 133 


279—281 


69 


381 


149 


96 


42 


291 f. 


50 


382—387 


51 


99 


44 129 


296—392 


48 


387 


44 


99 f. 


50 


296—705 


44 


121—488 


49 


105 f. 


46 121 


305 ff. 


63 


431 f. 


51 


106 


121 


305-330 


49 


L89 


31 38 39 61 


107 


45 


309 f. 


J3 




89 M L5S 


110 f. 


121 133 


311 f. 


63 


|-.T 


n 


110—114 


45 


312 


51 


460—466 


I n 


113 126 


133 


816 


51 


188—491 


l Lfl 


L98 


US 46 


322 f. 


:.i 


560 


M 


129—172 


II 


Bf, 


9 51 




24 


17U. 


50 


(8t 


51 


568 51 


M 



Verzeichnis der Aeneisstellen 



201 



581/3 


20 


597—599 


48 


600 ff. 


51 


604 


169 



607—629 


51 141 


651 653 


116 


612—614 


142 


682 


49 


614 


123 133 


696 


128 


622—629 


51 







Budi V. 



Buch V. 



Anfang 

1—11 

1—20 

7 

12—778 

30 

35—41 

36 

37 

39 f. 

46 

61 73 

83 

104—603 294 

bis 296 
301 

318—861 
387—393 
444 f. 



20—30 
38—40 
66—68 81 
166—170 
174—176 
130 
23 
20 
12 

27 60 
25 
26 f. 
25 
26 
26 
22 
25 

31 32 38 61 
66 

26 
66 
25 
196 



562 

605—699 

615—617 

616 

622 

626 

629 f. 

630 

636 

646 654 

685—699 

687 693 ff. 

698 f. 

704 

706 f. 

709 f. 

711—718 

718 

721—745 

722 f. 

722—739 

726 

731 

731—733 



24 

176 

169 

176 

169 

22 40 

176 

25 

139 

169 

168 

123 

166 176 

139 

119 

116 

25 

26 

196 

190 

177 

21 123 187 

32 38 61 

21 



731—737 


177 


731—745/8 


20 


732 


158 


733—735 


21 186 


735 f. 737 


186 


738 f. 


193 


740 


191 


746—761 


25 


747 


123 


750 f. 


25 


751 


139 


752 f. 


166 


757 


26 


764 


23 


765—771 


25 68 


771 


25 


777 f. 779 ff. 


23 


779—798 


121 


784 


123 


797 f. 


119 


814 f. 820 f. 


23 


827—871 


20 


838 f. 


23 


858 f. 


24 







Budi VI. 






Buch VI 


19—24 


1—12 


184 


35 


181 183 




64-66 81 


1—101 


39 


37 


183 




157—160 


9 


138 


38 f. 


184 




161 f. 


9-12 


183 


40 f. 


183 184 




176—197 


13 


182 183 


42—101 


178 184 


Anfang 


58 138 140 


14—33 


53 


45 f. 


183 




143 156 


14—34 34 f. 


183 


54 f. 


183 



202 



Verzeichnis der Aeneisstellen 



56 


138 


236-900 


187 


687 f. 


21 


59 


138 145 


; 237 ff. 


183 


687—694 


186 


66 f. 


38 157 158 


237—259 


190 


694 


185 


67 


32 38 61 149 


247 


181 


695 


21 186 




157 184 


255 


193 


695 f. 


20 185 


69 


181 


256 f. 


190 


697 


185 


69 f. 72—101 


138 


258 


181 


697—702 


194 


72 f. 


146 


258 f. 261 


190 


700—702 


193 


74—76 


178 


264 


115 


703—751 


187 


83 


157 


333—336 


165 194 


736—742 


195 


83—97 


178 180 


337—366 


194 


743 f. 


186 


84 f. 


157 


337—383 


20 


748—751 


195 


84—97 


157 


338 


20 


718—888 


66 


87 


31376162158 


344,47 


138 


752/60-888/9 


187 


89 


32 38 61 62 


347 f. 


23 


754 f. 


195 


93 f. 


37 


348 


24 


759 


179 187 


98—101 


180 


319—354 


23 


760—889 


179 


103—105 


38 159 184 


351—353 


185 


(760) 


160 


106 f. 


190 188 


355 


23 


763—766 


161 


108 


188 


371 


194 


788—807 


162 


109 


159 189 


494—547 


192 


789 f. 


162 161 


(110) 


158 


535 f. 


193 


792 ff. 


79 


115—117 


20 186 


537 


192 


851—853 


79 


116 


21 185 


538 538 bis 


192 


861—887 


78 


117 f. 


182 188 181 


543/4 




862 884 


71 


11 9 ff. 


188 


545 f. 


192 


890 


139 180 


126—131 


191 


564 f. 


182 181 


890—892 


179 181 184 


128 f. 


65 189 


637 


187 




194 


149—152 


194 


638 ff. 


186 


892 


32 38 61 


158 ff. 160 f. 


183 


638—678 


187 


893—900 


187 191 


174 


180 


676 ff. 


195 


894 896 


191 


236 


194 


679—702 


187 194 











Buch VII. 






BuchVII-XII 


60 ff. 70 81 


37 ff. 


7.; 




L88 




82— 87 87 ff. 


87—46 


7 1 7.". 


64—108 


151 




lll L68 L55 


38 


L68 


70 


1S9 




180 


11'. 


107 


B1 l 


89 


Buch . II 


54t :')S_60 


11t. 


74 




l.M 




87—11 1 1 Ifi 


5 1 :.7 


Id.-) LOA 


L08 


189 


1-36 


l'.t 58 71 




in:' 106 


81 


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6t 


24 




loa 


M -99 


\&2 



Verzeichnis der Aeneisstellen 



203 



97 


106 107 


293 f. 


116 


407 


107 


98—101 


161 


293—320 


64 


408 ff. 


106 


102—106 


104 


297 f. 299 bis 


137 


422—125 


99 


107—134 


55 


301 




424 


96 


110 


123 


302 


131 


426 


99 


123 


139 


303 


131 


430 431 


99 


124 


61 148 


310—312 


64 131 


432-434 


100 


126 f. 


J48 


313 f. 


131 


433 


99 


137 


61 148 


314 


103 129 


454 f. 


105 


150 f. 


61 62 32 89 


315 


131 133 


470 


99 


157 


119 


316f. 


108 


483—539 


93 


195 f. 


90 89 102 


317 


96 103 


554/9 


129 131 


195—211 


151 


C23f. 


137 


555 


96 


203 205—211 


89 


324—571 


105 131 


" 57 f. 


123 131 


212 ff. 


102 


333 f. 


113 131 


572—582 


112 


213 


89 151 


334 


129 


577 


103 


228—230 


97 


341—571 


65 


578 f. 


96 103 


239—212 


150 97 


344 f. 


105 


579 


99 


240- 242 


89 


357 


112 


580—585 


109 


241 


138 145 146 


: 357 f. 


105 


583 f. 


103 


242 


62 


357—360 


95 


583—600 


112 


254—258 


102 


359—361 


106 


586—590 


109 


260 f. 


97 


359—372 


112 


594—597 


103 


261 f. 


90 


361 f. 


97 


600 


109 


261 ff. 


151 


365 f. 


99 106 


601—615/7 


109 111 


263—265 


91 


368 


92 


606 


78 


264 


95 


366—372 


102 


611 


HO 


268—273 


94 102 106 


373 f. 


109 


618 f. 


109 lll n 




107 151 


373—405/7 


ill 112 


618—622 


112 


270 


95 


387 f. 


95 


619 


109 


271 f. 


161 


397 


92 


623—640 


111 


285 


94 


398 


92 


641—817 


89 111 


289 


136 


406 f. 

Buch 


112 

VIII. 


797 


62 


b. vin— XU 


60 87—114 


36-39 


148f. 185 


49 


48 149 


Buch VIII 


56—58 


36—65 


139 
151 


52 


26 




148 f. 150 


58 


59 ff. 


57 


1—17 


75 


42—48 


56 


78 


163 


17 


107 


47 f. 


149 22 56 


81—85 


56 


28—45 


56 




160 


95 f. 


102 



204 



Verzeichnis der Aeneisstellen 



130 


149 


522—540 


122 


626—728 


65 


319 ff. 


89 


533—535 


J22 


629 


160 


333 — 335 


116 


540 


95 100 


a — 
6/0 


146 


336 


139 


548—550 


163 


704 


140 146 


340 f. 


152 139 


608—731 


65 


704-706 


76 


369—453 


65 


619—625 


150 


729—731 


150 


477 502 f. 


152 


626—629 


150 139 






511—513 

















Budi IX. 






Bach EX 


66—69 


98-100 


173 167 f. 


176—182 u. 


66 




166—176 




174 


bis 451 




69—76 


163 170 


101 f. 107 


172 f. 


216 


67 


77—122 


138 163 


107—122 


172 


217f. 


25 67 


80 f. 


167 


108 


169 


284 f. 


67 


90—92 


167 


109 


166 170 


286 


25 67 


91f. 


171 


110-112 


170 


287—289 


67 


94—97 


123 167 


116f. 


172 


638—661 


139 


94—103 


173 


133—135 137 


116 


611—943 


140 


96 


147 174 


148 


122 


659 f. 


140 



Buch X. 



Bach X 

1—113/8 

6—10 

11—13 

11—15 

17—62 

26 

31 

31—33 

32 

33—35 

10 

18 

ii 
46 t 



117 ff. 134 f. 

144 f. 

68 97 118 

135 u. ö. 
124 
52 
124 
117 
134 

73 145 
119 135 
L85 
184 186 1 16 

139 128 
105 
lls 

lis i:;.; 
160 



47 50—54 


118 


111-113 


124 116 


50 f. 


43 


113 


135 167 


51 f. 


134 


148-155 


99 


53 — 55 


124 


219—249 


163 


63 ff. 


135 


220—222 


172 


63—95 


118 134 f. 


435/8 


116 


65 f. 


135 121 129 


439 


106 


67 f. 


134 34 139 


606-632 


132 




114 


611 


129 


68—70 


134 


616 


127 


72 f. 


105 


615f. 


1 B8 


79 


95 


616 


106 


BS 


171 


622— 625 


127 188 


85 f. 


IM 


685—617 


188 


96 117 


L18 




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188 


108 


118 


Schluß 




109 f. 


11!) 121 185 







Verzeichnis der Aeneisstellen 



205 



Buch XL 



Buch XI 

35 

72 

73—75 

105 

113f. 

114 

128f. 

215ff. 

217—219 



90 ff. 110 f. 

67 68 

68 

68 

95 100 107 

J00 107 108 

95 

108 

92 

92 



231 

232 f. 

237 ff. 

302—313 

309—313 

316—323 

316—329 

324—326 

324—329 

326 



107 

104 

107 u. ö 

98 

110 

90 97 

94 

104 

97 

164 168 



354—356 

355 

359 

361 

440 f. 

471 f. 

475—485 

479 

785 ff. 794 



94 

104 

92 106 
93 

92 

93 101 
92 

92 
139 



Buch XII. 



Buch XU 

17 
25 f. 

27 f. 
27 ff. 
29 

29—31 
31 

HOf. 

112 

138 

147 149 

168 

176—194 



69 f. 124 ff, 

132 
93 
103 

103 107 
104 
105 
100 
93 95 

(107) 
149 150 
90 
106 
116 
160 
160 



104 



189-194 
190 

192—194 
194 

411—422 554 
580 

580—582 
582 

583 ff. 

584 f. 
612 
613 
676/7 
725—727 
786 f. 
793 



69 90 

149 

93 

149 

122 

108 

101 

95 

108 

108 

93 94 

101 

116 

126 f. 

122 

124 



794 f. 

797 

800 803—806 
807 f. 
808 
819 

819—828 
825 
827 

829—840 
840 
843 ff. 
Schluß 



125 129 126 f. 

135 145 185 

125 

124 

125 

132 

129 132 

69 

70 

70 

69 125 

70 

105 

124 126 f. 77 



Druck von 0. Schulze 4 Co., G. m. b. H., Qräfenhainichen. 



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